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Die BINDING-BRAUEREI AG, die ebenfalls auf eine sehr alte Tradition zurückschauen kann, erlitt besonders schwere Kriegsschäden, da ihre drei Betriebsstätten, das Frankfurter Stammhaus auf dem Sachsenhäuser Berg sowie die Zweigniederlassungen in Mainz und Kassel, und eine große Zahl ihrer Gaststätten von Bomben getroffen und mehr oder minder, die Brauerei in Kassel fast völlig, zerstört wurden. Darum war es dem Unternehmen auch nicht möglich, bis zur Währungsreform den Hauptteil des Wiederaufbaues zu bewältigen. Wohl war der Ausstoß in den ersten Nachkriegsjahren beträchtlich und erlaubte eine weitgehende Instandsetzung der Brauerei-Anlagen. Es blieb jedoch noch allerlei zu tun. Man entschloß sich zunächst, in der DM-Eröffnungs-Bilanz das Grundkapital 4:3 auf 8,6 Millionen DM zusammenzulegen. Die Gesellschaft war in den nächsten Jahren bestrebt, durch eine umfassende Rationalisierung ihrer Produktion die Verluste zu überwinden. Sie konzentrierte ihre Investitionen auf den Wiederaufbau der Frankfurter Brauerei. Zunächst mußte bereits 1948/49 der Flaschenbierkeller fertiggestellt werden. In den beiden folgenden Jahren entstanden ein neues Handwerkerhaus und die Flaschenfüllerei. Im Herbst 1952 wurde die Bierproduktion in Mainz eingestellt und der dortige Abnehmerkreis seitdem von Frankfurt mitbeliefert. Im Laufe des Jahres 1952 konnte die Binding-Brauerei AG die Aktienmajorität der Herkulesbrauerei AG in Kassel erwerben und dieser die Belieferung ihrer Kundschaft im dortigen Gebiet übertragen. Die Binding-Brauerei ist übrigens auch an Brauereien in Friedberg und Babenhausen beteiligt. Die Konzentration ihrer eigenen Produktion auf die Frankfurter Braustätte erlaubte in der Folgezeit deren großzügigen Ausbau.

Nach dem nicht unerwarteten Rückschlag des Jahres 1949 besserte sich der Absatz im Geschäftsjahr 1949/50 zunächst nur langsam, aber stetig. Bereits im folgenden Jahre brachte dann die Senkung der Biersteuer eine stärkere Umsatzsteigerung. Jahr für Jahr vergrößerte sich der Ausstoß. Im Frankfurter Raum lag die Zuwachsrate schon 1952/53 über dem Durchschnitt des gesamten Bundesgebietes, und auch dieses günstige Verhältnis konnte in den folgenden Jahren immer wieder festgestellt werden. Für die Bedeutung des Unternehmens aber zeugt die Tatsache, daß es zusammen mit seiner Kasseler Tochtergesellschaft in jenem Geschäftsjahr 1952/53 etwa 30% des in ganz Hessen abgesetzten Bieres produzierte und damit bereits den Ausstoß des besten Vorkriegsjahres überschritten hatte. Binding hat die führende Stellung in der hessischen Brauwirtschaft seitdem behauptet und noch ausgebaut.

Sehr frühzeitig hat die Gesellschaft große Aufwendungen für den Wiederaufbau ihrer eigenen Gaststätten und für die Ausstattung der Betriebe ihrer Kundschaft gemacht. Im wiedererstehenden Frankfurt tauchte überall auch der Name Binding wieder auf. Einen gewissen Höhepunkt, jedoch keineswegs den Abschluß dieser regen Bautätigkeit stellte die Neuerrichtung der "Boehlestubb" an der Ostseite des neubebauten Römerbergs dar. Daß man hier im Herzen des alten Frankfurt, an historisch-denkwürdiger Stätte zudem, dem Namen und Schaffen des Malers Fritz Boehle im Gedächtnis der Nachwelt einen Platz einräumte, zeugt von dem Traditionsbewußtsein des Unternehmens. Meister Boehle und Binding waren für die Frankfurter in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts untrennbare Begriffe. Die Vorliebe des Maler-Bildhauers für die schweren Brauereigäule und das Mäzenatentum der Bindings fanden in vielen Kunstwerken ihren Ausdruck. Die Binding-Werbung erhielt dadurch lange Zeit einen spezifischen Charakter von unzweifelhaft großer Wirkung, weil sie ebenso originell wie konsequent war. Dies hat man nicht vergessen. Die Binding-Werbung erwies sich in den letzten Jahren als einfallsreich und eigenwillig. Wieder bediente sie sich des Zeichenstiftes und hielt an der einmal gewählten Form in allen Abwandlungen unbeirrbar fest, so daß sie für die Konsumenten zu einem Begriff wurde. Eine Großbrauerei, die sich so geschickt der künstlerischen Mitarbeit bedient, ist nicht gerade eine alltägliche Erscheinung.

