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Als die ALTE LEIPZIGER
LEBENSVERSICHERUNGSGESELLSCHAFT AUF GEGENSEITIGKEIT im Jahre
1955 festlich ihr 125jähriges Jubiläum beging, war sie
erst seit etwas über drei Jahren in Frankfurt ansässig.
Und doch verband das Unternehmen mit seinem neuen Sitz schon seit
Jahrzehnten ein inniges Band. Natürlich besaß die altangesehene
Gesellschaft in der Stadt am Main einen großen Mitgliederbestand
und mehrere Vertretungen. Sie gehörte jedoch auch zu den großen
Hausbesitzern der Stadt. Insgesamt 64 Wohngrundstücke mit 445
Wohneinheiten hat die Gesellschaft bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges
in Frankfurt angekauft und seitdem als Vermögensanlage genutzt.
Ganze Wohnblocks sind von ihr in verschiedenen Stadtteilen im Laufe
der Zeit erworben worden und kündeten von der bahnbrechenden
Arbeit dieses Unternehmens, einen Teil der Sparbeträge seiner
Mitglieder in gutem Grundbesitz anzulegen. Die Alte Leipziger hatte
Ende 1939 einen Versicherungsbestand von 914 Millionen RM und einen
guten Teil ihres Vermögens in zinstragendem Grundbesitz in
vielen Städten des Reichs angelegt. Daneben besaß die
Gesellschaft auch einen ansehnlichen Bestand an Hypotheken und sonstigen
für Lebensversicherungen zugelassenen Vermögensanlagen.
Sie hat dabei stets Wert darauf gelegt, daß ihre Vermögenswerte
über das ganze Reichsgebiet verteilt waren. Das und die gesunde
Mischung der Anlagen sollte sich gerade als ein besonderer Vorteil
beim Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg erweisen.
Werbung, 1968
Ihrem Gründungsstatut entsprechend hat die
Alte Leipziger stets das Prinzip der Gegenseitigkeit
konsequent verfolgt. Dem konnte nur durch eine gleichmäßige
und gerechte Behandlung aller Versicherten entsprochen werden. Die
Gesellschaft ging nicht nur bei der Festsetzung ihrer Tarifbeiträge
von diesem Grundsatz aus. Er galt auch für die Verteilung der
Überschußanteile (Dividenden). Sie mußten so festgesetzt
werden, daß jede Versicherung in dem Maße am Überschuß
beteiligt wird, in dem sie dazu beigetragen hat. Dieses Ziel wurde
in dem natürlichen Dividendensystem erreicht, mit dem die Alte
Leipziger 1907 auf Grund ihrer eigenen Sterbetafel hervortrat. Ihrem
Grundprinzip getreu hat die Gesellschaft auch die sogenannte Unanfechtbarkeit
der Versicherungspolice nach einer gewissen Vertragsdauer -zunächst
gegen den Widerstand anderer Lebensversicherer -durchgesetzt.
Diese ganze, damals bereits seit über 100
Jahren erfolgreich aufgebaute Arbeit schien mit dem Ausgang des
zweiten Weltkriegs vom Untergang bedroht, weil die stark zentralisierte
Verwaltung bis dahin am Gründungsort der Gesellschaft verblieben
war. Im Juli 1945 übernahmen die Sowjets Leipzig, und schon
im November begann die Verstaatlichung des Versicherungswesens.
Die Alte Leipziger sollte lediglich noch als Nebenstelle der staatlichen
Monopolanstalt ihre Geschäfte abwickeln. Eine handelsrechtliche
Liquidation erfolgt nicht. Statt dessen wurde am 31. März 1946
der Geschäftsbetrieb des Instituts kurzerhand von der ostzonalen
Regierung geschlossen und ihr Vermögen enteignet. Damit war
Mitteldeutschland als Arbeitsfeld der Gesellschaft verloren und
sie selbst obendrein heimatlos geworden.
