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Berichtszeitraum: 1945-65

 

1945 befanden sich die Städtischen Bühnen - ohne Ensemble, ohne Haus, ohne Fundus - an einem absoluten Nullpunkt. Doch ließ der Neubeginn nicht lange auf sich warten. Bereits im Juli wurde Toni Impekoven, der populäre Komiker, durch amerikanische Lizenz zum Intendanten ernannt. Er sammelte heimkehrende Schauspieler, Sänger und Musiker um sich; gemeinsam machte man sich auf die Suche nach Sälen in der zerstörten Stadt. Zunächst bot sich der Zirkus Holzmüller in der Ostendstraße an: dort fand am Vormittag des 27.August als erste Nachkriegsveranstaltung ein Opernkonzert statt. Am 5.September folgte im ehemaligen Rundfunk-Sendesaal die erste Schauspielinszenierung: "Ingeborg" von Curt Goetz, am 29.September im früheren Saal der Getreidebörse die erste Oper: Puccinis "Tosca". Dieser Börsensaal, ursprünglich nur als kurzfristiges Provisorium gedacht, diente den Städtischen Bühnen während der nächsten achtzehn Jahre als "Kleines Haus". Hinzu kamen 1945/46 noch: der Handwerkersaal in der Braubachstraße, eine Turnhalle in der Sachsenhäuser Veitstraße ("Kleines Komödienhaus"), das Little Theatre in der Börse und im Sommer 1946 für Freilichtaufführungen der Hof des Karmeliterklosters . Handwerkersaal und Little Theatre wurden 1947 wieder aufgegeben; in der Komödienhaus-Turnhalle spielten die Städtischen Bühnen bis zum Jahre 1951, im Karmeliterhof bis zum Sommer 1960.

Gegen Ende des Jahres 1945 trat neben Schauspielintendant Impekoven der aus Freiburg im Breisgau nach Frankfurt berufene Generalmusikdirektor Bruno Vondenhoff als Intendant der Oper. Im Mai 1947 starb Toni Impekoven; sein Nachfolger wurde Richard Weichert.

 

Die Zeit der Improvisation

Es war eine Zeit der Improvisation, der äußersten Notbehelfe. Und doch - trotz Armut, Mangel, physischer Erschöpfung - gelangen unvergeßliche Aufführungen: 1946 hielt ein Dichter Einzug, dessen Namen man hier vordem kaum gehört hatte: Thornton Wilder; Fritz Remond inszenierte seine "Kleine Stadt". 1947 folgte Eugene O'Neill - sein "Trauer muß Elektra tragen" wurde unter der Regie von Karlheinz Stroux zu einem aufwühlenden Theaterabend. Gleichfalls 1947 meldete sich Carl Zuckmayer aus der Emigration zurück - Heinz Hilpert, für kurze Zeit "Chefintendant" der Städtischen Bühnen, verhalf ihm mit "Des Teufels General" zu einem triumphalen Empfang. 1948 kam schließlich auch die junge deutsche Dichtung zu Worte - Richard Weichert präsentierte Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür".

Die Oper setzte erste Marksteine 1945/46 mit Beethovens "Fidelio" und Händels "Otto und Theophano" unter Bruno Vondenhoff und Walter Jockisch, 1947 mit Hindemiths "Mathis der Maler" unter Vondenhoff und Hans Strohbach, 1948 mit Honeggers "Johanna auf dem Scheiterhaufen" unter Vondenhoff und Harro Dicks.

Das Publikum hielt zu seinem Theater, füllte die kleinen Säle, suchte immer wieder Ablenkung und Klärung. 1946/47, in der ersten "regulären" Nachkriegsspielzeit, wurden 290000 Menschen in 700 Vorstellungen gezählt, 1947/48 waren es nahezu 300000 in 664 Aufführungen.

 

Theaterkrise nach der Währungsreform

Mit der Währungsreform vom 21.6.1948 änderte sich die Situation. Zu groß war in vielen Haushalten der materielle Nachholbedarf, das Theater mußte vorübergehend zurückstehen. So sank die Besucherzahl 1948/49 auf 260000, 1949/50 auf 220000, 1950/51 auf 203000. Die Städtischen Bühnen gerieten in eine bedrohliche Krise, zeitweilig schien ihr Fortbestand ernsthaft gefährdet. Gegen Ende des Jahres 1948 sah sich die Stadtverwaltung gezwungen, 150 Mitgliedern des Theaters zum 31.August 1949 vorsorglich zu kündigen. Strenge Sparmaßnahmen griffen tief in die künstlerische Arbeit ein. Eine Entlastung schien sich abzuzeichnen, als die städtischen Körperschaften im Oktober 1949 zwei Millionen DM für den Wiederaufbau des zerstörten Schauspielhauses bewilligten. Vier Monate später aber, am 13.Februar 1950, entschied der Magistrat, die Städtischen Bühnen am 31. August des gleichen Jahres zu schließen und die Bauarbeiten einzustellen. "Allem voran", hieß es in der Begründung, "geht die Sicherung der nackten Existenz unserer Mitbürger, dazu gehören in erster Linie die Beschaffung von Wohnraum, die Wiederherstellung von Schulen, Krankenhäusern. Diese Grundlagen bieten erst die Voraussetzung für die Pflege jedes kulturellen Lebens." Die Resonanz war zwiespältig. Überall in der Stadt wurden Einzeichnungslisten aufgelegt: "Gebt Eure Stimme für die Erhaltung der Städtischen Bühnen"; am 10.März hatten bereits 50000 Frankfurter Bürger diesen spontanen "Volksentscheid" unterschrieben. Noch einige Monate hielt die Ungewißheit an, dann, im Juni 1950, genehmigte die Stadtverordnetenversammlung mit den Stimmen aller Parteien die Mittel zur Fortführung des Theaters und der Bauarbeiten.

Vordringlichste Aufgabe war nun die Berufung eines Generalintendanten, des ersten nach dem Kriege. Die Wahl fiel - am 11.Dezember 1950 - auf Harry Buckwitz, den Direktor der Münchner Kammerspiele. Buckwitz begann sogleich mit der künstlerischen und verwaltungstechnischen Reorganisation des Theaters. Wichtige Neuengagements erfolgten, nachdem ein Teil der profiliertesten Kräfte während der vorangegangenen Krisenjahre abgewandert war. An die Spitze des Schauspiels trat 1951 Lothar Müthel als neuer Schauspieldirektor, an die Spitze der Oper 1951 Generalmusikdirektor Georg Solti als neuer Operndirektor.

 

Eröffnung des "Großen Hauses"

Schauspielhaus, um 1952

 

Auch der Wiederaufbau des Schauspielhauses - eine Gemeinschaftsarbeit der Hochbauabteilung unter Oberbaurat Ueter und des Architekturbüros Apel, denen Professor Linnebach, München, als Sachverständiger für Bühnenbau zur Seite stand -, wurde jetzt mit aller Energie betrieben. Am 23.Dezember 1951 war es soweit: Als sich der Vorhang über Richard Wagners "Meistersinger von Nürnberg" hob, hatte Frankfurt mit dem "Großen Haus", der heutigen Oper, endlich wieder jenen musischen Kristallisationspunkt, der starke künstlerische Impulse in das geschäftige Leben der Stadt aussenden konnte. Zwölf Jahre lang, bis zum Ende des Börsensaal-Provisoriums, mußte das Haus, obwohl von vornherein hauptsächlich für die Zwecke der Oper erstellt und berechnet, auch dem Schauspiel für jeweils drei Inszenierungen Gastrecht gewahren.

Herausragende Aufführungen der Eröffnungsspielzeit waren Goethes "Egmont" unter Lothar Müthel und Caspar Neher, Giraudoux' "Irre von Chaillot" unter Harry Buckwitz und Wolfgang Znamenacek, Bizets "Carmen" unter Georg Solti, Werner Jacob und Wolfgang Znamenacek und "Das Verhör des Lukullus" unter Hermann Scherchen, Werner Jacob und Hainer Hill mit dieser Inszenierung begann Frankfurts "Kampf um Brecht": ein unbeirrtes, anfangs heftig umstrittenes, heute allgemein anerkanntes Eintreten für den großen Dramatiker.

