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farbwerke hoechst ag (ehem. meister lucius & brüning).  
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Die FARBWERKE HOECHST AG sind aus der 1863 errichteten Farbenfabrik Meister Lucius & Brüning hervorgegangen und haben in ihrem bald hundertjährigen Aufstieg das Bild der ehedem kleinen Landstadt Höchst völlig verwandelt, die um ihretwillen 1928 mit Frankfurt vereinigt wurde. Für diesen bedeutenden Stadtteil und seine Vororte bedeutete darum das Schicksal der Farbwerke sehr viel. Bis zur fast kampflosen Einnahme durch die Amerikaner hatten in Höchst und Griesheim die Schornsteine geraucht. Die Kriegsschäden an den Werksanlagen waren nicht bedeutend. Die Produktion konnte darum mit gewissen Einschränkungen, die sich vor allem durch das Ausbleiben von Rohstoffzufuhren ergaben, fortgesetzt werden.


Foto:Hoechst AG

die Brücke mit dem Turm, charakteristisches Warenzeichen der Farbwerke Hoechst

 

Die Amerikaner legten jedoch sofort alle Betriebe still, beschlagnahmten sämtliche Verwaltungsgebäude und begannen mit einer gründlichen Durchsuchung aller Werksanlagen. In vielen Teilen hatten die sich selbst überlassenen Fremdarbeiter kurz vor dem Einzug der Amerikaner geplündert und sinnlose Zerstörungen angerichtet. Wenn es dennoch der chemo-therapeutischen Abteilung gelang, die Stämme der Versuchstiere zu erhalten und durch deren Fortimpfung wichtige Voraussetzungen für die Forschungsarbeit zu bewahren, die auch anderen Stellen in Westdeutschland in der Folgezeit zugute kamen, so kann man sich heute kaum mehr eine Vorstellung davon machen, mit welchen Schwierigkeiten diese Arbeit in jenen turbulenten Tagen und schon vorher während der Luftangriffe, später dann in den Zeiten der durch das Verkehrschaos bedingten Not verbunden war. Die Mitarbeiter der Farbwerke, denen diese verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut war, haben selbstlos allen Gefahren getrotzt und sogar die höchst mißtrauischen Amerikaner dazu bewogen, sie ohne Unterbrechung weiterarbeiten zu lassen. Sonst jedoch lag das Werk für Wochen still, indes bedurfte vieler Anstrengungen, um die Erlaubnis für die Wiederaufnahme einiger Produktionszweige zu erlangen.

Zuerst kamen die pharmazeutischen Betriebe wieder in Gang. Die Not der Zuckerkranken wurde immer größer, weil überall in den Apotheken die Vorräte an Insulin zur Neige gingen. So genehmigten die Amerikaner die Wiederaufnahme seiner Herstellung. Doch die Beschaffung der dafür benötigten Mengen an Pankreasdrüsen war außerordentlich schwierig, weil viel zu wenig Schlachtvieh in die Städte kam. Mit großen Mühen mußten weit entfernte Schlachthäuser mit in den Dienst dieser Aufgabe gestellt werden. So konnte schon nach zwei Monaten den Diabetikern das Insulin in langsam steigender Menge wieder zur Verfügung gestellt werden. Die nächste Sorge galt der Düngemittelfabrikation. Ohne ausreichende Versorgung mit Düngemitteln konnte die Landwirtschaft ihre lebenswichtige Aufgabe nicht erfüllen. Ohne Rücksicht auf das eigene Interesse der Betriebe bemühte sich darum die Werksleitung, die notwendige Erlaubnis dafür zu erwirken. Für den Stickstoffdünger fehlte es jedoch am Ammoniak, da dessen bisherige Zulieferer durch die Zonengrenzen unerreichbar waren. So mußten große Anstrengungen gemacht werden, um neue Ammoniakquellen zu erschließen. Als die Düngemittelproduktion endlich anlaufen konnte, nahm sie rasch bedeutenden Umfang an, um der großen Nachfrage gerecht zu werden und die Ernährung der Bevölkerung zu sichern. Am schwersten hatte unter der Betriebsstillegung die Schwefelsäureproduktion gelitten. Sie wurde zwar bald ebenfalls wieder in Gang gebracht, doch die erforderlichen Reparaturen der Betriebsanlagen kamen nur sehr langsam voran, weil es an den nötigsten Rohstoffen und Ersatzteilen haperte. Daß immerhin schon wenige Monate nach dem Einzug der Besatzung die wichtigsten Betriebe wieder produzieren konnten, war in erster Linie der Stammbelegschaft der Farbwerke zu danken, die allen Schwierigkeiten zum Trotz und ohne Rücksicht auf die schlechte Ernährung an ihren Arbeitsplätzen ausharrte und sich mit tausend Behelfen abmühte, die Produktion aufrechtzuerhalten. Manche Dinge, mit denen man sich eigentlich nie befaßt hatte, wie die Herstellung von Essigessenz oder das Färben von Textilien, erhielten eine zeitbedingte Bedeutung.

