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cassella farbwerke mainkur aktiengesellschaft.  
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Ganz aus der Frankfurter Tradition ist die heutige CASSELLA FARBWERKE MAINKUR AKTIENGESELLSCHAFT erwachsen. Seit 1904 schon in einer Interessengemeinschaft mit den Höchster Farbwerken verbunden, gehörte das im Osten Frankfurts gelegene, räumlich weit von ihnen getrennte und innerlich selbständige Fechenheimer Werk 1945 zur Masse des IG-Vermögens und hatte darum das gleiche Schicksal wie alle seine Glieder in Westdeutschland zu tragen. Und doch unterschied sich das Los des aus dem Frankfurter Handelshaus Leopold Cassella & Co. hervorgegangenen Werkes Mainkur erheblich von dem der anderen Frankfurter IG-Reste: es hatte ein eigenes Gesicht bewahrt. Nie hatte das chemische Massenprodukt sein Fabrikationsprogramm bestimmt, vielmehr galt seine Arbeit von jeher einer Vielzahl hochentwickelter Spezialprodukte vor allem von Textilfarbstoffen und -hilfsmitteln. Darum gab es in diesem Werk einen ausgesprochenen Stamm von Spezialisten. Sie und die Tradition, die sie verkörperten, waren seine auch über den zweiten Weltkrieg gerettete Stärke. Aus ihr entsprang jedoch zugleich ein erheblicher Nachteil, der den Wiederaufbau des Unternehmens besonders schwierig gestaltete. Die Fechenheimer Spezialfabrik war von der IG-Farbenindustrie AG wohl weitergeführt und genutzt worden. Doch sie hatte in ihrer weitgehenden Spezialisierung und entsprechenden Einrichtung kaum Anlaß zu Neuerungen geboten, war darum im Interesse anderer Projekte großen Stiles, die der Konzern schon vor und erst recht während des Krieges verfolgte, einfach vernachlässigt worden. Das für die IG-Leitung uninteressante Werk Mainkur war darum in seinen ganzen Anlagen veraltet. Schwere Schäden des Bombenkrieges hatten es zudem mitgenommen und waren auch nur notdürftig behoben worden, weil die Produktion des Betriebes nicht als "kriegswichtig" galt.

Kraftwerk und Verwaltungsgebäude an der Mainkur, um 1958

 

Um all das kümmerten sich die Amerikaner natürlich zunächst überhaupt nicht. IG-Eigentum verfiel der Beschlagnahme und wurde nach Vorschrift verwaltet. Obendrein belegte eine Ingenieureinheit gut ein Viertel des Werksgeländes samt der Hälfte der Gebäude und richtete dort ein großes Lager für Armeematerial ein. Dabei wurde fast die gesamte Einrichtung der Coloristischen Abteilung zerstört. An einen Wiederaufbau war zunächst gar nicht zu denken. Mit vieler Mühe kam eine bescheidene Produktion in Gang. Die Apparaturen dafür mußten von den Werkstätten behelfsmäßig zusammengebastelt werden. Rohstoffe fehlten und das Häuflein der ausharrenden Mitarbeiter war recht klein. Erst ganz allmählich gab es etwas mehr Bewegungsfreiheit. Etappenweise räumten die Amerikaner das Werksgelände, und damit wurde der Umfang der Schäden überschaubar. Vor der Währungsreform fehlten jedoch die Mittel und die Materialien für ihre Beseitigung - 1947 war das Werk im Durchschnitt nur zu 17% gegenüber der Leistung von 1938 beschäftigt, 1948 stieg diese Quote langsam von 30 auf 58%, hielt sich 1949 etwa bei zwei Dritteln und überschritt erstmals im letzten Vierteljahr 1950 die Vorkriegsbeschäftigung mit 123%. So kam die Überholung, Instandsetzung und in bescheidenem Umfang auch Erneuerung der Betriebe daher erst seit 1948 in Gang und hatte Ende 1951 einen gewissen Abschluß erreicht. Die alte Kapazität des Unternehmens, das sich in diesem Jahr aus der Wirtschaftseinheit der US-Administration zu einer eigenen Rechtspersönlichkeit umwandelte, war bis zu diesem Zeitpunkt wiederhergestellt. Am Anfang stand der Beschluß der Alliierten Hochkommission vom 18. April 1951, das Werk Mainkur als selbständiges Unternehmen bei der Entflechtung der IG wiedererstehen zu lassen. Die förmliche Ausgründung begann am 6. Mai 1952 mit der Errichtung der neuen Auffangfirma Cassella Farbwerke Mainkur Aktiengesellschaft mit einem vorläufigen Grundkapital von 100000 DM. Eine Hauptversammlung vom 19. Dezember 1952 erhöhte entsprechend dem Einbringungsvertrag als Gegenwert für die aus dem IG-Vermögen übereigneten Anlagen das Grundkapital um 34 Millionen DM. Sie bestellte Prof.Dr. Werner Zerweck zum Vorsitzer des neuen Vorstandes. Unter seiner Leitung hatte bereits der Wiederaufbau in den ersten Nachkriegsjahren gestanden.