Intendant Buckwitz, Verleger Suhrkamp und Bertolt Brecht

Um von vornherein einen festen Besucherstamm hinter sich zu wissen, ließ Buckwitz in der Spielzeit 1951/52 erstmals nach dem Kriege wieder ein Abonnement auflegen, das sofort erfreulichem Interesse begegnete. Zusammen mit den Mitgliedern der Volksbühne und des Rhein-Mainischen Besucherrings bilden die Abonnenten seither den Rückhalt aller Spielplandispositionen; 50 bis 55 Prozent der ausgegebenen Theaterkarten entfielen und entfallen auf diese drei Besuchergruppen.

Nach Schluß der ersten Spielzeit unter seiner Leitung konnte Harry Buckwitz auch rein zahlenmäßig eine stolze Bilanz vorweisen: der Besuch hatte sich um über 125 Prozent gehoben - von 203000 auf 460000 Zuschauer. Im folgenden Jahr kamen bereits 630000 Besucher, damit war die Kapazität des Großen und des Kleinen Hauses nahezu ausgeschöpft.

 

Internationaler Aufstieg der Oper

Der weitere Aufstieg der Oper vollzog sich gradlinig und glanzvoll. Mit den musikalischen Ansprüchen, die Georg Solti an das vergrößerte Ensemble und Orchester stellte, wuchsen auch die Ansprüche des Publikums; Solti-Premieren erwiesen sich als künstlerische Magnete, weit über Frankfurt hinaus. Ein Repräsentationstheater großen Stils entstand, das bald zu den führenden Opernbühnen der Bundesrepublik zählte. Auch das Ausland merkte auf: erst kamen Kritiker aus fremden Theatermetropolen, dann kamen Einladungen zu Ensemblegastspielen, kamen Triumphe im internationalen Rahmen. Auf das erste Auslandsgastspiel - beim Maggio Musicale in Florenz, 1955 - folgten mehrere Fahrten nach Paris, wo die Frankfurter Oper anläßlich des Festivals "Theatre des Nations" 1960 und 1962 mit sieben ersten Preisen ausgezeichnet wurde; weitere Gastspielreisen führten das Ensemble ins Brüsseler Theatre de la Monnaie, ins Theater des Herodes Attikus, Athen, in die Sadler's Wells Opera, London, in die Rotterdamse Schouwburg und ins Grand Theatre de Geneve.

Im Rückblick fällt es schwer, einzelne Höhepunkte der "Ära Solti" herauszugreifen, hat Georg Solti während der neun Jahre seines Frankfurter Wirkens, von 1952 bis 1961, doch selbst nicht weniger als 35 Premieren vorbereitet und dirigiert, darunter sechs Mozart-Opern, je fünf von Verdi und Richard Strauß und vier von Richard Wagner. Erinnert sei hier nur an den aufsehenerregenden "Cardillac" von 1953 (mit Willi Wolff), an "Salome" (mit Inge Borkh, 1953 - mit Maria Kouba, 1961), und "Elektra" (mit Inge Borkh, 1959), an die "Hochzeit des Figaro" (mit Theo Adam und Anny Schlemm, 1956), an Gottfried von Einems "Prozeß" (mit Erich Witte und Erika Schmidt, 1958) und Alban Bergs "Lulu" (mit Helga Pilarcyk, 1960), an "Parsifal" (mit Ernst Kozub, 1959), an "Fidelio" (mit Christl Goltz, 1959) und an den "Falstaff" (mit Ernst Gutstein), Soltis Abschiedsvorstellungen im Sommer 1961. Als Kapellmeister standen ihm vornehmlich Felix Prohaska und Wolfgang Rennert zur Seite; die repräsentativsten Inszenierungen stammten von Arno Assmann, Harry Buckwitz, Hans Hartleb, Leopold Lindtberg und Günther Rennert, die eindrucksvollsten Bühnenbilder von Josef Fenneker, Dominik Hartmann, Hein Heckroth, Ita Maximowna, Caspar Neher und Teo Otto. Unter Soltis Nachfolger, Lovro von Matacic, konnte die Frankfurter Oper ihre führende Stellung behaupten. Als erste Kapellmeister wurden - neben Wolfgang Rennert - Hans Löwlein und Alexander Paulmüller verpflichtet, als weitere Gastregisseure Walter Felsenstein, Bohumil Herlischka, Otto Schenk und Wieland Wagner. Die allgemeine Aufmerksamkeit konzentriert sich heute ebensosehr auf das klassische und nachklassische Repertoire, das stets etwa dreißig Werke - auch besonders anspruchsvolle, andernorts nur selten gegebene - umfaßt, wie auf die mit erheblichen Risiken belastete Berücksichtigung des zeitgenössischen Schaffens; denn zumindest ein modernes Werk wird dem Opernpublikum in jeder Spielzeit "zugemutet" - Berg und von Einem, Henze und Wimberger, Dallapiccola und Martin, Strawinsky und Searle sind ihm längst keine Fremden mehr.

Um der Fluktuation der Spitzenkräfte, die innerhalb gewisser Grenzen unvermeidlich geworden ist, ohne Aushilfsgäste begegnen zu können, führte Lovro von Matacic das Prinzip der Doppelpremieren ein: seit einigen Jahren werden sämtliche Partien von vornherein mit (mindestens) zwei Ensemblemitgliedern besetzt; beide Teams haben unter einem Regisseur, aber zwei verschiedenen Dirigenten gleiche Probezeit und gleiche Probebedingungen. Die Premiere der B-Besetzung folgt in möglichst kurzem Abstand auf die A-Premiere; bei späteren Wiederholungen können die Solisten A und B beliebig alternieren. So steht heute z.B. in Monteverdis "Krönung der Poppäa" Regina Sarfatiy neben Evelyn Lear und Sona Cervena neben Anny Schlemm oder in Verdis "Othello" Charles O'Neill neben Wolfgang Windgassen und Leonardo Wolovsky neben Thomas Stewart.

Eine Sonderstellung innerhalb der Oper gebührt dem Ballett, das seit zwölf Jahren - genau: seit der Premiere von Strawinskys "Petruschka" und Egks "Joan von Zarissa" am 18. April 1953 - ein- bis zweimal pro Spielzeit mit einem eigenen, autonomen Programm hervortritt. Beträchtliche Mittel, Phantasie und Ehrgeiz wurden investiert, um Frankfurt zu einem legitimen Tanztheater zu verhelfen. Auf die Choreographen Herbert Freund und Walter Gore folgte im Sommer 1959 Frau Tatjana Gsovsky, die das Frankfurter Ballett seither schon mehrfach zu absoluter Leistung führte - in den "Sieben Todsünden" von Brecht und Weill etwa (mit Lotte Lenya als singender Anna I und Karin von Aroldingen als tanzender Anna II, 1960), in Henzes "Undine" (mit Joan Cadzow und Georg Volk, 1962) oder in Orffs "Carmina burana" (1963).