Inzwischen hatten jedoch seit dem Herbst 1945 die
heutigen Vorstandsmitglieder der Gesellschaft zusammen mit anderen
alten Mitarbeitern von Hamburg aus versucht, den Wiederaufbau des
Geschäftes in Westdeutschland einzuleiten. Diese Bemühungen
wurden durch den von den Sowjets eingesetzten neuen Vorstand in
Leipzig mit allen Mitteln durchkreuzt und behindert. Und nach der
Enteignung lehnte die staatliche Versicherungsanstalt Sachsen die
Herausgabe der in ihren Besitz gelangten Akten und Buchungsunterlagen
ab. Da die Alte Leipziger die Bearbeitung ihres Versicherungsbestandes
in Leipzig zentralisiert hatte, gab es bei den westdeutschen Außenstellen
keine Unterlagen. Der Wiederaufbau war also außerordentlich
erschwert und mit viel mühevoller Kleinarbeit verbunden. Durch
Zufall fand man im April 1946 in der kleinen Kreisstadt Bad Gandersheim
am Harz einige Büroräume und Wohngelegenheiten für
etliche Stammkräfte, so daß hier die neue Hauptverwaltung
eingerichtet werden konnte. Im Frühjahr und Sommer 1946 kamen
der frühere Generaldirektor Tiedke und eine Reihe alter Mitarbeiter
unter abenteuerlichen Umständen von Leipzig nach Gandersheim,
wohin die Gesellschaft nun ihren Sitz verlegte. Die Eintragung ins
Handelsregister stieß bei der Militärregierung auf Bedenken
und verzögerte sich daher lange. Mittlerweile mußte in
einem kleinen Pensionshaus, zu dem sich später vier Baracken
gesellten, der Geschäftsbetrieb mit überwiegend fachfremden
Arbeitskräften, unter denen sich viele Heimatvertriebene befanden,
aufgebaut werden. Es war daher ein hartes Stück Arbeit zu leisten,
bis wieder eine ordnungsgemäß funktionierende Zentrale
der Alten Leipziger geschaffen war.
Von Bad Gandersheim wurde so das westdeutsche Geschäft
der Gesellschaft Schritt für Schritt unter Mithilfe des gesamten
Außendienstes wieder aufgebaut. Die Mitglieder zahlten zwar
ihre Beiträge, doch der Neuzugang war gering. Die Lebensversicherungen
waren allgemein in einer schwierigen Lage, die Alte Leipziger aber
durch den Verlust ihrer Unterlagen obendrein behindert, Nach der
Währungsreform kam die Alte Leipziger ihren Mitgliedern durch
Überbrückungsvorschläge entgegen und vermied durch
Stundungen eines erheblichen Teiles der Beiträge größere
Einbußen. Erst Ende 1949 hatte die Gesellschaft den ihr verbliebenen
Versicherungsbestand wieder fast vollständig erfaßt,
und nun war die Zeit dank des einsetzenden Konjunkturanstiegs und
der steuerlichen Begünstigung der Lebensversicherungen auch
reif, alle Kräfte des Außendienstes für die Werbung
neuer Mitglieder anzuspannen. Dazu war eine Neuordnung der Organisation
erforderlich. Die Erfolge stellten sich bald ein. Der Mitgliederbestand
wuchs zusehends, und die Geschäftsräume in Bad Gandersheim
reichten für die Bearbeitung des Neugeschäfts nicht mehr
aus. In der Harzstadt, abseits des Verkehrs, einen Neubau zu errichten,
war unvertretbar. Mit Hilfe des städtischen Amtes für
Wirtschaftsförderung erwarb die Alte Leipziger Anfang 1951
in Frankfurt ein großes Grundstück an der Bockenheimer
Landstraße, das ehedem der Familie Gontard als Landsitz
gedient hatte und dann im Besitz der Passavants gewesen war. Auf
der Trümmerfläche dieser palaisartigen Besitzung entstand
noch im gleichen Jahre ein siebenstöckiger, zweckmäßiger
Bürobau (Foto unten), der im Mai 1952 die Verwaltung der Gesellschaft
aufnahm. Mit der Übersiedlung in das Wirtschafts- und Bankenzentrum
Frankfurt waren die Voraussetzungen für einen weiteren, gedeihlichen
Aufstieg gegeben.

Der Neuzugang der Alten Leipziger überschritt
im Jahre 1953 erstmals die 1oo-Millionen-Grenze und ist seitdem
Jahr für Jahr weiter gewachsen. Im Jahre 1956 machte er bereits
142,9 Millionen DM aus. In den ersten fünf Monaten 1957 kamen
weitere 100 Millionen DM hinzu, von denen gut die Hälfte Befreiungsversicherungen
des durch die Erhöhung der Sozialversicherungs-Pflichtgrenze
betroffenen Personenkreises waren. Mittlerweile hat der Versicherungsbestand
der Alten Leipziger mit 1030 Millionen DM Versicherungssumme zum
31.Dezember 1957 die Milliarden-Grenze überschritten. Das ist
ein schöner Erfolg des unter so besonders ungünstigen
Umständen begonnenen Wiederaufbaus dieses Unternehmens.
