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Berichtszeitraum: 1945-65
1945 befanden sich die Städtischen Bühnen
- ohne Ensemble, ohne Haus, ohne Fundus - an einem absoluten Nullpunkt.
Doch ließ der Neubeginn nicht lange auf sich warten. Bereits
im Juli wurde Toni Impekoven, der populäre Komiker, durch amerikanische
Lizenz zum Intendanten ernannt. Er sammelte heimkehrende Schauspieler,
Sänger und Musiker um sich; gemeinsam machte man sich auf die
Suche nach Sälen in der zerstörten Stadt. Zunächst
bot sich der Zirkus Holzmüller in der Ostendstraße an:
dort fand am Vormittag des 27.August als erste Nachkriegsveranstaltung
ein Opernkonzert statt. Am 5.September folgte im ehemaligen Rundfunk-Sendesaal
die erste Schauspielinszenierung: "Ingeborg" von Curt
Goetz, am 29.September im früheren Saal der Getreidebörse
die erste Oper: Puccinis "Tosca". Dieser Börsensaal,
ursprünglich nur als kurzfristiges Provisorium gedacht, diente
den Städtischen Bühnen während der nächsten
achtzehn Jahre als "Kleines Haus". Hinzu kamen 1945/46
noch: der Handwerkersaal in der Braubachstraße, eine Turnhalle
in der Sachsenhäuser Veitstraße ("Kleines Komödienhaus"),
das Little Theatre in der Börse und im Sommer 1946 für
Freilichtaufführungen der Hof des Karmeliterklosters .
Handwerkersaal und Little Theatre wurden 1947 wieder aufgegeben;
in der Komödienhaus-Turnhalle spielten die Städtischen
Bühnen bis zum Jahre 1951, im Karmeliterhof bis zum Sommer
1960.
Gegen Ende des Jahres 1945 trat neben Schauspielintendant
Impekoven der aus Freiburg im Breisgau nach Frankfurt berufene Generalmusikdirektor
Bruno Vondenhoff als Intendant der Oper. Im Mai 1947 starb Toni
Impekoven; sein Nachfolger wurde Richard Weichert.
Die Zeit der Improvisation
Es war eine Zeit der Improvisation, der äußersten
Notbehelfe. Und doch - trotz Armut, Mangel, physischer Erschöpfung
- gelangen unvergeßliche Aufführungen: 1946 hielt ein
Dichter Einzug, dessen Namen man hier vordem kaum gehört hatte:
Thornton Wilder; Fritz Remond inszenierte seine "Kleine Stadt".
1947 folgte Eugene O'Neill - sein "Trauer muß Elektra
tragen" wurde unter der Regie von Karlheinz Stroux zu einem
aufwühlenden Theaterabend. Gleichfalls 1947 meldete sich Carl
Zuckmayer aus der Emigration zurück - Heinz Hilpert, für
kurze Zeit "Chefintendant" der Städtischen Bühnen,
verhalf ihm mit "Des Teufels General" zu einem triumphalen
Empfang. 1948 kam schließlich auch die junge deutsche Dichtung
zu Worte - Richard Weichert präsentierte Wolfgang Borcherts
"Draußen vor der Tür".
Die Oper setzte erste Marksteine 1945/46 mit Beethovens
"Fidelio" und Händels "Otto und Theophano"
unter Bruno Vondenhoff und Walter Jockisch, 1947 mit Hindemiths
"Mathis der Maler" unter Vondenhoff und Hans Strohbach,
1948 mit Honeggers "Johanna auf dem Scheiterhaufen" unter
Vondenhoff und Harro Dicks.
Das Publikum hielt zu seinem Theater, füllte
die kleinen Säle, suchte immer wieder Ablenkung und Klärung.
1946/47, in der ersten "regulären" Nachkriegsspielzeit,
wurden 290000 Menschen in 700 Vorstellungen gezählt, 1947/48
waren es nahezu 300000 in 664 Aufführungen.
Theaterkrise nach der Währungsreform
Mit der Währungsreform vom 21.6.1948 änderte
sich die Situation. Zu groß war in vielen Haushalten der materielle
Nachholbedarf, das Theater mußte vorübergehend zurückstehen.
So sank die Besucherzahl 1948/49 auf 260000, 1949/50 auf 220000,
1950/51 auf 203000. Die Städtischen Bühnen gerieten in
eine bedrohliche Krise, zeitweilig schien ihr Fortbestand ernsthaft
gefährdet. Gegen Ende des Jahres 1948 sah sich die Stadtverwaltung
gezwungen, 150 Mitgliedern des Theaters zum 31.August 1949 vorsorglich
zu kündigen. Strenge Sparmaßnahmen griffen tief in die
künstlerische Arbeit ein. Eine Entlastung schien sich abzuzeichnen,
als die städtischen Körperschaften im Oktober 1949 zwei
Millionen DM für den Wiederaufbau des zerstörten Schauspielhauses
bewilligten. Vier Monate später aber, am 13.Februar 1950, entschied
der Magistrat, die Städtischen Bühnen am 31. August des
gleichen Jahres zu schließen und die Bauarbeiten einzustellen.
"Allem voran", hieß es in der Begründung, "geht
die Sicherung der nackten Existenz unserer Mitbürger, dazu
gehören in erster Linie die Beschaffung von Wohnraum, die Wiederherstellung
von Schulen, Krankenhäusern. Diese Grundlagen bieten erst die
Voraussetzung für die Pflege jedes kulturellen Lebens."
Die Resonanz war zwiespältig. Überall in der Stadt wurden
Einzeichnungslisten aufgelegt: "Gebt Eure Stimme für die
Erhaltung der Städtischen Bühnen"; am 10.März
hatten bereits 50000 Frankfurter Bürger diesen spontanen "Volksentscheid"
unterschrieben. Noch einige Monate hielt die Ungewißheit an,
dann, im Juni 1950, genehmigte die Stadtverordnetenversammlung mit
den Stimmen aller Parteien die Mittel zur Fortführung des Theaters
und der Bauarbeiten.
Vordringlichste Aufgabe war nun die Berufung eines
Generalintendanten, des ersten nach dem Kriege. Die Wahl fiel -
am 11.Dezember 1950 - auf Harry Buckwitz, den Direktor der Münchner
Kammerspiele. Buckwitz begann sogleich mit der künstlerischen
und verwaltungstechnischen Reorganisation des Theaters. Wichtige
Neuengagements erfolgten, nachdem ein Teil der profiliertesten Kräfte
während der vorangegangenen Krisenjahre abgewandert war. An
die Spitze des Schauspiels trat 1951 Lothar Müthel als neuer
Schauspieldirektor, an die Spitze der Oper 1951 Generalmusikdirektor
Georg Solti als neuer Operndirektor.
Eröffnung des "Großen Hauses"

Schauspielhaus, um 1952
Auch der Wiederaufbau des Schauspielhauses - eine
Gemeinschaftsarbeit der Hochbauabteilung unter Oberbaurat Ueter
und des Architekturbüros Apel, denen Professor Linnebach, München,
als Sachverständiger für Bühnenbau zur Seite stand
-, wurde jetzt mit aller Energie betrieben. Am 23.Dezember 1951
war es soweit: Als sich der Vorhang über Richard Wagners "Meistersinger
von Nürnberg" hob, hatte Frankfurt mit dem "Großen
Haus", der heutigen Oper, endlich wieder jenen musischen Kristallisationspunkt,
der starke künstlerische Impulse in das geschäftige Leben
der Stadt aussenden konnte. Zwölf Jahre lang, bis zum Ende
des Börsensaal-Provisoriums, mußte das Haus, obwohl von
vornherein hauptsächlich für die Zwecke der Oper erstellt
und berechnet, auch dem Schauspiel für jeweils drei Inszenierungen
Gastrecht gewahren.
Herausragende Aufführungen der Eröffnungsspielzeit
waren Goethes "Egmont" unter Lothar Müthel und Caspar
Neher, Giraudoux' "Irre von Chaillot" unter Harry Buckwitz
und Wolfgang Znamenacek, Bizets "Carmen" unter Georg Solti,
Werner Jacob und Wolfgang Znamenacek und "Das Verhör des
Lukullus" unter Hermann Scherchen, Werner Jacob und Hainer
Hill mit dieser Inszenierung begann Frankfurts "Kampf um Brecht":
ein unbeirrtes, anfangs heftig umstrittenes, heute allgemein anerkanntes
Eintreten für den großen Dramatiker.
