zur dokumentation

dokumentation zur nachkriegszeit
vereinigte deutsche metallwerke ag.  
home

Die VEREINIGTE DEUTSCHE METALLWERKE AG hatte einen besonders schweren Start. Das erst 1930 unter Führung seines Mehrheitsaktionärs, der Metallgesellschaft, durch Fusion begründete und mit Zweigniederlassungen in Frankfurt-Heddernheim, Altena, Duisburg, Köln-Ehrenfeld, Nürnberg, Werdohl und Mannheim an mehr als einem Dutzend Plätzen produzierende Unternehmen mußte seine Halbzeuge aus Nichteisenmetallen zuletzt fast ausschließlich für militärische Zwecke liefern. Darum waren seine Fabrikationsstätten, insbesondere die Hauptniederlassung in Frankfurt, das Ziel von Bombenangriffen. Das Heddernheimer Kupferwerk, dessen Anfänge bis in das Jahr 1853 zurückreichen, wurde nahezu völlig zerstört. Die Wiederaufnahme der Arbeit in den von den einrückenden Besatzungsstreitkräften sofort stillgelegten Betrieben war erst Ende 1945 in beschränktem Umfang möglich. Die Werkstätten mußten aus den Trümmern ausgegraben und notdürftig hergerichtet werden. Die meisten hatten keine Dächer, vielfach fehlten sogar Wände. Dennoch verrichteten die Mitarbeiter auch bei strengster Winterkälte ihre Arbeit ohne jeden Widerspruch. Sie galt zunächst der Instandsetzung des Maschinenparks. Derweilen zerbrachen sich die leitenden Männer den Kopf, was bei den mangelnden Rohstoffzufuhren weiter geschehen sollte. Auf dem Werksgelände lagerten riesige Mengen von Flugzeugwracks. Sie galt es auszuschlachten und das dabei anfallende Altmaterial neuen Verwendungen zuzuführen. Nach mancherlei Erwägungen spezialisierte man sich schließlich auf zwei verhältnismäßig leicht herzustellende Behelfsartikel, für die dringende Nachfrage bestand. Durch Umgießen wurden Aluminium-Kochtöpfe in großen Serien gewonnen, die selbstverständlich von der Bevölkerung in Stadt und Land dankbar aufgenommen wurden. Nicht minder großen Anklang fanden die Dachziegel aus Leichtmetall. Obwohl sie nur als Zwischenbehelf mit begrenzter Lebensdauer in Betracht kamen, fanden sie laufenden Absatz. Besonders in Wiesbaden wurden viele Notdächer damit eingedeckt. So war es möglich, mit Hilfe dieser ersten Produkte und dank der vorbildlichen Haltung der Mitarbeiterschaft langsam einen Teil des Heddernheimer Kupferwerkes notdürftig aufzubauen und die Herstellung von Metallhalbzeugen nach und nach wieder in Gang zu bringen.

Heddernheimer Kupferwerk
Foto:Weiss

Vor allen Dingen brauchte die Energie-Versorgung die Erzeugnisse des Unternehmens. Überall in den deutschen Westgebieten fehlte es an Leitungsmaterial, um die beschädigten oder unterbrochenen Verteilernetze wieder zu flicken. In allen möglichen Abmessungen mußte es schleunigst fabriziert werden. Das eigene Kabelwerk wie die elektrotechnische Industrie nahmen die Erzeugung laufend ab. Auch Fahrdrähte für Oberleitungsbusse, Kollektorlamellen und Profile wurden für die Wiederaufnahme des unterbrochenen Nahverkehrs an vielen Orten dringend benötigt.

Während so das Heddernheimer Kupferwerk unter unsäglichen Schwierigkeiten bemüht war, lebenswichtigen Aufgaben nach Kräften seine Unterstützung zuteil werden zu lassen, drohten dem Gesamtunternehmen neue Gefahren. Sowohl in der Hauptniederlassung wie in anderen Betrieben sollten gewisse Teile der erhaltenen Anlagen der Demontage verfallen. Darüber hinaus mußten große Forderungen aus der Zeit vor der Kapitulation als zunächst uneinbringlich betrachtet werden. Selbstverständlich wurde um jede einzelne zur Demontage angeforderte Maschine gekämpft. Die Ungewißheit über den Ausgang dieser Verhandlungen dauerte lange und hemmte selbstverständlich den planmäßigen Wiederaufbau. Andererseits zwangen die allgemeine Not und die immer dringendere Nachfrage nach Metallhalbzeugen auf der einen Seite und der Rohstoffmangel auf der anderen zu grundlegenden Umstellungen der Betriebe auf neue Erzeugnisse und zum rasch fortschreitenden Abbau der Metallbestände, der durch die Vorschriften der Bewirtschaftungsorgane noch beschleunigt wurde, ohne daß für neue Zufuhren gesorgt werden konnte.

