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Das Produktionsprogramm der ALFRED
TEVES MASCHINEN- UND ARMATURENFABRIK KG erscheint geradezu
als ein typisches Beispiel der Vielseitigkeit. Es ist das Ergebnis
der vitalen Kraft und Schaffenslust einer echten Unternehmerpersönlichkeit,
die in kühnem Zugriff Chancen zu nutzen und dann in rastloser,
exaktester Arbeit auszubauen verstand. Alfred Teves war nicht der
Mann, dem die fast völlige Zerstörung seines in vier Jahrzehnten
-seit 1906- aus kleinsten Anfängen aufgebauten Lebenswerkes
in der Endphase des zweiten Weltkrieges den Mut rauben konnte. "Wir
kommen wieder hoch!" hieß seine Parole, die er mit nimmermüdem
Optimismus mitten in der Katastrophe prägte und immer wieder
seinen Mitarbeitern zurief, vor allem aber durch sein persönliches
Beispiel des unbeirrten Anpackens aller Möglichkeiten, die
ihm der Tag bot, mitreißend vorlebte. Und Alfred Teves ist
mit seinen Männern wieder hochgekommen.
Mit ganzen vierzehn Mann fing er im Mai 1945 an,
die Trümmerstätte seines Frankfurter Hauptwerkes aufzuräumen.
Es war zu etwa 85% zerstört. Auch die Kühlschrankfabrik
in Fechenheim wies schwere Schäden auf, während
das Zweigwerk Bonames verhältnismäßig
glimpflich davongekommen war. Von dem Berliner Tochterunternehmen,
der Teveswerke Motorenteile und Hydraulische Aggregate GmbH in Berlin-Wittenau,
fehlten zunächst alle Nachrichten. Bald aber sickerte die Kunde
durch, daß die gesamte Fabrikanlage bis auf die letzte Steckdose
demontiert wurde. Tatsächlich blieben schließlich nur
die leeren Betriebsgebäude mit schweren Beschädigungen
übrig. Ein Teil der Produktion dieses Werkes mußte während
des Krieges nach Blumberg im Südschwarzwald ausgelagert werden.
Dieser Zweigbetrieb überstand den Zusammenbruch unversehrt,
war aber nun auf Jahre hinaus ebenso wie ein von Frankfurt aus aufgebautes
kleineres Zweigwerk in Brombach bei Basel völlig auf sich selbst
gestellt, da die französische Besatzungszone hermetisch abgeschlossen
für sich dahinvegetieren mußte. Alfred Teves konnte also
nur mit den ihm im Frankfurter Raum verbliebenen Kapazitäten
den Wiederaufbau beginnen, und ihr Zustand war entmutigend für
jeden anderen, nicht aber für den damals schon fünfundsiebzigjährigen
Gründer des Unternehmens.
"Wir kommen wieder hoch!" Das stand für
Alfred Teves fest. Gemeinsam mit seinen Söhnen Heinz und Ernst
sowie mit Martin Tausend begann er wiederum ganz von vorn, mit ungebeugtem
Willen und einer durch kein Hindernis aufzuhaltenden Energie. So
überwand er im mühseligen Kampf um die Betriebslizenzen
und mancherlei Genehmigungen der Besatzungsmacht alle formalen Widerstände,
baute mit der langsam wachsenden Schar der Mitarbeiter behelfsmäßig
einige Werkstätten des Hauptwerkes wieder auf, so daß
nach Jahresfrist dort schon wieder 200 Belegschaftsmitglieder mit
der Herstellung von Bremsenteilen beschäftigt waren. Jeder
aus Gefangenschaft oder Evakuierung heimkehrende Mitarbeiter wurde
wieder in die alte Betriebsgemeinschaft aufgenommen und nutzbringend
für ihren Wiederaufbau beschäftigt. Das Werk Fechenheim
mußte sich umstellen. Für den Kühlschrankbau fehlten
die Rohstoffe und bei der allgemeinen Not auch die Käufer.
