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Berichtszeitraum: 1945-65
In den letzten zwanzig Jahren hat die Stadt Frankfurt
im geistigen und musischen Bereich Außerordentliches geleistet,
sei es durch Unterhaltung eigener Einrichtungen oder durch Subventionierung
und Förderung sonstiger Institute, Stiftungen und Vereinigungen.
Der Bericht kann nicht vollständig sein, bemüht sich jedoch,
nichts wirklich Wesentliches und Wichtiges zu vergessen.
Wissenschaft
Schon immer war man sich bewußt, daß
ein allzu straffer Zentralismus wissenschaftlichen Einrichtungen
nicht bekommt, daß das Gewordene und organisch Gewachsene
in seinen alten Formen zu bewahren und zu pflegen ist. So gibt es
eine Reihe von Instituten, die zwar der Universität angeschlossen
sind, nicht aber zu ihr unmittelbar gehören, ferner eine Fülle
weiterer wissenschaftlicher Institutionen, die keinen unmittelbaren
oder mittelbaren Zusammenhang mit der Universität aufweisen,
trotzdem aber noch in ihrem Strahlungsfeld liegen und in gegenseitig
befruchtendem wissenschaftlichem Austausch mit ihr stehen. Da private
Hilfen und Stiftungsvermögen nach den Weltkriegen kaum noch
zur Verfügung stehen, sind die Institute mehr oder weniger
von der öffentlichen Hand und damit vorwiegend von der Stadt
Frankfurt abhängig. Um nur die wichtigsten aufzuzählen,
seien erwähnt:
- Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft,
- Institut für Sozialforschung
,
- Soziographisches Institut,
- Akademie der Arbeit
,
- Freies Deutsches Hochstift,
- Frobenius-Institut,
- Institut für ausländisches und internationales
Wirtschaftsrecht,
- Institut für Fremdenverkehrswissenschaft,
- Orient-Institut,
- Deutsche Bibliothek.
Bildende Kunst
Nach den Zerstörungen des Krieges hat die
Stadt Frankfurt erneut ihre Fähigkeit bewiesen, das gastweise
aufgenommene Fremde mit Leben und Geist zu erfüllen. Den zahlreichen
Malern, Bildhauern, Graphikern und Kunsthandwerkern bietet Frankfurt
eine gesunde Heimstätte. Wo es an privater Kunstförderung
fehlt, greift die Stadt helfend ein. Sie vergibt in weitem Umfang
Aufträge zur bildnerischen Ausgestaltung von städtischen
Gebäuden: Schulen, Gemeinschaftshäuser, Kirchen, Theater,
Schwimmbäder, Krankenhäuser, Kinder- und Altenheime, Friedhöfe,
Verwaltungsgebäude. Ausschreibungen, verbunden mit Zuwendungen
und Auftragshonoraren, bedeuten eine Anregung für die Künstlerschaft
und helfen mit, das Kunstverständnis der Bürger zu vertiefen.
Die Stadt fördert Kunstausstellungen, den Bau von Künstlerwohnungen
und hilft, die ideelle und soziale Stellung der Kunstschaffenden
zu festigen. Bei Verkaufsausstellungen tritt sie als Käufer
und Mäzen auf.
Bis zu zwei Prozent der Bausumme sind bei den städtischen
Kulturbauten künstlerischen Aufträgen vorbehalten. Aus
Bausummen werden hierfür jährlich mehrere hunderttausend
DM aufgewendet.
Gewiß sind, wie es alle künstlerischen
Formen zu jeder Zeit gewesen sind, auch heute so manche Schöpfungen
der modernen Künstler mehr oder weniger heftig umstritten.