Am Beginn seines ersten Geschäftsjahres beschäftigte das neue Unternehmen 1864 Mitarbeiter und damit etwa 50% mehr als 1938. Davon war allerdings ein beträchtlicher Teil mit Instandsetzungsarbeiten befaßt und schied nach deren Beendigung 1953 zum größten Teil aus. Bis Ende 1956 konnte die Belegschaft gegenüber der Vorkriegszeit nahezu verdoppelt werden. Im Grunde mußte sie völlig neu aufgebaut werden. Nach dem Kriege waren nämlich in manchen Betrieben nur noch 2o% des ehemaligen Mitarbeiterstammes vorhanden, während vier Fünftel neue Leute, darunter viele Heimatvertriebene, waren. Besonders ungünstig war jedoch noch 1952 der Altersaufbau. Mehr als die Hälfte aller Männer waren über 40 Jahre alt, unter 3o dagegen nur 31%. Im Laufe der Jahre konnte diese gefährliche Überalterung, die das an sich schon ungünstige Bild der Altersgliederung der westdeutschen Bevölkerung wesentlich überstieg, langsam überwunden werden. Ebenso gelang es durch eine intensive Ausbildungsarbeit, an der die Belegschaft in zunehmendem Maße mitarbeitete, aus den Neulingen tüchtige Facharbeiter zu machen. Cassella verfügt heute wieder über eine hochqualifizierte Belegschaft, deren Leistung gegenüber jener der Vorkriegszeit nicht zurücksteht.


Foto:Spahn

Blick in einen Farbstoff-Betrieb der Cassella 1950

 

Eine weitere, empfindliche Belastung des Unternehmens stellte bei der Neugründung der unverhältnismäßig hohe Anteil an Pensionären -1212 im Jahre 1952 - dar. Der Neuaufbau der Altersversorgung für diesen großen Kreis von Berechtigten erforderte in den ersten Jahren freiwillige soziale Leistungen, die mit über 6o% der Lohnsumme im Jahre 1952 z.B. weit über dem Durchschnitt lagen. Daß Cassella dennoch diese Opfer gebracht hat, bezeugt ein hohes Maß von sozialem Verständnis.