Die endgültig aufrechterhaltenen Demontagen setzten bereits 1946 ein. Ihnen fiel das Werk Küppersteg völlig zum Opfer. In anderen Betrieben mußten einzelne Anlagen für Reparationszwecke abgeliefert werden. Hiervon wurde auch die Hauptniederlassung Heddernheimer Kupferwerk stark betroffen, die insbesondere ihre 15000-Tonnen-Presse zugunsten eines Werkes in den USA verlor. An einen auch nur teilweisen Ersatz dieser Einbußen an Kapazität war bei der allgemeinen Materialnot überhaupt nicht zu denken. Die Demontagen und Restitution zogen sich bis in das Jahr 1951 hin. Die Kriegs- und Kriegsfolgeschäden der Gesellschaft, die an sich schon sehr beträchtlich waren, wurden dadurch weiter erhöht und erschwerten den Wiederaufbau.

Dennoch waren die Vereinigten Deutschen Metallwerke unablässig bemüht, ihre Produktion auszuweiten und die Beziehungen zur Kundschaft im In- und Auslande wieder aufzunehmen. Schon 1946/47 ging eine beachtliche Anzahl von Export-Anfragen ein. Es zeigte sich bei ihrer Bearbeitung, daß das Unternehmen konkurrenzfähige Angebote machen konnte; diese führten jedoch nur zu wenigen Aufträgen, weil die meisten Interessenten von den umständlichen Formalitäten der Behörden abgeschreckt wurden. In der zweiten Hälfte des Jahres 1948 brachte der Abbau der den Export hemmenden Vorschriften sofort eine Belebung des Exportgeschäftes, die sich auch in den beiden folgenden Jahren nach dem Abschluß von Handelsverträgen durch die Bundesrepublik erfreulich fortsetzte. Das Unternehmen ließ der Anbahnung dieser Aufträge besondere Sorgfalt angedeihen, weil es durch die lange Trennung vom Weltmarkt und die dort eingetretenen Verschiebungen vielfach völlig neue Geschäftsverbindungen anknüpfen und früher nicht belieferte Absatzgebiete neu erschließen mußte. Diese mühsame Aufbauarbeit war noch längst nicht abgeschlossen, als mit der Koreakrise auch eine Steigerung der Exporte einsetzte, die im Geschäftsjahr 1952/53 wertmäßig bereits ein Viertel des Gesamtumsatzes ausmachten. Dank aufmerksamer Pflege des Auslandsabsatzes konnte das Unternehmen im Laufe der Jahre seinen prozentualen Anteil am Halbzeugexport der Bundesrepublik so steigern, daß er den prozentualen Anteil am Inlandsgeschäft übertriff t.

Umstellung der Produktion und Neuorientierung des Absatzes, bedingt durch den Ausfall der früheren Kunden im deutschen Osten und in Mitteldeutschland, beeinflußten die Entwicklung des Inlandsgeschäftes. In dem Maße, wie sich die Rohstoffanlieferung normalisierte, konnte das Fabrikationsprogramm ausgebaut werden. So wurde die Herstellung von Kupferblechen und -bändern wieder aufgenommen. Für den Schiffbau und die Maschinenbau-Anstalten wurden Formgußstücke aus Schwermetall bis zu den größten Dimensionen geliefert. Die Laboratorien des Heddernheimer Kupferwerkes entwickelten eine Reihe von Sonderbronzen aus Schwermetall. Aus ihnen wurden Rohre, Stangen und Profile gepreßt oder gezogen. Die eigene Fassondreherei verarbeitete diese Materialien auch zu Fertigteilen von höchster Präzision, wie sie von der Automobilindustrie und anderen Verbrauchern verlangt wurden.

