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Frankfurt hat in der Frühgeschichte des deutschen
Radsportes eine bedeutende Rolle gespielt. Die Wettkämpfe im
Saal des Palmengartens und die ersten Straßenrennen waren
für die begeisterten Anhänger von Hoch- und Niederrädern
Sensationen, die in der ganzen Welt beachtet wurden. Als dann um
die Jahrhundertwende der Kraftwagen in den Vordergrund trat, waren
es wieder Frankfurter, die sich als Pioniere dieses neuen Sportes
hervortaten. Die ersten Autorennen, die bescheidenen Wettfahrten
auf Landstraßen, dann die Feldberg-Rennen um den Prinz-Heinrich-Preis
wurden vom Frankfurter Automobilclub organisiert, der bereits 1899
gegründet worden war. In beiden Sportarten trat ein Mann als
Aktiver wie als Produzent hervor, dessen Name auch mit der Geschichte
des deutschen Schreibmaschinenbaus eng verknüpft ist: Heinrich
Kleyer, der Gründer der Adlerwerke, ein Sport- und Wirtschaftspionier
von ungewöhnlichem Format. An jene längst vergangenen
Dinge und die Leistungen dieses Kommerzienrates muß man sich
erinnern, wenn man das Nachkriegsschicksal seines Lebenswerkes,
der ADLERWERKE vorm. HEINRICH KLEYER AKTIENGESELLSCHAFT,
ermessen will. Die "Adler 7" war eine der bekanntesten
deutschen Schreibmaschinen, unverwüstlich und unbedingt zuverlässig.
90% des Gesamtumsatzes der Adlerwerke entfielen aber vor dem zweiten
Weltkrieg auf den Automobilbau. Der "Adler Trumpf" galt
als einer der besten deutschen Wagen.
Fast zwei Drittel der Frankfurter Werksanlagen
wurden durch den Bombenkrieg vernichtet. Die Filialbetriebe Breslau,
Kattowitz und Königsberg gingen durch die Abtrennung der deutschen
Ostgebiete verloren, die Filiale Leipzig verfiel der Enteignung.
Die Vermögenseinbußen betrugen fast das Dreifache des
Grundkapitals der Gesellschaft. Die amerikanische Besatzungsmacht
beschlagnahmte einen Teil der Frankfurter Anlagen, das heutige Werk
III, und richtete sich dort für viele Jahre ein. Ebenso verfielen
alle noch erhaltenen Werkzeugmaschinen und Fabrikationseinrichtungen
des Automobilbaues der Beschlagnahme und durften nicht benutzt werden.
Bis zum Sommer 1948 durfte man noch hoffen, daß es gelingen
werde, ihre Freigabe zu erreichen. Im Jahre 1949 mußten jedoch
1136 hochwertige Werkzeugmaschinen und die gesamte sonstige Einrichtung
für den Automobilbau als Reparationsleistung abgeliefert werden.
Damit erreichten die Kriegs- und Demontageschäden des Unternehmens
einen Gesamtwert von 80 Millionen DM, für den eine Entschädigung
bis zur Stunde noch aussteht. Die Stillegung der Automobilfabrik
hatte die Aufgabe von Niederlassungen und Filialbetrieben sowie
die Entlassung von Mitarbeitern zur Folge.
Foto:Reesch
Ein Bild, was es nach dem Krieg nicht mehr
gab: Eine Verkaufsstelle für Adler-Automobile in der Neuen
Mainzer Strasse, ca 1932
Dennoch haben die Adlerwerke diesen schweren Aderlaß
überstanden. Ja, die Umstellung des Grundkapitals von 18 Millionen
RM auf 15 Millionen DM scheint der Annahme zu widersprechen, daß
die Folgen des Krieges jemals die Weiterexistenz des Unternehmens
in Frage gestellt haben. Und doch war sein Schicksal lange Zeit
ungewiß, und die Meisterung der damit aufgeworfenen Probleme
darf man getrost als eine ebenso schwierige wie erstaunliche Leistung
bezeichnen. Vor der Währungsreform mußte man sich zunächst
mit Aufräumungsarbeiten und einer notdürftigen Instandsetzung
der erhaltenen und nicht beschlagnahmten Betriebsräume begnügen.
Ausgelagerte Betriebsabteilungen kehrten nach Frankfurt zurück.
Die Reparatur von Kraftfahrzeugen und die Wiederaufnahme der Produktion
von Fahrrädern, Schreibmaschinen und Automobilersatzteilen
brachten ausreichende Beschäftigung für die noch vorhandene
Belegschaft. Bis zum 31. Dezember 1949 war sie wieder auf 3369 Personen
angewachsen. Inzwischen hatte man sich nach dem endgültigen
Verlust der Automobilfabrik zu einer grundlegenden Änderung
des Arbeitsprogrammes entschlossen, Es sollte nun nach drei Richtungen
hin neu entwickelt werden: Büromaschinen, Motorräder und
Werkzeugmaschinenbau. Mutig betrat man Neuland. Bei den Schreibmaschinen
gab man das bisherige Stoßstangensystem, das Kennzeichen der
"Adler 7", auf und ging zum Schwinghebel über. Außerdem
wurde nun die Produktion weiterer Büromaschinen vorbereitet.
