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Die HARTMANN & BRAUN
AKTIENGESELLSCHAFT war schon seit Jahrzehnten weit über
Deutschlands Grenzen hinaus bekannt als Spezialfabrik für elektrische
und wärmetechnische Meßgeräte, für Erzeugnisse
höchster Präzision. Entsprechend diesem Ruf und diesen
hohen Ansprüchen waren Werkstätten und Maschinenpark ausgerichtet.
Sprengbomben hatten am 8. Februar 1944 große
Teile des Stammwerks an der Bockenheimer
Warte verwüstet und in wenigen Sekunden 166 Opfer unter
den Mitarbeitern gefordert. Was an diesem Tage verschont geblieben
war hatten einige Wochen später Brandbomben zum größten
Teil endgültig vernichtet. So waren in den darauffolgenden
Tagen die meisten Werkstätten aus Frankfurt heraus verlagert
worden, und bei Kriegsende arbeitete nur noch ein geringer Prozentsatz
der über 5ooo Mitarbeiter in den beiden Frankfurter Werken,
in dem unzerstörten neuen Werk im
Vorort Praunheim und in den Trümmern an der Bockenheimer
Warte. Dafür gab es H & B-Arbeitsstätten tief in der
Erde in Sektkellereien am Rhein, im südlichsten Schwarzwald,
in der nordöstlichen Ecke von Bayern, in Oberhessen und an
fast zwei Dutzend Plätzen in der weiteren Umgebung von Frankfurt
am Main.
Als nach dem Zusammenbruch durch das "Permit
Nr.8" die Arbeitserlaubnis der Militärregierung erkämpft
worden war, galt es, zunächst einmal zu sammeln und nach Frankfurt
am Main zurückzuführen, was übriggeblieben war. Das
Praunheimer Werk, ein in den Jahren
1941 bis 1942 entstandener moderner Fabrikneubau für eine Belegschaft
von mehr als 1000 Köpfen, war fast ohne Schaden geblieben und
wurde wohl infolge dieser Tatsache gleich in den ersten Tagen der
Besetzung von den Amerikanern beschlagnahmt, so daß es daher
für die notwendigen Entscheidungen vorerst nicht in Betracht
kam. Das Stammwerk aber war in
einem Ausmaß verwüstet, daß es wohl noch kurze
Zeit vorher niemand für möglich gehalten hätte, hier
Meßinstrumente zu bauen. Noch wußte man ja auch nicht,
in welchem Umfang überhaupt die Erzeugnisse der Firma wieder
benötigt würden, denn der Export, der schon vor dem Kriege
namhafte Teile der H & B-Produktion in fast alle Länder
der Welt gebracht hatte, lag noch in ferner Zukunft.
Werbung, um 1950
Der Rest des Jahres 1945 und große Teile
von 1946 zeigten bei H & B das gleiche Bild, wie es damals überall
in Deutschland zu sehen war: Es wurde aufgeräumt. Man versuchte,
der unvorstellbaren Mengen von Schutt und Dreck Herr zu werden.
Mit primitivsten Mitteln wurden die ersten Arbeitsräume wieder
eingerichtet, Maschinen und Werkzeuge wurden repariert und überholt,
so gut es eben ging. Wo früher einmal eine beinahe aseptische
Sauberkeit verlangt wurde, standen im Winter rauchende Öfen,
in denen "kompensierte" Kohle und Reste von angekohlten
Dachsparren mehr Ruß und Rauch als Wärme spendeten. Mit
weniger als einem Zehntel der letzten Kriegsbelegschaft war aber
ein Anfang gemacht, und die ersten Nachkriegs-Meßinstrumente
wurden mittels Holzgaslastwagen zur Kundschaft gebracht. Überraschend
bald stellte sich heraus, welch unentbehrlicher Helfer für
Technik und Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten das Meßinstrument
geworden war. Gewiß, in den folgenden Jahren bis zur Währungsreform
gingen viele Aufträge bei H & B ein, bei denen keine echte
technische Notwendigkeit, sondern ausschließlich die beabsichtigte
Flucht in die Sachwerte, Anlaß zum Bestellbrief waren, und
die natürlich auch fast nie ausgeliefert wurden. Aber der wirklich
echte Bedarf war weit größer als erwartet, schon weil
ja auch bei den Inlands-Kunden unendlich viel zerstört war,
und gerade weil die gesamte deutsche Wirtschaft sparsam haushalten
und trotzdem den Versuch machen mußte, durch Qualität
den verlorenen Anschluß an den Weltmarkt wieder zu gewinnen.
