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d. stempel ag.  
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Die Weltgeltung des deutschen Schriftgießereigewerbes, das in Frankfurt am Main seinen Schwerpunkt hat, ist von der D. STEMPEL AG. mitbegründet worden. Im Januar 1945 bestand die Firma fünfzig Jahre, doch zum Feiern war wahrlich kein Anlaß. Bei den schweren Luftangriffen auf Frankfurt im März des vorangegangenen Jahres hatten die Bomben auch ihr fünfgeschossiges Geschäftsgebäude an der Hedderichstraße nicht verschont. Jahre mußten vergehen, bis die erheblichen Gebäudeschäden in dem tiefgestaffelten Werksgelände restlos beseitigt waren. In den letzten Jahren wurde dann die Straßenfront des Hauses um zwei Stockwerke erhöht. So führte auch hier der Wiederaufbau schließlich zu einer beträchtlichen Erweiterung der Fabrikationsräume und im Zusammenhang damit zu einer Erneuerung fast aller vorhandenen Produktionsanlagen.

Foto:Voigt

Schriftschneider bei der Arbeit

 

Schriftmaterial war nach Kriegsende sehr rar. Viele Druckereibetriebe hatten durch die Kampfhandlungen alles verloren. Der Hunger nach Lesestoff und der Bedarf an Formularen -beides typische Begleiterscheinungen jener Notzeit- verlangten gebieterisch nach Drucklettern und Matrizen für die Setzmaschinen. Die Schriftgießereien mußten daher schnell ihre Produktion wieder aufnehmen. Der D. Stempel AG kam dabei eine besondere Bedeutung zu, weil sie seit dem Jahre 1900 in enger Zusammenarbeit mit der Mergenthaler Setzmaschinen-Fabrik GmbH die Alleinherstellung der Matrizen für deren Setzmaschinen-System "Linotype" besorgte und dafür eine ganze Reihe eigener Werkschriften geschaffen hatte. Das Unternehmen konnte nur mit großer Mühe den sich daraus ergebenden Anforderungen entsprechen, weil es ihm sowohl an Metall als auch an Facharbeitern gebrach. Erst nach der Währungsreform gelang es, diese Nöte zu beheben, und zwar so rasch, daß die Gesellschaft bereits Ende des Jahres 1949 ihr Lager an Fertigfabrikaten in einer dem Vorkriegsstand entsprechenden Höhe wiederaufgefüllt und damit ihre alte Lieferfähigkeit erreicht hatte. Natürlich hatte ihr eine rasche und erhebliche Steigerung der Umsätze dies wesentlich erleichtert.

Das Jahr 195o bedeutete einen Wendepunkt in der Geschichte des Unternehmens. Seine Kapazität war voll ausgenutzt, der Umsatz erhöhte sich weiterhin und die Läger konnten nun so gut bedacht werden, daß man allen Ansprüchen der Kundschaft unverzüglich gerecht werden konnte. Das waren gewiß beachtliche Erfolge, doch daran allein mißt man nicht die Leistungen einer Schriftgießerei von Weltruf, wie ihn die D. Stempel AG schon in jungen Jahren vor dem ersten Weltkrieg erworben und seitdem erfolgreich behauptet hatte. Maßgebend sind dafür die von ihr herausgebrachten Schriften. Dazu hatten in den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg alle Voraussetzungen gefehlt. Nun aber zeigte sich, daß diese Zeit dennoch nicht ungenutzt verstrichen war. Mitten im Wiederaufbau konnte Hermann Zapf in sorgsamer Kleinarbeit seine "Palatino" ausfeilen. Ein Probegrad wurde schon 1949 für eine Gabe zum 2oo.Geburtstag Goethes verwandt. Nun, 1950, kam die neue Schrift sowohl für Handsatz als auch für Linotypesatz auf den Markt. Zugleich konnte auch die dazugehörige leichte Versalschrift "Michelangelo" herausgebracht werden. Die im folgenden Jahre noch ausgebaute Schriftfamilie der "Palatino" erwies sich in kurzer Zeit als ein großer Wurf und brachte dem Hause neuen Ruhm, aber auch entsprechende Umsätze.