Wesentlich aber bleibt, daß die Gemeindeverwaltung, ohne für
oder gegen eine Kunstrichtung Partei zu nehmen, in sich die Verpflichtung
fühlt, eine möglichst freie Auseinandersetzung mit allen
Zeitströmungen auch auf dem Gebiet des kulturellen Schaffens
zu ermöglichen. Sie tut dies in der festen Überzeugung,
daß sich schließlich das wirklich Wertvolle als eine
blühende Leistung behaupten wird. Hervorragende Künstler
aus dem In- und Ausland sind vertreten wie Gerhard Marcks, Hans
Wimmer, Toni Stadler, Bernhard Heiliger, Kurt Lehmann, Hans Mettel,
Hajo Hajek, Marc Chagall, J. Delahaye, Henry Moore, Reg Butler,
Zoltan Kemeny, Giacomo Manzu, Marino Marini, Ossip Zadkine, Joannis
Avromides, Fritz Wotruba.
Dem Frankfurter Kunstverein wurde im historischen
Steinernen Haus und in seinem modernen Anbau eine neue Unterkunft
mit zahlreichen Ausstellungsmöglichkeiten geschaffen.
Die Städelschule, Staatliche Hochschule für
bildende Künste, die von der Stadt Frankfurt finanziell getragen
wird, nahm nach dem Krieg den Unterricht bald wieder auf. Mit den
hinzugekommenen Abteilungen Architektur und Glasmalerei aktualisiert
sie den Bauhaus-Gedanken einer Einheit der Künste am Bau.
Kunstausstellungen
Zahlreiche Ausstellungen haben von 1947 ab die
Frankfurter Bürgerschaft und Gäste unserer Stadt ins Reich
der Kunst geführt. Sie waren Spiegelbild künstlerischen
Vermögens und Ausdruck der geistigen Kräfte unserer Stadt.
Schon im Jahre 1947 wurde mit der Schau Frankfurter Kunst
der Gegenwart" die Stagnation überwunden, unter der die
bildenden Künste in der Mainstadt während einer Reihe
von Jahren gelitten hatten. Aus der Reihe der von der Stadtverwaltung
geförderten Ausstellungen ragen hervor:
- Vierte Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes
(1954),
- Die deutsche Stadt im Bild (1955),
- Mosaiken aus Ravenna (1956),
- Meisterwerke des Musee d'Art Moderne Paris (1956),
- Moderne Kunst aus USA (1957),
- Biennale 57 (Paris) Junge Malerei - junge Bildhauerei
(1957/58),
- Le Corbusier-Ausstellung (1958),
- DA DA Ausstellung (1958),
- Wir alle (The family of man) (1958),
- Beitrag der Russen zur modernen Kunst (1959),
- Lehmbruck-Gedächtnis-Ausstellung (1961),
- Synagoga (1961),
- Das naive Bild der Welt (1961),
- Meisterwerke koreanischer Kunst (1962),
- Edvard-Munch-Ausstellung (1962/63).
Private Kunstgalerien legten eine bemerkenswerte
Aktivität an den Tag. Man kann sagen, daß nahezu die
gesamte deutsche und ein beträchtlicher Teil der ausländischen
Maler-Elite vorgestellt worden sind.
Museen
Die Frankfurter Museen, im Krieg fast total zerstört,
sind soweit wieder erstellt, daß wenigstens ihre wichtigsten
Bestände der Öffentlichkeit zugänglich sind. Das
Goethehaus und Goethe-Museum, das Naturmuseum Senckenberg, das Städelsche
Kunstinstitut und das Liebieghaus präsentieren eindrucksvoll
ihre umfangreichen Sammlungen. Das Museum für Vor- und Frühgeschichte
bezog das wiederaufgebaute Holzhausen-Schlößchen .
Das Historische Museum, das Museum für Kunsthandwerk und das
Museum für Völkerkunde wurden in die Lage versetzt, in
eigenen oder gemieteten Räumen wenigstens Wechselausstellungen
zu veranstalten. Die Pläne für den Ausbau des Historischen
Museums und des Museums für Kunsthandwerk liegen vor.
