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Berichtszeitraum: 1945-65
Wie andere Museen, so wurde auch das Museum für
Völkerkunde durch die Kriegsereignisse außerordentlich
schwer getroffen. Das Palais Thurn und Taxis, die Heimstätte
des Museums seit 1908, wurde völlig zerstört. Das gleiche
Schicksal erlitt das ehemalige Senckenbergische Bürgerspital
in der Stiftstraße, in dem die Verwaltungs- und Arbeitsräume,
die Bibliothek und das Archiv des Museums untergebracht waren. So
mußte die Dienststelle nach dem Kriege von Grund aus neu aufgebaut
werden. Die Voraussetzungen dazu waren dadurch gegeben, daß
der größte und wertvollste Teil der Sammlungen in den
ersten Kriegsjahren ausgelagert worden war und der Vernichtung entging.
Zunächst wurde die Verwaltung mit Bibliothek,
Archiv und Werkstätten in einem Privathaus in der Myliusstraße
eingerichtet, gemeinsam mit dem Frobenius-Institut, mit dem das
Museum aufs engste zusammenarbeitet, seit seinem Begründer
1934 auch die Leitung des Museums übertragen worden war. Die
Sammlungen konnten erst bearbeitet werden, als dem Museum 1946 ein
ehemaliger Luftschutzbunker im Stadtteil Riederwald
überwiesen wurde. Nun war es möglich, die Sammlungen auszupacken,
Kriegsverluste festzustellen und Schäden zu restaurieren. Gleichzeitig
wurden die Bestände, rund 30000 Stücke, geordnet mit dem
Ziel, das Material möglichst schnell für wissenschaftliche
Untersuchungen, den Lehrbetrieb der Universität und für
Ausstellungszwecke nutzbar zu machen. Schon 1946 konnte die erste
Ausstellung in Frankfurt, im Jahre darauf die erste Auslandsausstellung
des Museums (im Australia House, London) gezeigt werden. Bis 1965
folgten 28 Ausstellungen in Frankfurt, darunter einige Gemeinschafts-Ausstellungen
mit dem Frobenius-Institut und anderen Museen der Stadt. In der
näheren und weiteren Umgebung von Frankfurt, in der Stadt selbst,
und im Ausland hat das Museum in der Nachkriegszeit 87 kleinere
und größere Ausstellungen entweder selbst durchgeführt
oder war mit wesentlichen Leihgaben beteiligt.
Erfreuliche Erfolge waren dem Museum beschieden
bei der Bemühung, die Sammlungen weiter auszubauen und die
Kriegsverluste auszugleichen. Die Zahl der Neuerwerbungen seit 1945
beläuft sich auf rund 11000 Stücke, die nur zum Teil aus
laufenden Haushaltsmitteln angekauft wurden. Der größte
Teil der Sammlungen wurde auf den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
finanzierten Forschungsreisen der Beamten des Museums und der Mitarbeiter
des Frobenius-Institutes zusammengebracht und vom Museum mit Sondermitteln
erworben. Auf diese Weise kamen Sammlungen aus Äthiopien, Australien,
Süd-Amerika, Indien und Neuguinea ins Museum. Dazu brachte
eine Sammelreise, die im Auftrage des Museums von zwei Assistenten
des Frobenius-Institutes 1961 nach Neuguinea durchgeführt wurde,
außerordentlich reiche Ergebnisse, die das Museum zu einem
Schwerpunkt der Neuguinea-Forschung in Deutschland gemacht haben.
In der gleichen Zeit konnte die gemeinsame Bibliothek des Museums
und des Frobenius-Instituts zu einer der reichsten deutschen Fachbibliotheken
für Völkerkunde ausgebaut werden.
Im Laufe der Jahre wurde die unbefriedigende äußere
Situation des Museums verbessert. Verwaltung, Bibliothek und Archive
übersiedelten gemeinsam mit dem Frobenius-Institut 1955 in
ein geräumigeres Haus in der Liebigstraße. Für die
Sammlungen ging die Bunkerzeit 1961 zu Ende, als dem Museum ausreichende
Depoträume in einem ehemaligen Geschäftshaus am Danziger
Platz zugewiesen werden konnten.
Diese Verbesserungen aber und die Ausstellungstätigkeit
können nicht darüber hinwegtäuschen, daß das
Museum für Völkerkunde als eine jederzeit öffentlich
zugängliche Schausammlung des Kulturbesitzes der außereuropäischen
Menschheit nicht in Erscheinung treten kann. Damit ist das Hauptproblem
der Nachkriegsentwicklung des Museums angesprochen, das bis heute
nicht gelöst werden konnte. Noch immer sind die Depots, die
für Ausstellungszwecke nicht geeignet sind, räumlich von
der Verwaltung, der Bibliothek und den technischen Abteilungen getrennt.