Die Farbwerke Hoechst besaßen 1945 überhaupt keine Verkaufsorganisation, weil bis dahin die IG Farben diese Aufgabe zentral geregelt hatte. So mußte die kaufmännische Verwaltung völlig neu aufgebaut werden. Dafür gab es jedoch weder Büroräume noch Maschinen oder Vordrucke. In Laboratoriumsgebäuden auf engsten Raum zusammengepfercht, begannen die Kaufleute an den mit Bleiplatten belegten Versuchstischen ihre Arbeit. Aus den Betriebsbüros wurden längst veraltete Schreib- und Rechenmaschinen entliehen. Kühne Expeditionen drangen bis zu den Formularlagern der IG Farben vor. Preislisten mußten mühsam rekonstruiert werden, alles war von Grund auf neu zu entwickeln. Derweilen bestürmten die Kunden das Werk. Tagtäglich kamen durch alle Sperren hindurch Besucher in Scharen mit Fahrzeugen aller Art, um gegen Barzahlung zu kaufen, was sie irgend erhalten konnten. Im September 1945 wurden z.B. von 886 Chemikalien-Lieferungen 816 im Werk abgeholt. Die Umsätze blieben dennoch bescheiden, weil die Produktion nur langsam der Nachfrage gerecht werden konnte. In großzügiger Weise haben die Farbwerke Hoechst 1945 nicht benötigte Rohstoffvorräte, die noch bei ihnen lagerten, anderen Frankfurter Unternehmen überlassen und dadurch deren Wiederaufbau unterstützt. Das alles vollzog sich unter den Augen einer sehr scharfen und höchst umständlichen Kontrolle.

Zunächst lag die gesamte Betriebsführung in den Händen der US-Administration. Es war darum schon ein großer Vorteil, als im Februar 1946 einer der deutschen Werksleiter, Dr. Michael Erlenbach, von dieser als Treuhänder für das Werk bestellt wurde und Anfang April als Property Custodian erweiterte Vollmachten erhielt. So kam allmählich eine gewisse Zusammenarbeit zustande, die es der Werksleitung erlaubte, über den vordringlichen Besatzungsbedarf hinaus in steigendem Maße auch die deutsche Nachfrage zu befriedigen. Noch galten aber für lange Zeit die Produktionsbeschränkungen des Alliierten Kontrollrates, fehlten wichtige Rohstoffe und war der Zugang zum Weltmarkt versperrt. Die ersten kleinen Exporte wurden 1946 von der Militärregierung abgewickelt. Erst im Frühjahr 1947 durfte das Werk selbst wieder mit dem Aufbau eines Exportgeschäftes beginnen. Nun trat es nach außen unter der im August 1946 neu eingeführten Firma „Farbwerke Hoechst“ mit dem Zusatz „unter US-Administration“ auf. Der Umsatz stieg nur langsam an. Immerhin war es damals möglich, mit einem ausländischen Partner größere Umarbeitungsgeschäfte anzubahnen, die der Instandsetzung wichtiger Betriebsabteilungen notwendige Materialien zuführten und für die Belegschaft „Hilfsstoffe“ wie Milch und Unterhosen einbrachten. Insgesamt wurde im Jahre 1947 eine gewisse Konsolidierung des gesamten Werkes erreicht, die eine normale Weiterentwicklung erhoffen ließ.