Im gleichen Jahre entschlossen sich Vorstand und Aufsichtsrat, in der Abteilung Maschinenfabrik die Herstellung eines neuen Artikels aufzunehmen. Nach gründlichen Entwicklungs- und Vorarbeiten wurde mit der Einrichtung für die Serienfertigung begonnen. Die Arbeiten nahmen noch das ganze Jahr 1951 in Anspruch. Während des Aufbaus konnten schon die ersten Aufträge für das neue Produkt hereingebracht werden. Im Jahre 1952 begannen die Lieferungen, und damit trat die STEMPEL-HERMETIK GMBH ins Leben. Über die weitere Entwicklung dieser Tochtergesellschaft wird noch zu berichten sein. Nur so viel sei vorweggesagt, daß mit dem Entschluß von 195o für das Gesamtunternehmen eine wohl in dieser Form nicht vorhergesehene Geschäftsausweitung eingeleitet wurde. So darf mit Fug und Recht behauptet werden, daß dieses Jahr einen Wendepunkt nach dem schweren Jahrzehnt des Krieges und Wiederaufbaues bedeutete.

Es zeigte sich in den folgenden Jahren sehr deutlich, daß das Stammwerk mit seinen Abteilungen Schriftgießerei, Messinglinienfabrik und Linotype-Matrizenfabrik immer mehr von dem allgemeinen Konjunkturablauf beeinflußt wurde. Seine Kapazitäten wurden wohl ausgenutzt, die Umsätze stiegen jedoch nur langsam an. Das Inlandsgeschäft wie der Export erwiesen sich als begrenzt. In der Matrizenfabrikation gab es 1952 sogar einen spürbaren Absatzrückgang, weil der Nachholbedarf der Kundschaft offenbar gesättigt war. Im Zuge der ansteigenden Konjunktur wurde das zwar im nächsten Jahr wieder mehr als aufgeholt. Bei der ganzen Lage des Marktes konnte jedoch von einer bedeutenden Geschäftsausweitung auf lange Sicht nicht die Rede sein. Dazu ist das gesamte graphische Gewerbe zu sehr von technischen, wirtschaftlichen und politischen Einflüssen aller Art abhängig und überdies dem Wandel des Geschmacks und der künstlerischen Auffassung unterworfen. Die in jahrzehntelanger Arbeit erworbene Erfahrung auf dem Gebiet der Schriftgießerei ließ es daher ratsam erscheinen, diesen kaum vorhersehbaren Risiken beizeiten zu begegnen.

Ihrer Tradition entsprechend hat die D. Stempel AG unablässig und im Verein mit berufenen Schriftschöpfern am Ausbau ihrer Auswahl an Werk- und Werbeschriften gearbeitet. Jahr für Jahr konnte sie Neuheiten herausbringen und durch vorbildliche Arbeiten ihrer Hausdruckerei der Typographie und Buchgestaltung wertvolle Anregungen vermitteln. Mit der Gründung der "Trajanus-Presse" unter der Leitung von Gotthard de Beauclair trug sie schon 1951 zum Wiederaufleben der Bestrebungen, erlesene Werkstattdrucke zu schaffen, das Ihre bei. Im gleichen Jahre brachte sie die Pinselschrift "Balzac" von Johannes Boehland heraus. 1952 vermehrte Hermann Zapf die Folge kalligraphischer Schriften mit der "Virtuosa" und legte nach mehrjähriger Vorbereitung mit der "Melior" eine vielseitig verwendbare Gebrauchsschrift-Familie vor. Als Werk- und Akzidenzschrift erschien 1953 die "Diotima" von Gudrun Zapf- von Hesse und wurde im selben Jahr noch zu einer Schriftgruppe erweitert. Anläßlich der DRUPA, die 1954 in Düsseldorf veranstaltet wurde, konnten fünf neue Werbe- und Akzidenzschriften vorgelegt werden. Für die Linotype GmbH wurde außerdem die Werkschrift "Mergenthaler Antiqua" geschnitten. Auch in jüngster Zeit ist diese Vermehrung des Schriftenangebots erfolgreich fortgesetzt worden. Zugleich hat die D. Stempel AG im letzten Jahrzehnt ihre alten Schriftbestände aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen sorgfältig gepflegt und der Nachfrage entsprechend ausgebaut. Darunter befinden sich edle Originalschriften großer Meister des 17. und 18. Jahrhunderts und daraus entwickelte Schriftfamilien wie die Baskerville-Antiqua und vor allem die Garamond, die nach wie vor viel gebraucht werden und auch auf die Linotype-Setzmaschine übernommen worden sind.

