|
Berichtszeitraum: 1945-65
Frankfurt am Main besaß - bis zu den Jahren
der Zerstörung während des 2. Weltkrieges - drei öffentliche
wissenschaftliche Bibliotheken, die in der "Gesamtverwaltung
der Frankfurter Wissenschaftlichen Bibliotheken" verwaltungsmäßig
zusammengefaßt waren. Es waren dies folgende Institute:
- Die Stadtbibliothek; hervorgegangen aus der
Frankfurter Ratsbibliothek 1668 mit den Sammelgebieten: Geisteswissenschaften
(ohne neuere Philologie, Kunstwissenschaft, Musik), Rechtswissenschaft
sowie Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Angegliedert war
die auf dem Gelände der Universitätskliniken gelegene
Medizinische Hauptbibliothek.
- Die Bibliothek für Kunst und Technik mit
den Sammelgebieten: Kunstwissenschaft, Technik und Patentschriften-Sammlung.
Sie war Stiftungsbibliothek des Mitteldeutschen Kunstgewerbevereins
und wurde 1921 von der Stadt übernommen.
- Die Rothschild-Bibliothek (nach 1933 umbenannt
in Bibliothek für neuere Sprachen und Musik) ursprünglich
Stiftungsbibliothek der Frh. Carl von Rothschild'schen Familie,
wurde 1928 von der Stadt Frankfurt am Main als öffentliche
Wissenschaftliche Bibliothek in Obhut genommen. Ihre Sammelgebiete
waren: Neuere Philologie, Musik- und Theaterwissenschaft. Angeschlossen
war das ebenfalls aus privaten Mitteln entstandene F.N.Manskopfsche
Museum für Musik- und Theatergeschichte. Durch das Amt des
Generaldirektors mit der "Gesamtverwaltung" verbunden
war die Senckenbergische Bibliothek, wissenschaftliche Bibliothek
für Naturwissenschaften und Medizin.
Die genannten Bibliotheken in ihrer fachlichen
und räumlichen Aufgliederung bzw. Trennung dienten dem wissenschaftlichen
Leben in Frankfurt am Main und seit 1914 - dem Gründungsjahr
der Universität - dieser gleichzeitig als Universitätsbibliothek.
Der Ausbruch des ersten Weltkrieges verhinderte den geplanten Bau
einer Gesamt-Universitätsbibliothek auf dem neben dem Universitätsgebäude
bereitgestellten Grundstück.
Krieg - Zerstörung - Verluste
Im zweiten Weltkrieg erlitten in den Jahren 1943
bis 1944 die wissenschaftlichen Bibliotheken große Verluste.
Die Stadtbibliothek verlor bei drei Fliegerangriffen vom Dezember
1943 bis März 1944 das Gebäude Schöne Aussicht 2,
und von ihrem Bestand mit rund 730000 Bänden 550000 Bände,
außerdem rund 450000 Dissertationen. Die Medizinische Hauptbibliothek
verlor ebenfalls ihre Räume, dazu rund 45000 Bände Monographien
und Zeitschriften von einem ursprünglichen Bestand von 55000
Bänden. Die Bibliothek für Kunst und Technik wurde - Gebäude
wie Bücher - ebenso ein Raub der Flammen. Von rund 92000 Bänden
gingen 70000 Bände verloren, dazu 750000 Patentschriften, 360000
Blätter Vorlagen-Sammlung und 6000 Plakate. Die Rothschildbibliothek
hatte keinen wesentlichen Schaden an Büchern erlitten. Die
Gebäude (Untermainkai 14 und 15) wurden teilweise zerstört.
Als Bilanz der Kriegszerstörung ergeben sich für die geretteten
Bestände der städtischen wissenschaftlichen Bibliotheken
folgende Zahlen:
- Stadtbibliothek (einschließlich Med. HB):
250000 Bände
- Bibliothek für Kunst und Technik: 20000
Bände
- Rothschild-Bibliothek: 132000 Bände
Auslagerung
Um einer totalen Vernichtung der restlichen wissenschaftlichen
Bücher vorzubeugen, wurde ab Herbst 1943 mit der Auslagerung
nach Mitwitz (Oberfranken) begonnen. Dorthin kamen bis zum Kriegsende
nicht nur Bibliotheksbestände aller Frankfurter wissenschaftlichen
Bibliotheken, sondern auch wichtiges Material anderer städtischer
Ämter und Dienststellen.