Die lange erwartete und mit Sorgen ersehnte Währungsreform führte nicht nur zu einer Befreiung vom Preisstopp, sondern ließ den Umsatz entgegen allen Befürchtungen schnell ansteigen. Zur gleichen Zeit - im August 1948 - wurden die Demontage-Arbeiten in den Lösungsmittel- und Kunststoff-Betrieben der Farbwerke beendet. Inzwischen hatten die Amerikaner auch einen Teil der Verwaltungsgebäude geräumt - um sie den neuen Dienststellen der Bizonen-Verwaltung zu überlassen. Die Raumnot für die werkseigenen kaufmännischen Büros konnte nur schrittweise durch die Wiederherstellung beschädigter Bauwerke behoben werden. Im übrigen versteifte sich im Laufe des Jahres 1949 die Absatzlage, man mußte für die Produkte werben und stieß auf nicht immer faire Konkurrenz.Und doch brachte dieses Jahr einen kleinen Hoffnungsstrahl. Die amerikanischen Fachleute hatten beim Durchstöbern aller Winkel des Werkes auch einen kleinen Penicillin-Betrieb entdeckt. Schon während des Krieges hatte man in Höchst, angeregt von den spärlichen Nachrichten über die britisch-amerikanischen Entdeckungen auf diesem Gebiet, eigene Forschungen begonnen, die allerdings erst nach dem Zusammenbruch zu einer bescheidenen Produktion führten. Nun vermittelte die US-Militärregierung einen Vertrag mit der amerikanischen Firma Merck & Co, auf Grund dessen der Bau einer großen Penicillin-Fabrik möglich wurde. Sie nahm bereits im Jahre 1950 den Betrieb auf.

In der Düngemittelproduktion war schon zuvor durch die Einführung des Kalkammonsalpeters ein beträchtlicher Fortschritt erzielt worden, der entsprechende Neubauten erforderlich machte. Systematisch wurden in diesen Jahren auch alle Produktionslücken geschlossen, die sich aus dem Mangel an Zwischenprodukten ergaben, die bis 1945 von anderen Werken der IG Farben geliefert worden waren. Ihrer alten Tradition getreu bauten die Hoechster Farbwerke möglichst auf allen für sie wichtigen Gebieten vertikale Erzeugungsanlagen auf, die ihnen über alle Zwischenstufen aus den Rohstoffen die Herstellung verbrauchsfertiger Endprodukte innerhalb des eigenen Werkes erlaubten. In diesem Zusammenhang mußte eine ganze Reihe von anorganischen, hauptsächlich jedoch organischen Chemikalien neu in das Produktionsprogramm aufgenommen werden. So vollzog sich in großem Stil eine schrittweise Umgestaltung und gleichzeitige Überholung der gesamten Werksanlagen.

Die Werksanlagen, in der Mitte das Verwaltungshochhaus, Bild ca 1966

 

Die beschlagnahmten Verwaltungsgebäude wurden mit der Zeit auch freigegeben. So konnte schon 1950 die Forschungsarbeit wieder in größerem Stil aufgenommen werden. 15o Akademiker waren damals bereits auf diesen Gebieten tätig, und der Jahresaufwand für reine Forschungszwecke betrug schon 10,6 Millionen DM. Gleichzeitig mußten 62,3 Millionen für Reparaturarbeiten und 28,5 Millionen DM für Neuinvestitionen aufgewandt werden. Es ging vorwärts auf allen Gebieten. Die Gesamtbelegschaft überschritt bereits die Zahl von 10000 Mitarbeitern. Am Beginn der Hochkonjunktur standen die Farbwerke Hoechst wieder im vollen Betrieb und hatten den wichtigsten Nachholbedarf bewältigt. So konnten sie den nun an sie herantretenden Anforderungen entsprechen und erlebten einen schnellen Aufstieg.

