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Das Haus der Postkutsche, J.
G. MOUSON & Co., kann im Jahre 1958 sein 16ojähriges
Bestehen feiern, als reines Familienunternehmen in der Hand der
fünften Generation. Kurz nach der Währungsreform hatte
es seinen alten Kunden eine Angebotsliste zur freien Auswahl und
ohne Kontingentierung der Lieferung zugesandt, während andere
Häuser der Branche nur ein Einheitspaket nach ihrer Zusammenstellung
abgeben konnten. Dieser sorgsam vorbereitete Start in die freie
Marktwirtschaft war das Ergebnis einer unendlich mühsamen und
zielbewußten Wiederaufbauarbeit der vorangegangenen Jahre.
Im Mai 1945 waren 65 bis 68% seiner Gebäude sowie 7o bis 72%
des Maschinenparks und der sonstigen technischen Einrichtungen durch
die schweren Luftangriffe auf Frankfurt zerstört. Die Lage
der Fabrik mitten im dichtbesiedelten Bezirk am Ostrand der Innenstadt,
die schon nach dem ersten Weltkriege einer Erweiterung Schwierigkeiten
bereitete und Dipl.Ing. Fritz Mouson schon 1924 zum Bau des ersten
Frankfurter Hochhauses gegen alle Widerstände der Baubehörden
führte, hatte sie bereits im Oktober 1943 und dann in den Märztagen
1944 mit in die Katastrophe gerissen. Doch 1948 war man schon wieder
aus dem Gröbsten heraus. Gebäude und Anlagen konnten wieder
benutzt werden, wenn auch vieles nur geflickt oder behelfsmäßig
instand gesetzt war. Die Produktion lief jedenfalls, und Pläne
für ihre Erneuerung und Verbesserung lagen bereit.
Die Käufer stürzten sich förmlich
auf die lang entbehrten Erzeugnisse des Hauses Mouson. Schon das
Weihnachtsgeschäft 1948 erreichte einen bedeutenden Umfang
und die Herstellung konnte der Nachfrage kaum folgen, zumal es eben
zunächst noch recht schwierig war, die nötigen Rohstoffe
zu importieren. Es hat sich in den folgenden Jahren immer mehr gezeigt,
daß nach wie vor der feine Duft des Lavendels von breiten
Schichten der Verbraucher begehrt wurde. So ist die Lavendelverarbeitung
das Rückgrat seiner Produktion geblieben. Die Serie seiner
Erzeugnisse erlebte vielfache Abwandlungen bis hin zu Badesalzen
und der festen, verreibbaren Form des Lavendozon. Daneben behauptete
sich die Creme Mouson, jene schon 1912 auf dem Markt eingeführte
älteste deutsche Hautcreme, die seitdem in unveränderter
Qualität erzeugt wird, als ein wichtiges Produkt. Das Haus
der Postkutsche hielt an seiner alten Marke fest und wandelte auch
seine Verpackungen nur leicht und vorsichtig ab. Mit den Rauchglasflaschen
für sein Lavendelwasser schuf es einen Typus gepflegter Aufmachung,
wie ihn viele Käufer besonders schätzen. Mouson sicherte
sich einen Marktanteil, der fast gesetzmäßig mit der
fortschreitenden Zivilisation wuchs. So stiegen Absatz und Kapazität
des Betriebs bei den Körperpflegemitteln auf rund 210% gegen
über dem Jahre 1938, wenn man dessen Produktion als Basisjahr
mit 100 annimmt.
