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Das Lebensmittel-Filialunternehmen, J.
LATSCHA konnte seinen Umsatz seit der Währungsreform
um über 300% vermehren und hat längst die besten Jahre
der Vorkriegszeit überschritten. Dabei wurde deutlich eine
Verlagerung des Verbrauchs nach höheren Qualitäten festgestellt.
Die Warenliste B, aus der seine Filialleiter nur bei Bedarf bessere
Qualitäten anfordern konnten, wurde in den letzten Jahren weitgehend
ins allgemeine Sortiment übernommen. Die Zusammensetzung der
Kundschaft hat sich insofern verändert, als nun auch der Mittelstand
die Scheu vor dem Filialgeschäft verloren hat. Nach wie vor
stellt jedoch die arbeitende Bevölkerung die Hauptmasse der
Käufer. Dank der gestiegenen Einkommen wuchsen auch ihre Ansprüche.
Insbesondere hat der Absatz an Alkoholika deutlich zugenommen, weil
offenbar der Hauskonsum beträchtlich gestiegen ist. Auch hier
ist die Tendenz zur höheren Qualität allgemein.
Das heute 75jährige Familienunternehmen wurde
im zweiten Weltkrieg schwer angeschlagen. Von den rund 190 Verkaufsstellen,
die J.Latscha bei Kriegsausbruch im Gebiet von Frankfurt, Mainz
und Wiesbaden -unter Einschluß des 1925 übernommenen
Filialunternehmens Adolf Harth in Wiesbaden, das auch heute noch
unter dieser Firma weitergeführt wird- besessen hatte, waren
50 total zerstört, eine Anzahl weiterer schwer beschädigt
worden. Das Frankfurter Zentrallager und
Verwaltungsgebäude in der Schwedlerstraße, ein
mächtiger Komplex mit rund 11000 qm Nutzfläche, war ebenfalls
mehr als zur Hälfte zerstört und noch in den letzten Tagen
der Kampfhandlungen aus völlig unverständlichen Gründen
das Ziel deutscher wie amerikanischer Artillerie gewesen. Dann wurde
die Ruine, in deren Kellern erhebliche Weinvorräte lagerten,
Nacht für Nacht von den Angriffen Plündernder bedroht
und mußte vom Seniorchef und einem Häuflein getreuer
Mitarbeiter waffenlos verteidigt werden. Erst nach dem Waffenstillstand
war diese Gefahr endgültig überstanden.
Latscha-Geschäft, um 1950
Dann kamen die drei bitteren Jahre der Not. Die
Lager waren leer, die Schubläden und die Regale nicht minder.
Die Verkaufsstellen konnten nur notdürftig instand gesetzt
werden, und unter den primitivsten Umständen mußten die
Verkäuferinnen immer wieder die stereotype Antwort geben: "Das
haben wir nicht!" oder "Nur auf Sonderabschnitt E 213",
"Das ist noch nicht aufgerufen!", "Nur für Kleinstkinder!"
und wie die Redewendungen dieser Jahre des bewirtschafteten Mangels
alle hießen. Dennoch konnte J.Latscha bis zur Währungsreform
153 Filialen wieder einrichten und 739 Mitarbeiter beschäftigen.
Der wahre Wiederaufbau begann jedoch erst, als es wieder gutes Geld
und gute Ware ohne bürokratische Bevormundung gab. Er ging
sehr schnell voran. Bereits im Jahre 1949 stieg die Zahl der Verkaufsstellen
auf 161. Jahr für Jahr kamen weitere hinzu. Mit 175 Filialen
bedienen heute die vereinten Firmen J.Latscha und Adolf Harth wieder
ihre Kundschaft in dem weiten Raum zwischen Koblenz und Kahl, Bad
Kreuznach und Langenselbold, in 70 Städten und Dörfern
an Rhein, Main, Nahe und Lahn. Im Tagesdurchschnitt von Zeiten des
Spitzenverkehrs ganz abgesehen werden in diesem weitgespannten Netz
der Verkauf sstellen 100000 Kunden gezählt.
Dieser Wiederaufstieg wurde in erster Linie dadurch
ermöglicht, daß J.Latscha an seinem alten Geschäftsprinzip
festhielt: es wird nur gegen bar und direkt über den Ladentisch
verkauft. Das Unternehmen gewährt keinen Kredit und behandelt
alle Kunden gleich, darum stellt es keine Waren zu und nimmt keine
telephonischen Bestellungen an. Die Firma war und ist daher immer
"flüssig", konnte ihre Lieferanten prompt bezahlen
und erhielt infolgedessen die vorteilhaftesten Angebote. Dadurch
war Latscha stets in der Lage, seine Verkaufspreise niedrigzuhalten.
Die Verbraucher erkannten ihren Vorteil, und der Geschäftsgang
wurde von Jahr zu Jahr besser, zumal das Unternehmen durch geschickte
Disposition allen Qualitätsansprüchen gewachsen war und
sein Sortiment den Wünschen der Kunden anpaßte. So konnte
der Wiederaufbau aus eigener Kraft finanziert werden.
Im Mittelpunkt des Wiederaufbaues stand von vornherein
die Wiederherstellung des Gebäudekomplexes an der Schwedlerstraße
in Frankfurt und ebenso des Zentrallagers in Wiesbaden. In systematischer
Arbeit wurden die Lagereinrichtungen völlig modernisiert. Allein
für den Maschinenpark der Zentrale sind seit der Währungsreform
über dreiviertel Millionen DM aufgewandt worden, mit denen
er wesentlich vergrößert werden konnte. Im Hause J.Latscha
ging man dabei von der Erkenntnis aus, daß der Einzelhandel,
der zum größten Teil noch mit den Methoden aus den Tagen
der Großväter seine Arbeit zu bewältigen sucht,
so gut wie die industrielle Fertigung rationalisiert werden muß.
