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Das KAUFHAUS M. SCHNEIDER besaß 1945 eigentlich nur noch seinen guten, in mehr als fünf Jahrzehnten rastloser Arbeit erworbenen Ruf. Seine stattliche Gebäudegruppe Zeil 98-104 an der Ecke der Stiftstraße war in den Märztagen 1944 von den Bomben schwer mitgenommen worden. Sie hatten das Haus Zeil 104 bis in die Grundmauern zerstört, während die drei anderen Häuser "nur" ausgebrannt waren. Mit knapp 100 Mitarbeitern fristete das Unternehmen im Hause Stiftstraße 7 wohl auf eigenem Grund und Boden in den ebenfalls beschädigten Räumen eines Cafés ein kümmerliches Dasein. Es mangelte ja an Waren und, da es keine Kompensationen zu bieten hatte, waren sie auch nicht zu beschaffen. Mit einem Sortiment von Behelfsartikeln aller Art kam man über die schwierigsten Zeiten. Am 1.September 1947 war wenigstens das Erdgeschoß im Eckhaus Zeil 98 wieder teilweise benutzbar, knapp ein Jahr später konnte auch das erste Obergeschoß bezogen und die Verkaufsfläche im Erdgeschoß durch 150 qm des Hauses Zeil 100 erweitert werden. Den behelfsmäßigen Ausbau weiterer Erdgeschoßräume hatten inzwischen andere Geschäfte übernommen, und es vergingen daher Jahre, bis sie dem Hause M.Schneider wieder zur Verfügung standen.

November 1946: Mit dem Verkauf von Hampelmännern begann das Geschäft

Gleich nach der Währungsreform, mit der das Haus wieder zu seinem traditionellen Verkaufsprogramm zurückkehren konnte, erhielten die Abteilungen für Gardinen, Teppiche, Möbel und Bettwaren endlich wieder ein eigenes Verkaufsgeschoß. M.Schneider war als Spezialkaufhaus für Damenbekleidung und Ausstattung wiedererstanden und begann nun einen großzügigen Wiederaufbau, der im Laufe der Jahre zu einer planmäßigen Umgestaltung und zu wesentlichen Vergrößerungen des gesamten Unternehmens führte. Es verging seitdem kein Jahr, in dem nicht gebaut und die Verkaufsfläche erweitert wurde. Zunächst galt es einmal, das Haus Zeil 98 völlig zu erneuern und das total zerstörte Grundstück Zeil 104 neu aufzubauen. Schon im Spätsommer 1950 eröffnete M.Schneider hier seine erste, moderne Schaufensterpassage, die durch die bis dahin unbekannten großen Glasflächen zum Vorbild vieler Ladenumbauten wurde. Die Kunden konnten nun erkennen, daß das altbekannte Haus bei seinem Wiederaufbau neue Wege beschritt und nach einer Auflockerung seiner gesamten Verkaufsräume strebte. Allerdings waren einige Jahre nötig, bis dies Ziel erreicht war. Das Ausmaß der Kriegsschäden war zu groß, um es -von anderen Schwierigkeiten ganz abgesehen- in einem Zuge und nur gestützt auf die selbst erarbeiteten Mittel überwinden zu können.


Foto:Atelier Ffm

Das wiederaufgebaute Kaufhaus 1950

M. Schneider blieb bei seinem traditionellen Sortiment und bei der für ein Kaufhaus seiner Art ebenso selbstverständlichen Pflege des Qualitätsgedankens, der den wachsenden Ansprüchen der Kundschaft entgegenkam. Die fortschreitende Konjunkturbelebung brachte ihm darum eine starke und nachhaltige Umsatzsteigerung, bei der allerdings der Textilsektor zurückblieb, wie das allgemein zu beobachten war. Dabei kam ihm nicht nur die nach wie vor günstige Lage an einer von den Passanten stark belebten Ecke auf der Zeil-Nordseite , sondern nicht minder der gute und festbegründete Ruf des Hauses in Stadt und Land zugute. Das Unternehmen ist bei seiner großen Kundschaft dafür bekannt, daß man in seinen Abteilungen ungestört auswählen und probieren kann, grundsätzlich vom Verkaufspersonal nicht zum Kaufabschluß gedrängt wird und stets auf gute Beratung rechnen darf. Der Dienst am Kunden gehört zu den Traditionen dieses Familienunternehmens, das der 1953 im Alter von 84 Jahren verstorbene Seniorchef des Hauses, Gottlob Beilharz, in Jahrzehnten zielbewußter Arbeit zu großer Bedeutung geführt hatte, um es dann in Schutt und Asche sinken zu sehen. Ein gütiges Schicksal hat diesem vorbildlichen Kaufmann und besten Freund seiner Kunden, der bis in seine letzten Lebenstage an dem Geschäft lebhaften Anteil nahm, noch vergönnt, den Wiederaufstieg seines Hauses zur alten Bedeutung tätig miterleben zu dürfen.