Immer mehr trat jedoch in der Nachkriegszeit die Fabrikation von Leichtmetall und dessen Legierungen in den Vordergrund und nahm neben der bedeutenden Produktion und Verarbeitung von Schwermetall einen wichtigen Platz ein. Aluminiumbleche und -bänder in Hochglanzausführung von den dünnsten Abmessungen bis zu dicken Platten von drei Meter Breite und acht Meter Länge sind die wichtigsten Erzeugnisse auf diesem Gebiet. Für die Energie-Versorgung wurde in großen Mengen Leitungsmaterial aus Leichtmetall hergestellt. Seile aus Stahlaluminium haben dabei besondere Bedeutung erlangt. Halbzeug aus Leichtmetallegierungen wurde in Form von Preßteilen, Spritzgußteilen und Formgußstücken geliefert. Zu diesen herkömmlichen Produktionszweigen gesellte sich in den letzten Jahren ein neues Arbeitsgebiet. Im Heddernheimer Kupferwerk werden nun auch Kunststoffteile in beachtlichen Mengen hergestellt. Aus thermoplastischen Kunststoffen entstehen Platten, Stangen, Rohre und Profile. Auf der gleichen Basis liefert das Werk auch Spritzgußformteile. Um diese Entwicklung und die gesamte Ausweitung der Produktion zu ermöglichen, mußten die Laboratorien ausgebaut, der Kundendienst vergrößert und die Verkaufsorganisation entsprechend ausgedehnt werden.

Die Voraussetzung für den eben skizzierten Aufbau des neuen Fabrikationsprogramms war ein umfassender Wiederaufbau der gesamten Werksanlagen. Ein umfangreiches Investitionsprogramm lag bereits 1948 vor. Es konnte infolge des Mangels an langfristigen Geldmitteln zunächst nur teilweise verwirklicht werden. Auf die Dauer war diese große Aufgabe auch nicht durch Eigenfinanzierung zu lösen. Im Januar 1952 legte die Gesellschaft daher eine Wandelanleihe von 12 Millionen DM mit 6,5% Verzinsung auf. Zur gleichen Zeit wurde ihr ein ECA-Kredit in Höhe von 2,5 Millionen DM zur Verfügung gestellt. Insgesamt wurden seitdem bis zum Ende des Geschäftsjahres 1955/56 rund 6o Millionen DM investiert. Diesem Aufwand stehen in den Bilanzen dieser Jahre Abschreibungen in Höhe von etwa 42,5 Millionen DM gegenüber. Weitaus der überwiegende Teil dieser Aufwendungen kam der maschinellen Ausrüstung der Betriebe zugute. Die Kriegsschäden konnten damit völlig beseitigt und zugleich durch eine grundlegende Modernisierung aller Anlagen eine Anpassung an den technischen Fortschritt erreicht werden, die sowohl eine Vermehrung der Kapazitäten als auch eine Erhöhung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zur Folge hatte. Jahr für Jahr wuchsen die Umsätze, nahmen die Bilanzsumme und die erwirtschafteten Erträge zu. Innerhalb von fünf Jahren konnte der ausgewiesene Reingewinn von 2,81 Millionen DM für 1951/52 auf 5,28 Millionen für 1955/56 fast verdoppelt werden. Dennoch hielt die Gesellschaft eine zurückhaltende Dividendenpolitik für angebracht. Das Grundkapital erhöhte sich erstmals im Geschäftsjahr 1955/56 von bis dahin 56 Millionen auf 60,5 Millionen DM, weil Inhaber der Obligationen von 1952 vom Recht der Umwandlung in Aktien Gebrauch machten.

Bild: Äquatorial-Sonnenuhr am Main, gebaut von Lehrlingen der VDM

 

Entsprechend der Ausweitung der Kapazitäten und Umsätze nahm auch die Zahl der Beschäftigten zu. Sie stieg von 6164 Personen am 1. Oktober 1949 auf 122o8 am gleichen Stichtag 1955. Mehr als 10% der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Unternehmens sind seit 25 und mehr Jahren bei ihm tätig, ja es gibt einzelne Betriebe, in denen Angehörige bestimmter Familien schon in der dritten Generation im Werk arbeiten. In der Hauptniederlassung Frankfurt, dem Heddernheimer Kupferwerk, sind über 3500 Personen beschäftigt. Auch hier gibt es viele Beispiele langjähriger Betriebstreue und einen großen Stamm fest mit dem Unternehmen verbundener Familien. Es ist für seinen Stadtteil seit vielen Jahrzehnten der Betrieb schlechthin und mit dessen Entwicklung aufs innigste verknüpft.

