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Die Erinnerung an eine in über sieben Jahrzehnten
errungene Weltgeltung schien das einzige Aktivum, das die NAXOS-UNION
SCHLEIFMITTEL- UND SCHLEIFMASCHINENFABRIK sich bewahrt hatte.
Ihr Frankfurter Stammwerk war bei den schweren Luftangriffen auf
die Stadt im März 1944 und später weitgehend zerstört
worden. In den Werken Fechenheim und Hanau gab es ebenfalls schwere
Schäden. Doch von einer völligen Vernichtung des Unternehmens,
wie ein englischer Sender 1944 in seinen Nachrichten behauptete,
konnte keine Rede sein. Überall wurde notdürftig wieder
aufgeräumt und weitergearbeitet. Die Ausweichbetriebe in Mitteldeutschland
und der Pfalz erlitten überhaupt keine Verluste durch Kriegsereignisse.
Mit dem Einzug der Besatzungstruppen Ende März 1945 aber wurden
die Betriebe völlig stillgelegt, und nun hatte man erst Muße,
das Ausmaß der Bombenschäden völlig zu erkennen.
Die Arbeit ruhte darum nur wenige Tage. Wenn nicht
produziert werden durfte, konnte man eben mit dem Aufräumen
beginnen. Unverdrossen machte sich die Belegschaft ans Werk. Arbeiter
und Angestellte griffen zu Schippen und Pickeln, klopften Backsteine
ab und gruben die Trümmer aus. Unter dem Schutt kamen viele
Maschinen zum Vorschein, die nicht gänzlich zerstört waren,
sondern sich mit viel Kunst und Geschick wieder instand setzen ließen.
Gewiß mußte dabei mancherlei improvisiert und behelfsmäßig
gelöst werden. Die Mitarbeiter bemühten sich rastlos und
unverdrossen um die Überwindung aller Schwierigkeiten. Im Hanauer
Mahlwerk fanden sich beim Aufräumen auch ausreichende
Mengen von Korund und sonstigen Schleifmitteln. So konnte bald unabhängig
von der Rohstoffversorgung die Produktion wieder anlaufen. Der Absatz
war kein Problem. Dafür gab es andere Sorgen. Kohle, Eisen
und Metalle waren nicht zu beschaffen. Die Stromversorgung blieb
lange Zeit unzulänglich, so daß nur stundenweise gearbeitet
werden konnte. Gas und Wasser standen zunächst auch nur zeitweise
zur Verfügung. Die körperliche Arbeit nahm die Menschen
bei unzureichender Ernährung schwer mit, andererseits erzeugte
das Werk keine Waren, mit denen sich die üblichen Kompensationsgeschäfte
machen ließen. So ging es nur langsam voran. Immerhin konnte
das Schleifmittelwerk schon nach wenigen Wochen in allerdings bescheidenstem
Umfang die eigentliche Produktion wieder aufnehmen. Woche für
Woche wuchs die Erzeugung, so daß bereits Ende 1945 die halbe
Kapazität des Werkes wieder erreicht war. Dem Aufbauwillen
der Belegschaft und ihrer gemeinsamen Anstrengung war dieser ermutigende
Erfolg zu verdanken.
Die Werksleitung gab gern ihre anfänglichen
Bedenken auf und arbeitete Pläne für eine völlige
Instandsetzung aller Anlagen aus.
Bald sah sie sich jedoch neuen Gefahren gegenüber. Die neuzeitlich
eingerichtete und vom Bombenkrieg am wenigsten mitgenommene Schleifmaschinenfabrik
in Fechenheim wurde von den Alliierten auf die Demontage-Liste
gesetzt. Monatelang wurde verhandelt, gebangt und gehofft. Erst
im August 1947 kam der erlösende Bescheid: das Werk Fechenheim
blieb der Naxos-Union erhalten und konnte weiter arbeiten. Nach
über zwei Jahren der Ungewißheit war der Weg für
den Wiederaufbau des Unternehmens endlich frei.