Ein Klein-Motorrad, das Modell M 100, war im Herbst 1949 produktionsreif
und konnte seitdem serienmäßig gefertigt werden. Auf
dem Gebiet des Getriebebaus besaßen die Adlerwerke langjährige
Erfahrungen und entsprechende Einrichtungen. So kehrte man zu diesem
früher erfolgreichen Arbeitsgebiet zurück und begann mit
der Herstellung von Zahnrädern, Getrieben, Kupplungen und Zubehörteilen
für Werkzeugmaschinen. Der nächste Schritt war der Aufbau
einer Werkzeugmaschinenfabrik im Zusammengehen mit drei angesehenen
Werkzeugmaschinenfabriken, die infolge des Krieges ihre eigenen
Produktionsstätten eingebüßt hatten. Dies geschah
insbesondere auch auf eine Empfehlung der damaligen Verwaltung für
Wirtschaft und des hessischen Wirtschaftsministeriums, um im Werkzeugmaschinenbau
entstandene Lücken auszugleichen.
Am 16. Dezember 1949 wurde das neue Unternehmen,
die Vereinigten Werkzeugmaschinenfabriken
Aktiengesellschaft -VWF- gemeinsam mit den Firmen Billeter
& Klunz, früher in Aschersieben, Wetzel-Union, vordem in
Gera, und Arno Plauert aus Waarnsdorf im Sudetenland gegründet.
Das Aktienkapital betrug bei der Gründung 1 Million DM (1950
erhöht auf 5 Millionen DM), wovon die Adlerwerke 87% übernahmen.
Der Rest entfiel auf die Mitgründerfirmen. Die Adlerwerke stellten
die für den Aufbau und Betrieb des Unternehmens erforderlichen
Geldmittel sowie Grundstücke und Werkzeugmaschinen pachtweise
zur Verfügung. Die Konstruktions- und Schutzrechte der Mitgründer
wurden von der VWF käuflich erworben. Es handelte sich um Konstruktionen
für Hobelmaschinen, Langtisch-Flachschleifmaschinen und Bohr-
und Fräswerke. Die Adlerwerke lieferten Konstruktionen für
Maschinen der spanlosen Formung. Innerhalb einer Bauzeit von knapp
einem Jahr konnten die Betriebs- und Büroräume der VWF
bezugsfertig gemacht werden, so daß die Produktion im Winter
1950 anlief. Sie umfaßte den Bau von Hobelmaschinen, Langtisch-Flachschleifmaschinen,
Bohr- und Fräswerken, Pressen, Stanzen, Scheren und Druckgußmaschinen.
Bald setzte eine rege Nachfrage aus dem In- und Ausland nach diesen
Erzeugnissen ein. Die enge wirtschaftliche und finanzielle Verbindung
mit den Adlerwerken führte noch im gleichen Jahre zum Abschluß
eines Organvertrages zwischen den beiden Gesellschaften.
Im Frühjahr 1950 begann die serienmäßige
Herstellung der neuen Adler-Universal-Schreibmaschine mit Schwinghebel.
Sie wurde sehr gut aufgenommen, so daß es bald Lieferschwierigkeiten
gab. Auch das Motorrad M 100, das Anfang 1950 auf den Markt kam,
fand großen Anklang, so daß man an die Entwicklung stärkerer
Modelle bis zu 250 ccm Hubraum gehen konnte, die dann 1951/52 herauskamen.
Zu dieser Zeit war die zunächst starke Nachfrage nach Fahrrädern
bereits rückläufig. Die Adlerwerke hatten von vornherein
von der Herstellung billiger Typen abgesehen und ihrem alten Qualitätsgrundsatz
folgend nur Markenräder herausgebracht. Ihre Erzeugung mußte
nun gedrosselt werden. Die VWF erhielt für ihre hochwertigen
Werkzeugmaschinen so reichlich Aufträge, daß man bereits
1951 genötigt war, die Kapazität beträchtlich zu
vermehren und dafür eine neue Fabrikhalle mit über 5ooo
qm Arbeitsfläche zu erbauen. Wegen der auch vom Ausland an
erkannten hohen Qualität der Konstruktionen war der Exportanteil
an dem Auftragsbestand des Unternehmens schon bald nach Aufnahme
des Betriebes recht bedeutend. Die Abteilung Getriebebau und Zahnradfertigung
der Adlerwerke war vornehmlich für die Tochtergesellschaft
beschäftigt. Besonders schwierig und kostspielig erwies sich
jedoch die Heranbildung geeigneter Facharbeiter für die VWF.
Sie mußten im ganzen Bundesgebiet angeworben und in Frankfurt
mit entsprechendem Aufwand angesiedelt werden. Ebenso galt es, neue
Konstruktionen zu entwickeln, die höchsten Qualitätsansprüchen
genügten. Dadurch verzögerte sich der Aufbau des Unternehmens
gegenüber der ursprünglichen Planung und erforderte einen
zusätzlichen Aufwand an Mitteln.

