|
Ganz ungewöhnlich schwer hat der zweite Weltkrieg
in seinen Folgen die DEUTSCHE GOLD UND
SILBER-SCHEIDEANSTALT VORMALS ROESSLER (abgekürzt DEGUSSA)
getroffen. Trotz seines historisch bedingten Namens ist dies Unternehmen
zu wesentlichen Teilen in den letzten Jahrzehnten und bis heute
auf dem Gebiet der chemischen Produktion und ihrer benachbarten
Bezirke tätig geworden, betreibt jedoch die Edelmetallscheidung
und -verarbeitung und im Zusammenhang damit auch bankmäßige
Geschäfte nach wie vor. Immer aber blieb die vom Münzwardein
der Freien Stadt Frankfurt Friedrich Ernst Roessler 1842 übernommene
Scheideanstalt des Senats ein Frankfurter Unternehmen, das den Kaufmannsgeist
der alten Handelsstadt durch eine ebenso vorbildliche wie mutig
zugreifende Betätigung aufs beste repräsentierte. 1945
traten empfindliche Verluste ein, weil sich das Unternehmen mit
einem Teil seiner Interessen in den deutschen Ostgebieten angesiedelt
hatte. Durch die Oder-Neiße-Linie wurden ihm das Holzverkohlungswerk
Voßwalde, die Aktivkohlefabrik Ratibor, die Beteiligung an
einer großen modernen Rußfabrik in Gleiwitz, ferner
durch die Enteignungen in Mitteldeutschland das Holzverkohlungswerk
Greifenhagen, die Werke Wildau und Frankfurt/Oder entrissen. Ihre
größte und modernste Produktionsstätte in Fürstenberg/Oder,
erst während des zweiten Weltkrieges mit einem Kostenaufwand
von über 30 Millionen RM errichtet, war in den Kampfhandlungen
gesprengt worden. Das Werk Oranienburg der Auergesellschaft AG,
eines Tochterunternehmens der DEGUSSA in Berlin, wurde im Bombenkrieg
total zerstört. Eine andere Tochtergesellschaft, die Chemische
Fabrik Grünau AG, verlor ihr Werk in Ost-Berlin durch Enteignung.
Das gleiche Schicksal traf zwei weitere Tochterunternehmen in Leipzig
und Treuen, die beiden Wiener Zweigbetriebe und die Beteiligung
an zwei chemischen Fabriken in Wien. Insgesamt mußten die
Kriegsverluste in der RM-Schlußbilanz mit 119,6o Millionen
RM, davon allein 17 Millionen RM Auslandsvermögen, angesetzt
werden. Es dürfte wohl kaum ein vergleichbares, in Westdeutschland
beheimatetes Unternehmen geben, das ähnlich große Einbußen
seiner Substanz hinzunehmen hatte.
Mit der Frankfurter Alt- und Innenstadt waren das
Stammhaus und das damit verbundene
Werk I samt den Forschungslaboratorien
in den Märztagen 1944 nahezu restlos vernichtet worden. Nicht
minder verheerend hatten die Bomben das Werk
II in der Gutleutstraße getroffen. Nur einige der westdeutschen
Produktionsstätten waren 1945 noch intakt. Mit Hilfe ausgelagerter
Vorräte und aus den Trümmern geborgener Maschinen konnten
zusätzlich Ausweichbetriebe der Frankfurter Werke in Gang gebracht
werden. Der verbliebene Besitz verteilte sich aber auf alle drei
Besatzungszonen, und die einzelnen Werke waren zunächst durch
die Verkehrsunterbrechungen für lange Monate ganz auf sich
selbst gestellt, ihre Rohstoffversorgung wie ihr Absatz wurden dadurch
behindert. In Frankfurt selbst durfte die Arbeit erst nach Wochen
wieder aufgenommen werden. Sie bestand zunächst im Aufräumen
der riesigen Trümmerfelder. Backsteine wurden von Arbeitern
und Angestellten abgeklopft und aufgeschichtet, Maschinen geborgen
oder ihre Reste verschrottet, behelfsmäßig und mit unzulänglichen
Mitteln konnte wie anderwärts auch ein kümmerlicher Notbetrieb
in Gang gebracht werden. Lakonisch sagte der Geschäftsbericht
1944/45, daß im zweiten Halbjahr der Berichtszeit (1.4. bis
30.9.1945) nur ganz vereinzelt Geschäfte abgeschlossen werden
konnten. Fast ausschließlich handelte es sich dabei um den
Verkauf aus noch vorhandenen Vorräten. Immerhin waren die Edelmetallbetriebe
in Frankfurt, Hanau, Pforzheim und Berlin-Reinickendorf wieder im
Aufbau, die Holzverkohlungsanlagen arbeiteten, wenn auch mit stark
gedrosselter Kapazität, wieder. In Brilon-Wald wurde Aktivkohle
nur für medizinische Zwecke in bescheidenem Umfange hergestellt.