Endlich entschied sich auch ihr Schicksal als Unternehmen. Bereits seit dem 1.Januar 1950 führten sie in der Firmenbezeichnung wieder den Zusatz „vormals Meister Lucius & Brüning“. Das Ringen um Umfang und Rechtspersönlichkeit der Firma zog sich viele Monate hin. Am 7. Dezember 1951 erfolgte die formelle Neugründung der Auffanggesellschaft mit einem Grundkapital von 100000 DM. Ihr übertrug die Anordnung Nr. 83 der TRIFCOG am 26. März 1953 aus dem IG-Vermögen die Werke Hoechst, Chemische Fabrik Griesheim, Naphtol-Chemie Offenbach und Lech-Chemie Gersthofen sowie die Gesellschaften Knapsack-Griesheim AG, Kalle & Co. AG, Bobingen AG für Textil-Faser und Behringwerke AG, ferner Beteiligungen an der Wacker-Chemie GmbH, der Duisburger Kupferhütte und einigen weiteren Gesellschaften. Auf Grund eines Einbringungsvertrages wurden diese als Sacheinlage mit 285,6 Millionen DM bewertet und das Grundkapital am 27. März 1953 in einer außerordentlichen Hauptversammlung entsprechend erhöht. Damit endete die alliierte Kontrolle über das eingebrachte Vermögen. Die Übernahme erfolgte rückwirkend zum 1. Januar 1952, so daß mit diesem Tage das erste Geschäftsjahr des neuen Unternehmens begonnen hatte.

Von den wieder mit den Farbwerken Hoechst vereinigten Werken lagen zwei im Frankfurter Raum. Ihr Nachkriegsschicksal war besonders schwer gewesen. Die Chemische Fabrik Griesheim traf 1945 die Totalbeschlagnahme ihrer Betriebsanlagen, die in ein amerikanisches Materialdepot umgewandelt wurden. Das Werk kam als Ganzes auf die Reparationsliste. An eine Wiederaufnahme der Produktion war zunächst nicht zu denken. Erst nachdem die Demontage nicht mehr in Betracht kam, gelang es nach langwierigen Verhandlungen am 31. August 1946 die Freigabe der für die Produktionsaufnahme unbedingt erforderlichen Teile des Werkes durchzusetzen. Die Anlagen, die über ein Jahr ohne Wartung stillgelegen hatten, mußten völlig überholt werden, vieles mußte erneuert oder ersetzt werden. An eine Aufnahme neuer Produktionen war nicht zu denken. Darum wandte sich der Betrieb wieder seinem altbewährten Produktionsprogramm der Herstellung von Vor- und Zwischenprodukten zu, die von einem weiten Kundenkreis dann erst zu den verschiedensten Endstufen - Farben, Riechstoffen, Schädlingsbekämpfungsmitteln, pharmazeutischen Erzeugnissen und zahlreichen chemisch-technischen Produkten - verarbeitet werden. Daneben lief auch bald wieder die Großfabrikation von Kohleelektroden, Kohlenstoffsteinen und Apparaturteilen aus Kunstkohle an. Das Graphitierungswerk in Bitterfeld, das bis 1945 die Endstufe dieser Produktion war, stand nun dafür nicht mehr zur Verfügung. 1949 konnte dafür in Gemeinschaft mit der Siemens-Plania AG für Kohlefabrikate ein neues Verarbeitungswerk errichtet werden. 1951 hatte die Chemische Fabrik Griesheim nach intensiver Aufbauarbeit ihrer Mitarbeiter bereits wieder auf ihren beiden Hauptproduktionszweigen eine Erzeugung erreicht, die die hohe Produktion von 1938/39 erheblich übertraf. Sie war also wieder auf voller Leistungshöhe.