Fast kein Zweig der Industrie kommt heute ohne
Meßgeräte aus, und nicht
mit Unrecht hat man in der H & B-Werkzeitschrift die Erzeugnisse
des Unternehmens als "Gehirnzellen" der Industrie bezeichnet.
Ob es sich um die Erzeugung und Verteilung der elektrischen Energie
handelt oder um die Hüttenprozesse, mit deren Hilfe aus dem
Erz Rohstahl und Halbfabrikate gewonnen werden, ob im Großkessel
die wirtschaftliche Ausnutzung der Kohle, die Einhaltung der zulässigen
Dampftemperatur und des Dampfdruckes zu überwachen sind, oder
ob im Spinnsaal der Textilfabrik Luftfeuchtigkeit und Raumtemperatur
maßgebliche Faktoren für die Qualität des Garnes
und Gewebes darstellen, ob der Bierbrauer den Gärprozeß
überwachen will oder der Arzt aus dem "Grundumsatz"
eines Patienten wichtige Rückschlüsse auf dessen Kreislauf
und Gesundheit ziehen will, immer dienen Meßgeräte als
zuverlässige Helfer; und in immer weitergehendem Umfang dienen
Meßgeräte und Regler dazu, den Überwachungsprozeß
völlig zu automatisieren. Sie werden damit in zahllosen Betrieben
zu Garanten der Qualität und der Ökonomie des Herstellungsprozesses,
sie liefern als kurvenzeichnende und Meßwerte in Ziffern schreibende
Instrumente beweiskräftige Dokumente über den Gesamtablauf
und zahlreiche Einzelfunktionen der Produktion. Sie sind aber dem
"großen Publikum" im allgemeinen so unbekannt und
verborgen wie viele andere Hilfsmittel der modernen Technik auch.
Darum sei erwähnt, daß sie beispielsweise
bei einem Kraftwerksneubau 6 bis 8% am Wert der gesamten technischen
Anlage ausmachen, in der chemischen Industrie teilweise noch sehr
viel mehr. Es gibt dort Produktionsprozesse, bei welchen Meßgeräte
und Regler bis zu 30% der apparativen Kosten verursachen. Insbesondere
die Entwicklung und Fertigung der synthetischen Kunststoffe sind
übrigens ein gutes Beispiel für Prozesse, die ohne Meß-
und Regeleinrichtungen kaum denkbar wären.
Als die Währungsumstellung
die Grundlage schuf, auf der sich Deutschland wieder am Welthandel
beteiligen konnte, waren bei H & B sehr rasch auch die Fäden
zu den alten Geschäftsfreunden außerhalb Deutschlands
wieder angeknüpft. Ein von Jahr zu Jahr steigendes Exportvolumen
zeigt, in welchem Umfang die Erzeugnisse des Hauses wieder in die
Welt hinausgingen. Bei diesen Zahlen ist zu beachten, daß
sie lediglich den direkten Export darstellen. Ungefähr den
gleichen Wert haben jedoch die indirekten Auslandslieferungen von
H & B, bei denen die Erzeugnisse von deutschen Kesselfirmen,
Ofenbauanstalten, Ingenieurunternehmungen (wie z.B. LURGI), in kompletten
Anlagen exportiert werden. Man kann annehmen, daß im Durchschnitt
40 bis 45% der Erzeugnisse von H & B ins Ausland gehen.