Andere Geschäftszweige lagen jedoch mangels Rohstoffzufuhren
still oder hatten ihre gesamten Vorräte durch Beschlagnahme
verloren. Das galt auch für die Tochterunternehmen, die zudem
sämtlich ebenfalls durch Luftkriegsschäden mehr oder minder
behindert waren. In den folgenden Jahren mußten Rückerstattungsansprüche
erfüllt und gegen Entflechtungsbestrebungen angekämpft
werden. 1947 wurden schließlich die großen Produktionsanlagen
für Wasserstoffsuperoxyd in Rheinfelden (Baden) demontiert
und an die UdSSR ausgeliefert.
Doch das Unternehmen, dessen Leitung seit 1939
in Händen von Hermann Schlosser als Vorsitzer seines Vorstandes
lag, bewies eine erstaunliche Widerstandskraft. Sein Lebenswille
wurde durch alle Schicksalsschläge nicht gebrochen. Unentwegt
ging man an die Arbeit und paßte sich den gegebenen Verhältnissen
an. Die leitenden Männer wie die Mitarbeiter waren sich einig,
daß gerettet werden mußte, was irgendwie zu erhalten
war, und daß man wieder von vorn anzufangen hatte. Allen Schwierigkeiten
zum Trotz kam so die DEGUSSA in verhältnismäßig
kurzer Zeit wieder auf die Beine und trieb bereits mitten in der
bittersten Notzeit ihren Wiederaufbau
tatkräftig voran. Langsam konnte die Verbindung der westdeutschen
Werke wiederhergestellt und aus ihnen das Unternehmen neu formiert
werden. Die Umsätze blieben allerdings bis zur Währungsreform
weit hinter den vorliegenden Aufträgen zurück. Der andauernde
Mangel an Rohstoffen, seit 1947 sogar stellenweise an geeigneten
Arbeitskräften, und die Behinderung der gesamten Produktion
durch die Folgen der Inflation und des Zusammenbruchs erlaubten
nur eine langsame Steigerung der Fabrikation. Die dadurch verfügbaren
Arbeitskräfte wurden im Rahmen der Möglichkeiten zur Instandsetzung
der Betriebsanlagen verwandt. Eines der Hauptprobleme war die Sicherung
eines ausreichenden Reallohnes für die Arbeiterschaft - mit
anderen Worten: die Beschaffung von Lebensmittelzulagen. Gewiß
beschäftigte diese große Sorge damals alle Teile der
deutschen Wirtschaft. Bei der DEGUSSA, die kaum kompensieren konnte,
hing von ihrer Überwindung ein gut Teil der Produktion ab.

Glasurfritten-Gr0ßschmelze der DEGUSSA,
um 1960
Dennoch waren die innere Gesundung und der Neuaufbau
des Unternehmens im Augenblick der Währungsreform
so weit vorgeschritten, daß die Vermögensumstellung im
Verhältnis 1:1 erfolgen konnte. Dagegen bereitete die schematische
Kürzung der selbständigen Pensionskasse, die ein Vermögen
von 34 Millionen RM besaß, zunächst kaum überwindbare
Schwierigkeiten, abgesehen davon daß sie eine soziale Ungerechtigkeit
war. Binnen drei Jahren war es der DEGUSSA dann doch möglich,
ihre Pensionskasse wieder auf gesunde Grundlagen zu stellen. Die
Pensionäre selbst erhielten in dieser Zeit durch Ausgleichszahlungen
ihre ungekürzten Bezüge. In dieser sozialen Tat kam der
Erfolg des Unternehmens seit der Währungsreform deutlich zum
Ausdruck. Noch sichtbarer veranschaulichte dies der Neubau
des Verwaltungsgebäudes an der Weißfrauenstraße,
der bereits 1950 bezogen werden konnte. Die Frankfurter Werke und
Forschungslabors waren wiedererstanden, die Platinschmelze in Hanau
und das ebenfalls fast völlig zerstörte Werk in Pforzheim
hatten Neubauten erhalten. Fast 7000 Beschäftigte, davon etwa
1800 in Frankfurt selbst, arbeiteten wieder, und die Erzeugung hatte
schon die Vorkriegshöhe erreicht. Allerdings war die Lage in
den einzelnen Sparten des sehr vielseitigen Unternehmens recht unterschiedlich.
Im traditionellen Edelmetallgeschäft,
in dem die DEGUSSA in Westdeutschland führend war und blieb,
galten nach wie vor strenge Bewirtschaftungsvorschriften mit Höchstpreisen.