Intendant Buckwitz, Verleger Suhrkamp
und Bertolt Brecht
Um von vornherein einen festen Besucherstamm hinter
sich zu wissen, ließ Buckwitz in der Spielzeit 1951/52 erstmals
nach dem Kriege wieder ein Abonnement auflegen, das sofort erfreulichem
Interesse begegnete. Zusammen mit den Mitgliedern der Volksbühne
und des Rhein-Mainischen Besucherrings bilden die Abonnenten seither
den Rückhalt aller Spielplandispositionen; 50 bis 55 Prozent
der ausgegebenen Theaterkarten entfielen und entfallen auf diese
drei Besuchergruppen.
Nach Schluß der ersten Spielzeit unter seiner
Leitung konnte Harry Buckwitz auch rein zahlenmäßig eine
stolze Bilanz vorweisen: der Besuch hatte sich um über 125
Prozent gehoben - von 203000 auf 460000 Zuschauer. Im folgenden
Jahr kamen bereits 630000 Besucher, damit war die Kapazität
des Großen und des Kleinen Hauses nahezu ausgeschöpft.
Internationaler Aufstieg der Oper
Der weitere Aufstieg der Oper vollzog sich gradlinig
und glanzvoll. Mit den musikalischen Ansprüchen, die Georg
Solti an das vergrößerte Ensemble und Orchester stellte,
wuchsen auch die Ansprüche des Publikums; Solti-Premieren erwiesen
sich als künstlerische Magnete, weit über Frankfurt hinaus.
Ein Repräsentationstheater großen Stils entstand, das
bald zu den führenden Opernbühnen der Bundesrepublik zählte.
Auch das Ausland merkte auf: erst kamen Kritiker aus fremden Theatermetropolen,
dann kamen Einladungen zu Ensemblegastspielen, kamen Triumphe im
internationalen Rahmen. Auf das erste Auslandsgastspiel - beim Maggio
Musicale in Florenz, 1955 - folgten mehrere Fahrten nach Paris,
wo die Frankfurter Oper anläßlich des Festivals "Theatre
des Nations" 1960 und 1962 mit sieben ersten Preisen ausgezeichnet
wurde; weitere Gastspielreisen führten das Ensemble ins Brüsseler
Theatre de la Monnaie, ins Theater des Herodes Attikus, Athen, in
die Sadler's Wells Opera, London, in die Rotterdamse Schouwburg
und ins Grand Theatre de Geneve.
Im Rückblick fällt es schwer, einzelne
Höhepunkte der "Ära Solti" herauszugreifen,
hat Georg Solti während der neun Jahre seines Frankfurter Wirkens,
von 1952 bis 1961, doch selbst nicht weniger als 35 Premieren vorbereitet
und dirigiert, darunter sechs Mozart-Opern, je fünf von Verdi
und Richard Strauß und vier von Richard Wagner. Erinnert sei
hier nur an den aufsehenerregenden "Cardillac" von 1953
(mit Willi Wolff), an "Salome" (mit Inge Borkh, 1953 -
mit Maria Kouba, 1961), und "Elektra" (mit Inge Borkh,
1959), an die "Hochzeit des Figaro" (mit Theo Adam und
Anny Schlemm, 1956), an Gottfried von Einems "Prozeß"
(mit Erich Witte und Erika Schmidt, 1958) und Alban Bergs "Lulu"
(mit Helga Pilarcyk, 1960), an "Parsifal" (mit Ernst Kozub,
1959), an "Fidelio" (mit Christl Goltz, 1959) und an den
"Falstaff" (mit Ernst Gutstein), Soltis Abschiedsvorstellungen
im Sommer 1961. Als Kapellmeister standen ihm vornehmlich Felix
Prohaska und Wolfgang Rennert zur Seite; die repräsentativsten
Inszenierungen stammten von Arno Assmann, Harry Buckwitz, Hans Hartleb,
Leopold Lindtberg und Günther Rennert, die eindrucksvollsten
Bühnenbilder von Josef Fenneker, Dominik Hartmann, Hein Heckroth,
Ita Maximowna, Caspar Neher und Teo Otto. Unter Soltis Nachfolger,
Lovro von Matacic, konnte die Frankfurter Oper ihre führende
Stellung behaupten. Als erste Kapellmeister wurden - neben Wolfgang
Rennert - Hans Löwlein und Alexander Paulmüller verpflichtet,
als weitere Gastregisseure Walter Felsenstein, Bohumil Herlischka,
Otto Schenk und Wieland Wagner. Die allgemeine Aufmerksamkeit konzentriert
sich heute ebensosehr auf das klassische und nachklassische Repertoire,
das stets etwa dreißig Werke - auch besonders anspruchsvolle,
andernorts nur selten gegebene - umfaßt, wie auf die mit erheblichen
Risiken belastete Berücksichtigung des zeitgenössischen
Schaffens; denn zumindest ein modernes Werk wird dem Opernpublikum
in jeder Spielzeit "zugemutet" - Berg und von Einem, Henze
und Wimberger, Dallapiccola und Martin, Strawinsky und Searle sind
ihm längst keine Fremden mehr.
Um der Fluktuation der Spitzenkräfte, die
innerhalb gewisser Grenzen unvermeidlich geworden ist, ohne Aushilfsgäste
begegnen zu können, führte Lovro von Matacic das Prinzip
der Doppelpremieren ein: seit einigen Jahren werden sämtliche
Partien von vornherein mit (mindestens) zwei Ensemblemitgliedern
besetzt; beide Teams haben unter einem Regisseur, aber zwei verschiedenen
Dirigenten gleiche Probezeit und gleiche Probebedingungen. Die Premiere
der B-Besetzung folgt in möglichst kurzem Abstand auf die A-Premiere;
bei späteren Wiederholungen können die Solisten A und
B beliebig alternieren. So steht heute z.B. in Monteverdis "Krönung
der Poppäa" Regina Sarfatiy neben Evelyn Lear und Sona
Cervena neben Anny Schlemm oder in Verdis "Othello" Charles
O'Neill neben Wolfgang Windgassen und Leonardo Wolovsky neben Thomas
Stewart.
Eine Sonderstellung innerhalb der Oper gebührt
dem Ballett, das seit zwölf Jahren - genau: seit der Premiere
von Strawinskys "Petruschka" und Egks "Joan von Zarissa"
am 18. April 1953 - ein- bis zweimal pro Spielzeit mit einem eigenen,
autonomen Programm hervortritt. Beträchtliche Mittel, Phantasie
und Ehrgeiz wurden investiert, um Frankfurt zu einem legitimen Tanztheater
zu verhelfen. Auf die Choreographen Herbert Freund und Walter Gore
folgte im Sommer 1959 Frau Tatjana Gsovsky, die das Frankfurter
Ballett seither schon mehrfach zu absoluter Leistung führte
- in den "Sieben Todsünden" von Brecht und Weill
etwa (mit Lotte Lenya als singender Anna I und Karin von Aroldingen
als tanzender Anna II, 1960), in Henzes "Undine" (mit
Joan Cadzow und Georg Volk, 1962) oder in Orffs "Carmina burana"
(1963).