Auch im Einzelhandel kostet jeder unnütze Weg und jede entbehrliche
Anstrengung der Mitarbeiter Geld. Darum studierte man genau, wieviel
Kilometer am Tage eine Verkäuferin hinter der Ladentheke zurücklegen
muß, um die Wünsche der Kunden zu befriedigen, und wie
man diese erstaunliche Kilometerleistung verringern kann. Ebenso
nahm man den Arbeitsablauf im Lager und in der Verwaltung unter
die Lupe. Das Ergebnis war der Übergang zu modernsten Packmaschinen,
Transportgeräten und Abfülleinrichtungen in den Lagern;
die Verwaltung wurde gleichzeitig mit neuzeitlichen Büromaschinen
ausgestattet. Heute werden bereits rund 90% der Waren in der Frankfurter
Zentrale für beide Firmen verkaufsfertig abgepackt. Das Ziel
heißt: ausschließlicher Verkauf von fertig gepackten
Waren. Darum hat J.Latscha sich auch an der Einführung der
sogenannten Einwegflasche beteiligt. Dem Selbstbedienungsladen gehört
die Zukunft. Bisher konnte die Firma 26 ihrer Verkaufsstellen darauf
umstellen. Die Hauptschwierigkeit bestand in der Beschaffung entsprechend
großer Räume, die in der Regel nur in Neubauten oder
durch kostspielige Umbauten geschaffen werden konnten, bei vielen
verkehrsgünstig gelegenen Filialen aber nicht gegeben sind.
Darum kann dieser Umstellungsprozeß nur schrittweise verwirklicht
werden. An einem Grundsatz aber hält man im Hause Latscha unbeirrbar
fest: Der Kaufmann ist für den Kunden da! Hans Latscha, heute
der Seniorchef des Familienunternehmens, hat dies auch wiederholt
öffentlich ausgesprochen und selbstverständlich immer
wieder seinen Mitarbeitern gegenüber betont.
Packerei bei Latscha, um 1958
Die Gesamtbelegschaft des Unternehmens ist von
den 739 Mitarbeitern des Jahres 1948 inzwischen auf über 2300
gestiegen. Dabei konnte die Leistung je Verkaufskraft bereits im
Zeitraum von 1948 bis 1952 um rund 60% erhöht werden. Sie ist
seitdem dank der Rationalisierungsarbeiten weiter gewachsen. Dabei
hat sich ein Wandel des Prämiensystems, der im Oktober 1952
erfolgte, sehr bewährt. Alle Mitarbeiter der Verkaufsstellen
sind seitdem durch eine Leistungsprämie an dem von ihnen erzielten
Umsatz beteiligt. Die Filialleiter erhalten außerdem für
eine ganze Reihe von Warengruppen eine besondere Kalkulationsprämie.
Auch in der Zentrale wurde ein eigenes Prämiensystem eingeführt.
Dank dieser Maßnahmen gibt es bei J.Latscha einen großen
Stamm langjähriger Mitarbeiter, denen das Unternehmen auch
mancherlei Aufstiegsmöglichkeiten bieten kann. Andererseits
läßt sich besonders beim weiblichen Verkaufspersonal
eine gewisse Fluktuation nicht ausschalten, weil die Arbeitszeit
im Einzelhandel nicht so günstig eingeteilt werden kann wie
in den meisten industriellen Betrieben.
Besonderen Nachdruck legt man im Hause Latscha
auf die Ausbildung eines tüchtigen Nachwuchses. In der Frankfurter
Zentrale wurde eine eigene Lehrlingsschule eingerichtet, in der
Praktiker Unterricht in Verkaufskunde und ein Diplom-Handelslehrer
in allen kaufmännischen Fächern erteilen. Jahr für
Jahr gehen Hunderte junger Menschen durch diese ganz auf die Bedürfnisse
des Großfilialunternehmens eingestellte Schule.
Getreu dem Geiste des Gründers haben auch
seine Söhne und Enkel an den bereits traditionellen Sozialeinrichtungen
des Unternehmens festgehalten und sie zeitgemäß ausgebaut.
Alle über 20 Jahre im Hause Tätigen erhalten eine Pensionszusage
in rechtsverbindlicher Form. Zur Erfüllung dieser Zusagen hat
das Unternehmen über eine Million DM Rückstellungen gemacht.
Ein eigener Unterstützungsverein für Notfälle aller
Art wurde seit der Währungsreform mit einem Vermögen von
1,25 Millionen DM ausgestattet. Für die Urlaubstage erhalten
die Mitarbeiter ein Drittel ihres Monatsgehaltes als zusätzliches
Feriengeld. Wer jedoch über 15 Jahre im Unternehmen beschäftigt
ist, bekommt dafür ein halbes Monatsgehalt. Die Arbeitskleidung
wird gestellt und instand gehalten. Eine Betriebskrankenkasse sorgt
für die Mitarbeiter. Zusätzlich macht das Unternehmen
freiwillige Aufwendungen für Gesundheitsdienst und Krankengeldzuschüsse.
Neben den Prämien und Gratifikationen gewährt Latscha
schließlich seiner Mitarbeiterschaft auch einen besonderen
Rabatt auf alle Einkäufe für den Eigenbedarf. Die gesamten
freiwilligen sozialen Leistungen machen mehr als 20% der Bruttogehälter
aus. Daß dies zum Wiederaufstieg des Unternehmens beitrug,
liegt auf der Hand.
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