Denkmäler
und Brunnen
Die alten Wallanlagen haben nach dem letzten Krieg
eine Renaissance erlebt. Denkmäler und Plastiken wurden in
den Rahmen von Licht und Landschaft gestellt. Manches, das den Krieg
überdauerte, wechselte zu einem besseren Platz. Anderes wurde
von Künstlerhand neu geschaffen. Würdige Stätten
fanden das Beethoven-Denkmal, das Heine-Denkmal und der Ring
der Statuen", sämtlich Schöpfungen von Georg Kolbe,
ferner das Goethe-Denkmal von Schwanthaler, das Schiller-Denkmal
von Dielmann, das Lessing-Denkmal von Kaupert, das Schopenhauer-Denkmal
von Schierholz. Der Merkur-Brunnen, dem eine fortschrittliche Bauplanung
seinen früheren Platz in der Großen Bockenheimer Straße
streitig machte, wurde vor das Messe- und Ausstellungsgelände
gestellt, Symbol und Gruß für eine internationale Kaufmannschaft.
Zu den neu aufgestellten Denkmälern gehören das Ebert-Denkmal
von Scheibe, das Mahnmal für die Opfer des Nazi-Terrors von
Wimmer
, die Heuß- und Kennedy-Gedenktafeln
an der Paulskirche und der Marshall-Brunnen von Stadler .
Musik
Aus reicher Tradition schöpft das musikalische
Leben der Stadt. Stets gab das Bürgertum den musikalischen
Gruppen das Gepräge. Die Frankfurter Museumsgesellschaft, der
Cäcilienverein, die Frankfurter Singakademie, die Frankfurter
Kunstgemeinde, das Jugend-Symphonie-Orchester, die "Freunde
der Kirchenmusik" und die "Vereinigung zur Förderung
der Kirchenmusik" sind auf laufende städtische Zuschüsse
angewiesen.
Die Stadt stellte der Staatlichen Hochschule für
Musik das ehemalige Rundfunkhaus Eschersheimer Landstraße
33 zur Verfügung. Nach dem Ausbau der Hochschule durch Errichtung
neuer Abteilungen und Ermietung der Liegenschaft Grüneburgweg
9 zählt sie heute einen Jahreszuschuß von 2,5 Mio DM.
Vom Kulturdezernat ging die Initiative aus, die
dem Dr. Hoch'schen Konservatorium die Wiederaufnahme der Tätigkeit
ermöglichte. Der Zuschuß ist heute auf 350000 DM jährlich
angestiegen.
Dom, Leonhardskirche, Liebfrauenkirche, Katharinenkirche
,
Dreikönigskirche und Heiliggeistkirche haben aus städtischen
Mitteln neue Orgelwerke erhalten.
Theater
Schon die ersten improvisierten Aufführungen
in Behelfsräumen neben ausgebrannten Häusern wurden von
dem Frankfurter Publikum mit liebevoller Bereitschaft aufgenommen.
Die Stadtverordneten-Versammlung beschloß, das ehemalige Schauspielhaus
für die Oper und das Klassische Schauspiel wiederaufzubauen
und ein leistungsfähiges Ensemble zu bilden. Mit der Berufung
von Generalintendant Buckwitz, Operndirektor Georg Solti und Schauspieldirektor
Heinrich Koch begann ein neuer Abschnitt blühenden Theaterlebens.
Im Dezember 1963 konnte endlich nach verschiedenen räumlichen
Provisorien die neue Theateranlage für Oper, Schauspiel und
Kammerspiel eingeweiht werden .
Der immer wache Wunsch der Theaterfreunde, die
Pflege der darstellenden Kunst nicht in einem Institut zu monopolisieren,
sondern sie aus einer gesunden künstlerischen Konkurrenz einen
reicheren Spielplan und verstärkte Anregungen gewinnen zu lassen,
ließ schon bald eine Reihe von Privattheatern entstehen; Fritz
Remond gründete 1946 sein Kleines Theater im Zoo,
Helmut Kollek 1950 das Theater am Roßmarkt. Mit
städtischen Mitteln wurden die neuen Theatersäle für
das Kleine Theater im Zoo, Die Komödie
und das Theater am Turm erstellt.