In Verbindung mit der Frankfurter Buchmesse wird seit 1952 wieder alljährlich der Wettbewerb für die Auszeichnung der schönsten der Bücher des vorangegangenen Jahres ausgeschrieben. Jahr für Jahr sind seitdem unter den von der Jury ausgewählten Drucken die Schriften der D. Stempel AG sehr häufig vertreten. Beim Handsatz erreichte ihr Anteil mehrfach die Hälfte aller ausgezeichneten Bücher. Im Maschinensatz erwies sich nach wie vor die Garamond als die führende Werkschrift. Unter den modernen Schriften standen die Diotima und Palatino im Vordergrund. Die Palatino wurde überhaupt zur meistgenannten Schrift aus den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg. Unbestreitbar haben diese schönen Erfolge der D. Stempel AG erneut ihren Rang unter den deutschen Schriftgießereien bestätigt.

Neben ihrer bedeutenden Eigenproduktion ist die Gesellschaft seit vielen Jahren an mehreren Schriftgießereien des In- und Auslandes beteiligt. Die Verbindungen mit der Firma Gebr. Klingspor in Offenbach reichen bis in das Jahr 1918 zurück. Im Zuge von Rationalisierungsarbeiten, die auch in den eigenen Anlagen in größerem Umfang im Gange sind, wurde dies Unternehmen 1956 ganz übernommen. Von den Auslandsbeteiligungen arbeitet die Haas'sche Schriftgießerei AG in Münchenstein-Basel seit vielen Jahren mit befriedigenden Ergebnissen, während das Schicksal der Berthold & Stempel GmbH in Wien und erst recht das der Ersten Ungarischen Schriftgießerei AG in Budapest immer noch ungewiß blieben. Immerhin besteht nun Hoffnung auf einen Rückerwerb der Wiener Anteile. Auch im Hinblick auf diese Kriegsfolgen ist der 1950 begonnene Ausbau der Maschinenabteilung der D. Stempel AG zu einem selbständigen Unternehmen ein Beispiel wohlüberlegter Geschäftspolitik, dem der Erfolg nicht versagt blieb.

Die Stempel-Hermetik GmbH begann 1952 mit der serienmäßigen Herstellung hermetisch gekapselter Klein-Kühlmaschinen. Sie fanden guten Absatz, so daß die ursprüngliche Kapazität schon im zweiten Jahr mit drei Schichten voll ausgelastet war. Das Produktionsprogramm konnte rasch auf neun Grundtypen für den Einbau in Kühlmöbel für Haushalt und Gewerbe mit Motorkompressoren von 1/15 bis zu 1 PS für 80 bis 12ooo Liter Kühlrauminhalt ausgebaut werden. Dazu kamen noch Verflüssigeraggregate mit Absperrventilen. Der größte Teil der deutschen Kühlschrankindustrie übernahm diese mit Rückwandkondensatoren ausgestatteten Kältemaschinen, die durch ihre Zuverlässigkeit in kurzer Zeit auf dem Gebiete der Kleinkühlung führend wurden. Auch ein reger Export entwickelte sich schnell. So belegte das junge Tochterunternehmen bald im Stammwerk eine Fläche von fast 4ooo qm und mußte in den letzten Jahren auch Räume der Firma Klingspor sowie Neubauten auf deren Gelände in Anspruch nehmen, die beinahe die Ausdehnung der Frankfurter Anlagen erreichten. Nunmehr ist die Verlegung des gesamten Betriebes nach Offenbach im Gange.