Die Naphtol-Chemie Offenbach, die alte Teerfarbenfabrik der Chemischen Fabrik Griesheim, hatte im Bombenkrieg die schwersten Schäden aller westdeutschen Werke der IG-Farben erlitten. Die Trümmerstätte wurde 1945 ebenfalls beschlagnahmt und besetzt. Die Stammbelegschaft zerstreute sich, und die wenigen noch arbeitsfähigen Anlagen verfielen dank fehlender Pflege rasch. Das Werk sollte restlos zerstört werden und blieb darum der Verwahrlosung überlassen. Ein kleines Häuflein von Männern hielt dennoch aus, erkämpfte die Streichung von der Liste der zu zerstörenden Anlagen und erreichte sogar im Laufe des Jahres 1946 eine beschränkte Produktionserlaubnis. Als selbständige Wirtschaftseinheit erhielt das Werk damals den Namen Naphtol-Chemie Offenbach. Es mußte jedoch von Grund auf neu aufgebaut werden. In dreieinhalbjähriger Arbeit erstand nach großzügiger Planung eine moderne Teerfarbenfabrik, deren Produktion bereits 1951 die des Jahres 1938, des besten Vorkriegsjahres, überschritten hatte. Welch enorme Leistung unternehmerischer Art hinter diesem Neuaufbau aus verwahrlosten Trümmern stand, läßt sich nur ermessen, wenn man sich die vielen Schwierigkeiten der Notjahre, und den langsamen Aufstieg in der ersten Zeit nach der Währungsreform vergegenwärtigt. So bedeutete die Übernahme dieses Werkes für die Farbwerke Hoechst AG eine wertvolle Bereicherung.

Auf Frankfurter Boden liegt schließlich noch ein wichtiger Betrieb der Knapsack-Griesheim AG, das Werk Griesheim-Autogen, das Apparate für Schweißtechnik herstellt. Es hatte nach 1945 das gleiche Schicksal wie alle Werke der IG-Farben zu bestehen. Da seine Produkte jedoch von Anfang an für die Aufräumungs- und Wiederaufbauarbeiten dringend benötigt wurden, war es schnell wieder auf volle Leistungsfähigkeit gebracht worden.

Seit 1952 erfuhren die Farbwerke Hoechst eine großzügige Erweiterung und Erneuerung ihrer Anlagen. Den Vorsitz des neugebildeten Vorstandes des Unternehmens übernahm Prof.Dr. Winnacker. Der bisherige Treuhänder des Werkes Höchst, Dr. Erlenbach, wurde ebenfalls Vorstandsmitglied. Als Vorsitzenden des Aufsichtsrates berief die Hauptversammlung den Vorstand der Rhein-Main Bank , Dr. Hugo Zinßer. Rationalisierung und Modernisierung aller wichtigen Betriebe nach einem 1953 ausgearbeiteten Investitionsprogramm auf weite Sicht war die wichtigste Aufgabe, die sich die verantwortlichen Männer stellten. Bereits 1952 wurden dafür 92,4 Millionen, 1953: 83,1, 1954: 135,5, 1955: 240,8, 1956: 241,9 und 1957 rund 225 Millionen DM aufgewandt. Ein erheblicher Teil dieser Summen mußte für die Anlagen im Frankfurter Raum ausgegeben werden. Seinen sichtbarsten Ausdruck fand dieser Ausbau in dem Bürohochhaus für die Verkaufsabteilungen (siehe oben), das 1955 als neuer Abschluß der Farbenstraße in Höchst bezogen werden konnte. Gemeinsam baute das Unternehmen mit der Stadt Frankfurt eine breite Umgehungsstraße, so daß endlich der Durchgangsverkehr aus dem Betriebsgelände herausgenommen werden konnte.