Volksbildung
Alte und neue Freunde des Frankfurter Bundes für
Volksbildung scharten sich 1945 um Else Epstein, und im Oktober
des gleichen Jahres fanden sich die ersten Hörer in ungeheizten
und schlecht beleuchteten Räumen zu Vorträgen ein. Die
Stadt Frankfurt baute das Volksbildungsheim wieder auf und erweiterte
es im Jahre 1963. Hier und in Vortragssälen oder Schulen des
Stadtgebietes finden Vorträge und Kurse statt. Der Bund für
Volksbildung Frankfurt am Main-Höchst, der im Höchster
Volksbildungsheim seine Geschäftsstelle unterhält, betreut
den Höchster Bezirk. Die Stadt Frankfurt ermöglicht durch
hohe Zuwendungen die Volksbildungsarbeit und bezuschußt ferner
das Seminar für Politik, den Evangelischen Volksdienst, die
Katholische Volksarbeit und das Jüdische Gemeindezentrum.

Foto:Meier-Ude
Der Ausleihraum des Volksbildungsheims am Eschenheimer
Tor, ca 1954
Berichtszeitraum: 1965-68
Änderungen in der Trägerschaft
Nach dem Übergang der Universität auf
das Land Hessen löste sich die Stadt Frankfurt a.M. von ihren
Finanzierungsverpflichtungen für Frobenius-Institut, Institut
für ausländisches und internationales Wirtschaftsrecht,
Institut für Fremdenverkehrswissenschaft, Orient-Institut und
Soziographisches Institut. Ferner schied die Stadt Frankfurt a.M.
aus der finanziellen Mitträgerschaft an der Deutschen Bibliothek
aus. Nach dem HfM-Finanzierungsvertrag 1966 übernahm das Land
Hessen die Staatliche Hochschule für Musik und darstellende
Kunst. Die Gespräche mit dem Lande Hessen zur Übernahme
der Städelschule, Staatliche Hochschule für Bildende Künste,
und des Instituts für Sozialforschung werden fortgesetzt. Das
Museum für Völkerkunde wurde gegenüber dem Frobenius-Institut
selbständig. Durch vertragliche Abmachungen ist sichergestellt,
daß die ethnographische Bibliothek und die Gesamtheit der
wissenschaftlichen Bild- und Literaturarchive als harmonische Einheit
erhalten bleiben. Obgleich etwa zur Hälfte Eigentum der Stadt,
stehen sie ungeteilt dem Frobenius-Institut für seine Forschungen
zur Verfügung. Das Frobenius-Institut wird in Zukunft die gleiche
bedeutende Rolle in der Erforschung der Kulturgeschichte Afrikas
spielen wie in den vergangenen Jahren. Es besteht sogar begründete
Hoffnung für eine Intensivierung seiner Tätigkeit, da
der Deutsche Wissenschaftsrat das Frobenius-Institut als Schwerpunkt
für afrikanische Studien innerhalb der Bundesrepublik Deutschland
empfohlen hat.
Wiederaufbau
und Umbau
Durch den Umbau und die neue Ausstellungstechnik
wurde das Naturmuseum Senckenberg zu einem der modernsten Naturmuseen
der Welt. Die finanzielle Hilfe der Stadt Frankfurt zur Erneuerung
und Erweiterung des Museums betrug 800000,- DM. Das Museum wurde
zum 150jährigen Jubiläum der Senckenbergischen Naturforschenden
Gesellschaft am 27.10.1967 wiedereröffnet.
Für den Wiederaufbau der Gebäude und
die Herrichtung der Ausstellungsräume des Städelschen
Kunstinstituts leistete die Stadt Zuschüsse in Höhe von
insgesamt 2,5 Mio DM. Die Wiedereröffnung fand anläßlich
des 150jährigen Jubiläums am 2.12.1966 statt.
Eine Ausstellung Theodor Heuss - Der Mann
- Das Werk - Die Zeit wurde in der Zeit vom 22.4. bis 28.5.1968
in der Wandelhalle der Paulskirche vom Land Hessen und der Stadt
Frankfurt a.M. gemeinsam veranstaltet. Sie hatte rund 13500 Besucher
aus dem In- und Ausland, u.a. zählte der Präsident des
österreichischen Parlaments Maleta zu den Besuchern.