Von jeher hat man bei den Vereinigten Deutschen Metallwerken auf ein ausgesprochen gutes Betriebsklima Wert gelegt und die Traditionen der Rechtsvorgänger mit Sorgfalt gepflegt. Darum wurde der Wiederaufbau der durch die Währungsreform dezimierten, Rückstellungen für die Altersversorgung der Belegschaft mit besonderem Eifer betrieben. Daß dazu dank der schweren Menschenopfer des zweiten Weltkrieges auch alle Veranlassung bestand, offenbarte im Herbst 1954 eine Aufgliederung der Mitarbeiter nach ihrem Lebensalter. Damals waren mehr als 30% von ihnen über 45 Jahre alt, während auf die 3o- bis 45jährigen nur 27% entfielen. Zum gleichen Zeitpunkt betrug der Anteil der Frauen an der Gesamtbelegschaft 22%. Er ist seitdem noch angewachsen.

Die freiwilligen sozialen Aufwendungen der Gesellschaft überstiegen seit der Währungsreform in jedem Geschäftsjahr die gesetzlichen. Aus den Versorgungseinrichtungen der Gesellschaft erhalten sowohl die Pensionäre als auch deren Hinterbliebene laufende Renten. Daneben wurden im Laufe der Jahre beträchtliche Mittel zur Förderung des Wohnungsbaues meist in der Form zinsloser Darlehen, im geringeren Umfange auch als verlorene Baukostenzuschüsse zum Besten der Mitarbeiterschaft aufgewendet.

Daß ein Unternehmen von dieser Größe eine ganze Reihe von Einrichtungen sozialer Art unterhält und der Heranbildung eines tüchtigen Facharbeiternachwuchses seine stete Aufmerksamkeit widmet, versteht sich fast von selbst. Immerhin waren dafür ebenfalls alljährlich stattliche Beträge erforderlich. Wir können uns dennoch hier mit diesem summarischen Hinweis begnügen, weil die Vereinigten Deutschen Metallwerke eine Einrichtung entwickelt haben, die besondere Hervorhebung verdient. Seit Jahrzehnten war ein Weihnachtsgeld als zusätzliche Zahlung üblich; im Geschäftsjahr 1954/55 erhielt die Belegschaft anläßlich der 25-Jahr-Feier des Unternehmens außerdem eine Jubiläumsgabe. Zugleich aber wurde eine Abschlußvergütung eingeführt, die von der jährlichen Gewinnausschüttung abhängig ist. Für jedes über 4% hinausgehende Prozent der den Aktionären gewährten Dividende werden 300000 DM zur Verteilung an die Belegschaft bereitgestellt. Im Verhältnis zu dem im laufenden Geschäftsjahr verdienten Bruttolohn oder Gehalt erhalten jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin ihren Gewinnanteil zusammen mit dem Weihnachtsgeld ausbezahlt.

Für die Gesamtwirtschaft ist die Preisdisziplin der Gesellschaft bedeutsamer. Bis Ende 1956 hat sie trotz des Ansteigens fast aller Rohmaterialpreise und der wiederholten Lohn- und Gehalts-Erhöhungen ihre Verarbeitungspreise von geringfügigen Ausnahmen abgesehen nicht heraufgesetzt. Unzweifelhaft ist das zu einem gewissen Teil der grundlegenden Rationalisierung aller Fabrikationsprozesse zu verdanken und damit ein echter Erfolg der durch den erzwungenen Wiederaufbau gegebenen Chance. Daß sie im Rahmen der durch den Konjunkturverlauf begünstigten Möglichkeiten voll ausgenutzt wurde, ist ein Verdienst der Geschäftsleitung. Darum müssen hier die Namen zweier Männer ehrend genannt werden. 1945 bestellte die Militärregierung den Vorsitzenden des Aufsichtsrates, Dr.Ing. Alfred Petersen, zum Treuhänder des Unternehmens. Ihm ist es besonders zu danken, daß es diese kritische Epoche in seiner bisherigen Geschichte überstand. Während er zugleich als erster Nachkriegspräsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main fungierte und als solcher Entscheidendes für die Wiedergeburt des Wirtschaftslebens im ganzen rhein-mainischen Industriegebiet geleistet hat, konnte er auch den Organen der Gesellschaft viele wertvolle Ratschläge und Hilfen geben. Die aktive Leitung übernahmen Dr.Franz Horster und Dr.Walter Raymond, die beide bereits Jahrzehnte der Führung des Unternehmens angehört hatten. Dr.Petersen konnte auch als Vorsitzender des Aufsichtsrats weiterhin die Geschicke des Unternehmens maßgeblich fördern. Unter der Leitung dieser Männer und ihrer Kollegen im Vorstand, Aufsichtsrat und Direktorium entstand in Heddernheim eines der großen Metallhalbzeugwerke des europäischen Festlandes.

 
Quelle: F.Lerner: " Frankfurt am Main und seine Wirtschaft", Ammelburg-Verlag 1958
frankfurt baut auf