Eigene Forschungslaboratorien für kältetechnische, elektrische und chemische Untersuchungen waren die Voraussetzung für die Entwicklungsarbeit und den weiteren Ausbau wie die Überwachung der Produktion. In modernen Fertigungsstraßen und mit den neuesten automatischen Werkzeugmaschinen kann die Stempel-Hermetik ihre Produkte im Fließbandverfahren herstellen und hat bereits eine Tagesleistung von über 1000 Aggregaten erzielt. Im Juni 1957, nach noch nicht fünfjährigem Bestehen der Tochtergesellschaft, konnte die 500000ste Maschine fertiggestellt werden. Der Jahresumsatz des Unternehmens überschritt die 2-MillionenGrenze.


Foto:Jäger

Stempel-Geschäftsgebäude an der Hedderichstraße in Sachsenhausen

 

Mit 844 Beschäftigten hat die Stempel-Hermetik GmbH heute bereits die Belegschaft der D. Stempel AG, die zum selben Zeitpunkt 606 Mitarbeiter besaß, beträchtlich überholt. Ebenso wie im Stammwerk sind bei dem jungen Unternehmen Spezialisten tätig, die durch Ausbildung und Erfahrung die Qualität der Erzeugnisse verbürgen, für die beide Firmen bekannt sind.

Die freiwilligen sozialen Aufwendungen bei Mutter- und Tochtergesellschaft betragen jährlich etwa 5o% der gesetzlichen Beiträge zu den Sozialversicherungen. Ihr größter Posten kommt der Altersversorgung der Mitarbeiter zugute. Die Werkskantine und die Ausgabe von Milch erfordern ebenfalls beträchtliche Zuschüsse. Eine Werksärztin sorgt durch geeignete prophylaktische Maßnahmen für die Erhaltung der Gesundheit aller Mitarbeiter sowie für die frühzeitige Bekämpfung von Verbrauchsschäden. Selbstverständlich werden die üblichen Beihilfen bei Geburten, Hochzeit und Krankheits- oder Sterbefällen gewährt. Jubilare erhalten Ehrengaben, die gesamte Belegschaft wird durch Abschlußprämien am Ertrag des Unternehmens beteiligt. Am bezeichnendsten für den Geist, der Geschäftsführung und Mitarbeiter vereint, sind jedoch die seit langen Jahren üblichen Krankenbesuche, wenn der Aufwand bei diesen Gelegenheiten auch bei weitem nicht den größten Posten unter den freiwilligen sozialen Leistungen der Gesellschaft ausmacht. Dem hohen kulturellen Niveau, das sie von jeher ausgezeichnet hat und in ihren bibliophilen Hausdrucken zuletzt in den geschmackvollen Gaben zur Feier ihres 6o-jährigen Bestehens 1955 überzeugend zum Ausdruck kam, entspricht die nicht minder stark entwickelte soziale Verantwortung, die ihre leitenden Männer, vorab die Gründer David Stempel und Wilhelm Cunz ebenso wie deren Söhne Walter H.Cunz und Hans G.Stempel immer beseelt hat. Das gilt im gleichen Sinne auch von den anderen bedeutenden Schriftgießereien Frankfurts. Georg Hartmann (1870-1954), der als Seniorchef den Wiederaufbau der BAUERSCHEN GIESSEREI geleitet hat, erwarb sich zugleich große Verdienste um das Freie Deutsche Hochstift und die Rekonstruktion des Goethehauses. Die dankbare Vaterstadt zeichnete ihn dafür mit dem von ihr so selten verliehenen Ehrenbürgerrecht aus. Das alte, bedeutende Unternehmen genießt ebenfalls Weltruf. Seine Betriebsstätten wurden im Kriege zu 80% zerstört und nach der Währungsreform neu aufgebaut. Seitdem haben die Kapazität des Betriebes und der Export, insbesondere nach den USA, den Vorkriegsumfang beträchtlich überschritten. Bezeichnenderweise steht auch diese Schriftgießerei in enger Verbindung mit einem Unternehmen ganz anderer Art, der EMDA, einer im Osten Frankfurts ansässigen Spezialfabrik für zahnärztliche Behandlungsgeräte. So enthüllt diese Parallele zur D. Stempel AG eine für Frankfurts Wirtschaft typische Kombination von kühnem Wagemut und bedachtem Streben nach dem Ausgleich der damit verbundenen Risiken.

 
Quelle: F.Lerner: " Frankfurt am Main und seine Wirtschaft", Ammelburg-Verlag 1958
frankfurt baut auf