Denkmäler
und Brunnen
- Neben dem Wiederaufbau der historischen Hauptwache
am Schnittpunkt der U-Bahn-Strecken und der neuen Innenraum-Gestaltung
der Paulskirche (die Kosten für den 1. Bauabschnitt betrugen
575000,- DM) sind zu erwähnen u.a.:
- Die Wiederaufstellung des Tugendbrunnens auf
dem Platz vor dem Hauptgebäude der Stadtsparkasse an der
Hasengasse
.
Die Kosten übernahm die Stadtsparkasse. Der Brunnen stand
früher unter der Bezeichnung Heiliggeistbrunnen
in der Saalgasse.
- Die Nachbildung und Wiederaufstellung der zerstörten
historischen Madonna an der Südwestecke des Steinernen Hauses
(28000,- DM).
- Die Nachbildung und Wiederaufstellung des "Brickegickel
",
des historischen Wahrzeichens auf der Alten Brücke (20000,-
DM).
- In zehnjähriger Konservierungsarbeit wurden
Jörg Ratgebs Fresken im Kreuzgang und Refektorium des Frankfurter
Karmeliterklosters
wieder hergerichtet. Diesseits der Alpen gibt es vor dem Barock
keine Wandmalerei, die mit diesem gewaltigen Zyklus an Umfang
und künstlerischer Bedeutung verglichen werden könnte.
Veranstaltungen
Direkt oder indirekt leistete die Stadt Zuschüsse
für folgende Veranstaltungen:
- Woche des asiatischen Films, wiederkehrend
veranstaltet vom Frankfurter Bund für Volksbildung,
- Deutsches Jazz-Festival (29.4. bis
1.5.1966),
- Frankfurter Telemann-Feiern 1967
zum 200. Todestag von Georg Philipp Telemann,
- Experimenta, jährlich wiederkehrende
Woche des internationalen avantgardistischen Theaters im Schauspiel
und Kammerspiel mit internationaler Beteiligung und Uraufführungen,
veranstaltet von der Deutschen Akademie der darstellenden Künste,
- Internationales Autorentreffen in Frankfurt
a.M., wiederkehrend veranstaltet vom Forum der Literatur.
Auf diesem Dichtertreffen wird der vom Forum geschaffene Literaturpreis
an einen jungen Dichter verliehen. Neben dem Goethepreis der Stadt
Frankfurt a.M. und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
kommt er als dritter Preis in Frankfurt a.M. zur Verleihung.
- Das Forum für Literatur veranstaltet ferner
Literarische Messen der Avantgarde. Sie dokumentieren aktuelle
literarische, künstlerische und politische Tendenzen der
Gegenwart, zeigen Zeitschriften des Experiments und der Kritik,
progressive, literarisch relevante Einmann-Verlage, Handpressen-Drucke,
Druckschriften in kleiner und kleinster Auflage, Flugblätter,
Manifeste aus Europa und Übersee.
Berichtszeitraum: 1969-72
In den Jahren 1969-1972 wurden alle nur denkbaren
Möglichkeiten zur Aktivierung des kulturellen Lebens einer
Bedarfsanalyse unterworfen und auf ihre Realisierbarkeit geprüft.
Umorganisation des Amtes für Wissenschaft,
Kunst und Volksbildung
Die neue Konzeption des Amtes ab Ende 1970 sah
eine schwerpunktmäßige Verlagerung seiner Aufgaben von
bisher überwiegend administrativen Funktionen auf kulturpolitische
Zielsetzungen vor. Diese Veränderung der Grundfunktion des
Amtes bedingte die Konzipierung und Realisierung einer neuen Organisationsstruktur.