Um den Export noch weiter zu fördern, beteiligte
sich das Frankfurter Haus auch an einigen Unternehmungen im Ausland.
So begann noch im Jahre 1945 ein Erfahrungsaustausch und eine immer
enger werdende Zusammenarbeit mit der Camille Bauer Meßgeräte
AG. in Wohlen/Schweiz, die dem Generalvertreter von H & B in
der Schweiz gehört; das führte schließlich im Jahre
1956 auch zu einer kapitalmäßigen Beteiligung. Im gleichen
Jahre wurde in São Paulo/Brasilien die Hartmann & Braun/Bender
Ltda. gegründet, und im Jahre darauf in Madrid die Hartmann
& Braun Española. Beide Firmen werden nach Lizenzen und
Konstruktionen des Frankfurter Stammhauses diejenigen Geräte
im Lande herstellen, für welche Importlizenzen nicht zu erhalten
sind. Die Firma H & B ist heute in 47 Ländern der Welt
vertreten und konnte in den letzten Jahren auch in Übersee
z.T. Großanlagen in Konkurrenz gegen die Industrie der ganzen
Welt erstellen.
1949 wurde die Fertigung und später auch der
Vertrieb von Schalttafelgeräten -eine Geschäftssparte,
in der die in- und ausländische Konkurrenz besonders scharf
ist- organisatorisch und räumlich ausgegliedert und einer Tochtergesellschaft,
der ELIMA-GmbH, übertragen, für welche Fabrikationsräume
in Münster bei Dieburg eingerichtet wurden. Diese Maßnahme
hat sich als sehr zweckmäßig erwiesen, denn der Betrieb
mußte inzwischen räumlich dreimal stark erweitert werden.
Er beschäftigt heute über 430 Mitarbeiter.
Schon kurze Zeit später beteiligte sich H
& B an einem jungen, sehr erfolgreich aufstrebenden Unternehmen
in Minden/Westf., der Schoppe & Faeser GmbH, deren Gesellschaftskapital
zu 5o% von H & B übernommen wurde. Schoppe & Faeser
stellen Regelgeräte, Zahnradprüfgeräte, Induktionshärtemaschinen
und Großrechenanlagen her, so daß deren Fabrikationsprogramm
eine gute Ergänzung zu demjenigen von H & B darstellt.
Auch diese Firma hat sich in den letzten Jahren ausgesprochen gut
entwickelt. In einem modernen Fabrikneubau in Minden werden heute
über 6oo Mitarbeiter beschäftigt. Im Jahre 1953 übernahmen
H & B das gesamte Gesellschaftskapital der kleinen, aber sehr
gut renommierten Braunschweiger Feinmechanikerfirma Günther
& Tegetmeyer GmbH, deren Aufgabengebiet teilweise weitergeführt,
teilweise durch den Vertrieb spezieller Meß- und Zählgeräte
erweitert wurde.

Stammwerk-Gräfstrasse von H & B an
der Bockenheimer Warte von 1955
Inzwischen war der Ausbau und Wiederaufbau des
Stammwerks in Frankfurt planmäßig weitergeführt
worden. Die Werkstätten waren modernisiert und vergrößert,
Ende 1954 alle wiedererstanden, aber genügten dennoch dem wachsenden
Raumbedarf des Betriebes nicht. Aus der noch immer unbefriedigenden
Raum-Situation heraus -das Werk liegt im alten Stadtteil Bockenheim
so von allen Seiten eingekeilt, daß jede großzügige
Planung hinsichtlich einer Erweiterung sich von selbst verbietet-
wurde zäh und verbissen um die Freigabe des Praunheimer Werkes
gekämpft, die endlich 1955 in Aussicht stand und Anfang 1956
Tatsache wurde. Zwar war von den Gebäuden nach zehnjähriger
Benutzung durch die Besatzungsmacht nicht viel mehr übriggeblieben
als ein Rohbau, aber einmal ging dessen Herrichtung naturgemäß
schneller vonstatten als ein völliger Neubau, vor allem aber
steht in Praunheim genügend Grundfläche zur Verfügung,
um auf Jahrzehnte den Erweiterungsbedarf des Werkes sicherzustellen.