Gewiß, auch diese Zeit war genutzt worden,
doch die Unsicherheit über die Zukunft hatte alle größeren
Entscheidungen und Investitionen aufgehalten. Dann offenbarte die
Währungsreform 1948 in der
neuen D-Markeröffnungsbilanz das ganze Ausmaß der Kriegsverluste.
Die Schäden entsprachen der Höhe des Vorkriegskapitals.
Dazu aber mußten nun Verpflichtungen für den Lastenausgleich
übernommen werden, die noch einmal 5o% jenes Ausgangswertes
ausmachten. Drückende Steuerlasten verhinderten auf Jahre hinaus
eine innere Gesundung und zehrten alle mühsam erarbeiteten
Gewinne wieder auf. Dennoch wurde seitdem unablässig an dem
weiteren Aufbau der Werke gearbeitet.
Jede Arbeitskraft, die vorübergehend im Betriebe
freigemacht werden konnte, wurde bei den Wiederaufbauarbeiten verwandt.
Allmählich gelang es, die Dächer instand zu setzen, die
Fenster zu verglasen und die Heizung wieder in Gang zu bringen.
Dann begann man mit der Beseitigung der eigentlichen Ruinen. An
ihrer Stelle, vielfach unter Verwendung der noch brauchbaren Mauern,
entstanden neue Fabrikationsräume. Selbstverständlich
konnte man dabei viele Anlagen besser und zweckmäßiger
als vordem einrichten. Der Ablauf der Produktion wurde erleichtert
und verbessert. Im Endergebnis wuchs damit die Kapazität. Ende
1951 -das Unternehmen war damals gerade 8o Jahre alt- waren die
Fabriken zum größten Teil wiederaufgebaut.

Foto:Maltner
Blick in die Montagehalle der Naxos-Union,
um 1950
Mit dem Ausbruch der Koreakrise häuften sich
die Aufträge. Doch Naxos-Union zeigte sich dem Ansturm der
Kundschaft gewachsen. Die in zäher Kleinarbeit wieder erreichte
Produktionskraft erlaubte ihr, die Nachfrage voll zu befriedigen.
Allerdings mußten die Lieferfristen beträchtlich verlängert
werden und der Auftragsüberhang hielt lange an. Nun wurde natürlich
jeder Mitarbeiter im Betrieb gebraucht. Die Wiederaufbauarbeiten
gingen jedoch weiter. Dafür mußten nun fremde Unternehmer
herangezogen werden. Nachdem die Produktionsanlagen fertiggestellt
waren, ging man daran, die sozialen Einrichtungen wieder instand
zu setzen. Es wurden Umkleide- und Baderäume sowie angemessene
Küchen- und Speiseräume für Arbeiter und Angestellte
geschaffen. Schließlich konnten auch die kaufmännischen
Büros wieder hergestellt werden. Den Abschluß des Wiederaufbaues
bildete die Einrichtung einer großen Lehrwerkstatt im Werk
Fechenheim. Hier bildet sich das Unternehmen seinen Nachwuchs mit
größter Sorgfalt heran.
Ganz ohne fremde Mittel konnten diese umfangreichen
und jahrelangen Anstrengungen zur Beseitigung der Kriegsfolgen nicht
bewältigt werden. Daß sich diese Neuverschuldung jedoch
in bescheidenen Grenzen hielt, war in erster Linie das Verdienst
der Mitarbeiter. Andererseits ging diese Eigenfinanzierung auf Kosten
der Dr. Arthur-Pfungst-Stiftung,
die seit 1917 als Erbin der Gründer Eigentümerin des Unternehmens
ist. Viele Jahre lang hat sie fast völlig auf eine Ausschüttung
von Erträgen verzichtet. Sie entsprach damit dem ausdrücklichen
Willen und der Tradition von Julius Pfungst und seinem Söhne
Dr. Arthur Pfungst, die ihr die Erhaltung und den Ausbau der Naxos-Union
als dringendste Aufgabe zugewiesen haben. Es mußte darum in
Kauf genommen werden, daß die statutenmäßige Förderung
der Volksbildung so lange wesentlich eingeschränkt wurde, bis
wieder von den Werken entsprechende Erträge dafür freigestellt
werden könnten.
