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Für die Entwicklung der deutschen Büromaschinen-Industrie seit 1945 kann der Wiederaufbau der TORPEDO-WERKE AG geradezu als repräsentativ gelten. Dieses Unternehmen hatte schon vor dem zweiten Weltkrieg durch sein stark ausgebautes Fabrikationsprogramm einen wichtigen Marktanteil errungen. Es war 1927 durch die Einführung der Segmentumschaltung bekannt geworden. Eine ähnliche Pionierleistung bedeutete die Konstruktion der ersten deutschen Kofferschreibmaschine mit Vierreihen-Tastatur. Auch als Fahrradproduzent konnten die Torpedo-Werke ihren Markenrädern einen guten Absatz sichern. Die Aktienmehrheit befindet sich seit 1931 im Besitz der Remington-Rand Inc., New York. Direktor F.H.Harms übernahm bereits 1934 die Leitung des Unternehmens und betrieb seitdem ununterbrochen dessen stetigen Ausbau.

Doch binnen weniger Monate wurde die gesamte Arbeit von Jahrzehnten vernichtet. Schon bei den ersten schweren Luftangriffen auf Frankfurt, im Oktober 1943, wurde die erst 1938 eingerichtete Fahrradfabrik der Torpedo-Werke in der Hanauer Landstraße 208-214 total vernichtet. Am 29. Januar 1944 trafen die Bomben dann auch das Stammwerk in Rödelheim. Hier entstand an Gebäuden und Fabrikationsanlagen ein Schaden von "nur" 87%. In einem Ausweichbetrieb in Groß-Karben begann man jedoch schon im Jahre 1945 wieder mit der Fertigung von Kleinschreibmaschinen. Zur gleichen Zeit wurde in Rödelheim die Stammbelegschaft wieder zusammengeholt und mit ihrer tatkräftigen Hilfe das Trümmerfeld geräumt und schrittweise mit der Einrichtung behelfsmäßiger Erzeugungsstätten begonnen. Seit dem Herbst 1945 war es möglich, eine ganze Reihe der beschädigten Fabrikationsräume so weit instand zu setzen, daß im Laufe des Jahres 1946 die Produktion auch hier anlaufen konnte. Sogar einige Neubauten wurden schon zu dieser Zeit in Angriff genommen. Seitdem wurde rastlos und systematisch an der Wiederherstellung des Stammwerkes gearbeitet. Infolge des Mangels an Baumaterial und der Schwierigkeiten bei der Gewinnung von Bauarbeitern vergingen jedoch etliche Jahre, bis alle Schäden behoben waren und die zerstörten Gebäude durch neue, zweckmäßige Fertigungsanlagen ersetzt werden konnten. Noch nach der Währungsreform hat beispielsweise eine Abteilung des Betriebes bei Wind und Wetter monatelang unter einer Zeltplane gearbeitet, bis ihr Gebäude fertiggestellt war. Die Mitarbeiter nahmen das alles fast als selbstverständlich hin und haben durch ihr Verständnis wie durch ihre Mithilfe auch bei berufsfremder Beschäftigung den Wiederaufbau entscheidend gefördert. So war es möglich, daß die Belegschaft bis zum 31. Juli 1947 schon wieder auf 543 Personen angewachsen war und bereits eine zwar begrenzte und zeitbedingt in vieler Hinsicht gehemmte Produktion erreicht werden konnte. Bis zur Währungsreform hatte die Büromaschinenfertigung sich so weit entwickelt, daß schon annähernd normale Bedingungen geschaffen waren. Der Absatz nahm entsprechend laufend zu. Breitwagen-Schreibmaschinen und ein Modell mit Tabulatoreinrichtung kamen wieder auf den Markt. Ja, die alten Verbindungen zum Ausland waren bereits wieder angeknüpft, so daß Aussicht auf lohnende Exportmöglichkeiten bestand.