Das abgeordnete Personal der Bibliothek war für
die ordnungsgemäße Unterbringung und Verwaltung des gesamten
Auslagerungsgutes verantwortlich und hat nach Beendigung des Krieges
und der ersten Nachkriegswirren 1946 in 91 Transporten (Eisenbahnwaggons
und amerikanischen Lastkraftwagen) das Auslagerungsgut wieder nach
Frankfurt zurückgebracht.
Wiederbeginn 1947 bis 1949
Die geretteten Restbestände von rund 400000
Bänden bildeten den Grundstock der unter der Bezeichnung "Stadt-
und Universitätsbibliothek" aufzubauenden neuen Frankfurter
wissenschaftlichen Bibliothek. Sie wurden in zwei im Rohbau steckengebliebenen
Hochbunkern untergebracht. Die Bibliotheksverwaltung richtete sich
in den Trümmern der Häuser Untermainkai 14 und 15 (Rothschild-Haus
und Manskopf-Haus) ein.
Sichten, Ordnen und Aufstellen in den Bunkern sowie
die Weiterführung der am Auslagerungsort begonnenen Kataloge
waren die Hauptarbeiten der Nachkriegszeit. Die Aufnahme einer bescheidenen
Ausleihe an Bürger unserer Stadt und an Angehörige der
Universität war nicht vor 1949/50 - nach dem sich über
Jahre hinschleppenden Aufbau der Häuser Untermainkai 14 und
15 möglich. Besonders von Seiten der Universität wurde
der Verlust der Bücher, die in jeder Weise mangelhafte Versorgung
mit der notwendigsten wissenschaftlichen Literatur, das Fehlen der
wichtigsten Zeitschriften und der Mangel an ausländischer Forschungsliteratur,
dazu die Entfernung von der Universität ständig beklagt
und in immer neuen Eingaben an die zuständigen Stellen der
Stadt um Abhilfe gebeten.
Aufbau 1950 bis 1958
Die Klagen blieben nicht ungehört. Die Stadtverwaltung
war sich - bei aller finanziellen Belastung - bewußt, daß
sie die wissenschaftliche Bibliothek ihrer Stadt nicht mit einem
Etat für Buchanschaffungen von DM 20000,- bis DM 30000,- im
Jahr belassen konnte. Sie war sich dessen um so mehr bewußt,
als die Stadt- und Universitätsbibliothek bereits mit überregionalen
Aufgaben betraut wurde und damit ihre ursprüngliche und zukünftige
Bedeutung im hessischen Raum wieder sichtbar wurde. Die Deutsche
Forschungsgemeinschaft, die sich besonders die Beschaffung ausländischer
wissenschaftlicher Literatur für die deutschen Bibliotheken
angelegen sein ließ und hierfür ein nach Sachgebieten
aufgeteiltes Sondersammelgebiet-Programm entwickelte, übertrug
der Stadt- und Universitätsbibliothek 1950 bereits mehrere
Sondersammelgebiete. Damit war die Verbindung zur ausländischen
Forschung wieder aufgenommen.
Eine weitere überregionale Aufgabe erwuchs
durch die seitens des Landes Hessen erfolgte Anerkennung der seit
1947 eingerichteten Bibliotheksschule als Ausbildungsstätte
für den gehobenen Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken
in Hessen. Der Aufbau des Hessischen Zentralkatalogs mit inzwischen
4,3 Millionen Zetteln ist in diesem Zusammenhang ebenfalls zu nennen.