 

Das Schauspiel in der Börse

Beschwerlicher war der Weg des Schauspiels, denn ihm forderte der Börsensaal noch bis zum Herbst 1963 immer neue Kompromisse ab. Nur ein paar weitausladende Inszenierungen konnten in dem (jede Intimität ohnehin drosselnden) Großen Haus gezeigt werden. Hier schlug Harry Buckwitz - nachdem er mit dem "Guten Menschen von Sezuan" und dem "Kaukasischen Kreidekreis" in der Börse begonnen hatte - seine Schlachten für Brecht: mit der Uraufführung der "Gesichte der Simone Machard" und der Erstaufführung von "Schweyk im zweiten Weltkrieg", mit "Mutter Courage" und dem "Leben des Galilei"; hier setzte er sich für Anouilh ("Beckett") und Camus ("Der Belagerungszustand") wie für Schiller ("Die Räuber") und Büchner ("Dantons Tod") ein. Hier brachte Lothar Müthel seine großen Klassikerinszenierungen heraus: "Fiesco" und "Don Carlos", "Wallenstein", "Faust" und den "Prinzen von Hamburg". Hier führte Heinrich Koch, der 1956 anstelle des erkrankten Müthel neuer Schauspieldirektor wurde, die Tradition seines Vorgängers fort: mit "Othello" und "Coriolan" (in der Bearbeitung Brechts), mit "Maria Stuart" und "Penthesilea", mit "Hannibal" und "Herodes und Mariamne", hier brach er zugleich eine Lanze auch für die Modernen, für Ionescos "Nashörner" etwa, für Wilders "Alkestiade" und Dürrenmatts "Besuch der alten Dame". Hier triumphierten Gisela von Collande, Therese Giehse, Grete Mosheim und Lola Müthel, Arno Assmann, Hans Ernst Jäger, Hans Korte, Joachim Teege, Klausjürgen Wussow und Hans Dieter Zeidler.

Bewundernswert bleibt, welche Leistungen das Schauspiel gleichzeitig, trotz aller Hemmnisse, auch der "Kulturscheune", der "Breitwandspelunke" des Kleinen Hauses abgewann. Aus den ersten Jahren der Buckwitz-Ära haften am nachhaltigsten im Gedächtnis: seine eigene Inszenierung von Millers "Hexenjagd" und sein "Kiss me, Kate"-Ausflug ins Musical, ferner Anouilhs "Jeanne" und Strindbergs "Gespenstersonate" unter Lothar Müthels Regie, Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen", das Paul Verhoeven, und Sartres "Im Räderwerk", das Erwin Piscator herausbrachte, Shaws "Pygmalion" von Rudolf Noelte, und Frischs "Graf Oederland", von Fritz Kortner inszeniert. Mit der Zeit wurden die Verhältnisse immer drückender, die Arrangements immer verbrauchter, doch setzten beispielsweise die Buckwitz-Premieren neuer Werke von Frisch und Dürrenmatt ("Biedermann und die Brandstifter", "Andorra"; "Frank V.", "Die Physiker") und die Koch-Premieren neuentdeckter Werke von O'Neill und Claudel ("Ein Mond für die Beladenen", "Der Eismann kommt", "Seltsames Zwischenspiel"; "Mittagswende") auch in den späteren Jahren bedeutende Akzente. Ekkehard Grübler und Franz Mertz schufen die meisten Bühnenbilder; als namhafte Gäste waren H.W.Lenneweit und Teo Otto beteiligt.

 

Das II. Programm

Um auch die Industriearbeiter, die sich größtenteils abseits hielten, an das Theater heranzuführen, rief Harry Buckwitz sein "II. Programm" ins Leben. Das Startzeichen gab eine Aufführung von Warrens "Blut auf dem Mond" am 1.November 1956 im Casinosaal der Farbwerke Hoechst. Gastspiele in anderen Fabrikhallen und Werkskantinen folgten. Das Echo eines ebenso dankbaren wie aufgeschlossenen Publikums war außerordentlich ermutigend.

In freimütigen Diskussionen verlangten die Besucher immer wieder nach "schwerer Kost", nach Klassikern und Problemstücken. "Jetzt haben wir ein neues Gesprächsthema an der Werkbank", hieß das Resumee. Die allzu beschränkten Bühnenverhältnisse der Fabriksäle bedingten bald eine Verlegung der Aufführungsreihe ins Große und Kleine Haus. Seither bildet das "Theater für die Betriebe", vorwiegend mit geschlossenen Vorstellungen an Samstagnachmittagen, einen festen Bestandteil des Frankfurter Repertoires.

 

Das III. Programm

Auf die Initiative des Schauspieldirektors Heinrich Koch geht die Gründung des "III. Programms" zurück, das - seit Januar 1958, ursprünglich nur in Mitternachtsvorstellungen und Matineen, heute längst im regulären Abendspielplan ("außer Abonnement") - die jüngsten Werke der literarischen Avantgarde zur Diskussion stellt: Zeitnahes, Zeitnotwendiges, oft Unbekanntes, oft Umstrittenes, fast immer Problematisches; Becket und lonesco, Genet, Tardieu und Pinter gaben hier ihre ersten Visitenkarten ab; Hans Günter Michelsen wird in diesem III. Programm zu Beginn der Spielzeit 1965/66 bereits seine dritte Uraufführung erleben. Das Publikum nimmt an der Erprobung neuer Autoren, an dem Bemühen um neue Formen und neue Inhalte lebhaften Anteil.

 

 

Modell der Theater-Doppelanlage, die ab 1960 gebaut wurde

 

Die neue "Theaterinsel"

Zu vielseitiger künstlerischer Aktivität trug die Stadt durch den Bau zweier neuer Schauspielbühnen Rechnung. Am 13.November 1956 wurde die Arbeitsgemeinschaft Apel - Kuhnert - Ueter beauftragt, erste Planungen einzureichen; am 27. November 1958 genehmigten Magistrat und Stadtverordnetenversammlung das Projekt, das die Errichtung eines Schauspiels und eines Kammerspiels auf dem Gelände des ehemaligen Faustgartens, in unmittelbarer Anlehnung an das Große Haus, die künftige Oper, vorsah. Am 14. März 1960 begannen die Ausschachtungsarbeiten, am 7.Mai 1960 folgte die feierliche Grundsteinlegung.

Intendanz und Ensemble begrüßten diese Entscheidung mit dankbarem Aufatmen. Zwar wurde die Nervenkraft aller Beteiligten nochmals auf harte Proben gestellt; denn inmitten eines fast chaotischen Baulärms und ungeachtet der immer neuen technischen und organisatorischen Probleme, die zusätzlich bewältigt werden wollten, galt es, den geordneten Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Nach dreieinhalbjähriger Bauzeit aber war es geschafft, hatte ein achtzehnjähriges Nachkriegsprovisorium auf glanzvollste Weise sein Ende gefunden.

Mehr über den Theater-Neubau in der Serie.

In der Chronik der Städtischen Bühnen wird das Jahr 1963 für immer einen besonderen Ehrenplatz einnehmen: am 14.Dezember konnte das Schauspiel mit Goethes "Faust" (Regie Heinrich Koch), am 21.Dezember das Kammerspiel mit Wittlingers "Seelenwanderung" (Regie Ulrich Erfurth) festlich eröffnet werden. "An diesem Theaterbau hat ganz Frankfurt teilgenommen", sagte der damalige Oberbürgermeister Werner Bockelmann in seiner Eröffnungsansprache, "es ist das Werk einer Bürgerschaft, die in diesem Haus zu repräsentieren und sichtbar zu machen wünscht, daß nicht nur Geld und Politik das Leben bestimmen". Der Fernschreiber trug das Echo der Theatereröffnung in alle Winde; die Begeisterung über ein "aus heutigem Empfinden und nach heutigen Erfordernissen" war allgemein. "The Theater complex is already a source of great pride to the city", rühmte die "New York Times", "Frankfurt's cultural life vies with Berlin's an equal terms".