Foto:Spahn

Blick in die Montagehalle für Buchungsmaschinen, um 1950

 

Dank dieser erfolgreichen Aufbauarbeit konnte das Unternehmen sein Grundkapital von 3,2 Millionen im Verhältnis 1:1 auf Deutsche Mark umstellen. In dem der Währungsreform folgenden Jahre verdreifachte sich die Produktion. Die Exporthoffnungen erfüllten sich. Inzwischen war auch die im Kriege unterbrochene Herstellung von Buchungsmaschinen wieder in Gang gekommen. Ebenso lief das Fahrradgeschäft, das bisher geruht hatte, schnell und gut wieder an. Am 31. Juli 1949 betrug daher die Zahl der Mitarbeiter 1016 und stieg bis zum Februar 1950 auf 1259. Im Laufe des Jahres 1950 kamen die eigentlichen Wiederaufbauarbeiten zum Abschluß, doch die Bautätigkeit ging weiter, weil nun bereits Betriebserweiterungen notwendig wurden, um die Fertigung dem ständig wachsenden Absatz anzupassen. Im Koreaboom 195o/51 stiegen Umsatz und Produktion um 5o% gegenüber dem Vorjahr, wieder entfiel wie bisher der Hauptanteil auf die Büromaschinen. Doch auch das Geschäft in Zweirädern, Fahrrädern, Motorfahrrädern und Motorrädern hatte so zugenommen, daß das Unternehmen in Alzenau (Unterfranken) eine neue Fabrikanlage erwarb und dort die Fahrzeugfertigung einrichtete, die im Jahre 1952 die Produktion aufnahm. Bei den Büromaschinen wurde eine Steigerung des Exportes um 5o% gegenüber 1951 erzielt. Ebenso nahm der Absatz der Buchungsmaschinen im In- und Ausland zu. Die Neubauten im Rödelheimer Hauptwerk waren Ende 1952 so weit fortgeschritten, daß die Fertigung der Kleinschreibmaschinen von Groß-Karben dorthin zurückverlegt werden konnte. Am 31. März 1953 betrug die Zahl der Mitarbeiter 1790 Personen und hatte damit längst den Höchststand der Vorkriegszeit überschritten. Aber immer noch befand sich das Unternehmen in stetigem Ausbau und mußte seine Kapazität voll ausnutzen, um der Nachfrage einigermaßen gerecht zu werden.

Im Juni 1953 wurde die steuerliche Bewertungsfreiheit für "geringwertige Wirtschaftsgüter" auf 6oo DM heraufgesetzt. Die Torpedo-Werke brachten daraufhin eine vereinfachte Büroschreibmaschine heraus, deren Endpreis unter dieser Grenze blieb, und erlebten allein dadurch eine erfreuliche Zunahme ihrer Umsätze. Die Kleinschreibmaschine drang gleichzeitig beim breiten Publikum immer stärker vor; in weiten Kreisen, insbesondere bei den freien Berufen, wurde sie zu einem unentbehrlichen Gebrauchsgegenstand, so daß der Absatz bedeutend anstieg und in der Zeit der Hochkonjunktur ständig das Unternehmen zur vollen Ausnutzung seiner Kapazität zwang. Andererseits baute es systematisch das Geschäft in Buchungsmaschinen aus, brachte im Mai 1953 einen Einkarten- und im Dezember des gleichen Jahres auch einen Zweikarten-Einziehautomat als Neuheiten auf den Markt. Die unablässige Bemühung um die Verbesserung der Qualität aller Produkte und um deren Anpassung an die verschiedenen Bedürfnisse der Praxis trug bei den Büromaschinen sehr gute Früchte. Dagegen ging wie allgemein und wohl durch den steigenden Lebensstandard bedingt die Nachfrage nach Fahrrädern zurück. Darum begann das Werk Alzenau im September 1953 mit der serienmäßigen Herstellung von Mopeds, die sich gut einführten. In den Jahren 1954 bis 1956 blieb das Schreibmaschinengeschäft so lebhaft, daß die Auftragseingänge aus dem In- und Ausland nur mit Mühe befriedigt werden konnten. Daß Frl. Hanne Frieß beim ersten internationalen Wettschreiben in Monte Carlo 1955 auf einer "Torpedo Solitaire" Weltmeisterin wurde, trug ebenfalls dazu bei. Doch immer mehr traten nun die Buchungsmaschinen, vor allem die rechnenden, in den Vordergrund, zumal die Torpedo-Werke mit wesentlichen Verbesserungen aufwarten konnten. Insbesondere haben sie bei der Einführung der Automatik wertvolle Pionierarbeit geleistet.