In den Jahren der Hochkonjunktur
wuchs die Zahl der Belegschaft beträchtlich. Die wieder erlangte
Kapazität konnte stetig voll ausgenutzt werden. Bald zeigte
sich jedoch, daß sie auf die Dauer den Anforderungen nicht
gewachsen war. Systematisch ging man nun an eine weitgehende Erneuerung
der gesamten Betriebseinrichtung. Die Maschinenparks der drei Werke
und ihre sonstigen Anlagen wurden wesentlich verbessert. Im Zusammenhang
damit war es möglich, die Betriebsausgaben schrittweise zu
senken. Das erlaubte das Auffangen der steigenden Löhne und
des durch die Verbesserung der freiwilligen sozialen Leistungen
bedingten Mehraufwandes.
Daß eine gemeinnützige Stiftung als
Eigentümerin des Unternehmens dessen Mitarbeitern eine angemessene
Fürsorge angedeihen läßt, versteht sich eigentlich
von selbst. Sie entspricht damit zugleich der ihr von den Gründern
überkommenen Tradition. Neben den üblichen Einrichtungen
im Betriebe, von denen schon oben die Rede war, hat die Dr. Arthur-Pfungst-Stiftung
ihr Hauptaugenmerk auf die Sicherung des Alters und der Hinterbliebenen
der Belegschaft gerichtet und dafür ausreichende Einrichtungen
geschaffen. Darüber hinaus wurde ein eigenes System der Gewinnbeteiligung
eingeführt, das einen Teil des erarbeiteten Ertrages den Mitarbeitern
zukommen läßt. Erst der dann verbleibende Rest wird der
Stiftung für außerbetriebliche Zwecke zugewiesen. In
enger Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Bund für Volksbildung
hat sie in den letzten Jahren wieder auf diesem Gebiet eine rege
Tätigkeit entfalten können. Diese Koppelung von kulturellen
Aufgaben mit der Erhaltung und dem Ausbau eines bedeutenden Unternehmens
darf als beispielhaft bezeichnet werden. In Frankfurt ist sie einzig
in ihrer Art und zugleich ein Beispiel für die Traditionen
dieser Stadt.
Die Präzisions-Schleifmaschinen und Schleifscheiben
der Naxos-Union genießen Weltruf. Serienweise stellt sie mittlere
und große Maschinen für Rund-, Innen- und Flächenschliff
her. Sie arbeiten heute weitgehend automatisch. Für Spezialaufgaben
werden daneben in größeren Abmessungen Maschinen für
Walzen-, Flächen- und Kurbelwellenschliff bis zu einem Gewicht
von 6oooo kg gebaut. Die Konstruktion solcher Großmaschinen
für besondere Zwecke ist eine Spezialität des Unternehmens,
für die es weltbekannt ist. Dementsprechend geht ein guter
Teil der Produktion seiner Werke in das Ausland. Naxos-Union exportiert
nach allen Teilen der Welt und erfreut sich für seine höchsten
Ansprüchen genügenden Erzeugnisse einer ziemlich beständigen
Nachfrage. Nach wie vor spielen im Umsatz des Unternehmens auch
die Schleifmittel, mit denen Julius Pfungst 1871 sein Werk begann,
eine bedeutende Rolle. Im Hanauer Werk werden gekörnte und
geschlämmte Schleifmaterialien, insbesondere auch für
Polierzwecke der glasbearbeitenden und optischen Industrie, hergestellt,
Die Naxos-Union ist auf ihrem Spezialgebiet führend und gerade
in ihrer Kombination von Maschinenbau und Schleifmittelerzeugung
beispielhaft für die Entwicklung der Frankfurter Industrie,
obwohl sie innerhalb derselben in jeder Hinsicht eine Sonderstellung
einnimmt, nicht zuletzt wegen ihres Stiftungscharakters.
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