Doch diese auch dem Außenstehenden erkennbaren Neuerungen waren nur der Ausdruck einer gewaltigen Umsatzsteigerung - von 761,9 auf 1761 Millionen DM für das Gesamtunternehmen in der Zeit von 1952 bis 1957, in der der Export mehr als verdreifacht werden konnte (von 170 Millionen DM für das Gesamtunternehmen 1952 auf 570 Millionen DM 1957). Um diese Leistung zu erreichen, mußte die Forschungsarbeit ständig verstärkt werden. Ihre Kosten betrugen 1952 bereits 34,4 Millionen DM und konnten bis 1957 mehr als verdoppelt werden (88 Millionen). Die Ergebnisse entsprachen diesem Aufwand. 1954 nahm das Höchster Werk die Produktion von Streptomycin auf. Im gleichen Jahre konnte der verformbare Kunststoff Hostalit auf dem Markt eingeführt werden. Als am 20. Juli 1954 die erste ordentliche Hauptversammlung des neuen Unternehmens zusammentrat, war gerade ein neuer Großsilo für Düngemittel, der Betonneubau S 113, betriebsfertig. Bevor er jedoch seinem eigentlichen Zweck übergeben wurde, tagte in diesem Bau die Hauptversammlung. Das war ein eindrucksvolles Symbol für den Willen zum Wiederaufbau wie für die ihm zugrunde liegende Einheit von Werk und Menschen, die für die Geschichte der Farbwerke Hoechst seit jeher ausschlaggebend war.

1955 konnte in Höchst die Produktion des Antibioticums Hostacyclin aufgenommen werden; damit war die pharmazeutische Herstellung wiederum bedeutsam erweitert worden. Auf dem Gebiet der verformbaren Kunststoffe trat im gleichen Jahre mit dem Niederdruck-Polyaethylen Hostalen ein neues, wichtiges Erzeugnis auf den Markt. Die zweite Hauptversammlung, die am 28. Juni 1955 zusammentrat, beschloß eine Erhöhung des Aktienkapitals auf 385 Millionen DM und die dritte Hauptversammlung am 1.Juni 1956 eine solche auf 462 Millionen DM. Die Gesamtbelegschaft des Unternehmens war inzwischen auf über 42ooo Beschäftigte gestiegen, von denen in Höchst selbst über 18ooo tätig sind.

Im Zuge des Ausbaues der Betriebsanlagen wandten sich die Farbwerke Hoechst auch verschiedenen neuen Aufgaben zu. Als in Pfungstadt bei Darmstadt ein Erdgas-Vorkommen erschlossen wurde, übernahmen sie dessen Verwertung und bauten dafür eine 42 km lange Leitung nach Höchst. 1956 konnte dort eine neu erstellte Erdölspaltanlage in Betrieb genommen werden, deren weithin ragendes Wahrzeichen der 70 m hohe Turm, der „Hoechster Koker“, ist. Damit ist die Erdölchemie in das Produktionsprogramm des Unternehmens aufgenommen und eine wichtige Rohstoffbasis für neue Kunststoffe und synthetische Fasern - die Aufgabe des Werkes in Bobingen bei Augsburg - gewonnen. Drei neuerbaute Tankschiffe, „Paul Duden“, „Otto Ernst“ und „Karl Staib“, benannt nach um das Werk verdienten Männern, sind ebenfalls für den Verkehr auf Rhein und Main in Dienst gestellt worden. Auch den Problemen der friedlichen Verwendung der Kernenergie haben sich die Farbwerke Hoechst in den letzten Jahren zugewandt. Im Anschluß an die Ammoniaksynthese wird im Werk Höchst eine Anlage zur Erzeugung schweren Wassers erstellt. So ist das Unternehmen auf allen Gebieten bestrebt, mit den neuesten Erkenntnissen der chemischen Wissenschaft Schritt zu halten und sie durch eigene Beiträge zu vermehren.