 

Inszenierungen von Rang

Seither ging in beiden Häusern eine Reihe aufsehenerregender Aufführungen in Szene, die weit über Frankfurt hinaus stärksten Widerhall fanden. Die eigenwillige "Hamlet"-Interpretation des Generalintendanten wurde beim Berliner Theaterwettbewerb 1965 preisgekrönt und nach Berlin geholt, Dürrenmatts "Romulus der Große" unter der Regie von Heinrich Koch als einziger deutscher Beitrag zu den Internationalen Festspielen Antwerpen entsandt, Gogols "Revisor", eine Inszenierung Franz Reicherts, bei einem Austauschgastspiel im Ostberliner Deutschen Theater herzlich gefeiert. Das Kammerspiel nahm 1964 mit Hofmanns "Bürgermeister" (Regie Günter Ballhausen) und 1965 mit Michelsens "Lappschiess" (Regie Heinrich Koch) an der Woche der Werkraumtheater in den Münchner Kammerspielen teil. Zu registrieren bleiben weiterhin zwei neue Brecht-Inszenierungen von Harry Buckwitz- "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" und "Die Dreigroschenoper", Claudels "Tausch" unter Heinrich Koch und Hochhuths "Stellvertreter" unter Imo Moszkowicz im Schauspiel sowie Sternheims "Tabula rasa" unter Hanskarl Zeiser, "Der König stirbt" von lonesco unter Jean-Pierre Ponnelle und Lorcas "Dona Rosita" unter Herbert Kreppel im Kammerspiel. Sehr positiv entwickelten sich schließlich auch die Besucherzahlen. Hatten sie sich zwischen 1953 und 1963 mit etwa 640000 bis 650000 Zuschauern annähernd konstant gehalten, so ist jetzt - bei einem Angebot von 2540 gegenüber vordem nur 1945 Plätzen pro Abend - ein nochmaliger Anstieg zu verzeichnen. Über 30 Prozent der ausgegebenen Karten und über 37 Prozent der laufenden Einnahmen entfallen auf Käufer an der Tageskasse.

 

 

Berichtszeitraum: 1965-68

 

Einschneidendstes Ereignis in der Entwicklung der Städtischen Bühnen ist der Intendantenwechsel vom 1.September 1968: auf Harry Buckwitz, der das Theater seit 1951 leitete, folgt Ulrich Erfurth.

Mit Harry Buckwitz scheiden einige der bisherigen Führungskräfte aus: Generalmusikdirektor Theodore Bloomfield, der Lovro von Matacic im Herbst 1966 als Operndirektor abgelöst hatte, amtierte nur bis Oktober 1967; Heinrich Koch, Schauspieldirektor seit 1956, und Kurt Klinger, Chefdramaturg seit 1964, verlassen Frankfurt Ende August 1968. An ihre Stelle treten Generalmusikdirektor Christoph von Dohnányi als Operndirektor, Dieter Reible als Oberspielleiter des Schauspiels und Dr.Peter Kleinschmidt als Chefdramaturg.

 

Neuaufbau und Verjüngung des Ensembles

Gleichzeitig beginnt ein systematischer Neuaufbau des Ensembles. Der Aderlaß der letzten Jahre war beträchtlich: die Oper verlor außer Wolfgang Rennert als Erstem Kapellmeister eine Reihe führender Solisten, die meist nur mit Teilverträgen ans Haus gebunden waren; vom Schauspielensemble gingen Lola Müthel, Carmen-Renate Köper, Renate Schroeter, Hans Dieter Zeidler, Hans Caninenberg und Michael Degen an andere Bühnen. Professor Erfurth gewann in relativ kurzer Anlaufzeit Dirigenten wie Robert Satanowski und Günter Wand, Sängerinnen wie Christine Deutekom und Urszula Koszut und Sänger wie Barry McDaniel, Wieslaw Ochmann, Kostas Paskalis, Alberto Remedios, Manfred Schenk und Bodo Schwanbeck für wichtige Aufgaben; im Schauspiel werden ab Herbst 1968 Elisabeth Flickenschildt, Andrea Dahmen, Anneliese Römer, Helmut Käutner, Peter Kollek, Horst Richter und andere neue Gesichter zu sehen sein. Besonderen Wert legt Ulrich Erfurth auf eine Verjüngung des Ensembles: innerhalb weniger Jahre hofft er aus begabtem Nachwuchs in Oper wie Schauspiel "hauseigene" Protagonisten heranbilden zu können.

Ein grundlegendes Revirement fand schließlich auch unter den Regisseuren statt: in der Oper werden sich Louis Erlo, Vaclav Kaslik, Friedrich Petzold, Filippo Sanjust und Paul Vasil, im Schauspiel - neben Dieter Reible - Jan Biczycki, Ulrich Brecht, Helmut Käutner, Jaromir Pleskot und Franz-Peter Wirth, im Kammerspiel Hans-Joachim Heyse, Wolfram Mehring und Hagen Mueller-Stahl mit wichtigen Inszenierungen vorstellen. Unter den Bühnenbildnern verließ Ekkehard Grübler, zuletzt Ausstattungschef des Schauspiels, Frankfurt; neu verpflichtet wurden Peter Heyduck, Filippo Sanjust und Josef Svoboda.

So sind die personellen Veränderungen zum 1.September 1968 erheblich: obwohl Ulrich Erfurth beliebte und verdiente Mitglieder der Städtischen Bühnen in großer Zahl an sich zu binden verstand, enthält das Ensembleverzeichnis für die Spielzeit 1968/69 neben vielen altvertrauten fast siebzig neue Namen.

Ein besonderes Verdienst am reibungslosen Übergang kommt dem Verwaltungsdirektor Willy Heinrich Hetzer zu, der in seiner Funktion als stellvertretender Generalintendant die wichtigste Brücke zwischen alter und neuer Ära bildet.

Verstorben sind in den letzten Jahren Franz Mertz, Bühnenbildner und Künstlerischer Beirat (23.1.1966), sowie die ehemaligen Mitglieder Ellen Daub (11.11.1965), Carl Luley (10.3.1966), Alexander Sander (18.10.1966), Anny Hannewald (21.2.1968) und John Gläser (27.5.1968).

 

Eindrucksvolle künstlerische Leistungen

Künstlerisch brachten auch die Jahre 1965 bis 1968 eine Fülle eindrucksvoller Höhepunkte:

In der Oper setzte Wieland Wagner, kurz vor seinem Tod, bedeutsame Akzente: mit Andre Cluytens am Pult und Wolfgang Windgassen, Anja Silja und Thomas Stewart in den Hauptpartien entrückte er Verdis "Othello" aus dem Bannkreis klassischer Eifersuchtstragödien ins düstere Archaische; im Verein mit Pierre Boulez und den Protagonisten Gerd Nienstedt, Anja Silja und Helmut Melchert interpretierte er Alban Bergs "Wozzeck" als "Ballade vom Hiob des vierten Standes". Walter Felsenstein kehrte mit einer meisterlich ziselierten Aufführung von Offenbachs "Ritter Blaubart", zu deren wichtigsten Stützen - neben dem Dirigenten Wolfgang Rennert und dem Bühnenbildner Rudolf Heinrich Anny Schlemm und Hermann Winkler gehörten, erstmals an das Theater zurück, aus dem ihn die braune Barbarei vor dreißig Jahren vertrieben hatte; sein Schüler Joachim Herz gewann Richard Wagners "Tannhäuser" als "tragischem Gegenbild zum Satyrspiel der Meistersinger" - zusammen mit Lovro von Matacic und den Hauptdarstellern Hans Hopf und Claire Watson - eine "neue Weise" ab. Bohumil Herlischka und Wolfgang Rennert siedelten Dimitri Schostakowitschs "Nase", unterstützt von Bühnenbildner Dominik Hartmann, im Grenzbereich zwischen Realität und Irrealität an; Ernst Gutstein sang und spielte einen virtuosen Kowaljoff. Harry Buckwitz und Günther Schneider-Siemssen blätterten in Webers "Freischütz", ironisch-amüsiert, wie in einem Bilderbuch aus der "guten alten Zeit"; Gundula Janowitz, Waldemar Kmentt und Heinz Hagenau brillierten in den Hauptpartien. Lovro von Matacic verabschiedete sich mit dieser Aufführung, die das Zweite Deutsche Fernsehen später in Farbe aufgezeichnet hat, von der Frankfurter Oper.