Neben diesen neuen Aufgaben durfte die eigentliche Aufbauarbeit:
Wiederbeschaffung der wichtigen, für die Forschung noch gültigen
Literatur, Ankauf der Neuerscheinungen und Erstellung der für
die Benutzung notwendigen Kataloge (Alphabetische- und Sachkataloge)
nicht zu kurz kommen. Zusätzliche Mittel für die Erwerbung,
Vermehrung des Personals zur Durchführung der gestellten Aufgaben
und zur Abwicklung einer sich ständig vergrößernden
Ausleihe kennzeichnen den zweiten Aufbauabschnitt.
Vom alten zum neuen Gebäude 1958-1965:
So positiv der langsame, aber sichtbare Aufstieg
der Bibliothek zu bewerten war, so negativ blieben die räumlichen
Verhältnisse. Die Unterbringung der Bücher in den nur
notdürftig hergerichteten lichtlosen Bunkern (keine Aufzüge
für Büchertransport durch 5 Stockwerke, teilweise unheizbar
und von einer auf die Länge der Jahre nicht aufzuhaltenden
Verschmutzung) stellten an die Mitarbeiter einmalige physische und
psychische Anforderungen. Die Bewältigung eines Bücherumsatzes
von 300000 Bänden 1961 unter diesen primitiven Verhältnissen
ließ die zuständigen Stellen erkennen, daß der
seit Jahrzehnten geplante Neubau nicht mehr länger hinausgezögert
werden dürfe. Der Magistratsbeschluß vom 18.12.1961 und
der Beschluß der Stadtverordneten-Versammlung vom 18.1.1962
gaben endgültig die rechtliche Grundlage für den Beginn
des Neubaus, nachdem die Finanzierung des Gesamtprojektes von rund
25 Mill.DM Baukosten und 7,4 Millionen Grundstückskosten durch
Vereinbarungen mit dem Land Hessen (Zuschuß 5 Millionen) und
dem Bund (Zuschuß 13,3 Millionen) sichergestellt war. Nach
zweieinhalbjähriger Bauzeit (19.2.1962 -Herbst 1964) konnte
die Bibliothek nach den Plänen des Architekten, Baudirektor
F.Kramer, die in engster Zusammenarbeit mit dem Bibliotheksdirektor
angefertigt waren, im September 1964 bezogen werden. Der Umzug begann
Ende September und wurde im Januar 1965 beendet. Die offizielle
Eröffnung des neuen Gebäudes fand am 29.4.1965 statt.
Ein 50jähriges Provisorium in der Geschichte der Frankfurter
wissenschaftlichen Bibliotheken seit Gründung der Universität
war damit zu Ende gegangen.
Berichtszeitraum: 1965-68
Die Bibliothek hat im Jahre 1965 ihre Tätigkeit
in dem neuen Gebäude, Bockenheimer Landstraße 134-138
(Bild), in vollem Umfange aufgenommen.
Sie konnte seither den zahlreichen Benutzern -
den Bürgern der Stadt und den Bewohnern des engeren Untermaingebietes,
den Angehörigen der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität
und anderer wissenschaftlicher und kultureller Einrichtungen - unentbehrliche
Hilfe angedeihen lassen.
Das System der bibliothekarischen Dienste
Die zweckmäßige, übersichtliche
Gliederung des Gebäudes und die technischen Einrichtungen des
neuen Hauses haben wesentlich zu einem wohlabgestimmten und reibungslos
funktionierenden System von bibliothekarischen Diensten beigetragen:
Nach Eintritt in die große Eingangshalle
steht der Besucher sogleich einer übersichtlichen Orientierungstafel
gegenüber. Erste Auskünfte kann er bei der Informationsstelle
einholen. Ohne irgendwelche Formalitäten erledigen zu müssen,
besteht für ihn die Möglichkeit, den Gesamtnachweis der
vorhandenen Bücher nach einzelnen Titeln (z.Zt. 1,2 Mio Katalogkarten)
auf ein gesuchtes Werk durchzusehen und dieses in der Ausleihe in
der gleichen Halle zu bestellen und abzuholen. Studenten und andere
an zusammenfassenden Fachbüchern interessierte Benutzer finden
in einer Lehrbuchsammlung als Freihandbibliothek oft verlangte Werke.