Das Schauspiel in der Börse
Beschwerlicher war der Weg des Schauspiels, denn
ihm forderte der Börsensaal noch bis zum Herbst 1963 immer
neue Kompromisse ab. Nur ein paar weitausladende Inszenierungen
konnten in dem (jede Intimität ohnehin drosselnden) Großen
Haus gezeigt werden. Hier schlug Harry Buckwitz - nachdem er mit
dem "Guten Menschen von Sezuan" und dem "Kaukasischen
Kreidekreis" in der Börse begonnen hatte - seine Schlachten
für Brecht: mit der Uraufführung der "Gesichte der
Simone Machard" und der Erstaufführung von "Schweyk
im zweiten Weltkrieg", mit "Mutter Courage" und dem
"Leben des Galilei"; hier setzte er sich für Anouilh
("Beckett") und Camus ("Der Belagerungszustand")
wie für Schiller ("Die Räuber") und Büchner
("Dantons Tod") ein. Hier brachte Lothar Müthel seine
großen Klassikerinszenierungen heraus: "Fiesco"
und "Don Carlos", "Wallenstein", "Faust"
und den "Prinzen von Hamburg". Hier führte Heinrich
Koch, der 1956 anstelle des erkrankten Müthel neuer Schauspieldirektor
wurde, die Tradition seines Vorgängers fort: mit "Othello"
und "Coriolan" (in der Bearbeitung Brechts), mit "Maria
Stuart" und "Penthesilea", mit "Hannibal"
und "Herodes und Mariamne", hier brach er zugleich eine
Lanze auch für die Modernen, für Ionescos "Nashörner"
etwa, für Wilders "Alkestiade" und Dürrenmatts
"Besuch der alten Dame". Hier triumphierten Gisela von
Collande, Therese Giehse, Grete Mosheim und Lola Müthel, Arno
Assmann, Hans Ernst Jäger, Hans Korte, Joachim Teege, Klausjürgen
Wussow und Hans Dieter Zeidler.
Bewundernswert bleibt, welche Leistungen das Schauspiel
gleichzeitig, trotz aller Hemmnisse, auch der "Kulturscheune",
der "Breitwandspelunke" des Kleinen Hauses abgewann. Aus
den ersten Jahren der Buckwitz-Ära haften am nachhaltigsten
im Gedächtnis: seine eigene Inszenierung von Millers "Hexenjagd"
und sein "Kiss me, Kate"-Ausflug ins Musical, ferner Anouilhs
"Jeanne" und Strindbergs "Gespenstersonate"
unter Lothar Müthels Regie, Wilders "Wir sind noch einmal
davongekommen", das Paul Verhoeven, und Sartres "Im Räderwerk",
das Erwin Piscator herausbrachte, Shaws "Pygmalion" von
Rudolf Noelte, und Frischs "Graf Oederland", von Fritz
Kortner inszeniert. Mit der Zeit wurden die Verhältnisse immer
drückender, die Arrangements immer verbrauchter, doch setzten
beispielsweise die Buckwitz-Premieren neuer Werke von Frisch und
Dürrenmatt ("Biedermann und die Brandstifter", "Andorra";
"Frank V.", "Die Physiker") und die Koch-Premieren
neuentdeckter Werke von O'Neill und Claudel ("Ein Mond für
die Beladenen", "Der Eismann kommt", "Seltsames
Zwischenspiel"; "Mittagswende") auch in den späteren
Jahren bedeutende Akzente. Ekkehard Grübler und Franz Mertz
schufen die meisten Bühnenbilder; als namhafte Gäste waren
H.W.Lenneweit und Teo Otto beteiligt.
Das II. Programm
Um auch die Industriearbeiter, die sich größtenteils
abseits hielten, an das Theater heranzuführen, rief Harry Buckwitz
sein "II. Programm" ins Leben. Das Startzeichen gab eine
Aufführung von Warrens "Blut auf dem Mond" am 1.November
1956 im Casinosaal der Farbwerke Hoechst. Gastspiele in anderen
Fabrikhallen und Werkskantinen folgten. Das Echo eines ebenso dankbaren
wie aufgeschlossenen Publikums war außerordentlich ermutigend.
In freimütigen Diskussionen verlangten die
Besucher immer wieder nach "schwerer Kost", nach Klassikern
und Problemstücken. "Jetzt haben wir ein neues Gesprächsthema
an der Werkbank", hieß das Resumee. Die allzu beschränkten
Bühnenverhältnisse der Fabriksäle bedingten bald
eine Verlegung der Aufführungsreihe ins Große und Kleine
Haus. Seither bildet das "Theater für die Betriebe",
vorwiegend mit geschlossenen Vorstellungen an Samstagnachmittagen,
einen festen Bestandteil des Frankfurter Repertoires.
Das III. Programm
Auf die Initiative des Schauspieldirektors Heinrich
Koch geht die Gründung des "III. Programms" zurück,
das - seit Januar 1958, ursprünglich nur in Mitternachtsvorstellungen
und Matineen, heute längst im regulären Abendspielplan
("außer Abonnement") - die jüngsten Werke der
literarischen Avantgarde zur Diskussion stellt: Zeitnahes, Zeitnotwendiges,
oft Unbekanntes, oft Umstrittenes, fast immer Problematisches; Becket
und lonesco, Genet, Tardieu und Pinter gaben hier ihre ersten Visitenkarten
ab; Hans Günter Michelsen wird in diesem III. Programm zu Beginn
der Spielzeit 1965/66 bereits seine dritte Uraufführung erleben.
Das Publikum nimmt an der Erprobung neuer Autoren, an dem Bemühen
um neue Formen und neue Inhalte lebhaften Anteil.

Modell der Theater-Doppelanlage,
die ab 1960 gebaut wurde
Die neue "Theaterinsel"
Zu vielseitiger künstlerischer Aktivität
trug die Stadt durch den Bau zweier neuer Schauspielbühnen
Rechnung. Am 13.November 1956 wurde die Arbeitsgemeinschaft Apel
- Kuhnert - Ueter beauftragt, erste Planungen einzureichen; am 27.
November 1958 genehmigten Magistrat und Stadtverordnetenversammlung
das Projekt, das die Errichtung eines Schauspiels und eines Kammerspiels
auf dem Gelände des ehemaligen Faustgartens, in unmittelbarer
Anlehnung an das Große Haus, die künftige Oper, vorsah.
Am 14. März 1960 begannen die Ausschachtungsarbeiten, am 7.Mai
1960 folgte die feierliche Grundsteinlegung.
Intendanz und Ensemble begrüßten diese
Entscheidung mit dankbarem Aufatmen. Zwar wurde die Nervenkraft
aller Beteiligten nochmals auf harte Proben gestellt; denn inmitten
eines fast chaotischen Baulärms und ungeachtet der immer neuen
technischen und organisatorischen Probleme, die zusätzlich
bewältigt werden wollten, galt es, den geordneten Spielbetrieb
aufrechtzuerhalten. Nach dreieinhalbjähriger Bauzeit aber war
es geschafft, hatte ein achtzehnjähriges Nachkriegsprovisorium
auf glanzvollste Weise sein Ende gefunden.
Mehr über den Theater-Neubau in der Serie.
In der Chronik der Städtischen Bühnen
wird das Jahr 1963 für immer einen besonderen Ehrenplatz einnehmen:
am 14.Dezember konnte das Schauspiel mit Goethes "Faust"
(Regie Heinrich Koch), am 21.Dezember das Kammerspiel mit Wittlingers
"Seelenwanderung" (Regie Ulrich Erfurth) festlich eröffnet
werden. "An diesem Theaterbau hat ganz Frankfurt teilgenommen",
sagte der damalige Oberbürgermeister Werner Bockelmann in seiner
Eröffnungsansprache, "es ist das Werk einer Bürgerschaft,
die in diesem Haus zu repräsentieren und sichtbar zu machen
wünscht, daß nicht nur Geld und Politik das Leben bestimmen".
Der Fernschreiber trug das Echo der Theatereröffnung in alle
Winde; die Begeisterung über ein "aus heutigem Empfinden
und nach heutigen Erfordernissen" war allgemein. "The
Theater complex is already a source of great pride to the city",
rühmte die "New York Times", "Frankfurt's cultural
life vies with Berlin's an equal terms".