Theodore Bloomfield debütierte mit Mozarts "Cosi fan tutte", einfallsreich aufgezäumt von Otto Schenk und vergnüglich dargeboten von Gundula Janowitz, Renate Holm, Heinz Hoppe und Oskar Czerwenka. Zu Beginn der Spielzeit 1966/67 dirigierte er Verdis "Aida", die Bohumil Herlischka und Teo Otto von der "Patina historisierender Prachtentfaltung" befreit hatten; an der Spitze des Ensembles standen Daniza Mastilovic, Nikola Nikolov und Norman Mittelmann. Mit Benjamin Brittens "Albert Herring" - unter der musikalischen Leitung von Bloomfield und der Regie von Hans Neugebauer alternierten Cesare Curzi und Kjell Dahlström in der Titelpartie - folgte die Oper einer Einladung zu den Schwetzinger Festspielen. Kurz nach der Doppelpremiere von Luigi Dallapiccolas "Nachtflug" und Igor Strawinskys "Oedipus Rex", für deren szenische Realisierung Kurt Horres und Hein Heckroth verantwortlich zeichneten, sah sich Bloomfield, gravierender Differenzen mit dem Ensemble wegen, gezwungen, die Leitung der Oper niederzulegen.

Harry Buckwitz ließ in "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" von Kurt Weill und Bertolt Brecht noch einmal alle seine Inszenierungskünste erstrahlen; ein mitgerissenes Ensemble - voran Martha Mödl, Olive Moorefield, Charles O'Neill und der Dirigent Wolfgang Rennert - führte das Werk zu einem Publikumserfolg, wie er zeitnahen Opern sonst in Frankfurt kaum beschieden ist. Auch Verdis "Traviata" unter Rennert und Schenk wurde, nicht zuletzt dank der beiden Violettas Anja Silja und Sylvia Stahlmann, ein triumphaler Empfang zuteil. Mit den jüngsten Premieren eroberten sich drei seltener gespielte Werke die Gunst der Opernbesucher: in Rossinis "Cenerentola" reüssierten Gabor Ötvös, der dem Ensemble seit Herbst 1967 als Erster Kapellmeister angehört, Regisseur Leif Söderström, Bühnenbildner Ekkehard Grübler, Titelheldin Sylvia Anderson und Gasttenor Ugo Benelli; in Borodins "Fürsten Igor" - Hauptpartien Norman Mittelmann, Daniza Mastilovic, Leonardo Wolovsky - bewährte sich das tschechische Inszenierungsteam Rudolf Vasata, Ladislav Stros, Vladimir Nyvlt und Marcel Pokorny; "Fausts Verdammnis" von Hector Berlioz wurde unter dem Triumvirat Rennert, Neugebauer, Grübler zum spannungsgeladenen Schlußakkord der Spielzeit 1967/68; Michael Trimbel, Pari Samar, Richard Cross und lwan Rebroff teilten sich in die tragenden Partien.

Freunde der Operette applaudierten Neuinszenierungen des "Vogelhändlers" und der "Fledermaus"; Freunde des Balletts erfreute Todd Bolender, der 1966 an Tatjana Gsovskys Stelle trat, mit unkonventionellen Choreographien: von einer graziösen "Donizettiana" reicht ihr Bogen bis zum abstrakten "Time Cycle" von Lukas Foss und von Adolphe Adams schwermütiger "Giselle" bis zu Samuel Barbers satirischen "Souvenirs". Hein Heckroth entwarf kongeniale Ausstattungen; Heidrun Schwaarz, Bill Earl und Georg Volk taten sich als Solisten hervor.

Im Schauspiel setzte Harry Buckwitz seinen Brecht-Zyklus fort: mit der "Dreigroschenoper", dem "Hofmeister" und "Herrn Puntila und seinem Knecht Matti". Bühnenbildner waren Teo Otto und Hainer Hill; den Mackie Messer spielte Hans Korte, die Polly Karin Hübner, den Hofmeister Werner Dahms, den Puntila Hans Dieter Zeidler und den Matti Peter Kuiper. Insgesamt gingen während der "Ära Harry Buckwitz" fünfzehn Werke Brechts in Szene; elf davon inszenierte der Hausherr selbst. Im Foyer erinnert eine Tafel, die zugleich mit der Brecht-Büste von Gustav Seitz am siebzigsten Geburtstag des Dichters enthüllt wurde, an dieses konsequente Eintreten für ein Oeuvre, das sich von Frankfurt aus das westdeutsche und das westeuropäische Theater erobert hat.

Überhaupt hielt Harry Buckwitz, so gern er die soziale Situation armer Teufel zwischendrin - mit Kleists "Zerbrochenem Krug" - auch einmal im heiteren Genre ausleuchtete, zunehmend Kurs auf das politische Theater. Schon Shakespeares "Hamlet", mit dem die Städtischen Bühnen beim Berliner Theatertreffen 1966 gastierten, geriet ihm zu einem Spiel um die Macht: gegen die etablierte Herrschaftsschicht hinter Siegfried Wischnewskis König Claudius, einem skrupellosen Routinier der Staatsräson, empörte sich eine nachrückende Generation moralischer Eiferer und Provokateure vom Schlage des ungestümen Titelhelden Michael Degen. Die deutsche Erstaufführung des "Schwarzen Fischs" von Armand Gatti bedeutete hernach einen neuerlichen Versuch, extreme Möglichkeiten politischen Kalküls abzutasten - diesmal im Duell zwischen Tsin, dem Erbauer der chinesischen Mauer, der reale Macht mit dem Mythos der Macht umkleidet, und Tan, dem humaneren Feudalherrn, dessen Händen alle Macht entgleitet; Hans Dieter Zeidler und A. Michael Rueffer waren markante Pole eines figurenreichen Tableaus. Den folgerichtigen Schlußstein setzte Harry Buckwitz mit der Uraufführung des "Viet Nam Diskurses" von Peter Weiss: hier wurde die politische zur "dokumentarischen" Dramatik, das Theater zum parteilichen Informationszentrum. Am Premierenabend erzwangen Mitglieder des SDS, unter Vietkong-Fahnen, eine öffentliche Diskussion, Professor Jürgen Habermas leitete sie.

Das eigentliche Abschiedsgeschenk des Generalintendanten aber war die deutsche Erstaufführung von Max Frischs "Biografie", die bei Autor, Publikum und Presse stärksten Widerhall fand. Mit Peter Schütte, Carmen-Renate Köper und A. Michael Rueffer gelang Harry Buckwitz, der Frankfurt als Gastregisseur erhalten bleibt, noch einmal eine Inszenierung von bestechender Klarheit und höchster Subtilität.

Schauspieldirektor Heinrich Koch ließ seinen früheren O'Neill-Inszenierungen die Atriden-Trilogie "Trauer muß Elektra tragen" folgen; Lola Müthel, Carmen-Renate Köper, Michael Degen und Hannsgeorg Laubenthal bildeten das homogene Quartett der Hauptdarsteller. Die Aufführung reiste - kurz bevor Behörden der DDR weitere Austauschgastspiele unterbanden - auch nach Leipzig, wo sie mit beinahe erschütternder Herzlichkeit gefeiert wurde. "Wiederkommen, wiederkommen!" riefen die Besucher am Schluß. Doch noch ergab sich, trotz aller Bereitschaft der Städtischen Bühnen, keine Gelegenheit zum Wiederkommen.

Frankfurt hat Heinrich Koch des weiteren eine Reihe eindrucksvoller Klassiker-Aufführungen zu verdanken: mit Michael Degen und Hans Dieter Zeidler inszenierte er im Bühnenbild von Hein Heckroth Kleists "Prinzen Friedrich von Homburg", mit Werner Hinz, Michael Degen und Johanna Wichmann im Bühnenbild von Ekkehard Grübler Schillers "Don Carlos" - eine Aufführung, die als bisher letztes Austauschgastspiel auch in Ostberlin gezeigt wurde -, mit Carmen-Renate Köper, Wolfgang Hinze und Hannsgeorg Laubenthal im Bühnenbild von Rudolf Küfner Goethes "Iphigenie auf Tauris".