Auch zu den Bibliographien, den allgemeinen Nachschlagewerken sowie
allen Lesesälen ist für jedermann freier Zugang möglich;
eine bibliothekarische Fachkraft steht darüber hinaus für
persönliche oder telefonische Auskünfte zur Verfügung.
Wer sich über ein Sachgebiet, ein bestimmtes Thema, eine politische,
historische oder literarische Persönlichkeit zu orientieren
wünscht, mag die Sachkataloge, die in gleicher Weise jedem
Bürger frei zugänglich sind, befragen. In drei großen,
wöchentlich 65 Stunden geöffneten Lesesaalbereichen (für
die Geisteswissenschaften, die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften
sowie Politik, und die Naturwissenschaften und Medizin) kann der
an ernster wissenschaftlicher Arbeit oder fachlicher Information
Interessierte seinen Studien obliegen. Sie werden noch durch Speziallesesäle
für den Orient und Osteuropa, für Frankfurt und Handschriften,
für Musik- und Theaterwesen sowie Buchwesen und Buchhandel
ergänzt. Alle Lesesäle sind mit sachkundig ausgewählten
Handbibliotheken aus dem Gesamtbücherbestand von mehr als 1
Million Bänden ausgestattet.
Bedingt durch die Lage der Bibliothek in unmittelbarer
Nähe der Universität, die steigende Studentenzahl (rund
16000 im Wintersemester 1967/68), die Inanspruchnahme der bibliothekarischen
Einrichtungen und Informationsstellen durch Behörden, wissenschaftliche
Institute außerhalb der Universität, Redaktionen von
Rundfunk, Fernsehen, Verlagen, Zeitschriften und Tageszeitungen
sowie Industrieunternehmen, ist eine ständig steigende Benutzungsfrequenz
zu verzeichnen (Gesamtbestellungen 1967: 757320).
Auch heute noch sind die Folgen der Kriegsverluste
spürbar; sie konnten über die Jahre wegen oftmals ungenügender
Anschaffungsetats nicht ausgeglichen werden. So mußten im
Jahre 1967 in der Ortsausleihe 219436 oder 40,2% der Bestellungen
unerledigt bleiben.
Moderne technische Einrichtungen
Das neue Bibliotheksgebäude hat sich mit seinen
technischen Einrichtungen voll bewährt. Das Haus ist mit schalldämpfenden
Fenstern versehen und somit gegen den sehr starken Straßenlärm
(verkehrsreiche Lage) abgesichert. Die Innenräume sind voll
klimatisiert; es herrschen selbst an heißen Sommertagen in
den Lesesälen und Arbeitsräumen gute klimatische Bedingungen
für die Arbeitenden. Die Ausstattung mit einem Buchförderband
(16 Stationen) hat sich für die hohen Benutzungsfrequenzen
und die großen Entfernungen als unentbehrlich erwiesen. Über
Förderband und Arbeitsaufzüge werden, da das ausgegebene
Buchmaterial auch zurückbefördert werden muß, jährlich
rund 1,4 Mio Bücher (einschließlich des Bearbeitungsmaterials)
bewegt. Darüber hinaus stehen für Benutzer und Personal
6 Aufzüge zur Verfügung.
Die Rohrpostanlage (34 Stationen) macht es möglich,
den erheblichen Bedarf an Sofortbestellungen der Ausleihe und der
verschiedenen Lesesäle in die Signaturbereiche (aufgegliedert
in 11 Magazingeschosse) abzugeben; die Belieferung erfolgt über
das Förderband.
Im Bereich des Hessischen Zentralkatalogs wurden
15 große Katalogschränke mit einem Fassungsvermögen
von je 240000 Zetteln aufgestellt. Der Katalog ist auf einzelnen
Ebenen untergebracht, die im jeweiligen Schrank elektroautomatisch
gesteuert im Paternosterverfahren bewegt werden. Diese Art der Unterbringung
eines Kataloges eignet sich für ein umfangreiches Nachweisinstrument
auf begrenztem Raum vorzüglich.