Fertigung des Motorrades M 200
bei den Adler-Werken um 1952
Es war darum für die Adlerwerke ein großer
Vorteil, daß ihre Büromaschinen sich rasch eine Sonderstellung
am Markt errangen und erheblich zur Umsatzsteigerung des Unternehmens
beitrugen, die 1952 insgesamt 24% gegenüber dem Vorjahr ausmachte.
Neben dem ersten Standardmodell konnten 1951 die "Adler Special"
und die "Adler Privat" als weitere Typen in Serie gehen.
Auch die Konstruktionen der schreibenden und rechnenden Buchungsmaschinen
führten sich gut ein. Die neuen Adler-Motorräder der sogenannten
Baukastengruppe errangen bei Zuverlässigkeitsprüfungen
im In- und Ausland viele Erfolge und fanden lebhafte Nachfrage.
Die Einschränkung der Fahrrad-Produktion
erlaubte eine entsprechende Vergrößerung der Motorradfertigung.
Ende 1955 hatten der Wiederaufbau des Werkes und das neue Arbeitsprogramm
einen gewissen Abschluß erreicht. Motorräder und Büromaschinen
füllten nun bereits einen wesentlichen Teil der früheren
Kapazität des Werkes aus. Seit der Währungsreform hatten
die Adlerwerke bisher für ihre eigenen Anlagen und die ihrer
Tochtergesellschaft über 6o Millionen DM aufgewandt, von denen
etwa 80% selbst aufgebracht werden konnten. Auf der IFMA 1953 hatte
das Unternehmen mit seinen neuen Motorradmodellen einen viel beachteten
Erfolg, dem trotz allgemeiner Zurückhaltung des Handels eine
weitere Umsatzsteigerung folgte. Bei der VWF gab es anfangs 1953
eine Auftragsstockung, doch gegen Jahresende setzte wieder ein stärkerer
Auftragseingang ein. Der Nachholbedarf der Produktionsgüterindustrie,
die durch die Hochkonjunktur zum Ersatz überalterter Werkzeugmaschinen
genötigt wurde, erwies sich in der Folge als sehr beträchtlich
und sorgte für eine stete Ausnutzung der neugeschaffenen Kapazität.
Im Jahre 1954 errichteten die Adlerwerke ein sechsgeschossiges
Fabrikgebäude an der Weilburger Straße
und erwarben von den ehemaligen Mitgründern den Rest des Aktienkapitals
der VWF, so daß diese Tochter seitdem in ihrem Alleinbesitz
ist. Der Erfolg des Geschäftes, der in diesen beiden Tatsachen
zum Ausdruck kommt, beruhte im wesentlichen auf den Umsatzsteigerungen
der Abteilungen Büromaschinen. Bei dem Motorrad-Absatz machte
sich dagegen eine Abwanderung der Käufer zum Motorroller und
Moped bemerkbar. Die Adlerwerke gingen daher zum Bau eines 100ccm-Rollers
über, der im Sommer 1955 als "Adler Junior" auf den
Markt kam. Er konnte jedoch den Rückgang im Motorrad-Geschäft
nicht auffangen. Auch dieses Jahr brachte wiederum eine Zunahme
des Absatzes an Büromaschinen, wobei der Exportanteil von 28%
(1954) auf 33% erhöht wurde. Die Entwicklungsarbeiten an einer
elektrischen Schreibmaschine, die seit Jahren betrieben wurden,
konnten zum Abschluß gebracht werden, wodurch das Produktionsprogramm
eine wichtige Ergänzung erfuhr. Ende 1955 gaben die Amerikaner
endlich das Werk III wenigstens teilweise frei. Die von ihnen geräumten
Hallen übernahm zum Teil die in der Hochkonjunktur ständig
vollbeschäftigte VWF, außerdem konnte eine längst
geplante Leichtmetall-Druckgießerei für den Eigenbedarf
eingerichtet werden. Im Jahre 1956 erwarb das im Automobil- und
Getriebebau so erfahrene Unternehmen die Lizenz für den Bau
des Overdrive-Getriebes der amerikanischen Borg-Warner Corporation
und nahm im Herbst 1956 die Produktion auf. Es handelt sich um ein
halbautomatisches Zusatzgetriebe, durch das wesentliche Fahrvorteile
und Betriebskostenersparnisse erreicht werden. Es ist daher mit
einer guten Absatzmöglichkeit für eine so leicht einzubauende
Verbesserung zu rechnen. Der Mut und die Anpassungsfähigkeit
an die Gegebenheiten, die sie damit wieder bewiesen haben, zeigten
erneut, mit welcher Kraft sich dieses Unternehmen seinen Wiederaufstieg
aus der Katastrophe erarbeitet hat. Daß in all diesen Jahren
die Sorge für die Mitarbeiter, deren Zahl unter Einschluß
der VWF inzwischen wieder rund 5000 erreicht hat, nicht vergessen
wurde, Wohnungen für sie erstellt, mit besonderer Sorgfalt
die Lehrlingsausbildung gefördert und auch die Werkspensionäre
stets vorbildlich betreut wurden, versteht sich bei der Tradition
des Unternehmens fast von selbst und umschließt doch eine
erstaunliche Leistung.
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