Werbung 1950

Die Etappen der Neugestaltung führten schrittweise zu einer völligen Erneuerung aller Verkaufsräume, bis das Unternehmen den Gesamtkomplex seiner Häusergruppe Zeil 98-104 im Erdgeschoß ganz und in den Obergeschossen zum überwiegenden Teil ausfüllte und damit eine bedeutend größere Verkaufsfläche als in der Vorkriegszeit erreichte. Zwei Ereignisse kennzeichneten diese Epoche. Im Dezember 1955 konnte im neuaufgesetzten sechsten Stockwerk des Hauses Zeil 98 ein geschmackvoller Erfrischungsraum mit großer Dachterrasse, von der aus man die ganze, neuerstandene Frankfurter Innenstadt überblicken kann, dem Publikum übergeben werden. Damit wurde eine Einrichtung, die 1935 auf Druck der Diktatur aufgegeben werden mußte, in wesentlich vergrößerter und verschönerter Form wiederaufgenommen. Fast genau ein Jahr später eröffnete M.Schneider das völlig erneuerte Erdgeschoß, in das breite Schaufensterpassagen die Passanten zwanglos hineinführen. Es öffnet sich damit zur Straße hin und verzichtet bewußt auf die strenge Trennung von Schaufenster und Verkaufsraum. Durch die geschickte und durchdachte Umgestaltung des gesamten Erdgeschosses ist dieses ohne betonten Übergang in die Ausstellung miteinbezogen und damit eine Auflockerung erreicht worden, die den Käufer zum Gang durch das ganze Haus einlädt (Bild unten). Überall, auch in den Obergeschossen, hat die Neugestaltung eine lichte, weite und fast heitere Anordnung angestrebt, die ein gewisses Wohlbehagen auslöst. Man soll sich im Hause M.Schneider wohl fühlen. Das ist nicht nur ein guter Werbeslogan, sondern wurde hier mit großer Sorgfalt verwirklicht. Einen Höhepunkt bildet in dieser Hinsicht der Modellsalon, der zu einem wahren Schmuckkästchen ausgestaltet wurde.

Erdgeschoß, 1956

Bezeichnend für die völlige Erneuerung des ganzen Häuserkomplexes ist die einheitliche Fassade, die er im Laufe der Jahre erhielt. Breite Bänder in fein abgestuften Blautönen gliedern die mächtigen Fronten und unterstreichen die hellen Fensterreihen, die in allen Stockwerken Licht und Luft freien Zutritt zu den weiten Verkaufsräumen gestatten. So ist das Haus Schneider gerade auch in seiner architektonischen Gestaltung ein überzeugendes Beispiel dafür, wie aus einem einfachen Wiederaufbau ausgebrannter und zerstörter Baukörper eine völlig neue Raumlösung erwachsen kann, wenn die Chance wie hier klar erkannt wird. Es ist der Geist, der sich das ihm gemäße Gehäuse schafft, und dieser Geist des Hauses Schneider wird ganz von dem Gedanken des Dienstes am Kunden beherrscht. Darum hat sich das Unternehmen auch eine Reihe von Nebenbetrieben angegliedert. Zu den Werkstätten für Wäscheanfertigung und den Ateliers für Änderungen sowie der eigenen Kürschnerei, die das Haus schon immer unterhielt, kamen Einrichtungen zur Pelzaufbewahrung und eine moderne Bettfedern-Reinigung hinzu. Der Autopark wurde ebenfalls erneuert und vergrößert, um den Kunden die Waren prompt ins Haus liefern zu können. Mit seinen 40 Abteilungen und einer Schaufensterfront von 172 Meter Länge verfügt M.Schneider heute über ein weit größeres und reicheres Angebot als in der Vorkriegszeit. Auch die seit 1907 bestehende Filiale in Offenbach wurde inzwischen wieder völlig neu aufgebaut.

2.OG, Herrenabteilung, 1956

Die Zahl der Mitarbeiter hatte 1938 rund 500 Personen erreicht. Bis zur Währungsreform war sie wieder auf 200 angestiegen und wurde dann im Zuge des Wiederaufbaues von Jahr zu Jahr erhöht. Inzwischen sind es über 600 geworden, wobei jedoch dank vieler Rationalisierungen im Betriebsablauf die Umsatzleistungen je Verkaufskraft beträchtlich gestiegen sind. Trotzdem die Belegschaft überwiegend aus Mitarbeiterinnen besteht, ist die Fluktuation geringer, als sie sonst bei der Beschäftigung weiblicher Arbeitskräfte üblich ist. 27 Mitarbeiter sind mehr als 25 Jahre im Hause M.Schneider tätig. Der Grund für diese Anhänglichkeit, die übrigens auch die stattliche Schar der Aushilfskräfte für die Zeiten des Stoßgeschäftes auszeichnet, liegt in der menschlichen Verbundenheit zwischen Belegschaft und Inhabern, wie sie sich für ein so altes Familienunternehmen fast von selbst versteht. Karl Beilharz und seine Schwester Charlotte Marschner leiten das Haus ganz im Sinne ihres Vaters. Wie dieser ist Karl Beilharz selten an seinem Schreibtisch anzutreffen. Seine ganze Arbeit gehört der Kundschaft, und als Fachmann auf dem Gebiet der Damenoberbekleidung gibt er dem Unternehmen ein ausgeprägtes Profil modischer Eleganz und gepflegter Qualitäten. Alljährlich veranstaltet das Haus Schneider zwei eigene Modeschauen im großen Saal des Palmengartens, die sich durch die kluge Abwandlung der modischen Linie auf die Bedürfnisse der Kundschaft auszeichnen und darum großer Beliebtheit erfreuen.