Das Haus hat eine Telefonzentrale mit automatischer
Durchwahlmöglichkeit. 6 abgehende, 6 ankommende Postleitungen,
eine Querverbindung zur Rathauszentrale und eine Querverbindung
zur Universität, rund 100 Nebenstellen, davon 50 Hausapparate,
stehen zur Verfügung. Die gute Telefonausstattung schafft in
einer modernen Bibliothek die unbedingt erforderlichen schnellen
Verbindungen im gesamten inneren und äußeren Arbeitsbereich.
Für Kopierwünsche aus dem Publikum hat
die Bibliothek 2 Xeroxgeräte in Betrieb genommen (1967 wurden
219437 Ablichtungen hergestellt).
Im Fotolabor werden neben der Herstellung von Mikrofilmen
und Rückvergrößerungen für Bibliotheksbenutzer
große Reihen wichtiger Zeitungsbestände auf Mikroplanfilm
aufgenommen. Zum Lesen der Mikrofilme und Microcards stehen 7 Lesegeräte
zur Verfügung.
In der Musikabteilung sind Abhörkabinen für
Schallplatten und Tonbänder eingebaut worden.
Sehr bewährt hat sich auch die modern ausgestattete
Buchbinderwerkstatt. Sie bietet die Möglichkeit, kurzfristig
Bestände der Lesesäle binden und wertvolle Bücher
im eigenen Hause restaurieren zu lassen.
Vielbeachtete Ausstellungen
In dem zur Verfügung stehenden großzügigen,
modernen Ausstellungsraum konnten zahlreiche Ausstellungen sehr
gut präsentiert werden. Die Bibliothek hat dadurch auch kulturpolitische
Akzente gesetzt, die mehrmals über Frankfurt a.M. und Hessen
hinaus im ganzen Bundesgebiet Beachtung gefunden haben. U.a. wurden
folgende Ausstellungen gezeigt:
- "Schönste Bücher aus Frankfurter
Verlagen der letzten 10 Jahre"
- "English Literature in the 20th Century"
- "Hindemith-Gedenkausstellung"
- "Nobelpreis-Ausstellung". Nobelpreisträger
1966 und deutsche Nobelpreisträger der Vergangenheit
- "Franz-Kafka-Ausstellung"
- "Handschriften, Drucke, Einband und Illustrierte
Bücher vom 10. bis 18. Jahrhundert"
- "Originalausgaben Französischer Buchkunst
des 20. Jahrhunderts"
- "Die Nachwirkung Schopenhauers"
- "Telemann in Frankfurt 1712-1721"
- "Romain Rolland - Weltbürger zwischen
Frankreich und Deutschland"
- "Ausstellung Bücher-Zeitschriften-Schallplatten-Briefmarken
aus der Sowjetunion"
Von großer Bedeutung für die weitere
Entwicklung als zentrale, wissenschaftliche Bibliothek im Rhein-Main-Gebiet
ist die immer wieder gewährte Unterstützung durch die
Deutsche Forschungsgemeinschaft, die es ihr ermöglicht, die
Bestände durch umfassenden Ankauf ausländischer Literatur
auf einigen Fachgebieten zu ergänzen und die Informationsfähigkeit
durch Katalogisierung von Handschriften und Inkunabeln und Erschließung
neuester Zeitschriften zu verbessern. Auch das Land Hessen hat der
Bibliothek zentrale bibliothekarische Landesaufgaben übertragen
wie die Fortführung des zentralen Katalogs der Bestände
aller wissenschaftlichen Bibliotheken im Lande, die theoretische
Ausbildung der Inspektoranwärter und seit 1967 auch der Bibliotheksreferendare
für die Länder Hessen und Rheinland-Pfalz sowie die Durchführung
des Leihverkehrs mit Hilfe eines Kleinlastwagens, der dreimal wöchentlich
auf der Strecke Frankfurt-Darmstadt-Mainz-Wiesbaden-Gießen-Marburg-Frankfurt
verkehrt.