Ein traditioneller Sechserzug der Binding-Brauerei

 

Zu Beginn des Jahres 1953 wurde die Bank für Brau-Industrie, in deren Hand sich schon seit Jahren die Aktienmehrheit der Binding-Brauerei AG befand, ihrerseits in den Oetker-Konzern eingegliedert. Dessen Vertreter erhielten daher noch im gleichen Jahr im verkleinerten Aufsichtsrat der Brauerei Sitz und Stimme. Vorsitzender des Vorstandes blieb auch weiterhin Conrad Binding, wie auch die gesamte Geschäftsgebarung der Gesellschaft von dieser Transaktion nicht berührt wurde.

Mit beträchtlichen Investitionen hat das Unternehmen auch in den Jahren der Hochkonjunktur die Erneuerung und Vergrößerung seiner Betriebsanlagen und -einrichtungen fortgesetzt. Der Fuhrpark mußte dem wachsenden Absatz angepaßt werden, ebenso die Bestände an Flaschen und sonstigem Betriebszubehör. 1954 folgten der Bau einer Viereckdarre und die Aufstellung neuer Mälzereieinrichtungen, die eine wesentliche Erhöhung der Kapazität ergaben. Im nächsten Jahre konnte der Erweiterungsbau des Sudhauses in Angriff genommen werden, das seit seiner Inbetriebnahme im Januar 1957 ein trotz seiner schlichten, rein zweckmäßigen Gestaltung weithin sichtbares Prunkstück des völlig erneuerten Betriebes geworden ist. Überhaupt hat der moderne Ausbau das Gesicht der Brauerei verwandelt. Wo sich einst mächtige, festungsartig finstere Bauklötze erhoben und durch ein Gewirr von Hallen und Höfen miteinander verschachtelt waren, stehen nun trotz oder wegen ihrer zweckmäßigen Formgebung weit freundlicher wirkende Betriebsgebäude, die durch große, saubergehaltene Freiflächen und lichte Verladehallen verbunden sind. Alles wirkt viel geräumiger, übersichtlicher und durchorganisierter als ehedem. Vor allem sind die Brauerei-Anlagen in einem hygienisch vorbildlichen Zustand, wie man es von einer so bedeutenden Produktionsstätte eines wichtigen Genußmittels erwartet. Ihr wesentlich erweiterter und modernisierter Wiederaufbau ist nicht nur das Ergebnis einer umfassenden innerbetrieblichen Rationalisierung, sondern zugleich auch ein werbewirksames Aktivum.

Natürlich hat man bei dieser Umgestaltung des gesamten Betriebes die sozialen Einrichtungen für die Belegschaft nicht vergessen. Die Kantine wurde neu aufgebaut und erhält Jahr für Jahr namhafte Zuschüsse. Moderne Dusch- und Umkleideräume wurden 1953 geschaffen. Den Hauptanteil der freiwilligen sozialen Aufwendungen erfordern die laufenden Leistungen der Altersversorgung für die ehemaligen Mitarbeiter und die Zuweisungen an die bei der Währungsumstellung neugebildete Rückstellung für Ruhegehaltszusagen. Selbstverständlich wurden die Renten seit Kriegsende ohne Unterbrechung fortgezahlt und mehrfach aufgebessert. Diese Sicherung des Lebensabends spielt in einem Unternehmen, das seit Generationen eine treue Belegschaft hat und sich mit Stolz einer großen Zahl langjähriger Mitarbeiter rühmen darf, eine besondere Rolle. Jubiläumsgaben, Unterstützungen in Notfällen und Sterbegelder wurden ebenfalls nach alter Übung alljährlich ausgezahlt. Dazu kamen für die ganze Belegschaft regelmäßig Gratifikationen. Mit Nachdruck hat die Gesellschaft schließlich für den Bau von Wohnungen gesorgt. Schon vor der Währungsreform konnten die beschädigten Werkswohnungen instand gesetzt werden. Im Geschäftsjahr 1950/51 folgten dann die ersten Neubauten. Im nächsten Jahr überließ die Brauerei einige ihrer Trümmergrundstücke im Wege des Erbbaues einer gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft und gewährte zu deren Wiederbebauung namhafte Baukostenzuschüsse. Dadurch konnten bis 1954: 70 Wohnungen und mit Hilfe der Tochtergesellschaften weitere 5o erstellt werden. Mit freiwilligen sozialen Aufwendungen von über 1000 DM pro Kopf der Beschäftigten kann sich die Binding-Brauerei AG gewiß sehen lassen.

Ein beträchtlicher Teil des Wiederaufbaues und der Neuinvestitionen wurde durch Abschreibungen finanziert. Die in den Bilanzen seit der Währungsreform ausgewiesene Bewegung der Verbindlichkeiten der Gesellschaft hielt sich in einem der Größe ihres Umsatzes entsprechenden Rahmen. Von einer schon 1953 von der Hauptversammlung erteilten Ermächtigung zur Erhöhung des Grundkapitals um zwei Millionen DM wurde kein Gebrauch gemacht, Auch darin kommt der Erfolg zum Ausdruck, den diese größte Brauerei Hessens seit der Währungsreform erzielen konnte.

 
Quelle: F.Lerner: " Frankfurt am Main und seine Wirtschaft", Ammelburg-Verlag 1958
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