Dafür konnte man aus den vorhandenen Materialbeständen
Sparherde, emaillierte Töpfe und mancherlei anderen Hausrat
herstellen, lauter Dinge, die die Ausgebombten und Heimatvertriebenen
dringend benötigten. Selbstverständlich machte man nicht
nur aus der Not eine Tugend, sondern blieb der altgewohnten Qualitätsarbeit
auch bei dieser behelfsmäßigen Produktion treu, mit dem
Effekt, daß die von Teves damals hergestellten Töpfe
heute noch in vielen Haushalten in Gebrauch sind. Dank solcher Einstellung
kam der Wiederaufbau der Frankfurter Werke Schritt für Schritt
vorwärts.
Im Jahre 1948 erreichte die Zahl der Mitarbeiter
in den Teves-Werken bereits wieder den Vorkriegsstand von rund 3500
Personen. Noch waren freilich längst nicht alle Kriegsschäden
behoben, im Frankfurter Hauptwerk bedurfte es dazu der Anstrengungen
eines Jahrzehntes. Doch längst war Alfred Teves aus dem Gröbsten
heraus und konnte wieder seine dringend benötigten Geräte
für den Automobilbau und die Ausrüstung industrieller
wie gewerblicher Anlagen aller Art liefern. In dem Maße, wie
sich die deutsche Wirtschaft wieder entfalten und dann mit der Weltkonjunktur
aufblühen konnte, wuchs auch die Nachfrage nach Teves-Erzeugnissen
und mußten ihr die Kapazitäten der Produktionsstätten
angepaßt werden. Alfred Teves erntete nun die Früchte
seiner jahrzehntelangen Pionierarbeit auf dem Gebiete der Motorisierung,
deren Anfänge er ja zu Beginn unseres Jahrhunderts bei den
Adler-Werken ,
als Mitarbeiter seines Vetters Heinrich Kleyer, entscheidend mit
vorangetrieben hatte. Vom Automobilbau war er ausgegangen, und ihm
hatte er mit der Einführung der Lockheed Hydraulischen Bremsen
eine wertvolle Bereicherung gebracht, die sich immer mehr durchsetzte.
Mit der verbesserten ATE Lockheed Bremse wurden seitdem die meisten
deutschen Personenwagen-Typen serienmäßig ausgerüstet.
Doch Alfred Teves und seinen Mitarbeitern fiel
nichts in den Schoß. Sie mußten alle Kräfte zusammenfassen,
um das altbewährte Produktionsprogramm unter Wahrung der traditionellen
Qualität den wachsenden Anforderungen anzupassen und eine rationelle
Fertigung zu erreichen. Mit der Herstellung von technisch hervorragenden
Kolbenringen hatte Alfred Teves nach dem ersten Weltkrieg den Wiederaufstieg
seines Unternehmens begonnen. Die gegen schärfste Konkurrenz
erkämpfte führende Stellung in diesem Artikel galt es
nun nach dem zweiten Weltkrieg erneut zu behaupten. Das war zunächst
die vornehmste Aufgabe des Frankfurter Hauptwerkes und seiner wiederaufgebauten
Gießerei. Im Zweigwerk Blumberg wurden derweilen die nicht
minder bewährten ATE-Ventilkegel und Ventiltriebteile fabriziert,
während das Werk Frankfurt-Bonames Zylinderlaufbüchsen
und Rippenzylinder aus Schleuderguß herstellte, die ebenfalls
Teves als erstes Werk in Deutschland auf den Markt gebracht hatte.