Inszenierungen von Rang
Seither ging in beiden Häusern eine Reihe
aufsehenerregender Aufführungen in Szene, die weit über
Frankfurt hinaus stärksten Widerhall fanden. Die eigenwillige
"Hamlet"-Interpretation des Generalintendanten wurde beim
Berliner Theaterwettbewerb 1965 preisgekrönt und nach Berlin
geholt, Dürrenmatts "Romulus der Große" unter
der Regie von Heinrich Koch als einziger deutscher Beitrag zu den
Internationalen Festspielen Antwerpen entsandt, Gogols "Revisor",
eine Inszenierung Franz Reicherts, bei einem Austauschgastspiel
im Ostberliner Deutschen Theater herzlich gefeiert. Das Kammerspiel
nahm 1964 mit Hofmanns "Bürgermeister" (Regie Günter
Ballhausen) und 1965 mit Michelsens "Lappschiess" (Regie
Heinrich Koch) an der Woche der Werkraumtheater in den Münchner
Kammerspielen teil. Zu registrieren bleiben weiterhin zwei neue
Brecht-Inszenierungen von Harry Buckwitz- "Die heilige Johanna
der Schlachthöfe" und "Die Dreigroschenoper",
Claudels "Tausch" unter Heinrich Koch und Hochhuths "Stellvertreter"
unter Imo Moszkowicz im Schauspiel sowie Sternheims "Tabula
rasa" unter Hanskarl Zeiser, "Der König stirbt"
von lonesco unter Jean-Pierre Ponnelle und Lorcas "Dona Rosita"
unter Herbert Kreppel im Kammerspiel. Sehr positiv entwickelten
sich schließlich auch die Besucherzahlen. Hatten sie sich
zwischen 1953 und 1963 mit etwa 640000 bis 650000 Zuschauern annähernd
konstant gehalten, so ist jetzt - bei einem Angebot von 2540 gegenüber
vordem nur 1945 Plätzen pro Abend - ein nochmaliger Anstieg
zu verzeichnen. Über 30 Prozent der ausgegebenen Karten und
über 37 Prozent der laufenden Einnahmen entfallen auf Käufer
an der Tageskasse.
Berichtszeitraum: 1965-68
Einschneidendstes Ereignis in der Entwicklung der
Städtischen Bühnen ist der Intendantenwechsel vom 1.September
1968: auf Harry Buckwitz, der das Theater seit 1951 leitete, folgt
Ulrich Erfurth.
Mit Harry Buckwitz scheiden einige der bisherigen
Führungskräfte aus: Generalmusikdirektor Theodore Bloomfield,
der Lovro von Matacic im Herbst 1966 als Operndirektor abgelöst
hatte, amtierte nur bis Oktober 1967; Heinrich Koch, Schauspieldirektor
seit 1956, und Kurt Klinger, Chefdramaturg seit 1964, verlassen
Frankfurt Ende August 1968. An ihre Stelle treten Generalmusikdirektor
Christoph von Dohnányi als Operndirektor, Dieter Reible als
Oberspielleiter des Schauspiels und Dr.Peter Kleinschmidt als Chefdramaturg.
Neuaufbau und Verjüngung des Ensembles
Gleichzeitig beginnt ein systematischer Neuaufbau
des Ensembles. Der Aderlaß der letzten Jahre war beträchtlich:
die Oper verlor außer Wolfgang Rennert als Erstem Kapellmeister
eine Reihe führender Solisten, die meist nur mit Teilverträgen
ans Haus gebunden waren; vom Schauspielensemble gingen Lola Müthel,
Carmen-Renate Köper, Renate Schroeter, Hans Dieter Zeidler,
Hans Caninenberg und Michael Degen an andere Bühnen. Professor
Erfurth gewann in relativ kurzer Anlaufzeit Dirigenten wie Robert
Satanowski und Günter Wand, Sängerinnen wie Christine
Deutekom und Urszula Koszut und Sänger wie Barry McDaniel,
Wieslaw Ochmann, Kostas Paskalis, Alberto Remedios, Manfred Schenk
und Bodo Schwanbeck für wichtige Aufgaben; im Schauspiel werden
ab Herbst 1968 Elisabeth Flickenschildt, Andrea Dahmen, Anneliese
Römer, Helmut Käutner, Peter Kollek, Horst Richter und
andere neue Gesichter zu sehen sein. Besonderen Wert legt Ulrich
Erfurth auf eine Verjüngung des Ensembles: innerhalb weniger
Jahre hofft er aus begabtem Nachwuchs in Oper wie Schauspiel "hauseigene"
Protagonisten heranbilden zu können.
Ein grundlegendes Revirement fand schließlich
auch unter den Regisseuren statt: in der Oper werden sich Louis
Erlo, Vaclav Kaslik, Friedrich Petzold, Filippo Sanjust und Paul
Vasil, im Schauspiel - neben Dieter Reible - Jan Biczycki, Ulrich
Brecht, Helmut Käutner, Jaromir Pleskot und Franz-Peter Wirth,
im Kammerspiel Hans-Joachim Heyse, Wolfram Mehring und Hagen Mueller-Stahl
mit wichtigen Inszenierungen vorstellen. Unter den Bühnenbildnern
verließ Ekkehard Grübler, zuletzt Ausstattungschef des
Schauspiels, Frankfurt; neu verpflichtet wurden Peter Heyduck, Filippo
Sanjust und Josef Svoboda.
So sind die personellen Veränderungen zum
1.September 1968 erheblich: obwohl Ulrich Erfurth beliebte und verdiente
Mitglieder der Städtischen Bühnen in großer Zahl
an sich zu binden verstand, enthält das Ensembleverzeichnis
für die Spielzeit 1968/69 neben vielen altvertrauten fast siebzig
neue Namen.
Ein besonderes Verdienst am reibungslosen Übergang
kommt dem Verwaltungsdirektor Willy Heinrich Hetzer zu, der in seiner
Funktion als stellvertretender Generalintendant die wichtigste Brücke
zwischen alter und neuer Ära bildet.
Verstorben sind in den letzten Jahren Franz Mertz,
Bühnenbildner und Künstlerischer Beirat (23.1.1966), sowie
die ehemaligen Mitglieder Ellen Daub (11.11.1965), Carl Luley (10.3.1966),
Alexander Sander (18.10.1966), Anny Hannewald (21.2.1968) und John
Gläser (27.5.1968).
Eindrucksvolle künstlerische Leistungen
Künstlerisch brachten auch die Jahre 1965
bis 1968 eine Fülle eindrucksvoller Höhepunkte:
In der Oper setzte Wieland Wagner, kurz vor seinem
Tod, bedeutsame Akzente: mit Andre Cluytens am Pult und Wolfgang
Windgassen, Anja Silja und Thomas Stewart in den Hauptpartien entrückte
er Verdis "Othello" aus dem Bannkreis klassischer Eifersuchtstragödien
ins düstere Archaische; im Verein mit Pierre Boulez und den
Protagonisten Gerd Nienstedt, Anja Silja und Helmut Melchert interpretierte
er Alban Bergs "Wozzeck" als "Ballade vom Hiob des
vierten Standes". Walter Felsenstein kehrte mit einer meisterlich
ziselierten Aufführung von Offenbachs "Ritter Blaubart",
zu deren wichtigsten Stützen - neben dem Dirigenten Wolfgang
Rennert und dem Bühnenbildner Rudolf Heinrich Anny Schlemm
und Hermann Winkler gehörten, erstmals an das Theater zurück,
aus dem ihn die braune Barbarei vor dreißig Jahren vertrieben
hatte; sein Schüler Joachim Herz gewann Richard Wagners "Tannhäuser"
als "tragischem Gegenbild zum Satyrspiel der Meistersinger"
- zusammen mit Lovro von Matacic und den Hauptdarstellern Hans Hopf
und Claire Watson - eine "neue Weise" ab. Bohumil Herlischka
und Wolfgang Rennert siedelten Dimitri Schostakowitschs "Nase",
unterstützt von Bühnenbildner Dominik Hartmann, im Grenzbereich
zwischen Realität und Irrealität an; Ernst Gutstein sang
und spielte einen virtuosen Kowaljoff. Harry Buckwitz und Günther
Schneider-Siemssen blätterten in Webers "Freischütz",
ironisch-amüsiert, wie in einem Bilderbuch aus der "guten
alten Zeit"; Gundula Janowitz, Waldemar Kmentt und Heinz Hagenau
brillierten in den Hauptpartien. Lovro von Matacic verabschiedete
sich mit dieser Aufführung, die das Zweite Deutsche Fernsehen
später in Farbe aufgezeichnet hat, von der Frankfurter Oper.