Berichtszeitraum: 1969-72
Für die Arbeit der Bibliothek in den letzten
Jahren ist das Hessische Universitätsgesetz vom Jahre 1970
von besonderer Bedeutung geworden. Es bestimmt, daß - entsprechend
den Empfehlungen des Deutschen Wissenschaftsrates - der Direktor
der Stadt- und Universitätsbibliothek zugleich Bibliothekar
der Universität ist. Darüber hinaus ist festgelegt, daß
er als Mitglied des Ständigen Ausschusses für das Bibliothekswesen
bei der Neuordnung der bibliothekarischen Einrichtungen der Universität
mitwirkt. Durch dieses Gesetz ist der Bibliothek auferlegt, einen
Gesamtkatalog aller bibliothekarischen Einrichtungen der Universität
aufzubauen. Die Doppelfunktion der Bibliothek als Stadt- und Universitätsbibliothek
hat dazu geführt, daß bei den Arbeiten von Anfang an
die Spezialbibliotheken, die sich in unserer Stadt befinden, mit
ihren umfangreichen Beständen ebenfalls berücksichtigt
worden sind. Nach dreijähriger Arbeit enthält der Katalog
Nachweise von über 1 Mill. Büchern. Ziel des Katalogs
ist, einen Gesamtnachweis aller in Frankfurt vorhandenen Bücherbestände
zu erhalten, damit einmal schon vorhandene Bücher nicht ohne
besonderen Grund nochmals gekauft werden und andere Bücher,
die irgendwo in Frankfurt vorhanden sind, nicht im Leihverkehr bestellt
werden. Es ist beabsichtigt, in diesen Gesamtkatalog auch die Dauerbestände
der Stadtbücherei einzubeziehen. Es läßt sich jetzt
schon absehen, daß etwa 15-20% der bisherigen Bestellungen
im Leihverkehr in Frankfurt in Zukunft erledigt werden können,
also eine wesentliche Verbesserung und Beschleunigung der Literaturversorgung
erreicht wird. Parallel dazu wird seit mehreren Jahren an einem
Gesamtverzeichnis der wissenschaftlichen Zeitschriften gearbeitet,
die sich in den zentralen Bibliotheken, der Stadt- und Universitätsbibliothek
und der Senckenbergischen Bibliothek, und in den zahlreichen Fach-
und Spezialbibliotheken in Frankfurt befinden. Nach Fertigstellung
wird dieses Verzeichnis die Grundlage für die Abstimmung bei
den Abonnements von wissenschaftlichen Zeitschriften abgeben und
zu einer Reduzierung der Verwaltungsarbeiten in den Zeitschriftenstellen
der Bibliotheken führen. Dieses Verzeichnis wird mit Hilfe
der Elektronischen Datenverarbeitung (EDV) hergestellt, nach einem
Verfahren, das der Unterausschuß Bibliothekswesen"
für den Einsatz im hessischen Datenverarbeitungsverbund erarbeitet
hat.
Vor allem aber wirkt sich das Hessische Universitätsgesetz
bei der Zusammenarbeit zwischen der Stadt- und Universitätsbibliothek
und den einzelnen bibliothekarischen Einrichtungen der Universität
aus. Hierbei kommt es darauf an, nach den Beschlüssen des Ständigen
Ausschusses für das Bibliothekswesen und in Zusammenarbeit
mit den einzelnen Fachbereichen, Grundsätze für die Literaturversorgung
und deren Organisation zu erarbeiten. Nach längerer Beratung
ist inzwischen eine Rahmenbenutzungsordnung für die einzelnen
Fachbereichs-, Seminar- und Institutsbibliotheken beschlossen worden,
die festlegt, daß diese Bibliotheken als Präsenzbibliotheken
geführt werden und ihre Bücher und Zeitschriften nur in
ihren Räumen zur Verfügung stellen. Dies schließt
selbstverständlich nicht aus, und das ist ausdrücklich
in der Rahmenbenutzungsordnung festgelegt, daß die Bürger
der Stadt zur Benutzung solcher Institutsbibliotheken usw. zugelassen
werden können. Die Stadt- und Universitätsbibliothek dagegen
bleibt die zentrale Ausleihbibliothek. Es ist somit eine klare Abgrenzung