Eine besondere Erwähnung verdient noch der
Braunschweiger Zweigbetrieb von H & B, der gleichfalls im Jahre
1956 endlich in ein eigenes Heim einziehen konnte. Auf Betreiben
damaliger Rüstungsdienststellen im Jahre 1935 eingerichtet,
war er 21 Jahre lang in einem großen Fabrikgebäude pachtweise
untergebracht. Als es 1956 gekündigt wurde, verkleinerte zufällig
ein in unmittelbarer Nähe liegender Betrieb der Blechwaren-Industrie
seine Fertigung so erheblich, daß H & B das ganze, für
ihre Zwecke sehr geeignete Anwesen erwerben konnten. In Braunschweig
werden von derzeitig etwa 200 Mitarbeitern einige wärmetechnische
Gerätetypen hergestellt. Durch die nun erworbenen eigenen Räume
und durch eine vorhandene räumliche Reserve wird der Betrieb
in Zukunft eine wachsende Bedeutung für die Produktion des
gesamten Unternehmens erhalten.
Foto:Schmitz-Sieg
Mechaniker bei Hartmann & Braun 1958
Meßgeräte sind durch ihren Typenreichtum
keine industriellen Massengüter, sondern werden nach modernsten
Fertigungsmethoden, aber dennoch zu einem erheblichen Teil auch
heute noch handwerklich und individuell hergestellt. Dementsprechend
groß ist der Anteil an gelernten Facharbeitern in der Werkstatt,
an Technikern und Ingenieuren im ganzen Betrieb sowohl als auch
im Verkauf. Das Verhältnis zwischen Gehalts- und Lohnempfängern
schwankt zwischen 1:2 und 1:2,5. Auch unter den Gehaltsempfängern
überwiegen weitaus die technischen Berufe. So ist auch der
Vertrieb im wesentlichen eine technische Angelegenheit. Er erfolgt
für H & B in Westdeutschland durch ein engmaschiges Netz
eigener Geschäftsstellen, in denen Meßtechniker die Kundschaft
auf allen Gebieten technisch einwandfrei beraten und unterstützen
können.
Auch bei der baulichen Neugestaltung des Werkes
hatte die Technik insofern den Vorrang, als zunächst einmal
die Werkstätten wieder mustergültig werden mußten.
Erst in den Jahren 1953 bis 1955 wurde auch ein modernes
Bürohaus (unten) errichtet, das an die Stelle der im
Kriege zerstörten, unschönen und unzweckmäßigen
Gebäude an der ehemaligen Königstraße
(heutige Gräfstrasse) trat. Seine Einweihung erlebte
der langjährige Vorsitzende des Vorstands, Dr. Waldemar Braun,
nicht mehr. Er verstarb im Sommer 1954. An seine Stelle trat sein
Sohn Wilfried Braun, der nunmehr in der dritten Generation die Gründerfamilien
im Hause als Vorsitzender des Vorstands vertritt.

Das Aktienkapital, auch heute noch zum überwiegenden
Teil im Besitz der Gründerfamilien, betrug 3,6 Millionen RM.
Es wurde 1949 1:1 auf DM umgestellt und im Jahre 1955 auf 6,7 Millionen
DM erhöht. Die Firma konnte nach langen -infolge der Kriegsschäden
dividendenlosen Jahren -die erste Dividendenzahlung für das
zweite Halbjahr 1948 mit 3% aufnehmen; für die Jahre 1952 bis
1955 wurden 8%, und erstmalig für das Jahr 1956 9% ausgeschüttet.
Bei dem starken Streben nach Rationalisierung und
technischer Verbesserung der Fertigungsanlagen in aller Welt darf
erwartet werden, daß die Aussichten für die Gesellschaft
auch für die nächste Zukunft günstig sind.
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