Theodore Bloomfield debütierte mit Mozarts
"Cosi fan tutte", einfallsreich aufgezäumt von Otto
Schenk und vergnüglich dargeboten von Gundula Janowitz, Renate
Holm, Heinz Hoppe und Oskar Czerwenka. Zu Beginn der Spielzeit 1966/67
dirigierte er Verdis "Aida", die Bohumil Herlischka und
Teo Otto von der "Patina historisierender Prachtentfaltung"
befreit hatten; an der Spitze des Ensembles standen Daniza Mastilovic,
Nikola Nikolov und Norman Mittelmann. Mit Benjamin Brittens "Albert
Herring" - unter der musikalischen Leitung von Bloomfield und
der Regie von Hans Neugebauer alternierten Cesare Curzi und Kjell
Dahlström in der Titelpartie - folgte die Oper einer Einladung
zu den Schwetzinger Festspielen. Kurz nach der Doppelpremiere von
Luigi Dallapiccolas "Nachtflug" und Igor Strawinskys "Oedipus
Rex", für deren szenische Realisierung Kurt Horres und
Hein Heckroth verantwortlich zeichneten, sah sich Bloomfield, gravierender
Differenzen mit dem Ensemble wegen, gezwungen, die Leitung der Oper
niederzulegen.
Harry Buckwitz ließ in "Aufstieg und
Fall der Stadt Mahagonny" von Kurt Weill und Bertolt Brecht
noch einmal alle seine Inszenierungskünste erstrahlen; ein
mitgerissenes Ensemble - voran Martha Mödl, Olive Moorefield,
Charles O'Neill und der Dirigent Wolfgang Rennert - führte
das Werk zu einem Publikumserfolg, wie er zeitnahen Opern sonst
in Frankfurt kaum beschieden ist. Auch Verdis "Traviata"
unter Rennert und Schenk wurde, nicht zuletzt dank der beiden Violettas
Anja Silja und Sylvia Stahlmann, ein triumphaler Empfang zuteil.
Mit den jüngsten Premieren eroberten sich drei seltener gespielte
Werke die Gunst der Opernbesucher: in Rossinis "Cenerentola"
reüssierten Gabor Ötvös, der dem Ensemble seit Herbst
1967 als Erster Kapellmeister angehört, Regisseur Leif Söderström,
Bühnenbildner Ekkehard Grübler, Titelheldin Sylvia Anderson
und Gasttenor Ugo Benelli; in Borodins "Fürsten Igor"
- Hauptpartien Norman Mittelmann, Daniza Mastilovic, Leonardo Wolovsky
- bewährte sich das tschechische Inszenierungsteam Rudolf Vasata,
Ladislav Stros, Vladimir Nyvlt und Marcel Pokorny; "Fausts
Verdammnis" von Hector Berlioz wurde unter dem Triumvirat Rennert,
Neugebauer, Grübler zum spannungsgeladenen Schlußakkord
der Spielzeit 1967/68; Michael Trimbel, Pari Samar, Richard Cross
und lwan Rebroff teilten sich in die tragenden Partien.
Freunde der Operette applaudierten Neuinszenierungen
des "Vogelhändlers" und der "Fledermaus";
Freunde des Balletts erfreute Todd Bolender, der 1966 an Tatjana
Gsovskys Stelle trat, mit unkonventionellen Choreographien: von
einer graziösen "Donizettiana" reicht ihr Bogen bis
zum abstrakten "Time Cycle" von Lukas Foss und von Adolphe
Adams schwermütiger "Giselle" bis zu Samuel Barbers
satirischen "Souvenirs". Hein Heckroth entwarf kongeniale
Ausstattungen; Heidrun Schwaarz, Bill Earl und Georg Volk taten
sich als Solisten hervor.
Im Schauspiel setzte Harry Buckwitz seinen Brecht-Zyklus
fort: mit der "Dreigroschenoper", dem "Hofmeister"
und "Herrn Puntila und seinem Knecht Matti". Bühnenbildner
waren Teo Otto und Hainer Hill; den Mackie Messer spielte Hans Korte,
die Polly Karin Hübner, den Hofmeister Werner Dahms, den Puntila
Hans Dieter Zeidler und den Matti Peter Kuiper. Insgesamt gingen
während der "Ära Harry Buckwitz" fünfzehn
Werke Brechts in Szene; elf davon inszenierte der Hausherr selbst.
Im Foyer erinnert eine Tafel, die zugleich mit der Brecht-Büste
von Gustav Seitz am siebzigsten Geburtstag des Dichters enthüllt
wurde, an dieses konsequente Eintreten für ein Oeuvre, das
sich von Frankfurt aus das westdeutsche und das westeuropäische
Theater erobert hat.
Überhaupt hielt Harry Buckwitz, so gern er
die soziale Situation armer Teufel zwischendrin - mit Kleists "Zerbrochenem
Krug" - auch einmal im heiteren Genre ausleuchtete, zunehmend
Kurs auf das politische Theater. Schon Shakespeares "Hamlet",
mit dem die Städtischen Bühnen beim Berliner Theatertreffen
1966 gastierten, geriet ihm zu einem Spiel um die Macht: gegen die
etablierte Herrschaftsschicht hinter Siegfried Wischnewskis König
Claudius, einem skrupellosen Routinier der Staatsräson, empörte
sich eine nachrückende Generation moralischer Eiferer und Provokateure
vom Schlage des ungestümen Titelhelden Michael Degen. Die deutsche
Erstaufführung des "Schwarzen Fischs" von Armand
Gatti bedeutete hernach einen neuerlichen Versuch, extreme Möglichkeiten
politischen Kalküls abzutasten - diesmal im Duell zwischen
Tsin, dem Erbauer der chinesischen Mauer, der reale Macht mit dem
Mythos der Macht umkleidet, und Tan, dem humaneren Feudalherrn,
dessen Händen alle Macht entgleitet; Hans Dieter Zeidler und
A. Michael Rueffer waren markante Pole eines figurenreichen Tableaus.
Den folgerichtigen Schlußstein setzte Harry Buckwitz mit der
Uraufführung des "Viet Nam Diskurses" von Peter Weiss:
hier wurde die politische zur "dokumentarischen" Dramatik,
das Theater zum parteilichen Informationszentrum. Am Premierenabend
erzwangen Mitglieder des SDS, unter Vietkong-Fahnen, eine öffentliche
Diskussion, Professor Jürgen Habermas leitete sie.
Das eigentliche Abschiedsgeschenk des Generalintendanten
aber war die deutsche Erstaufführung von Max Frischs "Biografie",
die bei Autor, Publikum und Presse stärksten Widerhall fand.
Mit Peter Schütte, Carmen-Renate Köper und A. Michael
Rueffer gelang Harry Buckwitz, der Frankfurt als Gastregisseur erhalten
bleibt, noch einmal eine Inszenierung von bestechender Klarheit
und höchster Subtilität.
Schauspieldirektor Heinrich Koch ließ seinen
früheren O'Neill-Inszenierungen die Atriden-Trilogie "Trauer
muß Elektra tragen" folgen; Lola Müthel, Carmen-Renate
Köper, Michael Degen und Hannsgeorg Laubenthal bildeten das
homogene Quartett der Hauptdarsteller. Die Aufführung reiste
- kurz bevor Behörden der DDR weitere Austauschgastspiele unterbanden
- auch nach Leipzig, wo sie mit beinahe erschütternder Herzlichkeit
gefeiert wurde. "Wiederkommen, wiederkommen!" riefen die
Besucher am Schluß. Doch noch ergab sich, trotz aller Bereitschaft
der Städtischen Bühnen, keine Gelegenheit zum Wiederkommen.
Frankfurt hat Heinrich Koch des weiteren eine Reihe
eindrucksvoller Klassiker-Aufführungen zu verdanken: mit Michael
Degen und Hans Dieter Zeidler inszenierte er im Bühnenbild
von Hein Heckroth Kleists "Prinzen Friedrich von Homburg",
mit Werner Hinz, Michael Degen und Johanna Wichmann im Bühnenbild
von Ekkehard Grübler Schillers "Don Carlos" - eine
Aufführung, die als bisher letztes Austauschgastspiel auch
in Ostberlin gezeigt wurde -, mit Carmen-Renate Köper, Wolfgang
Hinze und Hannsgeorg Laubenthal im Bühnenbild von Rudolf Küfner
Goethes "Iphigenie auf Tauris".