Die Entwicklung des Umsatzes seit 1952 hat diese Leistungen erlaubt. Daß jedoch dadurch das Tempo der Neuinvestitionen verlangsamt wurde, versteht sich von selbst. Zudem wurde das Geschäft von Cassella entscheidend durch die Sonderkonjunktur der Textilwirtschaft beeinflußt, denn bis in die Gegenwart hinein machen die Farbstoffe und Textilhilfsmittel fast drei Viertel seines Absatzes aus. Die Azo-, Küpen- und Schwefelfarben, einschließlich des besonders bekannten Hydronblau, stellen wie seit Jahrzehnten das Rückgrat seiner Produktion dar. Das Teerfarbengeschäft verlangt jedoch nicht nur sehr viel Sorgfalt und ständige Weiterentwicklung, sondern ist auch bis zu einem gewissen Grade von der Mode abhängig und vor allem aufs engste mit den Vorgängen am Markt der Textilien verbunden. Es erfordert darum große Erfahrung, eine besondere Geschicklichkeit in der Anpassung an die Marktlage und eine gewisse Ausdauer in dem ewigen Auf und Ab des Textilumsatzes. So brachte der Koreaboom 1951 starke Vorratskäufe. Infolgedessen ging der Absatz 1952 nur schleppend und war im Export rückläufig. Die bedeutende Konsumausweitung des Jahres 1953 führte zu einem Auftrieb, gleichzeitig wuchs jedoch der Druck der Konkurrenz. Auch 1954 blieb das Inlandsgeschäft beständig, während der Export vielfach durch Zollschranken und Kontingentierungen behindert war. Mitten in der Hochkonjunktur gab es 1955 einen empfindlichen Rückgang der Baumwollindustrie in Westeuropa. Das hatte bei den Teerfarbstoffen einen verstärkten Preisdruck im internationalen Wettbewerb zur Folge. Durch die weitgehende Freigabe der Importe drang die Konkurrenz zugleich auf dem Inlandsmarkt vor.

Daß Cassella in diesem steten Wechsel der Situationen dennoch vorwärtskam, hatte es sowohl dem Ausbau seiner Verkaufsorganisation und ihres technischen Beratungsdienstes in der ganzen Welt wie der Anpassung seiner Erzeugnisse in Preis und Qualität an die Wünsche seiner Kunden zu verdanken. Der Exportanteil ist beim Farbengeschäft seit 1952 immer recht bedeutend gewesen. Cassellas Hauptabnehmer waren die westdeutschen Länder und der Ferne Osten. Es gelang ihm sogar, mit seinen Produkten im Dollarraum einen festen Kundenkreis zu erwerben. So hat das Unternehmen dank seiner Oualitäten und seiner alten Erfahrungen für seine neue Marke ein weltweites Geschäft aufbauen können.

Um die Risiken des Farbengeschäftes auszugleichen, hat sich Cassella im Zuge des Wiederaufbaues seiner Betriebe erneut der Herstellung von Heilmitteln zugewandt. Die pharmazeutische Produktion war seit Eingliederung in den IG-Farben-Konzern im Werk Mainkur aufgegeben worden. Hier mußte also ganz von vorn begonnen werden. Das wurde wesentlich erleichtert, als Ende 1953 die CURTA & Co. GmbH, eine kleinere Fabrik für chemisch-pharmazeutische Präparate in Weilheim/Obb. und Berlin-Britz, aus dem IG-Restvermögen auf Cassella überging. Die Einführung der "Arzneimittel Cassella" machte seitdem gute Fortschritte. Das Produktionsprogramm wurde alljährlich um einige Spezialitäten erweitert.

Nicht minder erfolgreich war das Unternehmen beim Ausbau der von ihm besonders entwickelten Abkömmlinge des Melaminharzes, die sich zur Herstellung hochwertiger Lacke, ferner zur Veredelung von Papier und bei der Ausrüstung von Textilien bewährten. Jahr für Jahr konnte der Anwendungsbereich dieser Produkte und damit das Geschäft erweitert werden.

Dank seiner engen Beziehungen zur Textilwirtschaft war Cassella im besonderen Maß zur Mitarbeit an der Entwicklung synthetischer Fasern berufen. Hier gelang seinen Forschern ein großer Wurf mit einem auf der Basis von Polyacrylnitril hergestellten Produkt, der PAN-Faser. In jahrelanger Arbeit wurde ein Versuchsbetrieb dafür aufgebaut und das Erzeugnis bis zur Produktionsreife weiterentwickelt. Cassella hat in den letzten Jahren einen erheblichen Teil seines Aufwandes für Forschungszwecke für dieses Projekt verausgabt. Dennoch mußte es sich 1955 entschließen, dieses Interessengebiet und die gesamte Anlage an die Farbenfabriken Bayer AG, Leverkusen, abzugeben, weil die Entwicklung auf dem Weltmarkt eine ungewöhnliche hohe Investition für die Errichtung einer wettbewerbsfähigen Anlage erfordert hätte. Die dem Unternehmen aus dieser Transaktion zugeflossenen Mittel hat es sofort zu einer maßgeblichen Beteiligung an der Riedel-de Haen AG in Seelze bei Hannover benutzt. Die Produktion dieses Werkes ergänzt das Programm von Cassella sehr glücklich, so daß daraus rasch eine fruchtbringende Zusammenarbeit erwachsen ist. Das Werk Mainkur wandte sich nun auch dem Ausbau der Kunststoffe zu.