Dabei blieben die Weltmarktpreise, besonders bei dem rüstungswichtigen
Platin, seit der Koreakrise in ständiger, recht lebhafter Bewegung.
Dennoch gelang es der DEGUSSA, den Inlandsbedarf unter Übernahme
erheblicher Risiken zu decken und schon 1951 eine Versorgung der
deutschen Wirtschaft mit Edelmetallen zu erreichen, die derjenigen
vor 1934, dem letzten normalen Jahr vor dem dann einsetzenden Verbrauchsbeschränkungen
entsprach. Die 1950 erreichte Freigabe des Ankaufs von Alt- und
Bruchmetallen erleichterte die Versorgung des Inlandsmarktes wesentlich.
Im ganzen wurden auf diesem Sektor binnen drei Jahren die Vorkriegsumsätze
erzielt oder teilweise schon überschritten.
Die Umsatzentwicklung bei den Chemikalien
entsprach der raschen Geschäftsausweitung der gesamten chemischen
Industrie Westdeutschlands. Die DEGUSSA konnte auch nach anfänglichen
Schwierigkeiten ihren Export in dieser Sparte bis auf 30% des Gesamtabsatzes
steigern. Die in Frankfurt zentralisierte Forschungsarbeit, für
die zunächst jährlich etwa 2,5 Millionen, 1952 aber bereits
rund 4 Millionen aufgewandt wurden, trug erheblich zu diesen Erfolgen
bei. Im August 1953 wurde das aus den Mitteln der Pensionskasse
an der Ecke der Neuen Mainzer Straße errichtete dreizehnstöckige
Hochhaus bezogen. Diese Erweiterung kam vor allem dem Ausbau der
Forschungs- und Entwicklungslaboratorien zugute. Dabei legte auch
die DEGUSSA ähnlich wie die Farbwerke Hoechst besonderen Wert
auf die Förderung einer kundennahen Anwendungstechnik.
Degussa Betriebsgelände mit
Hochhaus 1955 
Nur auf dem Holzkohlengebiet, das allerdings
für seinen Gesamtumsatz von schwindender Bedeutung war, sah
sich das Unternehmen seit der Währungsreform in Anpassung an
den rückläufigen Absatz zu Einschränkungen genötigt.
Die Holzverkohlung war zudem bei den weit über dem Weltmarktniveau
liegenden deutschen Holzpreisen nicht mehr rentabel. Darum wurde
im Zuge der Konzentration ein Teil der Werke der früheren HIAG
stillgelegt oder veräußert. Dagegen arbeiteten alle Tochterunternehmen
im westdeutschen Bereich ebenfalls seit der Währungsreform
mit steigenden Erträgen, so daß die Gesamtentwicklung
der DEGUSSA einen sehr günstigen Verlauf nahm. Dabei
wirkten sich die Vielfalt ihrer Produktionszweige und deren aufgelockerte
Verteilung auf damals zwölf Werke und fünf Zweigniederlassungen
in ganz Westdeutschland günstig aus. Das Unternehmen erwies
sich als sehr krisenfest - allein die Überwindung des ungewöhnlich
schweren Aderlasses der Kriegsverluste beweist das - und von Konjunkturschwankungen
in seiner Gesamtheit viel weniger abhängig als die meisten
seiner Mitbewerber. Der Edelmetallsektor aber brachte, trotz niedriger
Gewinnspannen, dank der Wertbeständigkeit seiner Rohstoffe
zudem eine erhöhte Sicherheit. Die Gesamterträge erlaubten
eine ruhige und stetige Entwicklung des Unternehmens. Eine vorsichtige
Geschäftspolitik hielt jedoch die Dividendenausschüttungen
auf einer angemessenen Höhe.

DEGUSSA auf der Frankfurter Chemiemesse "Achema"
im Juni 1964
Im Jahre 1953 gelangte die DEGUSSA zu einem
Vertrag mit dem größten amerikanischen Ruß-Produzenten
Cabot und übernahm die Verwertung von dessen Patenten in Deutschland.
Mit der Ausgabe von 10 Millionen Obligationen wurde ein entsprechender
Ausbau der Anlagen ermöglicht. Da das Rußgeschäft
eine beträchtliche Steigerung erfuhr, erwies sich diese Erweiterung
sehr bald als außerordentlich wertvoll. Überhaupt konnte
das Unternehmen im Verlauf der Hochkonjunktur seine Kapazitäten
auf allen Fabrikationsgebieten voll ausnutzen und teilweise in vorsichtiger
Anpassung an die Nachfrage vergrößern. Dabei hat die
DEGUSSA sinkende Herstellungskosten stets zu Preisermäßigungen
benutzt und dadurch ihr Geschäft weiter beleben können.