Neben den Klassikern standen junge deutsche Autoren:
mit der Uraufführung der "Spielverderber" bot Heinrich
Koch dem Nachwuchsdramatiker Michael Ende, mit der Uraufführung
des "Heim" dem in Frankfurt schon mehrfach geförderten
Hans Günter Michelsen wichtige Chancen der Erprobung.
Eine dritte Uraufführung, inszeniert von Joachim
Fontheim, galt Hartmut Langes Erstling "Marski". Die Begabung
dieses Autors erwies sich, zumal im Sprachlichen, als so evident,
daß Professor Erfurth ihn bereits mit einer Neuübersetzung
von Shakespeares "Richard II." - Premiere März 1969
- beauftragt hat. Unter den Gastinszenierungen im Schauspiel verdienen
drei besondere Beachtung: Otto Tausig brachte Ben Jonsons "Volpone"
als komödiantische Abschiedsvorstellung für Hans Dieter
Zeidler und Michael Degen heraus; mit "Des Teufels General"
unter der Regie von Helmut Käutner - Harras Hannsgeorg Laubenthal
ehrten die Städtischen Bühnen Carl Zuckmayer anläßlich
seines siebzigsten Geburtstags; mit "Purpurstaub" - Inszenierung
Hans Bauer, Hauptrolle Albert Hoerrmann - hielt Sean O'Casey Einzug
ins neue Haus.
Dieter Reible, der künftige Oberspielleiter,
gab erste Visitenkarten im Kammerspiel ab: in Ionescos "Hunger
und Durst", Pinters "Hausmeister", Vians "Alle
in die Grube" und Bowens "Nach der Flut" erwies er
sich als ebenso einfallsreicher wie disziplinierter, ebenso klardenkender
wie phantasiebegabter Regisseur. Mit Hochhuts "Soldaten",
die Franz Kutschera die Paraderolle des englischen Premierministers
boten, und Tom Stoppards Hamletparaphrase "Rosenkranz und Güldenstern
sind tot", in der Joachim Böse und der neuverpflichtete
Peter Kollek ausgefeilte Charakterstudien zeigten, übersiedelte
er ins Schauspiel, wo er jetzt, als Auftakt der Spielzeit 1968/69,
Goethes "Götz von Berlichingen" vorbereitet.
Abwechslungsreich und in besonderem Maß dem
Neuen aufgeschlossen war und ist das Repertoire des Kammerspiels.
Hier präsentierte Heinrich Koch das "Empfindliche Gleichgewicht"
Edward Albees; hier stellte Herbert Kreppel mit dem "Duft von
Blumen" James Saunders, mit "Seeluft" und dem "Unbekannten
General" Rene de Obaldia vor; hier verwandte sich Ulrich Hoffmann
mit der Uraufführung des "Schilderhauses" für
Jacques Audiberti, mit "Tango" für Slawomir Mrozek
und mit der "Großaufnahme für zwei" für
Charles Nolte; hier schlugen sich Hesso Huber und Georg Wildhagen
mit "Seid nett zu Mr. Sloane" und "Beute" für
Joe Orton. Hier behauptete auch die Avantgarde von gestern aufs
neue ihren Rang: Stavros Doufexis unterstrich mit "Warten auf
Godot" die epochale Bedeutung Samuel Becketts, Hans Bauer sicherte
Frankfurt mit John Osbornes "Blick zurück im Zorn"
eine Einladung zum Berliner Theatertreffen 1967. Und hier fehlten
schließlich, zur Auflockerung, auch die heiteren Glanzlichter
nicht: Otto Tausig brillierte mit Nestroys "Talisman",
Ulrich Hoffmann mit dem "Spiel von der Liebe und vom Zufall"
des Pierre Marivaux, Rudolf Wessely mit Molieres "Geizigem",
der dank Joseph Offenbachs Harpagon ein wahres "Kabinettstück"
wurde.
Ausstellungen und Gastspiele
Zusätzliche Attraktionen schufen sich die
Städtischen Bühnen einmal mit gelegentlichen Ausstellungen
im Foyer, zum anderen durch Gastspiele prominenter Ensembles.
Unter den Ausstellungen der letzten Jahre begegneten
stärkstem Interesse: "Hamlet auf der englischen Bühne",
eine umfassende Dokumentation des britischen Theaterwissenschaftlers
Harry R. Beard, "Theaterplakate aus Warschau", eine instruktive
Auswahl, die die Städtischen Bühnen gemeinsam mit der
Büchergilde Gutenberg zusammengetragen hatten, "Zehn Bühnenbildner
aus Großbritannien", eine Sammlung imposanter Originalentwürfe,
die The British Council freundlich beschafft hatte, "Brecht
auf deutschen Bühnen", ein weit ausholender Rechenschaftsbericht,
den das Auswärtige Amt inzwischen für London, Rom und
andere Theatermetropolen übernahm, und "Der Maler Teo
Otto" eine Ausstellung, die Teo Otto am 7.Juni 1968, zwei Tage
vor seinem Tod, noch selbst eröffnet hat. Für die Gastspiele
fremder Ensembles, die ursprünglich fast nur als Spätvorstellungen
an Samstagabenden angesetzt werden konnten, ergaben sich mit Einführung
des spielfreien Tags in der Oper neue Möglichkeiten. Sie wurden,
im Sinne einer Bereicherung des Angebots, weitestgehend genutzt.
So kamen seit 1965 unter anderem namhafte Schauspieltruppen aus
Athen, Berlin, Bristol, London, Mailand, Paris, Prag, Tokio, Wien
und Zürich, hervorragende Tanzgruppen aus Belgrad, Guinea,
Israel, Kopenhagen, Madrid, New York, Nigeria, Prag, Senegal, Stockholm
und Wien und beliebte Solisten wie Marcel Marceau, Samy Molcho,
Dimitri, Gilbert Becaud, Juliette Greco und Belina und Behrend nach
Frankfurt. Große Beachtung fand auch der Zyklus "Meisterkonzerte
in der Oper", den die Städtischen Bühnen zusammen
mit der Konzertdirektion Hans Schlote, Salzburg, veranstalteten.
Die Städtischen Bühnen selbst mußten
im Gegensatz zu früheren Jahren auf repräsentative Gastspielreisen,
der damit verbundenen Kosten wegen, verzichten. Eine aussichtsreiche
Zusammenarbeit ergab sich hingegen mit den Farbwerken Hoechst: nachdem
die Bühne der Jahrhunderthalle verbessert ist, werden Oper
und Schauspiel dort weit häufiger als bisher zu Gaste sein.
Auch am Höchster Schloßfest haben sich die Städtischen
Bühnen bereits 1966 und 1968 mit eigenen Aufführungen
beteiligt.
Theaterbesuch und bauliche Veränderungen
Der Besuch des Theaters ist, gemessen an dem vergleichbarer
Bühnen, noch immer sehr gut; leichte Ausschläge der rückläufigen
Tendenz, die anderen Häusern schwer zu schaffen macht, lassen
sich allerdings auch in Frankfurt nicht leugnen. Wurden in der Spielzeit
1964/65 noch 778334 Zuschauer in 975 Vorstellungen gezählt,
so waren es ein Jahr darauf nur 723859 Zuschauer in 990 Vorstellungen;
die Platzausnutzung sank von 89 auf 85,3 Prozent. Mindereinnahmen
ergaben sich trotzdem nicht, da die Eintrittspreise im Sommer 1965
erhöht worden waren. In der folgenden Spielzeit 1966/67 suchte
die Intendanz dem Besucherrückgang durch eine weiter gesteigerte
Vorstellungszahl entgegenzuwirken: zu 1023 Aufführungen kamen
730291 Besucher, also 6432 mehr als im Jahr zuvor; die durchschnittliche
Platzausnutzung betrug 84,4 Prozent. Für 1967/68 liegen noch
keine Vergleichszahlen vor; im Frühsommer taten Demonstrationen
der außerparlamentarischen Opposition - mehrfach drangen Demonstranten
ins Theater ein, einmal mußte eine Vorstellung abgesagt werden-
dem Besuch vorübergehend Abbruch.