Eigene Ausstellungsräume fehlen, so daß das Museum die
Ausstellungen in wechselnden Räumlichkeiten, meist als Gast
in einem anderen Museum oder in einer privaten Galerie, zeigen muß.
In dieser Lage kann das Museum für Völkerkunde vor dem
Kriege eines der bestbesuchten Museen der Stadt, im Bewußtsein
der Frankfurter Bürgerschaft schwerlich lebendig werden. Das
ist um so mehr zu bedauern, als die Völkerkunde im Zeitalter
eines immer engeren Kontakts mit den Völkern fremder Erdteile
ein steigendes Interesse findet. Es ist aber zu hoffen, daß
es in absehbarer Zeit gelingen wird, die räumlich getrennten
Dienststellen unter einem Dach zusammenzufassen und gleichzeitig
den Ausstellungsraum zu schaffen, welcher der Bedeutung der Völkerkunde
in unserer Zeit angemessen ist.
Berichtszeitraum: 1965-68
Für den Berichtszeitraum war die äußere
Lage des Museums gegenüber den vergangenen Jahren unverändert.
Die Arbeitsmöglichkeit war im wesentlichen bestimmt durch das
Fehlen eigener dauernd nutzbarer Ausstellungsräume sowie durch
die Trennung in zwei Dienststellen (Verwaltung mit Arbeitsräumen,
Bibliothek und einigen Werkstätten: Liebigstraße 41;
Sammlungsdepot: Danziger Platz 12). Die Tätigkeit mußte
sich daher auf die Vorbereitung und Durchführung von Sonderausstellungen
in wechselnden Räumlichkeiten sowie auf interne Arbeiten (Arbeit
an den wissenschaftlichen Katalogen, Restaurierungs- und Pflegearbeiten)
beschränken.
Ausstellungen
Folgende Ausstellungen konnten ab 1965 gezeigt
werden:
- "Indianer der Prärie", Mai bis
Juli 1965 im Gesellschaftshaus des Zoo; mit rund 140000 Besuchern
die bestbesuchte Ausstellung des Museums.
- "Gewebe aus Alt-Peru", Sommer 1965
in der Ibero-Amerikanischen Gesellschaft.
- "Federn, Muscheln, Elfenbein - Schmuck
vom Tier aus aller Welt", Mai bis Juli 1966 im Gesellschaftshaus
des Zoo (ca. 24000 Besucher).
- "Baststoffe und Gewebe aus Ozeanien, Indien,
Indonesien und Amerika", August bis Oktober 1966 im Steinernen
Haus (ca. 2000 Besucher).
- "Waffen ferner Völker", Mai bis
September 1967 im Gesellschaftshaus des Zoo (ca. 45000 Besucher).
- "Plastik der Afrikaner", Dezember
1967 bis Februar 1968 im Karmeliterkloster (über 5000 Besucher).
- "Völkerkundliche Sammlungen aus dem
Senckenberg 1817 bis 1877", seit Oktober 1967 im Naturmuseum
Senckenberg.
- "Volkskunst in Mexiko", Juni 1968
im Hotel Frankfurt Intercontinental.
Den Ausstellungen wurden illustrierte erläuternde
Faltblätter oder Führer beigegeben, zu den Ausstellungen
4 und 6 erschienen umfangreiche illustrierte Kataloge. Aus eigenen
Beständen und aus der Bildersammlung des Frobenius-Instituts
organisierte das Museum auf Einladung verschiedener Organisationen
eine Reihe von Ausstellungen über mexikanische Volkskunst,
und zwar in Köln (1965), Hameln (1966), Lichtenberg, Darmstadt-Arheilgen
und Reutlingen (1967), Wiesbaden (1968). Mit Leihgaben des Museums
zeigte die Commerzbank AG., Frankfurt a.M., in ihren Filialen in
Düsseldorf, München, Nürnberg, Oldenburg und Hamburg
in den Jahren 1965/66 die Lateinamerika-Photo-Ausstellung "Vom
Rio Grande bis Kap Horn".