Neben den Klassikern standen junge deutsche Autoren: mit der Uraufführung der "Spielverderber" bot Heinrich Koch dem Nachwuchsdramatiker Michael Ende, mit der Uraufführung des "Heim" dem in Frankfurt schon mehrfach geförderten Hans Günter Michelsen wichtige Chancen der Erprobung.

Eine dritte Uraufführung, inszeniert von Joachim Fontheim, galt Hartmut Langes Erstling "Marski". Die Begabung dieses Autors erwies sich, zumal im Sprachlichen, als so evident, daß Professor Erfurth ihn bereits mit einer Neuübersetzung von Shakespeares "Richard II." - Premiere März 1969 - beauftragt hat. Unter den Gastinszenierungen im Schauspiel verdienen drei besondere Beachtung: Otto Tausig brachte Ben Jonsons "Volpone" als komödiantische Abschiedsvorstellung für Hans Dieter Zeidler und Michael Degen heraus; mit "Des Teufels General" unter der Regie von Helmut Käutner - Harras Hannsgeorg Laubenthal ehrten die Städtischen Bühnen Carl Zuckmayer anläßlich seines siebzigsten Geburtstags; mit "Purpurstaub" - Inszenierung Hans Bauer, Hauptrolle Albert Hoerrmann - hielt Sean O'Casey Einzug ins neue Haus.

Dieter Reible, der künftige Oberspielleiter, gab erste Visitenkarten im Kammerspiel ab: in Ionescos "Hunger und Durst", Pinters "Hausmeister", Vians "Alle in die Grube" und Bowens "Nach der Flut" erwies er sich als ebenso einfallsreicher wie disziplinierter, ebenso klardenkender wie phantasiebegabter Regisseur. Mit Hochhuts "Soldaten", die Franz Kutschera die Paraderolle des englischen Premierministers boten, und Tom Stoppards Hamletparaphrase "Rosenkranz und Güldenstern sind tot", in der Joachim Böse und der neuverpflichtete Peter Kollek ausgefeilte Charakterstudien zeigten, übersiedelte er ins Schauspiel, wo er jetzt, als Auftakt der Spielzeit 1968/69, Goethes "Götz von Berlichingen" vorbereitet.

Abwechslungsreich und in besonderem Maß dem Neuen aufgeschlossen war und ist das Repertoire des Kammerspiels. Hier präsentierte Heinrich Koch das "Empfindliche Gleichgewicht" Edward Albees; hier stellte Herbert Kreppel mit dem "Duft von Blumen" James Saunders, mit "Seeluft" und dem "Unbekannten General" Rene de Obaldia vor; hier verwandte sich Ulrich Hoffmann mit der Uraufführung des "Schilderhauses" für Jacques Audiberti, mit "Tango" für Slawomir Mrozek und mit der "Großaufnahme für zwei" für Charles Nolte; hier schlugen sich Hesso Huber und Georg Wildhagen mit "Seid nett zu Mr. Sloane" und "Beute" für Joe Orton. Hier behauptete auch die Avantgarde von gestern aufs neue ihren Rang: Stavros Doufexis unterstrich mit "Warten auf Godot" die epochale Bedeutung Samuel Becketts, Hans Bauer sicherte Frankfurt mit John Osbornes "Blick zurück im Zorn" eine Einladung zum Berliner Theatertreffen 1967. Und hier fehlten schließlich, zur Auflockerung, auch die heiteren Glanzlichter nicht: Otto Tausig brillierte mit Nestroys "Talisman", Ulrich Hoffmann mit dem "Spiel von der Liebe und vom Zufall" des Pierre Marivaux, Rudolf Wessely mit Molieres "Geizigem", der dank Joseph Offenbachs Harpagon ein wahres "Kabinettstück" wurde.

 

Ausstellungen und Gastspiele

Zusätzliche Attraktionen schufen sich die Städtischen Bühnen einmal mit gelegentlichen Ausstellungen im Foyer, zum anderen durch Gastspiele prominenter Ensembles.

Unter den Ausstellungen der letzten Jahre begegneten stärkstem Interesse: "Hamlet auf der englischen Bühne", eine umfassende Dokumentation des britischen Theaterwissenschaftlers Harry R. Beard, "Theaterplakate aus Warschau", eine instruktive Auswahl, die die Städtischen Bühnen gemeinsam mit der Büchergilde Gutenberg zusammengetragen hatten, "Zehn Bühnenbildner aus Großbritannien", eine Sammlung imposanter Originalentwürfe, die The British Council freundlich beschafft hatte, "Brecht auf deutschen Bühnen", ein weit ausholender Rechenschaftsbericht, den das Auswärtige Amt inzwischen für London, Rom und andere Theatermetropolen übernahm, und "Der Maler Teo Otto" eine Ausstellung, die Teo Otto am 7.Juni 1968, zwei Tage vor seinem Tod, noch selbst eröffnet hat. Für die Gastspiele fremder Ensembles, die ursprünglich fast nur als Spätvorstellungen an Samstagabenden angesetzt werden konnten, ergaben sich mit Einführung des spielfreien Tags in der Oper neue Möglichkeiten. Sie wurden, im Sinne einer Bereicherung des Angebots, weitestgehend genutzt. So kamen seit 1965 unter anderem namhafte Schauspieltruppen aus Athen, Berlin, Bristol, London, Mailand, Paris, Prag, Tokio, Wien und Zürich, hervorragende Tanzgruppen aus Belgrad, Guinea, Israel, Kopenhagen, Madrid, New York, Nigeria, Prag, Senegal, Stockholm und Wien und beliebte Solisten wie Marcel Marceau, Samy Molcho, Dimitri, Gilbert Becaud, Juliette Greco und Belina und Behrend nach Frankfurt. Große Beachtung fand auch der Zyklus "Meisterkonzerte in der Oper", den die Städtischen Bühnen zusammen mit der Konzertdirektion Hans Schlote, Salzburg, veranstalteten.

Die Städtischen Bühnen selbst mußten im Gegensatz zu früheren Jahren auf repräsentative Gastspielreisen, der damit verbundenen Kosten wegen, verzichten. Eine aussichtsreiche Zusammenarbeit ergab sich hingegen mit den Farbwerken Hoechst: nachdem die Bühne der Jahrhunderthalle verbessert ist, werden Oper und Schauspiel dort weit häufiger als bisher zu Gaste sein. Auch am Höchster Schloßfest haben sich die Städtischen Bühnen bereits 1966 und 1968 mit eigenen Aufführungen beteiligt.

 

Theaterbesuch und bauliche Veränderungen

Der Besuch des Theaters ist, gemessen an dem vergleichbarer Bühnen, noch immer sehr gut; leichte Ausschläge der rückläufigen Tendenz, die anderen Häusern schwer zu schaffen macht, lassen sich allerdings auch in Frankfurt nicht leugnen. Wurden in der Spielzeit 1964/65 noch 778334 Zuschauer in 975 Vorstellungen gezählt, so waren es ein Jahr darauf nur 723859 Zuschauer in 990 Vorstellungen; die Platzausnutzung sank von 89 auf 85,3 Prozent. Mindereinnahmen ergaben sich trotzdem nicht, da die Eintrittspreise im Sommer 1965 erhöht worden waren. In der folgenden Spielzeit 1966/67 suchte die Intendanz dem Besucherrückgang durch eine weiter gesteigerte Vorstellungszahl entgegenzuwirken: zu 1023 Aufführungen kamen 730291 Besucher, also 6432 mehr als im Jahr zuvor; die durchschnittliche Platzausnutzung betrug 84,4 Prozent. Für 1967/68 liegen noch keine Vergleichszahlen vor; im Frühsommer taten Demonstrationen der außerparlamentarischen Opposition - mehrfach drangen Demonstranten ins Theater ein, einmal mußte eine Vorstellung abgesagt werden- dem Besuch vorübergehend Abbruch.