Sie gliedert das Amt in die drei Abteilungen Verwaltung, Kulturpflege
sowie Öffentlichkeitsarbeit und Werbung. Der Verwaltungsabteilung
sind die Sachgebiete allgemeine Verwaltung und Registratur mit dem
zentral gelenkten Schreibdienst, Investitionsplanung, Personalstelle,
Haushalt und Rechnungswesen sowie Kommunales Kino zugeordnet. Die
Abteilung Kulturpflege gliedert sich in die Sachgebiete Kunstpädagogik,
Subventionsplanung, Kontaktstelle zu den Institutionen, die sich
der Kulturpflege widmen, sowie Musikberatung. Zwei Stellenbereiche
der Kulturpflege-Abteilung wurden als sachlich unabweisbar anerkannt,
sie konnten aber durch die im Jahre 1971 erforderlich gewordenen
finanziellen Beschränkungen der Stadt nicht zur Besetzung freigegeben
werden. Damit ist die Aktionsfähigkeit des Amtes bis auf weiteres
nicht voll entfaltbar. Auch im Amt für Wissenschaft, Kunst
und Volksbildung sind moderne Führungs- und Arbeitsmethoden
eingeführt worden. Gerade im Kulturdezernat bestand das Bedürfnis,
die fachkundigen leitenden Mitarbeiter zur Unterstützung des
Dezernenten in einem Arbeitsstab zusammenzufassen, der nach festen
Regeln beratend und informierend tätig ist und auf diese Weise
Entscheidungshilfen für den Dezernenten liefert.
Kollegiale Leitung der Städtischen Bühnen
Die sich 1970 krisenhaft zuspitzenden Verhältnisse
am Frankfurter Theater haben den Kulturdezernenten zu raschem Handeln
herausgefordert. In der Überzeugung, daß die Verantwortung
für einen derart differenzierten Mammutbetrieb nur von mehreren
Fachleuten gemeinsam getragen werden könne, wurde die Position
des Generalintendanten aufgehoben, wurden Musiktheater und Schauspiel
getrennt und kollegiale künstlerische Leitungen eingesetzt.
Um eine Demokratisierung jedoch nicht nur in den Führungsspitzen
zu veranlassen, sondern um hierarchische Strukturen erst recht im
Mittelbereich einzuebnen, sollen nach dem sogenannten Frankfurter
Modell Produktionsgruppen gebildet werden. Im übrigen wurde
erstmals an einem deutschen Theater ein künstlerischer Beirat
gebildet und eine Mitbestimmungsvereinbarung geschlossen, die im
Leitungsgremium des Schauspiels die Drittelparität vorsieht.
Museen
Die städtischen und nichtstädtischen
Museumsdirektoren haben sich 1971 zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen.
Ebenfalls konstituiert hat sich ein Arbeitskreis Schule und
Museum". In den Berichtszeitraum fällt der Neubau des
Historischen Museums, der im Oktober 1972 teileröffnet wurde
(Bausumme 20,3 Millionen DM). Anfang 1971 zog das Museum für
Völkerkunde in die Liegenschaft Schaumainkai 29. Das Ausstellungskonzept
ist inzwischen erarbeitet. Die Eröffnung des Museums ist noch
für 1972 vorgesehen. Das Städel als ein Kunstmuseum von
Weltrang ist eine Stiftung, in deren Administration die Stadt nicht
vertreten ist. Um dennoch eine möglichst enge Zusammenarbeit
mit der Stadt zu sichern, wurde ein Städel-Kuratorium gebildet,
in dem die Stadt 2 von 5 Stimmen besitzt. Da in der Satzung ausdrücklich
festgelegt wurde, daß auf Antrag entweder des Kuratoriums
oder der Administration beide Gremien gemeinsam tagen, ist schon
rein organisatorisch eine stärkere Bindung gesichert.
Förderung der Kunst und der Künstler
Erstmals seit Existenz des Frankfurter Kunstvereins
gibt es seit dem 1.1.1971 einen Vertrag mit dem Amt für Wissenschaft,
Kunst und Volksbildung, der jährlich DM 200 000,- an Sach-
und Personalkosten für die Verwirklichung eines modernen Ausstellungs-Programms
garantiert. Die neue Satzung des Kunstvereins regelt, daß
die Stadt drei Vertreter in den Vorstand des Vereins entsenden kann.
Wie auch in den Vorjahren hat sich das Amt für Wissenschaft,
Kunst und Volksbildung die Förderung der mehr als 700 Frankfurter
Bildenden Künstler besonders angelegen sein lassen. Nicht unwesentlich
hat das Amt am Zustandekommen des ersten bundesdeutschen Künstler-Kongresses
1971 in Frankfurt mitgewirkt. Zahlreiche Ausstellungen wurden gefördert.