vorne das neue Verwaltunggebäude, eingeweiht am 27.November 1959

Selbstverständlich waren zu dieser Entwicklung seit 1952 laufende und steigende Investitionen erforderlich. Sie galten einer umfangreichen und planmäßigen Rationalisierung aller wichtigen Betriebe. Vor allem wurde die Energieversorgung des Werkes erneuert und verbessert. Eine Reihe älterer Bauten mit hohem Reparaturbedarf mußte zweckentsprechenden Neubauten weichen. Die gesamten Werksanlagen erhielten auch im äußerlichen Bild eine einheitliche Gestalt, die den Eindruck einer übersichtlichen und in sich geschlossenen Anlage erwecken. Dabei hielt Cassella jedoch an der überlieferten Betriebsstruktur fest. Es ist ein typischer Veredelungsbetrieb. Anorganische Produkte stellt das Werk überhaupt nicht her. Als Rohstoffe aus dem Bereich der organischen Chemie dienen Produkte, die bereits eine erste chemische Verarbeitung bei anderen Herstellern erfahren haben. Nur die kompliziert zusammengesetzten Zwischenprodukte werden im Werk Mainkur hergestellt. Das Produktionsprogramm umfaßt die Herstellung von rund 300 chemisch einheitlichen Verbindungen, die zu etwa 1000 Verkaufsmarken verarbeitet werden. Der Aufbau des gesamten Unternehmens ist also im wesentlichen horizontal im Gegensatz zu der betont vertikalen Produktion der meisten chemischen Großbetriebe. Besonders ausgebaut wurden in den letzten Jahren der Melaminbetrieb, die Erzeugung von Zwischenprodukten und die Erweiterung der Produktion von Küpenfarbstoffen, die noch im Gange ist. Cassella wird immer mehr ein modernes, durchrationalisiertes Werk und hat damit zugleich mit dem Wiederaufbau seinen empfindlichen Startnachteil der jahrelangen Vernachlässigung überwunden.

Daß im Zuge dieser Neugestaltung die Sozialeinrichtungen trotz der schweren Pensionslast nicht vergessen wurden, ehrt das Verständnis der Werksleitung für ihre Mitarbeiter. Große Sorge bereitete der Wohnungsbau. Er wurde durch Darlehen gefördert, nachdem zunächst einmal die alten Werkswohnungen von betriebsfremden Bewohnern geräumt waren. 1954/55 konnten 48 neue Wohnungen erstellt werden. Erwähnt sei als weiteres Beispiel die Errichtung eines vorbildlichen Badehauses mit einem Kostenaufwand von annähernd einer Million DM. Dadurch wurden die veralteten, dezentralisierten Badeanlagen, deren Erneuerung ebenfalls beträchtliche Mittel verschlungen hätte, durch eine moderne, hygienische Einrichtung zentraler Art, die zugleich auch Bestrahlungen -und die Verabreichung von Spezialbädern erlaubt, sehr glücklich ersetzt. So sind die Cassella Farbwerke Mainkur Aktiengesellschaft auch in dieser Beziehung ein Beispiel dafür, wie durch eine geschickte Konzentration der Kräfte selbst bei erschwerten Bedingungen große und dauernde Erfolge erreicht werden können.

unten : Das Werksgelände in Fechenheim, in der Mitte die 1964 fertiggestellte, 500 Meter lange Fußgänger- und Radwegbrücke, oben der Mainbogen

 
Quelle: F.Lerner: " Frankfurt am Main und seine Wirtschaft", Ammelburg-Verlag 1958
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