Bauliche Veränderungen erlaubte die angespannte Finanzlage nur in sehr beschränktem Umfang. Das Beleuchtungsstellwerk der Oper, das noch aus dem Jahre 1932 stammt (nach dem Kriege wurde es aus den Ruinen des alten Opernhauses ausgegraben), befand sich in einem so bedenklichen Zustand, daß die Betriebssicherheit nicht mehr gewährleistet schien. Da eine neue Anlage zwei bis drei Millionen DM erfordern würde, kam zunächst nur eine umfassende Instandsetzung des überalterten Stellwerks infrage; sie wurde während der Theaterferien durchgeführt. Ähnlich verhält es sich mit der abgenutzten Bestuhlung der Oper: nachfühlbaren Klagen des Publikums wurde vorerst mit der Ausbesserung von fünfhundert Sitzen begegnet.

 

 

Berichtszeitraum: 1969-72

 

Der Zeitraum dieses Verwaltungsberichts umfaßt gerade die Jahre der Generalintendanz Ulrich Erfurth: am 1. September 1968 trat Prof. Erfurth die Nachfolge von Harry Buckwitz an, im August 1972, nach Auslaufen seines Vertrages, wurde die Position eines Generalintendanten abgeschafft. Seither leitet Generalmusikdirektor Christoph von Dohnányi als Operndirektor das Musiktheater, während an der Spitze des Schauspiels ein Dreier-Direktorium steht; Mitglieder dieses Direktoriums sind Regisseur Peter Palitzsch und Bühnenbildner Klaus Gelhaar, beide nach Zustimmung des Ensembles vom Magistrat berufen sowie der von der Ensemble-Vollversammlung gewählte Schauspieler Peter Danzeisen, Verwaltung und Technik wurden - unter Ulrich Schwab, dem Nachfolger des 1972 pensionierten Verwaltungsdirektors Willy H.Hetzer, und dem Technischen Direktor M.von Vequel-Westernach - selbständige Sparten.

Oper und Ballett

Die Oper, seinerzeit von den Auseinandersetzungen um den ausgeschiedenen GMD in Mitleidenschaft gezogen, verzeichnet unter dessen Nachfolger Christoph von Dohnányi seit Herbst 1968 einen steilen künstlerischen Wiederaufstieg. Das Ensemble konsolidierte sich. Zu den bereits im letzten Verwaltungsbericht erwähnten Neuverpflichtungen kamen während der folgenden Jahre hinzu: die Dirigenten Klauspeter Seibel, Peter Schrottner und (gastweise) Hans Löwlein, die Gastregisseure Oscar Fritz Schuh, Rudolf Steinboeck und Otto Schenk, die Solisten June Card, Antigone Sgourda, Eduardo Alvares, William Cochran und andere. Der Spielplan erhielt klares Profil: auf der einen Seite wurden die „Klassiker der Moderne" erstmals fest ins Repertoire einbezogen - Schönbergs „Moses und Aron", Bergs „Wozzeck" und „Lulu" gehören heute schon (fast) ebenso zu den Frankfurter Standardwerken wie Verdis „Rigoletto" oder Puccinis „Turandot"; auf der anderen Seite wurde das klassische Repertoire durch wichtige Neueinstudierungen — von Wagners „Lohengrin" etwa, Glucks „Orpheus und Eurydike", Mozarts „Zauberflöte" - ergänzt und um seltenere Werke — wie Cherubinis „Medea"oder Debussys „Pelléas et Mélisande" - bereichert. Die Aufführungen fanden bald auch außerhalb Frankfurts neue Beachtung. „Jetzt ist es für den Mozart-Freund nicht mehr nötig, nach Salzburg zu fahren, um einen festspielreifen 'Don Giovanni' zu erleben -er kann ihn in Frankfurts Großem Haus häufiger und weit besser zugleich hören", meldete die Süddeutsche Zeitung schon im Jahre 1969. Rasch kamen wieder ehrenvolle Einladungen aus dem Ausland. Mit Prokofieffs „Feurigem Engel" wurde das Opernensemble z.B. bei den Züricher Junifestwochen 1969 und beim Edinburgh Festival 1970 stürmisch gefeiert. Die Neue Zürcher Zeitung bestätigte „die hervorragende Disposition des Orchesters unter der zugleich beherrschten und impulsiven, klug disponierenden und kraftvoll führenden Leitung von Christoph von Dohnányi" und die ausgezeichneten Leistungen des Ensembles mit der „fast unersetzlichen" Anja Silja als Renata; die englische Presse rühmte die Aufführung als "a skilful production, convincing and imposing", attestierte Dohnányi "great spirit und fine vitality", rühmte Anja Silja als "ideal exponent und compelling figure", als "magnificent und indeed memorable" und ihre Partner als "colourful, outstanding and splendid". Als außerordentlich glückliches Engagement erwies sich - ab Herbst 1969 - auch die Verpflichtung des jungen Ballettdirektors John Neumeier. Schon seine erste Neuinszenierung, Strawinskys „Feuervogel", ließ aufhorchen; nach dem zweiten Abend - mit Prokofieffs „Romeo und Julia" - stand fest: dies „ist der Anfang eines großen Aufschwungs " (SFB), „mancher Augenblick verschlägt einem förmlich den Atem" (Abendzeitung, München), „man sieht ringsum Tänzer, die auf sich und ihre Zukunft neugierig machen - mit dieser Aufführung hat sie begonnen" (Die Welt). Zu den wichtigsten Solisten, die Neumeier nach Frankfurt folgten, gehören Marianne Kruuse, Persephone Samaropoulo, Maximo Barra, Truman Finney, Max Midinet u.a. Die nächsten Produktionen - Tschaikowskys „Nußknacker", Strawinskys „Kuß der Fee", Ravels „Daphnis und Chloë" - festigten den neugewonnenen Ruf: Frankfurt, resümierte Klaus Geitel, „drängt die Produktionen der sogenannten Ballettmetropolen entschieden aufs Altenteil". Neumeiers Hiersein, ergänzte Horst Koegler, „dürfte sich eines Tages als die zukunftsträchtigste Investition erweisen, die Amerika dem deutschen Ballett je geleistet hat". Die jüngste Novität, der Kammerballett-Abend „Bilder I,II, III", wurde auch beim Gastspiel in der Oper unserer Partnerstadt Lyon "un triomphe pour le choréographie et ses danseurs": als "une soirée extraordinairement théâtrale, très belle, excitante, raffinée.

Schauspiel

Schwieriger lagen die Verhältnisse beim Schauspiel. Hier begann der ebenso talentierte wie ambitionierte junge Oberspielleiter Dieter Reible mit einigen interessanten Inszenierungen: von Goethes „Götz von Berlichingen" bis zu Adriens „Sonntags am Meer"; insgesamt aber gelang es - schon infolge teilweise umstrittener Neuengagements und Spielplan-Dispositionen - nicht, vollen Anschluß an das Schauspielniveau der Buckwitz-Ära zu gewinnen. Sachliche und persönliche Spannungen innerhalb des Leitungsteams wie zu großen Teilen des Ensembles kamen hinzu und führten schließlich, im Sommer 1970, zu vorzeitiger Trennung. Als Schauspieldirektor engagierte Ulrich Erfurth daraufhin Richard Münch, zu dem Günter Grass als künstlerischer Berater stieß. Leider blieb auch dieser Anlauf im Experimentierfeld stecken. Zwischen Erfurth und Münch, beide noch in der Gründgens-Tradition verwurzelt, einerseits und Grass, dem an neuen Arbeitsweisen und neuen Strukturen Interessierten, auf der anderen Seite gab es weniger Berührungspunkte, als ursprünglich erhofft; nach zehn Monaten sporadisch-intensiver Vorarbeiten zog Günter Grass sich vom Theater zurück; ein halbes Jahr später löste auch Richard Münch seinen Vertrag, übernahm Ulrich Erfurth selbst die Leitung des Schauspiels. Stärker noch als zuvor suchte er sich jetzt auf prominente Gäste (Dieter Borsche, Otto Rouvel, Hermann Schomberg, Peter Schütte u.a.) zu stützen, um die Zeit bis zum Antritt des neuen Direktoriums möglichst publikumswirksam zu überbrücken. Als profilierteste Aufführungen dieser Jahre haften in der Erinnerung: aus dem Kammerspiel-Repertoire van Itallies „Amerika, hurra!", Regie Wolfram Mehring; Sperrs „Landshuter Erzählungen", Regie Dieter Reible; Pinters „Kollektion", Regie Jochen Neuhaus, und Gustafssons „Nächtliche Huldigung", Regie Horst Siede; dazu an Schauspielproduktionen Macoureks „Susannchenspiel", dessen deutsche Erstaufführung das tschechische Regieteam Jaromir Pleskot/Josef Svoboda herausbrachte, und Sartres „Troerinnen des Euripides", von Ulrich Erfurth selbst inszeniert.