Die Gesellschaft hat ihren Grundbesitz
auch in der Nachkriegszeit weiter vergrößert. Außer
den schon eingangs erwähnten Wohnblocks in Frankfurt gehören
ihr in Hamburg, München, Nürnberg und West-Berlin eine
große Zahl von Mietwohngrundstücken. Ferner besitzt sie
in 6 weiteren Städten der Bundesrepublik Wohnhäuser und
in einigen Großstädten wie in Hamburg, Köln, Dortmund,
Hannover sowie neuerdings auch in München und Düsseldorf
große Geschäfts- und Bürohäuser in besonders
guten Verkehrslagen, die beachtliche Mieteinnahmen bringen. Nur
ein geringer Teil der insgesamt 353 Mietwohngrundstücke und
11 Geschäftshäuser der Gesellschaft war Ende 1956 noch
nicht wieder aufgebaut.
Die vorsichtige und traditionell gewissenhafte
Anlagepolitik hielt an der bewährten
Mischung der Vermögenswerte fest. So war es der Gesellschaft
schon im Jahre 1952 möglich, ihrem Prinzip der Gegenseitigkeit
entsprechend, die Überschußverteilung wieder aufzunehmen.
Außerdem gewährte sie für die zurückliegenden
Jahre einen Dividendenausgleich in Form eines beitragsfreien Sterbegeldes.
Diese Rückvergütungen an die Mitglieder in Form von Erhöhungen
der Versicherungsansprüche trugen ihrerseits dazu bei, die
Anziehungskraft der Gesellschaft und das Vertrauen ihrer Versicherungsnehmer
zu erhöhen. Für den Aufstieg des Unternehmens spricht
auch das stete Wachstum seines Bilanzvolumens. Die DM-Eröffnungsbilanz
schließt mit 81,5 Millionen ab. Bis zum Ende des Jahres 1957
hatte sich dieser Betrag mehr als verdreifacht und war auf 274 Millionen
DM angestiegen.

Foto:Woscidlo
Lochkartenabteilung der "Alten Leipziger"
Da die Alte Leipziger zunächst in ihrem Neubau
Bockenheimer Landstraße 42 auch den Bundeswetterdienst als
Mieter aufnahm, konnte sie ihre Schwestergesellschaften erst nach
Frankfurt herholen, als der Neubau der Bundesanstalt Deutscher Wetterdienst
in Offenbach vollendet war. Durch gütliche Übereinkunft
gelang es jedoch, bereits 1955 Räume für die Leipziger
Feuer-Versicherungs-Anstalt freizumachen. 1956 ist ihr auch
die Leipziger Allgemeine, Transport- und
Rückversicherungs-AG gefolgt, so daß nun im Verwaltungsgebäude
der Alten Leipziger die Geschäftsleitungen ihrer ganzen Gruppe
vereint sind. Die beiden Schwestergesellschaften haben ebenfalls
Frankfurt zum Sitz ihres Unternehmens bestimmt.
Wie sehr die Gesellschaft mit ihrer neuen Heimat
inzwischen verwachsen ist, bekundete sie 1957 durch die Anlage einer
würdigen Hölderlin-Gedenkstätte
auf dem Grundstück ihrer Hauptverwaltung. Es kam ihr dabei
nicht darauf an, die lokale Erinnerung an diesen Genius der deutschen
Dichtung zu betonen, der seine fruchtbarsten Jahre im Hause der
Gontards in Frankfurt verlebte und wohl auch gelegentlich auf deren
Landsitz verweilte, sondern darauf, die große Tradition des
Geistes und die Verpflichtung des Kulturerbes einer Stadt wie Frankfurt
an so schöner Stelle sichtbar zu machen. Eine Gesellschaft
auf Gegenseitigkeit, die durch ein herbes Geschick in sich gefestigt
wurde, ist nicht nur reines Geschäftsunternehmen, sondern auch
eine Gemeinschaft, die über ihre wirtschaftlichen Interessen
hinaus an die Zukunft denkt und sie durch ihre Arbeit in der Gegenwart
sichern will.
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