und Aufgabenverteiiung erreicht worden. Nach Maßgabe der Rahmenbenutzungsordnung
wird es nun notwendig sein, auch zur Abstimmung bei der Literaturbeschaffung
zu kommen. Die wachsende Bedeutung der Bibliothek ist auch aus den
zahlreichen Aufgaben zu ersehen, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft,
die Selbsthilfeorganisation der deutschen Wissenschaft, der Bibliothek
in den letzten Jahren übertragen hat. Nachdem bereits in früheren
Jahren die Sondersammelgebiete Allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaft,
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, Deutsche Sprach-
und Literaturwissenschaft, Volkskunde, Judaica bzw. Wissenschaft
vom Judentum, Theaterwissenschaft, Geographie, Völkerkunde
und Afrika übertragen worden waren, soll sich die Bibliothek
jetzt auch mit Fragen der Dokumentation und der Verbesserung der
Literaturdienste auf verschiedenen Gebieten beschäftigen. Sie
erarbeitet einen Nachweis der Fortschrittsberichte auf dem Gebiet
der Germanistik, fertigt eine laufende Auswertung von Zeitschriftenaufsätzen
an und versorgt Institute und Wissenschaftler mit einem Sonderdienst
von Inhaltsverzeichnissen der wichtigsten linguistischen Zeitschriften
aus der ganzen Welt.
In den letzten Jahren haben Umfang und Inhalt mancher
Sondersammelgebiete entsprechend der Entwicklung der Wissenschaften
eine wesentliche Ausweitung erfahren; die in diesem Zusammenhang
zu erledigenden Arbeiten mußten weiter intensiviert werden.
Alle diese übertragenen Sonderaufgaben werden von der Forschungsgemeinschaft
durch erhebliche laufende Zuwendungen ermöglicht. In der inneren
Verwaltung der Bibliothek sind in den letzten Jahren wesentliche
Verbesserungen erreicht worden: Mit Beginn des Jahres 1971 wurde
die Ausleihe der Lehrbuchsammlung auf ein automatisiertes Verfahren
umgestellt. Die Datenverarbeitung hat das Kommunale Gebietsrechenzentrum
Frankfurt a.M. übernommen. Durch den Einsatz der EDV wurden
die Wartezeiten bei der Buchausleihe wesentlich reduziert, und die
von den Benutzern bisher auszufertigenden Leihscheine entfallen.
Das gleichzeitig automatisierte Mahnwesen führt zur rechtzeitigen
Rückgabe der ausgeliehenen Bücher und dadurch zu einer
Verbesserung der Literaturversorgung. Es ist geplant, zum Jahreswechsel
in der gesamten Ausleihe das EDV-Verfahren einzusetzen. In der Eingangshalle
wurde ein umfassendes Informationszentrum eingerichtet. Die Benutzer
der Bibliothek können sich jetzt an den dort zentral aufgestellten
Fachbibliographien, Nachschlagewerken und Dokumentationsdiensten
informieren. Die Magazine mit den wichtigsten wissenschaftlichen
Zeitschriften wurden für die Benutzer geöffnet. Damit
jeder Benutzer jederzeit jeden beliebigen Zeitschriftenband einsehen
kann, werden diese nicht mehr verliehen; statt dessen kann er in
Selbstbedienung die gewünschten Zeitschriftenaufsätze
kopieren. Der Magistrat hat mit Wirkung vom 26.Juli 1971 eine neue
Benutzungsordnung für die Stadt- und Universitätsbibliothek
beschlossen. Sie entspricht den derzeitigen Benutzungsverhältnissen
und berücksichtigt die durch die Umstellung auf die elektronische
Ausleihverbuchung bedingten Veränderungen. Nach der völligen
Zerstörung im letzten Kriege ist die Bedeutung der Bibliothek
ständig gewachsen und entspricht wieder dem Range, den unsere
Stadt mit ihren vielen wissenschaftlichen Institutionen und Einrichtungen
in der Bundesrepublik einnimmt.
|