Strukturelle Veränderungen

Im August 1972 hatte die Umstrukturierung auch ein großes personelles Revirement zur Folge. Neben Peter Palitzsch traten Hans Neuenfels, Valentin Jeker und (gastweise) Klaus Michael Grüber als Regisseure; die Dramaturgie wurde mit Jürgen Fischer, Horst Laube, Helmut Postel und Jörg Wehmeier besetzt, die Ausstattung mit A. Christian Steiof und Dirk von Bodisco neben Klaus Gelhaar. Zu den wichtigsten Schauspieler-Neuengagements gehören Ingeborg Engelmann, Elisabeth Schwarz, Elisabeth Trissenaar, Traugott Buhre, Ernst Jacobi, Peter Roggisch und viele andere. Zu neuen Ehrenmitgliedern der Städtischen Bühnen wurden ernannt: 1968 Harry Buckwitz und Heinrich Koch, 1972 Anita Mey. Verstorben sind in den letzten Jahren Hein Heckroth (6.7.1970), Joachim Böse (23.4.1971), Hannsgeorg Laubenthal (13.7.1971), Annon Lee Silver (28.7. 1971) und Ernst Kozub (27.12.1971) sowie die früheren Mitglieder Rudolf Gonszar, Karl Klauss, Joseph Offenbach, Wolfgang Schirlitz und Christian Schmieder.
Der Rückgang der Besucherzahlen setzte sich, wie in anderen Theaterstädten, leider fort. Wurden zur Zeit des vorangegangenen Verwaltungsberichts - für die letzte Buckwitz-Spielzeit 1967/68 — noch 680550 Zuschauer in 999 Vorstellungen gezählt, so verringerte sich dieses Ergebnis über 648963 in 979 Vorstellungen (1968/69), 601 063 in 935 Vorstellungen (1969/70) und 582153 in 916 Vorstellungen (1970/71) auf 554551 Zuschauer in 920 Vorstellungen während der Spielzeit 1971/72; die durchschnittliche Platzausnutzung sank von 80,2 auf 72,5 Prozent. Der Rückgang betraf Oper und Schauspiel fast gleichermaßen; nur im Kammerspiel verlief die Entwicklung teilweise günstiger. An baulichen Veränderungen sind vor allem der Einbau einer neuen Bühnenbeleuchtungsanlage in der Oper und - damit zusammenhängend - die Erweiterung des Orchestergrabens zu registrieren.

Erweiterte Mitbestimmung

Breiten Raum beanspruchte während der letzten Jahre die innerbetriebliche Diskussion über Fragen der erweiterten Mitbestimmung. Ergebnis vieler Vorgespräche war schließlich eine erste „Vereinbarung über die erweiterte Mitbestimmung im künstlerischen Bereich der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main", die am 13.Juli 1970 zwischen dem Magistrat und den Mitgliedern der Städtischen Bühnen abgeschlossen wurde (Magistratsbeschluß Nr. 1437). Sie verfolgte das „erklärte Ziel, alle bisher zu wenig genutzten künstlerischen Reserven zu mobilisieren"; „durch das Abwägen wechselseitiger Vorschläge und Bedenken" sollte ,,die gesamte künstlerische Planung durchschaubarer und effektiver" werden. Ein neugebildeter Künstlerischer Beirat erhielt „das Recht der innerbetrieblichen Mitwirkung bei allen wichtigen Fragen" (insbesondere Spielplan- und Engagementsfragen) und „das Recht der Mitberatung bei Änderung der Theaterstruktur, Intendantenwahl und - soweit rechtlich möglich - bei der Wahl der künstlerischen und technischen Vorstände". Am 13.Oktober 1970 stellte Oberbürgermeister Walter Möller den Künstlerischen Beirat in einer Ensemble-Versammlung, an der auch Vertreter der städtischen Körperschaften und der Presse teilnahmen, vor. Nach zweijähriger Laufzeit sollte die erste „Vereinbarung" aufgrund der bis dahin gesammelten Erfahrungen überarbeitet werden. Die Oper kam dabei zu einer Modifizierung jenes Papiers; beim Schauspiel erlaubte schon die neue Theaterstruktur eine Neufassung mit noch größeren Vollmachten für das Ensemble. Diese zweite „Vereinbarung über die erweiterte Mitbestimmung im künstlerischen Bereich des Schauspiels" wurde in mehreren Ensemble-Versammlungen konzipiert, schließlich einstimmig angenommen und soeben auch von den städtischen Körperschaften verabschiedet. Sie hat folgenden Wortlaut:

Vollversammlung, Künstlerischer Beirat, Direktorium

Die Vollversammlung besteht aus allen im künstlerischen Bereich Schauspiel nach Normalvertrag-Solo Beschäftigten. Der Künstlerische Beirat setzt sich aus Vertretern folgender Gruppen zusammen: Schauspieler, Regisseure, Regieassistenten, -Volontäre und -Praktikanten, Dramaturgen und Hauskomponisten, Bühnen- und Kostümbildner sowie deren Assistenten, Inspizienten und Souffleusen. Jede Gruppe innerhalb der Vollversammlung wählt ihre Vertreter entsprechend ihrer zahlenmäßigen Stärke (bis zu 10 Mitgliedern ein Vertreter). Der Künstlerische Beirat ist an Beschlüsse der Vollversammlung gebunden und ihr gegenüber zur Information verpflichtet. Die Vollversammlung kann dem Künstlerischen Beirat oder einzelnen Mitgliedern nur mit 2/3 ihrer Mitglieder das Mißtrauen aussprechen. Die Neuwahl hat innerhalb acht Tagen zu erfolgen. Die künstlerische Leitung des Schauspiels liegt bei einem Dreier-Direktorium: Je einem vom Magistrat berufenen Regisseur (Dramaturgen) und Bühnenbildner, die nicht Mitglieder des Künstlerischen Beirats sein dürfen sowie einem von der Vollversammlung aus dem Künstlerischen Beirat zu wählenden Schauspieler. Die Neuberufung eines Direktoriumsmitgliedes durch den Magistrat bedarf der Zustimmung durch die Vollversammlung mit der Mehrheit ihrer Mitglieder. Kommt keine Einigung zwischen Magistrat und Vollversammlung über die Neuberufung eines Direktoriumsmitgliedes zustande, entscheidet eine Einigungsstelle, die nach dem Vorbild der HPVG aus drei Magistratsmitgliedern und drei Vertretern der Vollversammlung und einem neutralen Vorsitzendem zusammengesetzt wird. Die Entscheidung dieser Einigungsstelle ist endgültig. Das gewählte Direktoriumsmitglied ist an die Beschlüsse des Künstlerischen Beirates gebunden, soweit dem anderweitige Vorschriften nicht entgegenstehen, und diesem gegenüber zur Information verpflichtet. Verbindliche Erklärungen des Schauspieldirektoriums sind nur wirksam, wenn sie von mindestens zweien seiner Mitglieder getragen werden.

 
Quelle: Jahresberichte der Stadt Frankfurt 1945-72
frankfurt baut auf