Trotz schärfstem Wettbewerb wurde im Chemikalienabsatz die
Exportquote von 30% auch bei steigenden Umsätzen behauptet.
Insgesamt gesehen hat das vielseitige Unternehmen in den Jahren
der Hochkonjunktur einen bedeutenden Aufschwung erlebt. Die zentralen
Forschungsstätten in Frankfurt wurden 1955 durch großzügige,
bis zur Mainuferfront vorstoßende Erweiterungsbauten aus Mitteln
der Pensionskasse weiter vermehrt und verbessert.
In der Zweigniederlassung Wolfgang bei Hanau
begann die DEGUSSA 1953 Arbeiten zur Darstellung extrem reiner Metalle,
wie sie beim Bau von Kernreaktoren als Grund- und Hilfsstoffe gebraucht
werden. Diesen Beitrag zur friedlichen Nutzung
der Atomenergie konnte sie auch deshalb
übernehmen, weil sie über langjährige Erfahrungen
im Industrie-Ofenbau, einer ihrer vielen Nebensparten, verfügt
und dabei durch laufende Studien auf dem Hochvakuum-Gebiet besonders
nützliche Erkenntnisse sammeln konnte, die nun der Neuanlage
zugute kamen.
Am 31. Januar 1956 beschloß die Hauptversammlung
zur Finanzierung bedeutender Investitionen die Erhöhung des
seit der Währungsreform unveränderten Grundkapitals von
76,5 Millionen DM auf 102 Millionen DM und gab dafür 25,5 Millionen
neue Aktien unter Ausschluß des Bezugsrechtes ihrer Aktionäre
aus. Zu diesem Zeitpunkt betrieb das Unternehmen fünf Edelmetallwerke,
davon eines in Frankfurt, und 11 Chemie-Werke, darunter das Frankfurter
Werk II, das Cyansalze, keramische Farben und hochfeuerfeste Oxyde
herstellt. Fünf Tochtergesellschaften, unter ihnen die Chemiewerk
Homburg AG im Frankfurter Raum gelegen, waren zu 92- bis 100% in
seinem Besitz. An fünf weiteren Unternehmen, zu denen die Kulzer
& Co. GmbH in Bad Homburg und die Deutsche Gesellschaft für
Schädlingsbekämpfung GmbH in Frankfurt gehören, ist
die DEGUSSA maßgeblich beteiligt. Ihre Aktien gehören
seit Jahren zu den besonders geschätzten Anlagepapieren und
notierten durchschnittlich mit 275 bis 300, lagen also um fast 100
Punkte über vergleichbaren Industrieaktien.
Dieser Wiederaufstieg des alten Frankfurter
Unternehmens ist zu einem erheblichen Teil das Verdienst der Persönlichkeit
von Hermann Schlosser, der seit über 40 Jahren in der DEGUSSA
tätig ist und bereits 1925 in ihren Vorstand aufgenommen wurde.
Er ist der Typus des weltkundigen, großzügigen und dennoch
exakten und zuverlässigen Chemiekaufmannes. Durch sein Vorbild
wie durch seine rastlose Arbeit hat er das Unternehmen geformt.
Das Betriebsklima der DEGUSSA, die heute über 9700 Mitarbeiter
zählt, gilt als besonders gut. Fast die Hälfte aller Beschäftigten
ist seit über einem Jahrzehnt, mancher der Mitarbeiter seit
seiner Lehrzeit dem Unternehmen treu geblieben. Auf die Nachwuchs-Förderung
hat man stets großen und in den letzten Jahren besonders nachdrücklich
Wert gelegt. Die freiwilligen Sozialleistungen, deren Kernstück
die großzügigen Weihnachtsgratifikationen und die Altersversorgung
sind, machten Jahr für Jahr über 30% der Bruttolöhne
und Gehälter der Gefolgschaft aus. Die größte Schwierigkeit
bestand stets in einer Angleichung der Lohn- und Arbeitsbedingung
der in 19 Werken, 7 Zweigniederlassungen und 18 Verkaufsstellen
über ganz Westdeutschland verstreuten Mitarbeiter. Die lange
erstrebte Vereinheitlichung wurde 1955 weitgehend erreicht. Die
Weihnachtsvergütung ist mit der Dividendenhöhe gekoppelt
und berücksichtigt daneben die Länge der Betriebszugehörigkeit.
Dadurch sind die DEGUSSA-Mitarbeiter am Ertrag des Unternehmens
interessiert, der zu einem erheblichen Teil durch ihren Geist und
ihre Qualitätsleistungen erreicht wird.
|
|