Vor allem konnte neben dem traditionellen Weihnachtsmarkt Frankfurter
Künstler 1971 erstmals auch eine nicht verbandgebundene Jahresausstellung
der Frankfurter Bildenden Künstler im Steinernen Haus veranstaltet
werden, die für die Zukunft eine regelmäßige Einrichtung
bleiben soll. Mit Hilfe des Amtes führten die Frankfurter Künstler
den Kunstmarkt in der U-Bahn-Ebene des Eschenheimer Turms ein, der
an jedem ersten Samstag im Monat stattfindet und reges Interesse
gefunden hat. Die Kontakte zu den Künstlern und Künstler-Vereinigungen
wurden intensiviert. So entwickelte sich u.a. bereits eine sehr
enge Zusammenarbeit mit der Gruppe Artmeeting, die seit 2 Jahren
regelmäßig Aktionen verschiedenster Art durchführt
und damit das Verständnis der Bürger für die Künstler
und die Kunst fördert und darüber hinaus deren aktive
Teilhabe daran erreichen möchte.
Brunnenprogramm und Denkmalpflege
Im Jahre 1971 wurde der Frankfurter Brunnenplan
aufgestellt, um die zahlreichen, teilweise kunsthistorisch sehr
wertvollen Brunnen wieder instandzusetzen. Gemeinsam mit dem Dezernat
Planung und Bau hat das Amt für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung
inzwischen für 12 Brunnen die Kosten der Wiederherstellung
und Inbetriebnahme ermittelt und zunächst 7 Objekte für
die erste Auswahl vorgeschlagen. Inzwischen wurden in Erweiterung
des Programmes für 6 zusätzliche Anlagen die vorbereitenden
Arbeiten eingeleitet. Auf dem Gebiet der Denkmalpflege wurde mit
einem Zuschuß der Stadt das Portal des Deutschordenshauses
in Sachsenhausen restauriert. Die Erneuerung von Hausfassaden auf
dem Höchster Schloßplatz war der Auftakt zu dem Programm
Stadtbildpflege typischer Häusergruppen, bei dem besonders
die hessischen Fachwerkhäuser in den Vororten historisch getreu
wiederhergestellt werden sollen. Die Neueinrichtung der Stelle eines
Denkmalpflegers der Stadt Frankfurt wird hier noch im Jahre 1972
eine intensivere Arbeit möglich machen. Das Amt für Wissenschaft,
Kunst und Volksbildung wird durch einen Delegierten in der Denkmalpflegekommission
ein Mitspracherecht haben.
Kommunales Kino
Seit dem 1. Dezember 1971 gibt es in Frankfurt
das erste Kommunale Kino der Bundesrepublik. Es hat seine derzeitige
Spielstätte im Theater am Turm mit einer durchschnittlichen
Besucherfrequenz von 250. Nach Fertigstellung des Historischen Museums
wird es seine regelmäßigen Programme in dem dortigen
Filmsaal laufen lassen. Der Theatersaal des TAT wird für besondere
Veranstaltungen des Kommunalen Kinos weiterhin benutzt.
Dom-Römerberg-Bereich und Alte Oper
Die wohl am meisten zukunftsweisende Entscheidung,
die im Jahre 1971 im kulturellen Bereich gefallen ist, war diejenige
über die Bebauung des Dom-Römerberg- Bereichs. Das zielstrebige
und homogene kulturpolitische Konzept sieht, in einer architektonischen
Einheit integriert, dort folgende Einrichtungen vor: den Neubau
der Stadtbücherei, den Neubau für einen Teilbereich der
Volkshochschule, oder, alternativ für ein Jugendzentrum, das
Verwaltungsseminar, dessen Räume ab der Mittagszeit von der
Volkshochschule genutzt werden könnten, sowie ein audiovisuelles
Kommunikationszentrum. Zwecks Entwicklung eines Funktionsprogrammes
für die wiederaufzubauende Alte Oper hat sich 1971 ein paritätischer
Ausschuß aus Vertretern der Aktionsgemeinschaft und der Stadt
gebildet. Ziel der Planung ist, die Alte Oper in Zukunft nicht ausschließlich
als Konzertraum zu führen, sondern sie zu einer Stätte
auszubauen, die den unterschiedlichsten kulturellen Funktionen dienen
kann und sich damit allen Bevölkerungskreisen öffnet.