Foto:Simon

Über 17oo Akademiker, von denen knapp 5o% mit reinen Forschungsaufgaben beschäftigt sind, arbeiten nunmehr am weiteren Ausbau des Produktionsprogrammes. Dabei wird besonderer Wert auf die sogenannte Anwendungstechnik gelegt, deren Ziel es ist, im engen Kontakt mit Forschung, Fabrikation- und Kundschaft ein Bindeglied zwischen Hersteller und Verbraucher zu schaffen. Der Begriff „Hoechst“ und sein charakteristisches Warenzeichen, die Brücke mit dem Turm, ist unzähligen Menschen in der ganzen Welt vertraut - und das, obwohl für diese neueingeführte Marke erst seit wenigen Jahren intensiv geworben werden kann. Daß dies erreicht werden konnte und sich damit die entsprechenden wirtschaftlichen Erfolge einstellten, ist gewiß in erster Linie der Qualität der Erzeugnisse und damit der unablässigen Leistung aller Mitarbeiter zu danken. Dazu war nicht minder eine zielbewußte Leitung des Gesamtunternehmens nötig, die sich auf eine gründliche Beobachtung des Marktes und die sorgfältige Auswertung der neuesten Erkenntnisse, von Chemie und Technik stützen konnte. Der Aufbau eines weltweiten Geschäftes und die Bewältigung der schwierigen finanziellen Probleme, die damit und mit der Erneuerung der Betriebsanlagen verbunden waren, haben die Farbwerke Hoechst wieder in die erste Reihe der chemischen Großunternehmen der Bundesrepublik und der ganzen Welt gerückt.

Über all diesem Mühen um die Wiedererringung des alten Namens wurden die eigenen Mitarbeiter nicht vergessen. Im Zuge der Überwindung der Nachkriegsschwierigkeiten und im Zusammenhang mit der Neukonstituierung des Unternehmens wurden auch die alten, bedeutenden sozialen Einrichtungen Schritt für Schritt wieder ins Leben gerufen und nach Bedarf zeitgemäß erneuert. Das Genesungs- und das Wöchnerinnenheim sowie die Haushaltungsschule für Frauen konnten ihr segensreiches Wirken fortsetzen. Der werksärztliche Dienst wurde nach neuesten Gesichtspunkten ausgebaut. Seit 195o wird jugendlichen Mitarbeitern kostenlose Erholung in den bayrischen Bergen ermöglicht. Schon im November 1947 konnte die Auszahlung der Werksbeihilfen wieder aufgenommen werden. Ein besonderes Sorgenkind waren lange Zeit die Pensionsansprüche der ehemaligen Mitarbeiter. Auch ihre Befriedigung konnte nach Überwindung vieler, durch die unklaren Besitz- und Rechtsverhältnisse in den ersten Jahren bedingten Schwierigkeiten wieder sichergestellt werden. Mehr als 10000 Pensionäre, Witwen und Waisen des Unternehmens dürfen wieder ohne Sorge leben. Noch schwieriger war die Überwindung der Wohnungsnot. Von dem stattlichen Bestand der werkseigenen Siedlungen wurde 1945 ein beträchtlicher Teil beschlagnahmt und der Nutzung durch ihre rechtmäßigen Bewohner entzogen. In zähem Ringen mit den Dienststellen der Besatzungsmacht und den deutschen Behörden konnten sie nach geraumer Zeit in Etappen wieder freigemacht werden. Zugleich wurde ein Neubauprogramm in Angriff genommen und seit 1950 ausgeführt. Über 9000 werkseigene, ihm verbundene oder von ihm geförderte Wohnungen und Eigenheime werden heute von Mitarbeitern des Gesamtunternehmens bewohnt.