Im Zuge der Betriebsrationalisierung konnte 1951 das kleine Werk
in Brombach aufgegeben werden. Inzwischen war in den leeren Mauern
des Werkes Berlin-Wittenau eine neue Produktionsstätte für
Ventil- und Ventiltriebteile sowie für Bremsenteile, die auch
im Frankfurter Hauptwerk erzeugt werden, nach modernsten Gesichtspunkten
aufgebaut worden. Es zeigte sich jedoch bald, daß es mit dem
Wiederaufbau der alten Betriebe nicht getan war. Die steigende Nachfrage
zwang zur Kapazitätsausweitung. In aller Stille errichtete
Alfred Teves in den Jahren 1952/53 im niedersächsischen Gifhorn
unweit des VW-Werkes Wolfsburg eine selbständige Fabrik für
Bremsen- und Bremsenteile. Dafür mußte ein neuer Stamm
von Mitarbeitern herangebildet werden. Er rekrutierte sich in diesem
der Zonengrenze benachbarten Raume gut zur Hälfte aus Flüchtlingen,
die hier eine neue Existenzgrundlage fanden.
Das alles stand wieder nach acht Jahren harter
Arbeit, und neue, zukunftsträchtige Entwicklungen waren eingeleitet,
als der Gründer, Dr.h.c. Alfred Teves, kurz nach seinem 85sten
Geburtstag, bei dem ihm hohe Ehren zuteil geworden waren, im November
1953 die Augen für immer schloß. Sein Wort von 1945 "Wir
kommen wieder hoch!" hatte sich erfüllt. Mit stolzer Trauer
und dankbaren Herzen durften seine Mitarbeiter von ihm Abschied
nehmen.

Foto:Zehrlaut
oben: Kühlschrankfertigung, um 1953
Erst im Beginn der Hochkonjunktur 1953/54 erschienen
die ATE-Haushaltkühlschränke wieder auf dem Markt. Bis
dahin hatte das Werk Frankfurt-Fechenheim seine Kriegsschäden
beseitigt und seine ganze Kraft der Entwicklung gewerblicher Kühlanlagen
zugewandt. Auf diesem Gebiet konnten die langjährigen Erfahrungen
in der Kältetechnik mit besonderem Erfolg angewandt werden.
Teves hat diesen Zweig auch in den folgenden Jahren bewußt
ausgebaut. Vorzugsweise wurden individuelle Einrichtungen für
den Kunden geschaffen und in seine Räume eingebaut. Daneben
konnten in diesem Zusammenhang auch Kühlmöbel für
gewerbliche Zwecke und Tiefkühltruhen entwickelt werden. Das
durch den steigenden Lebensstandard sehr aussichtsreiche Geschäft
in Haushaltkühlschränken wurde schon nach kurzer Zeit
sehr schwierig. Ein verregneter Sommer (1955) genügte, um das
schnell übersetzte Angebot ins Wanken zu bringen und einen
scharfen Konkurrenzkampf zu entfesseln. Dennoch konnten die ATE-Kühlschränke
ihren bedeutenden Marktanteil behaupten. In dem dank der gewerblichen
Aufträge stets voll ausgelasteten Werk Fechenheim hat der Übergang
von der Fließbandfertigung zur Automation bei den Haushaltskühlschränken
bereits begonnen.
1954 wandten sich die Teves-Werke einer neuen Aufgabe
auf dem Gebiete der Motorisierung zu. Sie erwarben die Lizenz für
das Fabrikationsprogramm der amerikanischen ROSS-Lenkung und bahnten
damit einer neuen hydraulischen Verbesserung der Personenkraftwagen
den Weg. Die Alfred Teves GmbH in Gifhorn übernahm diesen neuen
Produktionszweig, der auch Hilfskraftlenkungen einschließt.
Daneben konnte das Geschäft in Kolbenringen und Ventilkegeln
sowie Ölabstreifringen so ausgebaut werden, daß 1956
eine dafür neugegründete Teves & Co. GmbH in Barsinghausen
bei Hannover das Gelände einer von der PREUSSAG stillgelegten
Zeche übernahm und dort mit den umgeschulten Bergarbeitern
eine neue Produktionsstätte für die bewährten ATE-Erzeugnisse
aufbaute. Das Frankfurter Hauptwerk hat in der gleichen Zeit sein
Produktionsprogramm auf dem Sektor Klima-Geräte und -Anlagen
erfolgreich erweitern können. Vor allem aber wandte man sich
dort immer mehr der Entwicklung der Industrie-Hydraulik als einem
zukunftsreichen Aufgabenfeld zu. Schon vor dem zweiten Weltkrieg
hatte Alfred Teves auf diesem Gebiet beachtliche Erfolge erzielt.