Es ist in Aussicht genommen, dem Museum die Liegenschaft
Schaumainkai 29 einzuräumen, in der bis zur Übersiedlung
in die Nordweststadt das Seminar für soziale Berufsarbeit untergebracht
ist. Das Museum würde dadurch in die Lage versetzt werden,
zum ersten Mal seit der Schließung der Ausstellungsräume
im Palais Thurn und Taxis im Jahre 1939 alle Abteilungen unter einem
Dach zusammenzufassen und Schauräume einzurichten, die der
Öffentlichkeit mit Wechselausstellungen dauernd zugänglich
sein sollen.
Berichtszeitraum: 1969-72
Da das Gebäude des Museums im Kriege zerstört
wurde, hatte es seither keine eigenen Ausstellungsräume. Seine
Bestände waren zunächst in einem Luftschutzbunker im Riederwald
und seit 1961 im Fernmeldehochhaus der Deutschen Bundespost, Danziger
Platz 12, untergebracht. Ende 1967 wurde dem Museum die Liegenschaft
Schaumainkai 29 mit einem vierstöckigen Wohnhaus und einem
geräumigen Gartenhaus angeboten. Damit sollte Platz für
die Museumssammlungen und sollten Ausstellungsräume geschaffen
werden. Das Projekt erwies sich als brauchbar unter der Voraussetzung,
daß zusätzlicher Raum für Ausstellungs- und Depotzwecke
zur Verfügung gestellt wird. Folgende Ausstellungen konnten
in Zusammenarbeit mit dem Frobenius-lnstitut, Frankfurt am Main,
raumbedingt an verschiedenen Orten, veranstaltet werden:
- 1. Volkskunst in Mexiko" im Historischen
Museum, Frankfurt am Main, vom 9.8. bis 27.10.1968 (7209 Besucher),
- 2. Gewebe aus Mexiko" im Altkönig-Stift,
Oberhöchstadt, vom 7.2. bis 4.4.1971,
- 3. Waldlandindianer Boliviens" in
der Deutsch-ibero- Amerikanischen Gesellschaft, Frankfurt a.M.,
vom 20.4. bis 27.5.1971,
- 4. Volkskunst aus Guatemala" in der
Jahrhunderthalle der Farbwerke Höchst, vom 3. bis 28.9.1971
(5650 Besucher),
- 5. Volkskunst aus Guatemala" im Altkönig-Stift,
Oberhöchstadt, vom 1. bis 26.3.1972,
- 6. Volkskunst aus Guatemala" im Erholungshaus
der Farbenfabriken Bayer, Leverkusen, vom 14.4. bis 15.5.1972,
- 7. Die am 28.10.1967 eröffnete Ausstellung
im Natur-Museum Senckenberg Völkerkundliche Sammlungen
der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft von 1817-1877,
heute im Städtischen Museum für Völkerkunde in
Frankfurt am Main", lief bis 27.11.1970.
Zur Zeit ist eine Ausstellung über Peru"
in den Räumen Schaumainkai 29 in Vorbereitung. Eine größere
Anzahl von Leihgaben wurde laufend für verschiedene Zwecke
zur Verfügung gestellt, insbesondere für die Ausstellung
Afrikanische Elfenbeinschnitzereien aus deutschen Sammlungen"
im Elfenbein-Museum Erbach vom 11.10. bis 16.11.1969, für die
Wanderausstellung Unser Geld" der Bank für Gemeinwirtschaft
in Frankfurt a.M., Hamburg, Wiesbaden, Salzgitter, Regensburg, München
und Saarbrücken, von Oktober 1968 bis 15.Januar 1971, für
die Ausstellung des Rautenstrauch-Joest-Museums Schwarze Inseln
der Südsee, Melanesien" in der Kunsthalle Köln, vom
12.11.1971 bis 16.1.1972, und für eine Ausstellung des Senckenberg-Museums
in Frankfurt a.M. im März 1972. Als Folge der Lösung der
Personalunion zwischen Museum und Frobenius-lnstitut im Oktober
1967 wurde mit Genehmigung des Hessischen Ministers des Innern am
3.3.1969 ein sinnvoller Tauschvertrag abgeschlossen, nach dem das
Museum gegen Abgabe von acht Archivteilen eine umfangreiche Afrika-
und eine Bolivien- Sammlung erhielt sowie die Bestände verschiedener
Herkunft der ehemaligen Anthropologischen Gesellschaft, Frankfurt
a.M. Außer mehreren kleineren Kollektionen konnten 1970 größere
aus Guatemala und Mexiko, 1971 aus Madagaskar und Peru erworben
werden. Prof. Dr.Niggemeyer schied aus Gesundheitsgründen frühzeitig
als Leiter des Museums am 30.9.1971 aus. Sein Nachfolger, Dr.Kelm,
trat sein Amt am 1.1.1972 an.
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