Werbung, ca 1959
Bei den Feinseifen erreichte das Haus Mouson sogar
noch eine höhere Steigerung, auf rund das Zweieinhalbfache
gegenüber 1938. Doch dieser Trend der Verbrauchsausweitung
nach den besseren Seifenqualitäten hin, der die gesamte Branche
begünstigte und zu den Schwierigkeiten der übersetzten
Fabrikation von Konsumware führte, ist bei weitem nicht die
ausschließliche Ursache für die bedeutende Absatzsteigerung
bei Mouson. Dank einer sorgfältigen und weit gestreuten Werbearbeit,
vor allem aber dank der hervorragenden Qualitäten seiner Erzeugnisse
konnte das Haus der Postkutsche seinen Umsatz weit über diesen
"natürlichen" Zuwachs hinaus ausbauen und sich in
wenigen Jahren eine gegenüber seiner Rolle in der Zeit vor
dem zweiten Weltkrieg wesentlich bedeutendere Stellung am Markt
erringen. Das erforderte einen gründlichen und sorgfältigen
Ausbau des Verkaufsapparates und eine entsprechende Rationalisierung
der innerbetrieblichen Auftragsentwicklung, da der Vertrieb der
Mouson-Erzeugnisse im Direktverkauf an den Einzelhandel erfolgt
und sich daher aus einer sehr großen Zahl von ihrem Umfang
nach jeweils nicht allzu bedeutenden Geschäftsabschlüssen
zusammensetzt. Auch bei den Feinseifen konnte das Haus Mouson sein
Fabrikationsprogramm mit einer Reihe langjährig bewährter
Produkte ohne grundlegende oder gar sprunghafte Änderungen
fortsetzen. Es handelt sich eben um echte Markenartikel, bei denen
gleichbleibende Qualität, unveränderte Aufmachung und
feste Preise die von den Käufern hauptsächlich geschätzten
Eigenschaften sind. Darauf hat das Unternehmen auch stets seine
Arbeit konzentriert. Natürlich hat auch das Haus Mouson ein
desodorisierendes Produkt, die KTS-Seife, auf den Markt gebracht
und damit Erfolg gehabt, ohne daß der Absatz seiner anderen
Feinseifen dadurch beeinträchtigt wurde.
Der Exportanteil betraf in der Hauptsache Spitzenprodukte
und blieb hinter den Ausfuhren der Vorkriegszeit wie in der ganzen
Körperpflegemittelindustrie zurück. Der Verlust der Märkte
im europäischen Osten, Einfuhrbeschränkungen der Importländer,
vor allem die in den letzten Jahrzehnten dort aufgebauten eigenen
Produktionen und die Fortdauer der Beschlagnahme des deutschen Vermögens
in manchen Ländern, haben dabei mitgewirkt. Das Haus Mouson
besaß früher in einer Reihe europäischer Länder
eigene Abfüllstationen und Betriebsstätten zur Fertigstellung
der nur als Halbfabrikate ausgeführten Produkte. An den Wiederaufbau
dieser Einrichtungen konnte unter den gänzlich veränderten
Verhältnissen des internationalen Marktes nicht gedacht werden.
Ganz abgesehen davon ließ jedoch die Entwicklung des Inlandsabsatzes
und die dadurch bedingte Ausweitung der Kapazität für
eine solche Expansion kaum Zeit und Mittel.