Werbung 1956

Das Zweiradgeschäft ließ sich ebenfalls 1954/55 zunächst sehr gut an. Bald stellte sich jedoch auch bei den Mopeds eine Sättigung des Marktes und ein zunehmendes Überangebot konkurrierender Typen ein, so daß das Unternehmen im Jahre 1956 die Zweiradproduktion auslaufen ließ, um seitdem seine ganze Kraft auf den verstärkten Ausbau der Büromaschinenfertigung zu konzentrieren. Nachdem es bereits 1954/55 eine Exportquote von 30,7% seines Gesamtumsatzes erzielt hatte, wuchs diese in der Folgezeit bis auf durchschnittlich 40%.

Die Zahl der Beschäftigten erreichte 1956 mit über 2200 Personen bereits mehr als das Doppelte des Jahres 1938. Die Produktionskapazität war demgegenüber jedoch wesentlich größer geworden, und dementsprechend konnten die Torpedo-Werke auch ihren Marktanteil gegenüber der Vorkriegszeit sowohl im In- wie im Auslandsgeschäft vergrößern. Sie verdanken diesen Erfolg vor allem ihrem umfassenden Sortiment in Schreib- und Buchungsmaschinen, mit dem sie seit 1952 hervortreten konnten. Es ist das besondere Verdienst von Konsul und Senator h.c. F.H.Harms, daß er das von ihm nun schon über zwei Jahrzehnte geleitete Unternehmen dank seiner großen Erfahrung im Büromaschinengeschäft immer so beweglich gehalten hat, daß es sich, den Bedürfnissen seiner Käufer -den Groß- und Mittelbetrieben mit ausgebauten Büros sowohl wie denen kleinster Firmen oder von Privatleuten- anpassend, eine Auswahl durchkonstruierter und höchst zuverlässiger Büromaschinen anzubieten hatte. Wenn rund 40% aller rechnenden Schreibbuchungsmaschinen, die in Westdeutschland produziert werden, aus den Torpedo-Werken stammen, dann unterstreicht allein diese Tatsache die Bedeutung, die sie sich in mühevollem Aufbau aus den Trümmern ihrer einstigen Produktionsstätte erarbeitet haben.

Alljährlich verbringen an die hundert Mitarbeiter des Unternehmens auf dessen Kosten ihre Urlaubstage im Allgäu, wo es für sie an schöner Stelle eine gute Unterkunft gesichert hat. Das ist wohl der beste Beweis für die Art, in der hier freiwillige soziale Leistungen übernommen werden. Jahr für Jahr haben die Torpedo-Werke dem Unterstützungsverein, der für ihre Mitarbeiter schon vor Jahrzehnten ins Leben gerufen wurde, erhebliche Zuwendungen gemacht und dadurch dessen segensreiche Tätigkeit ermöglicht. Ebenso wird die Werksküche durch laufende Unterstützungen in namhafter Höhe in die Lage versetzt, wesentlich verbilligte Mahlzeiten auszugeben. Schließlich wurden in jedem Jahr beträchtliche Gratifikationen ausgeschüttet, so daß die Mitarbeiter unmittelbar am Erfolg des Unternehmens beteiligt sind. Wie sehr sie ihrerseits ihm in Treue verbunden sind, zeigt ein Blick auf den Altersaufbau der Belegschaft, in dem zwar alle Jahrgänge vertreten sind, die älteren jedoch stärker, als es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht. Gestützt auf diese in Jahrzehnten bewährte Zusammenarbeit zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitern hat die Torpedo-Werke AG den nicht minder traditionellen Ruf der Qualität ihrer Erzeugnisse stetig weiter ausbauen und befestigen können. Bei diesem Bemühen ist ihr in fabrikationstechnischer wie in vertriebsmäßiger Hinsicht die stets von beiden Seiten rege gepflegte Verbindung mit ihrem Hauptaktionär zugute gekommen, obwohl naturgemäß die Marken Remington und Torpedo auf den Märkten des In- und Auslandes miteinander im Wettbewerb stehen.

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Quelle: F.Lerner: " Frankfurt am Main und seine Wirtschaft", Ammelburg-Verlag 1958
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