Bauliche Veränderungen erlaubte die angespannte
Finanzlage nur in sehr beschränktem Umfang. Das Beleuchtungsstellwerk
der Oper, das noch aus dem Jahre 1932 stammt (nach dem Kriege wurde
es aus den Ruinen des alten Opernhauses ausgegraben), befand sich
in einem so bedenklichen Zustand, daß die Betriebssicherheit
nicht mehr gewährleistet schien. Da eine neue Anlage zwei bis
drei Millionen DM erfordern würde, kam zunächst nur eine
umfassende Instandsetzung des überalterten Stellwerks infrage;
sie wurde während der Theaterferien durchgeführt. Ähnlich
verhält es sich mit der abgenutzten Bestuhlung der Oper: nachfühlbaren
Klagen des Publikums wurde vorerst mit der Ausbesserung von fünfhundert
Sitzen begegnet.
Berichtszeitraum: 1969-72
Der Zeitraum dieses Verwaltungsberichts umfaßt
gerade die Jahre der Generalintendanz Ulrich Erfurth: am 1. September
1968 trat Prof. Erfurth die Nachfolge von Harry Buckwitz an, im
August 1972, nach Auslaufen seines Vertrages, wurde die Position
eines Generalintendanten abgeschafft. Seither leitet Generalmusikdirektor
Christoph von Dohnányi als Operndirektor das Musiktheater,
während an der Spitze des Schauspiels ein Dreier-Direktorium
steht; Mitglieder dieses Direktoriums sind Regisseur Peter Palitzsch
und Bühnenbildner Klaus Gelhaar, beide nach Zustimmung des
Ensembles vom Magistrat berufen sowie der von der Ensemble-Vollversammlung
gewählte Schauspieler Peter Danzeisen, Verwaltung und Technik
wurden - unter Ulrich Schwab, dem Nachfolger des 1972 pensionierten
Verwaltungsdirektors Willy H.Hetzer, und dem Technischen Direktor
M.von Vequel-Westernach - selbständige Sparten.
Oper und Ballett
Die Oper, seinerzeit von den Auseinandersetzungen
um den ausgeschiedenen GMD in Mitleidenschaft gezogen, verzeichnet
unter dessen Nachfolger Christoph von Dohnányi seit Herbst
1968 einen steilen künstlerischen Wiederaufstieg. Das Ensemble
konsolidierte sich. Zu den bereits im letzten Verwaltungsbericht
erwähnten Neuverpflichtungen kamen während der folgenden
Jahre hinzu: die Dirigenten Klauspeter Seibel, Peter Schrottner
und (gastweise) Hans Löwlein, die Gastregisseure Oscar Fritz
Schuh, Rudolf Steinboeck und Otto Schenk, die Solisten June Card,
Antigone Sgourda, Eduardo Alvares, William Cochran und andere. Der
Spielplan erhielt klares Profil: auf der einen Seite wurden die
Klassiker der Moderne" erstmals fest ins Repertoire einbezogen
- Schönbergs Moses und Aron", Bergs Wozzeck"
und Lulu" gehören heute schon (fast) ebenso zu den
Frankfurter Standardwerken wie Verdis Rigoletto" oder
Puccinis Turandot"; auf der anderen Seite wurde das klassische
Repertoire durch wichtige Neueinstudierungen von Wagners
Lohengrin" etwa, Glucks Orpheus und Eurydike",
Mozarts Zauberflöte" - ergänzt und um seltenere
Werke wie Cherubinis Medea"oder Debussys Pelléas
et Mélisande" - bereichert. Die Aufführungen fanden
bald auch außerhalb Frankfurts neue Beachtung. Jetzt
ist es für den Mozart-Freund nicht mehr nötig, nach Salzburg
zu fahren, um einen festspielreifen 'Don Giovanni' zu erleben -er
kann ihn in Frankfurts Großem Haus häufiger und weit
besser zugleich hören", meldete die Süddeutsche Zeitung
schon im Jahre 1969. Rasch kamen wieder ehrenvolle Einladungen aus
dem Ausland. Mit Prokofieffs Feurigem Engel" wurde das
Opernensemble z.B. bei den Züricher Junifestwochen 1969 und
beim Edinburgh Festival 1970 stürmisch gefeiert. Die Neue Zürcher
Zeitung bestätigte die hervorragende Disposition des
Orchesters unter der zugleich beherrschten und impulsiven, klug
disponierenden und kraftvoll führenden Leitung von Christoph
von Dohnányi" und die ausgezeichneten Leistungen des
Ensembles mit der fast unersetzlichen" Anja Silja als
Renata; die englische Presse rühmte die Aufführung als
"a skilful production, convincing and imposing", attestierte
Dohnányi "great spirit und fine vitality", rühmte
Anja Silja als "ideal exponent und compelling figure",
als "magnificent und indeed memorable" und ihre Partner
als "colourful, outstanding and splendid". Als außerordentlich
glückliches Engagement erwies sich - ab Herbst 1969 - auch
die Verpflichtung des jungen Ballettdirektors John Neumeier. Schon
seine erste Neuinszenierung, Strawinskys Feuervogel",
ließ aufhorchen; nach dem zweiten Abend - mit Prokofieffs
Romeo und Julia" - stand fest: dies ist der Anfang
eines großen Aufschwungs " (SFB), mancher Augenblick
verschlägt einem förmlich den Atem" (Abendzeitung,
München), man sieht ringsum Tänzer, die auf sich
und ihre Zukunft neugierig machen - mit dieser Aufführung hat
sie begonnen" (Die Welt). Zu den wichtigsten Solisten, die
Neumeier nach Frankfurt folgten, gehören Marianne Kruuse, Persephone
Samaropoulo, Maximo Barra, Truman Finney, Max Midinet u.a. Die nächsten
Produktionen - Tschaikowskys Nußknacker", Strawinskys
Kuß der Fee", Ravels Daphnis und Chloë"
- festigten den neugewonnenen Ruf: Frankfurt, resümierte Klaus
Geitel, drängt die Produktionen der sogenannten Ballettmetropolen
entschieden aufs Altenteil". Neumeiers Hiersein, ergänzte
Horst Koegler, dürfte sich eines Tages als die zukunftsträchtigste
Investition erweisen, die Amerika dem deutschen Ballett je geleistet
hat". Die jüngste Novität, der Kammerballett-Abend
Bilder I,II, III", wurde auch beim Gastspiel in der Oper
unserer Partnerstadt Lyon "un triomphe pour le choréographie
et ses danseurs": als "une soirée extraordinairement
théâtrale, très belle, excitante, raffinée.
Schauspiel
Schwieriger lagen die Verhältnisse beim Schauspiel.
Hier begann der ebenso talentierte wie ambitionierte junge Oberspielleiter
Dieter Reible mit einigen interessanten Inszenierungen: von Goethes
Götz von Berlichingen" bis zu Adriens Sonntags
am Meer"; insgesamt aber gelang es - schon infolge teilweise
umstrittener Neuengagements und Spielplan-Dispositionen - nicht,
vollen Anschluß an das Schauspielniveau der Buckwitz-Ära
zu gewinnen. Sachliche und persönliche Spannungen innerhalb
des Leitungsteams wie zu großen Teilen des Ensembles kamen
hinzu und führten schließlich, im Sommer 1970, zu vorzeitiger
Trennung. Als Schauspieldirektor engagierte Ulrich Erfurth daraufhin
Richard Münch, zu dem Günter Grass als künstlerischer
Berater stieß. Leider blieb auch dieser Anlauf im Experimentierfeld
stecken. Zwischen Erfurth und Münch, beide noch in der Gründgens-Tradition
verwurzelt, einerseits und Grass, dem an neuen Arbeitsweisen und
neuen Strukturen Interessierten, auf der anderen Seite gab es weniger
Berührungspunkte, als ursprünglich erhofft; nach zehn
Monaten sporadisch-intensiver Vorarbeiten zog Günter Grass
sich vom Theater zurück; ein halbes Jahr später löste
auch Richard Münch seinen Vertrag, übernahm Ulrich Erfurth
selbst die Leitung des Schauspiels. Stärker noch als zuvor
suchte er sich jetzt auf prominente Gäste (Dieter Borsche,
Otto Rouvel, Hermann Schomberg, Peter Schütte u.a.) zu stützen,
um die Zeit bis zum Antritt des neuen Direktoriums möglichst
publikumswirksam zu überbrücken. Als profilierteste Aufführungen
dieser Jahre haften in der Erinnerung: aus dem Kammerspiel-Repertoire
van Itallies Amerika, hurra!", Regie Wolfram Mehring;
Sperrs Landshuter Erzählungen", Regie Dieter Reible;
Pinters Kollektion", Regie Jochen Neuhaus, und Gustafssons
Nächtliche Huldigung", Regie Horst Siede; dazu an
Schauspielproduktionen Macoureks Susannchenspiel", dessen
deutsche Erstaufführung das tschechische Regieteam Jaromir
Pleskot/Josef Svoboda herausbrachte, und Sartres Troerinnen
des Euripides", von Ulrich Erfurth selbst inszeniert.