Der Wiederaufbau der zerstörten Fabrikationsanlagen
mußte mit der schnellen und anhaltenden Absatzsteigerung Schritt
halten. Angesichts der Unmöglichkeit, den rings von Wohnhäusern
umgebenen Betrieb noch wesentlich zu erweitern, war eine Rationalisierung
der gesamten Produktion unumgänglich. Praktisch hat daher das
Haus Mouson auf der alten Stätte und unter Fortsetzung der
laufenden Erzeugung einen völlig neuen, hochmodernen Betrieb
aufgebaut. Dies Unterfangen verlangte von Planern wie ausführenden
Unternehmen, nicht minder aber von allen im Hause Mouson Beschäftigten
eine oft sehr schwierige Anpassung an die Gegebenheiten. Nur unter
größter gegenseitiger Rücksichtnahme konnten Neubau
und Produktion gleichzeitig bewältigt werden. Es war zwar nach
außen hin ein Wiederaufbau, bei dem die ausgebrannten Mauern,
soweit sie noch standfest waren, wieder benutzt wurden. Doch Absicht
und Ergebnis rechtfertigen diese Bezeichnung nicht: das Haus der
Postkutsche ist neu erstanden. Dabei wurde das von den Bomben stark
zerstörte Hochhaus wiederhergestellt. Die Seifensiederei erhielt
gänzlich neukonstruierte Anlagen, bei denen die modernsten
technischen Erkenntnisse verwertet wurden. Sie arbeitet nun nach
einem gegen früher wesentlich verbesserten und rationelleren
Verfahren. Die Fabrikationsanlagen für die Körperpflegemittel
und für die Fertigstellung der Feinseifen wurden ebenfalls
von Grund auf erneuert und mit Maschinen neuester Bauart, durchweg
Sonderanfertigungen, versehen. So entstanden vollautomatische Flaschenspül
und -trocken-Anlagen, kamen modernste Tubenfüll-Automaten zur
Aufstellung und wurden für die Lavendel-Fabrikation Fließbänder
in großzügigster Bauweise geschaffen, was die Kapazität
beträchtlich erhöhte und die Produktion nach rationellsten
Gesichtspunkten sicherstellte, zugleich aber auch auf die die Anlage
bedienenden Mitarbeiter jede nur mögliche Rücksicht nahm,
Überhaupt legte das Haus Mouson größten Wert darauf,
seinen Fabrikationsräumen ein helles, freundliches Gesicht
und der Belegschaft angenehme Arbeitsbedingungen zu verschaffen.
Jenseits der Wingertstraße konnte unter Ausdehnung des Betriebsgeländes
nach Norden ein moderner Autohof eingerichtet werden. Hand in Hand
mit dem Umbau des Betriebes wurde auch das Verwaltungsgebäude
neugestaltet. In einem ersten Bauabschnitt konnten die durch den
Luftkrieg beschädigten Räume wiedergewonnen und in ihrer
Ausstattung verbessert werden. Ein zweiter Bauabschnitt wird in
nächster Zukunft die dringend notwendige Erweiterung bringen
und damit die völlige Neugestaltung des Hauses Mouson vorerst
abschließen. Selbstverständlich wurden auch die Wohngebäude
wiederaufgebaut und in ihnen teilweise Wohnungen für Mitarbeiter
geschaffen.
Neubau Verwaltungsgebäude von 1958
Mit einer Belegschaft von 900-1000 Mitarbeitern,
deren schwankende Zahl durch die Saisonabhängigkeit der Körperpflegemittel-Industrie
bedingt ist und alljährlich in der Vorweihnachtszeit ihre Spitze
erreicht, gehört das Haus der Postkutsche heute zu den führenden
Unternehmen seiner Branche. Es hat für seine Belegschaft eine
zusätzliche Altersversorgung geschaffen, für die die Mitarbeiter
selbst keine Beiträge zu leisten haben. In allen Notfällen
werden individuelle Unterstützungen gewährt, wie das bei
Unternehmen, die von persönlich haftenden Inhabern geführt
werden und eine solch ehrwürdige Tradition besitzen, beinahe
selbstverständlich ist. Daneben sorgen Werksarzt und Betriebsschwester
für die Erhaltung der Arbeitskraft und lassen den Mitarbeitern
eine sorgsame Förderung angedeihen. Daß das Unternehmen
eine eigene Werksküche unterhält und das Mittagessen an
die Mitarbeiter verbilligt abgibt, rundet das Bild einer fürsorglichen
Zusammenarbeit zwischen Geschäftsleitung und Belegschaft ab.
Die gesamten freiwilligen Leistungen sozialer Art betragen ein Mehrfaches
der gesetzlich vorgeschriebenen. Es gibt so etwas wie einen Mousongeist,
eine Verbundenheit der Mitarbeiter mit ihrem Hause und seiner Produktion,
als deren Repräsentanten sie sich fühlen. Das ist schon
Tradition, so wie der Name Mouson selbst und die Qualität seiner
seit 160 Jahren bewährten Erzeugnisse bereits traditionell
für die Frankfurter Wirtschaft geworden sind.
Werbung, 1960
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