In einer seit 1955 intensiv betriebenen Aufklärungsarbeit wurden
die inzwischen auf diesem Gebiet gesammelten Erfahrungen der Teves-Werke
einem großen Kreis von Interessenten zugänglich gemacht
und zeitigten entsprechende Aufträge, die wesentlich zur Modernisierung
vieler Betriebe beitragen werden.
Werbung für Klimatechnik 1963
Ganz im Sinne ihres Gründers tragen so die
ATE-Erzeugnisse zur Förderung des technischen Fortschrittes
bei. Darum spielen sie auch im Export eine Rolle. Exportiert wird
praktisch von jeder Sparte des umfangreichen Produktionsprogramms,
bei einigen ist der Anteil der Auslandslieferungen recht beachtlich.
In 104 Ländern der ganzen Welt ist der Name Teves erfolgreich
eingeführt. Gegenüber der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg
bedeutet dies keine wesentliche Verschiebung der Absatzverhältnisse,
jedoch in vielen Fällen eine sehr erfreuliche Intensivierung
der Geschäftsverbindungen. Auch auf dem Inlandsmarkt haben
die ATE-Produkte auf allen Gebieten ihre Stellung nicht nur behauptet,
sondern beträchtlich ausgedehnt. Selbst auf dem schwierigen
Sektor der Kältetechnik, der im Gesamtumsatz der Teves-Werke
eine beachtliche Stelle einnimmt, konnte der bedeutende Marktanteil
behauptet werden. Nach wie vor gehören ATE-Kühlschränke
dank ihrer Qualität zur Spitzengruppe und brauchen darum keine
noch so harte Konkurrenz zu fürchten.
Wie erfolgreich dieser Wiederaufbau seit 1945 war,
kommt allein schon darin zum Ausdruck, daß 12 Jahre später
in allen Teves-Werken 5750 Mitarbeiter -das sind über 16o%
der Vorkriegsbelegschaft beschäftigt wurden, obwohl durch eine
gründliche Rationalisierung des gesamten Betriebsablaufes die
Produktivität wesentlich erhöht werden konnte. Im Endergebnis
liegt also eine Kapazitätsausdehnung auf mehr als das Doppelte
des Umfanges von 1938 vor. Aus vier Werken sind inzwischen sechs
geworden, und das Produktionsprogramm ist nicht minder gewachsen.
Natürlich hat eine so vitale Unternehmer-Persönlichkeit
wie Alfred Teves auch stets in engster Fühlung mit seinen Mitarbeitern
gestanden und daraus individuelle Formen der Förderung ihres
Wohles entwickelt. In Scheidegg, an einem der schönsten Punkte
des Allgäus, schuf er ihnen ein Ferienheim. Zum 25jährigen
Betriebsjubiläum gibt es nicht nur das übliche Geldgeschenk,
sondern auch einen Kühlschrank. Beihilfen aller Art werden
gewährt, Erholungsbedürftigen Kuraufenthalte bezahlt,
Zusatzurlaub gegeben und eine Unterstützungskasse für
Notfälle wurde geschaffen. Wer mindestens 2o oder 25 Jahre
in einem Betriebe tätig war, erhält Anspruch auf eine
Altersversorgung. Im Todesfall bekommen die Hinterbliebenen ein
Sterbegeld. Kurz -wie ein Vater sorgte Alfred Teves für seine
Mitarbeiter, und im gleichen Ernst sprach er auch mit ihnen ein
offenes Wort. All das ist von seinen Erben, nach dem er es Stück
für Stück nach der Katastrophe und trotz der Währungsreform
unverändert wieder eingeführt hatte, auch nach seinem
Tode getreulich weitergeführt worden.
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