Strukturelle Veränderungen
Im August 1972 hatte die Umstrukturierung auch
ein großes personelles Revirement zur Folge. Neben Peter Palitzsch
traten Hans Neuenfels, Valentin Jeker und (gastweise) Klaus Michael
Grüber als Regisseure; die Dramaturgie wurde mit Jürgen
Fischer, Horst Laube, Helmut Postel und Jörg Wehmeier besetzt,
die Ausstattung mit A. Christian Steiof und Dirk von Bodisco neben
Klaus Gelhaar. Zu den wichtigsten Schauspieler-Neuengagements gehören
Ingeborg Engelmann, Elisabeth Schwarz, Elisabeth Trissenaar, Traugott
Buhre, Ernst Jacobi, Peter Roggisch und viele andere. Zu neuen Ehrenmitgliedern
der Städtischen Bühnen wurden ernannt: 1968 Harry Buckwitz
und Heinrich Koch, 1972 Anita Mey. Verstorben sind in den letzten
Jahren Hein Heckroth (6.7.1970), Joachim Böse (23.4.1971),
Hannsgeorg Laubenthal (13.7.1971), Annon Lee Silver (28.7. 1971)
und Ernst Kozub (27.12.1971) sowie die früheren Mitglieder
Rudolf Gonszar, Karl Klauss, Joseph Offenbach, Wolfgang Schirlitz
und Christian Schmieder.
Der Rückgang der Besucherzahlen setzte sich, wie in anderen
Theaterstädten, leider fort. Wurden zur Zeit des vorangegangenen
Verwaltungsberichts - für die letzte Buckwitz-Spielzeit 1967/68
noch 680550 Zuschauer in 999 Vorstellungen gezählt,
so verringerte sich dieses Ergebnis über 648963 in 979 Vorstellungen
(1968/69), 601 063 in 935 Vorstellungen (1969/70) und 582153 in
916 Vorstellungen (1970/71) auf 554551 Zuschauer in 920 Vorstellungen
während der Spielzeit 1971/72; die durchschnittliche Platzausnutzung
sank von 80,2 auf 72,5 Prozent. Der Rückgang betraf Oper und
Schauspiel fast gleichermaßen; nur im Kammerspiel verlief
die Entwicklung teilweise günstiger. An baulichen Veränderungen
sind vor allem der Einbau einer neuen Bühnenbeleuchtungsanlage
in der Oper und - damit zusammenhängend - die Erweiterung des
Orchestergrabens zu registrieren.
Erweiterte Mitbestimmung
Breiten Raum beanspruchte während der letzten
Jahre die innerbetriebliche Diskussion über Fragen der erweiterten
Mitbestimmung. Ergebnis vieler Vorgespräche war schließlich
eine erste Vereinbarung über die erweiterte Mitbestimmung
im künstlerischen Bereich der Städtischen Bühnen
Frankfurt am Main", die am 13.Juli 1970 zwischen dem Magistrat
und den Mitgliedern der Städtischen Bühnen abgeschlossen
wurde (Magistratsbeschluß Nr. 1437). Sie verfolgte das erklärte
Ziel, alle bisher zu wenig genutzten künstlerischen Reserven
zu mobilisieren"; durch das Abwägen wechselseitiger
Vorschläge und Bedenken" sollte ,,die gesamte künstlerische
Planung durchschaubarer und effektiver" werden. Ein neugebildeter
Künstlerischer Beirat erhielt das Recht der innerbetrieblichen
Mitwirkung bei allen wichtigen Fragen" (insbesondere Spielplan-
und Engagementsfragen) und das Recht der Mitberatung bei Änderung
der Theaterstruktur, Intendantenwahl und - soweit rechtlich möglich
- bei der Wahl der künstlerischen und technischen Vorstände".
Am 13.Oktober 1970 stellte Oberbürgermeister Walter Möller
den Künstlerischen Beirat in einer Ensemble-Versammlung, an
der auch Vertreter der städtischen Körperschaften und
der Presse teilnahmen, vor. Nach zweijähriger Laufzeit sollte
die erste Vereinbarung" aufgrund der bis dahin gesammelten
Erfahrungen überarbeitet werden. Die Oper kam dabei zu einer
Modifizierung jenes Papiers; beim Schauspiel erlaubte schon die
neue Theaterstruktur eine Neufassung mit noch größeren
Vollmachten für das Ensemble. Diese zweite Vereinbarung
über die erweiterte Mitbestimmung im künstlerischen Bereich
des Schauspiels" wurde in mehreren Ensemble-Versammlungen konzipiert,
schließlich einstimmig angenommen und soeben auch von den
städtischen Körperschaften verabschiedet. Sie hat folgenden
Wortlaut:
Vollversammlung, Künstlerischer Beirat,
Direktorium
Die Vollversammlung besteht aus allen im künstlerischen
Bereich Schauspiel nach Normalvertrag-Solo Beschäftigten. Der
Künstlerische Beirat setzt sich aus Vertretern folgender Gruppen
zusammen: Schauspieler, Regisseure, Regieassistenten, -Volontäre
und -Praktikanten, Dramaturgen und Hauskomponisten, Bühnen-
und Kostümbildner sowie deren Assistenten, Inspizienten und
Souffleusen. Jede Gruppe innerhalb der Vollversammlung wählt
ihre Vertreter entsprechend ihrer zahlenmäßigen Stärke
(bis zu 10 Mitgliedern ein Vertreter). Der Künstlerische Beirat
ist an Beschlüsse der Vollversammlung gebunden und ihr gegenüber
zur Information verpflichtet. Die Vollversammlung kann dem Künstlerischen
Beirat oder einzelnen Mitgliedern nur mit 2/3 ihrer Mitglieder das
Mißtrauen aussprechen. Die Neuwahl hat innerhalb acht Tagen
zu erfolgen. Die künstlerische Leitung des Schauspiels liegt
bei einem Dreier-Direktorium: Je einem vom Magistrat berufenen Regisseur
(Dramaturgen) und Bühnenbildner, die nicht Mitglieder des Künstlerischen
Beirats sein dürfen sowie einem von der Vollversammlung aus
dem Künstlerischen Beirat zu wählenden Schauspieler. Die
Neuberufung eines Direktoriumsmitgliedes durch den Magistrat bedarf
der Zustimmung durch die Vollversammlung mit der Mehrheit ihrer
Mitglieder. Kommt keine Einigung zwischen Magistrat und Vollversammlung
über die Neuberufung eines Direktoriumsmitgliedes zustande,
entscheidet eine Einigungsstelle, die nach dem Vorbild der HPVG
aus drei Magistratsmitgliedern und drei Vertretern der Vollversammlung
und einem neutralen Vorsitzendem zusammengesetzt wird. Die Entscheidung
dieser Einigungsstelle ist endgültig. Das gewählte Direktoriumsmitglied
ist an die Beschlüsse des Künstlerischen Beirates gebunden,
soweit dem anderweitige Vorschriften nicht entgegenstehen, und diesem
gegenüber zur Information verpflichtet. Verbindliche Erklärungen
des Schauspieldirektoriums sind nur wirksam, wenn sie von mindestens
zweien seiner Mitglieder getragen werden.
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