Ausstellungen, Veranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit
und Werbung, Preisverleihungen
In der Berichtszeit hat das Amt zahlreiche Ausstellungen
und Veranstaltungen selbst durchgeführt oder gefördert.
Von den wichtigsten Ereignissen dieser Art seien folgende herausgegriffen:
- Die dezernatszentrale Ausstellung Frankfurts
Museen - eine offene Welt" in den Römerhallen;
- Die Masereel-Ausstellung in der Paulskirche;
- Die Masada-Ausstellung, ebenfalls in der Paulskirche;
- Die internationale Filmkritiker-Tagung FIPRESCI;
- Die Veranstaltungen des Figurentheaters der
Nationen;
- Die Städtebau-Ausstellung PROFITOPOLIS
in den Römerhallen;
- Die Ausstellung Kunst in der Revolution"
im Steinernen Haus;
- Die Beckmann-Ausstellung im Städel im Zusammenhang
mit der Synagoge-Spendenaktion;
- Etwa 130 Rahmenveranstaltungen rund um die Frankfurter
Buchmesse 1971, die in konzentrierterer Form auch die diesjährige
Buchmesse begleiten werden;
- Die zu den wichtigsten Theaterveranstaltungen
der Bundesrepublik zählende EXPERIMENTA";
- Durchführung eines deutsch-ungarischen
Freundschaftskonzertes 1971 in Frankfurt im Rahmen der Auslandskulturarbeit
des Amtes;
- Ende 1972 findet in Budapest ein Austauschkonzert
eines Frankfurter Orchesters statt;
- Das internationale Jazzfestival;
- Mehrere Filmwochen im Kommunalen Kino;
- Aktive Förderung des 1. Deutschen Künstlerkongresses
sowie des Kongresses der Theater-Werkkreise.
In der Berichtszeit hat das Amt seine Werbung wesentlich
verstärkt. Es brachte 1969 einen attraktiven Farbprospekt der
Frankfurter Museen in großer Auflage heraus. Innerhalb eines
Jahres konnten im Stadtgebiet und in den Stadtrandzonen insgesamt
11 Schaukästen, Lichtsäulen und Großvitrinen als
Werbeträger eingerichtet werden. Einige Großplakate wiesen
auf die kulturellen Einrichtungen der Stadt hin. Besonderen Anklang
fand das gemeinsame Theaterplakat, das erstmals 1971 zur Buchmesse
herauskam. Ein weiteres Gemeinschaftsplakat für kulturelle
Veranstaltungen in Frankfurt ist in Vorbereitung, ebenso eine Frankfurter
Kunstzeitschrift, die vierteljährlich über Museen, Kunstverein
und Galerien informieren soll. Ebenfalls in Bearbeitung befindet
sich eine umfangreiche Broschüre Kunst und Kultur in
Frankfurt", die das Amt noch im Herbst dieses Jahres herausbringt.
Das Kulturdezernat hat ferner einen 50-seitigen Rechenschaftsbericht
über neue Aktivitäten herausgegeben. 1969 wurde die Otto-Hahn-Stiftung
der Stadt Frankfurt am Main ins Leben gerufen und 1970 erstmals
der Otto- Hahn-Preis an Professor Dr. Karl zum Winkel, Berlin, verliehen.
Die zweite Preisverleihung 1972 ging an Professor Dr. Rudolf Schulten,
Jülich. Den alle drei Jahre zu verleihenden Goethepreis der
Stadt Frankfurt erhielt 1971 der seinerzeit in Budapest lebende
und inzwischen verstorbene Philosoph Professor Georg Lukacs.
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