Die Tür zum Chef steht im Hause Schneider den Kunden wie den Mitarbeitern immer offen. Karl Beilharz liebt kein Vorzimmer. Darum lächeln die Verkäuferinnen, wenn sie hin und wieder von einem anspruchsvollen Kunden hören müssen: "Ich kenne Herrn Schneider schon seit fünfzig Jahren persönlich!" Jener Michael Schneider, der 1887 das Geschäft in der Großen Bockenheimer Straße 9 gründete, ist schon mindestens solange tot und hatte das Unternehmen bereits vor der Jahrhundertwende veräußert. Was aus ihm geworden ist, hat allein die Familie Beilharz aufgebaut. Im übrigen ist Karl Beilharz ein aktiver Mitarbeiter in den Fachorganisationen und als Vertreter des mittelständischen Textileinzelhandels Mitglied im Beirat der Frankfurt Industrie und Handelskammer. Da er aber auch allen musikalischen Dingen sehr zugeneigt ist, gibt es einen gemischten Chor aus den Reihen der Belegschaft, dessen Mitgliedern der Besuch der Festspiele in Bayreuth und Salzburg ermöglicht wird. Das ist ein typisches Beispiel für die freiwilligen sozialen Leistungen des Hauses M.Schneider. Sie folgen wohl dem Geist der Zeit, wandeln ihn jedoch ganz ins Persönliche, in die echte Verbundenheit zwischen Inhabern und Mitarbeitern ab. Darum wurde das Landhaus von Gottlob Beilharz in Dornholzhausen nach seinem Tode in ein Erholungsheim für die Belegschaft umgestaltet. Um es besuchen zu können, erhalten die erholungsbedürftigen Mitarbeiter einen zusätzlichen Urlaub von vierzehn Tagen und einen finanziellen Zuschuß. Großzügig wird auch die Kantine gefördert. Sie besitzt eine eigene Großküchenanlage, die unabhängig von der des Erfrischungsraumes geführt wird. Die Betriebskrankenkasse und die Unterstützungskasse, in der die Mitgliedschaft freiwillig ist, werden beweglich geführt und vom Unternehmen bei Bedarf unterstützt, damit sie allen echten Bedürfnissen gerecht werden können. Für die über 15 Jahre im Hause tätigen Mitarbeiter besteht eine individuell gestaltete Pensionsanwartschaft.

Besondere Aufmerksamkeit widmet man bei M.Schneider der Heranbildung eines tüchtigen Nachwuchses. Für die Lehrlingsausbildung besitzt es eigene Fachkräfte. Durch die gemeinsame Besichtigung von Industriebetrieben sollen die jungen Verkaufskräfte mit der Produktion der Waren vertraut werden, die sie den Kunden anzubieten haben. Darum werden sie auch zu Fachlehrgängen geschickt. M.Schneider will echte Kundenberater heranbilden, die nicht nur tüchtige Verkäufer, sondern wirkliche Sachkenner sind. Sie sollen jedoch auch frohe, ungehemmte Menschen sein, darum dürfen sie an Jugendfreizeiten teilnehmen, für die das Unternehmen alle Kosten trägt und ihnen noch ein Taschengeld beisteuert.

Im Grunde kann man die ganze Wiederaufbauarbeit des Hauses M.Schneider auf einen einfachen Nenner bringen; es war und ist eine fortgesetzte Verjüngung. Gerade das Bewußtsein einer durch langjährige Leistung geschaffenen Tradition und eines weit über Frankfurts Grenzen hinausreichenden Rufes als Spezialkaufhaus für Bekleidung und Ausstattung verpflichtet das Unternehmen und seine Leiter, immer mit der Zeit zu gehen, sich dem modischen Wandel anzupassen und doch nicht von ihm beherrschen zu lassen, sondern selbst so lebendig und beweglich zu bleiben, daß es die Erwartungen und das Vertrauen seiner Kundschaft durch die Qualität seines Sortiments immer erfüllt. In diesem Geist hat sich M.Schneider ein eigenes Gesicht in der Gestaltung seiner Verkaufsräume wie im Dienst am Kunden erworben.

Foto:Jäger

Kaufhaus M. Schneider auf der Zeil, Ecke Stiftstrasse, 1958

 
Quelle: F.Lerner: " Frankfurt am Main und seine Wirtschaft", Ammelburg-Verlag 1958
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