Die umfassende Sozialfürsorge der Farbwerke Hoechst wirkt sich befruchtend auf das öffentliche Leben dieser Stadtteile in vieler Hinsicht aus. Das gilt besonders von ihrer großzügigen Bildungsarbeit. Sie umfaßt nicht nur die völlig erneuerten Lehrlingswerkstätten der Betriebe und die große, schon seit über 50 Jahren bestehende Leihbibliothek mit über 150000 Bänden, sondern erstreckt sich auch auf ein reges kulturelles Leben, das die Sozialabteilung des Werkes in Gemeinschaft mit dem von ihr tatkräftig geförderten Höchster Bund für Volksbildung durch die Veranstaltung von Meisterkonzerten, Theaterabenden und Vorträgen aller Art sehr erfolgreich zu pflegen versteht. Als die Städtischen Bühnen Frankfurts 1955 ihre Inszenierungen in die Betriebe hinaustrugen, fand fast selbstverständlich die erste dieser Aufführungen in den Farbwerken Hoechst statt. Bis in die Arbeit vieler kleiner Vereine und in den Ausbau der öffentlichen Einrichtungen in ihrem Einzugsbereich wirkt sich diese Förderung des Wohles der Mitarbeiter und ihrer Familien aus. Daß die freiwilligen sozialen Leistungen des Unternehmens bei diesem Umfang bereits 1951 die Höhe von 33% des Bruttoeinkommens der Belegschaft erreicht hatten und seitdem noch beträchtlich gestiegen sind, bedarf daher kaum noch der Hervorhebung.

Die Mitarbeiter sind jedoch nicht nur Objekt einer umfassenden Fürsorge ihres Werkes und dadurch Nutznießer seiner wirtschaftlichen Erfolge. Sie sind vielmehr an diesen unmittelbar interessiert und beteiligt. Auch hier wurden ältere Einrichtungen wieder aufgenommen und in neue, zeitgemäßere Formen gekleidet. Prof.Dr. Winnacker hat 1954 vor den Stadtverordneten und dem Magistrat Frankfurts die grundlegenden Gedanken der Werksleitung über den Zusammenhang der Lohn- und Dividendenpolitik des Unternehmens dahin präzisiert: die von ihm geschaffenen und mit der Dividende in ihrer Höhe gekoppelten Jahresprämien sollen die Belegschaft sowohl am Erfolg wie am Risiko beteiligen. So ergibt sich ein harmonisches Gleichgewicht zwischen den Aktionären, die dem Unternehmen die Mittel zu seiner Betätigung zur Verfügung stellen, und dessen aktiven Mitarbeitern, die durch ihre Leistung den Erfolg miterringen helfen und darum auch entsprechend an ihm interessiert sein müssen. Das kommt auch in der Höhe des Gesamtbetrages dieser Jahresprämien, die dem erarbeiteten Gewinn entnommen werden, deutlich zum Ausdruck.

Die Farbwerke Hoechst AG, vormals Meister Lucius & Brüning, in einem Dutzend Jahren seit der Katastrophe, die ihre Existenz bedrohte, in unendlich mühsamer und schwieriger Arbeit neuerstanden, sind wieder wie einst das größte Unternehmen Frankfurts, und ihr Aufstieg zu neuer Weltgeltung kann darum als Symbol für die Wiedergeburt der ganzen Wirtschaft unserer Stadt betrachtet werden, obwohl oder gerade weil das individuelle Schicksal des Werkes dafür ebenso wenig Allgemeingültigkeit besitzt, wie das von seiner Bedeutung für die Wirtschaftsstruktur der Stadt behauptet werden kann. Im Rahmen der vielseitigen Frankfurter Wirtschaft ist es nur das führende, aber durchaus nicht das beherrschende Unternehmen. Doch der Geist, der in Höchst waltet und den Wiederaufstieg erzwang, darf als typisch und der Tradition wie der Lebenskraft der Stadt entsprechend bezeichnet werden.

 
Quelle: F.Lerner: " Frankfurt am Main und seine Wirtschaft", Ammelburg-Verlag 1958
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