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Die VDO TACHOMETER WERKE
ADOLF SCHINDLING GMBH ist zwar ein an Jahren noch relativ
junges Unternehmen, kann aber dennoch bereits auf eine erstaunliche
Entwicklung zurückblicken. 1921 fing man ganz klein in einer
Kellerwerkstatt des Frankfurter Bahnhofsviertels an. Bis 1938 war
daraus Europas größte und leistungsfähigste Spezialfabrik
für Kraftfahrzeug-Meßinstrumente geworden, die jährlich
über 100000 Stück produzierte und an nahezu alle namhaften
deutschen Automobilfabriken zum serienmäßigen Einbau
absetzte. Zwei Fabriken in Frankfurt in der Mainzer
Landstraße und das Hauptwerk in der Königs-, jetzt
Gräfstraße in Bockenheim,
zwei weitere in Offenbach und 46 werkseigene Niederlassungen in
Deutschland und dem europäischen Ausland waren bis dahin entstanden.
VDO-Instrumente wurden binnen weniger Jahre zu einem Begriff auf
dem Kraftfahrzeugmarkt. Adolf Schindling, Mitgründer und heute
Alleininhaber des Unternehmens, hatte mit seinen Mitarbeitern der
allgemeinen Entwicklung des Fahrzeugbaues folgend die von der Automobil-Industrie
wie ihren Käufern geforderten exakten Meßinstrumente
geschaffen und ihrer selbstverständlichen Anwendung den Weg
bereitet. Diese Pionierleistung erforderte ein unendliches Maß
von Kleinarbeit. Kostspielige Forschungs- und Entwicklungsarbeiten
mußten vorausgehen, bis Instrumente von höchstmöglicher
Präzision zu niedrigsten Preisen in rationeller Fertigung erzeugt
werden konnten und damit ihrem serienmäßigen Einbau durch
die Fahrzeug-Industrie erst die Voraussetzungen geschaffen waren.
VDO wurde eine Marke von Weltrang.

Verwaltungs- und Fabrikgebäude
der VDO in der Gräfstrasse, frühere Königsstrasse
Der zweite Weltkrieg vernichtete diesen imposanten
Aufbau fast völlig. Bei den Luftangriffen auf Frankfurt im
März 1944 wurden die beiden Fabriken zu mehr als 80% zerstört.
Der Versuch, die in der Ruine an der Königsstraße noch
erhaltenen Maschinen des Werkzeugbaues und der Stanzerei zu retten,
forderte durch einen Deckeneinsturz drei Todesopfer. Die Offenbacher
Zweigbetriebe und ebenso fast alle übrigen Niederlassungen
auf deutschem Boden gingen gänzlich unter, die außerdeutschen
wurden enteignet. Praktisch mußte man 1945 von vorn anfangen.
Die Trümmerstätten, auf denen der Wiederaufbau mit den
kümmerlichen Mitteln jener Zeit begann, waren weniger wert
als die Erfahrungen und der Ruf, die dem Unternehmen und seinen
leitenden Männern aus den Jahren des ersten Aufstiegs geblieben
waren. An Nachfrage fehlte es nicht. Sie zu befriedigen, nahm man
mutig alle Schwierigkeiten auf sich. In verhältnismäßig
kurzer Zeit lief eine bescheidene Produktion wieder an, und mit
ihren Erträgen konnten allmählich die Instandsetzung und
nach der Währungsreform dann der eigentliche Wiederaufbau der
Gebäude Gräfstraße 103-107 und Mainzer Landstraße
191 ermöglicht werden. Gleichzeitig entstanden wieder elf werkseigene
Niederlassungen in Westdeutschland, von denen nur zwei vom Bombenkrieg
unversehrt geblieben waren. Schon Ende 1949 beschäftigte das
Unternehmen wieder 700 Mitarbeiter, hatte auf seinem Spezialgebiet
die Spitzenstellung auf dem deutschen Markt wieder erreicht und
strebte nach der Zurückgewinnung seiner Position im europäischen
Fahrzeug Geschäft.
VDO-Werbung 1956
Der Inhaber wußte sehr wohl, wie viel er
seinen Mitarbeitern zu verdanken hatte. Schon 1949 gründete
er darum die Adolf-Schindling-Stiftung. Sie gewährt allen Angehörigen
seiner Belegschaft Unterstützung in Notfällen, sichert
ihre Altersversorgung, trägt die Kosten einer gründlichen
Gesundheitsfürsorge und vergibt Wohnungsbeihilfen. Für
das soziale Verständnis des Mannes, der das Werk ursprünglich
schuf und dann unverzagt zum zweiten Male aufbaute, zeugt diese
ebenso umfassende wie in ihrer Organisation vorbildliche Einrichtung
und vor allem der frühe Zeitpunkt ihrer Errichtung. Daß
ihm in Anerkennung seines Lebenswerkes später die Würde
eines Ehrensenators der Technischen Hochschule Darmstadt und andere
hohe Auszeichnungen zuteil wurden, ehrte ihn weniger als diese Tat.

Adolf Schindling (Mitte) bei seinem 70.Geburtstag
am 10.November 1957, links Frankfurts Oberbürgermeister Werner
Bockelmann
Weitblickend und wagemutig hat Adolf Schindling
immer seine Entschlüsse gefaßt. So nahm er im gleichen
Jahre 1949 die Produktion von Fahrrad-Tachometern wieder auf, obwohl
das Kfz-Tachometer-Programm schon recht umfangreich ausgebaut war
und eigentlich die vorhandene Kapazität voll beanspruchte.
Ein Meßgerät für Fahrzeuge ohne Geschwindigkeits-Beschränkung
war nicht notwendig. Pessimisten stellten diesem Vorhaben daher
düstere Prognosen, wenn sie auch nicht bestreiten konnten,
daß solche Instrumente vor dem Kriege guten Erfolg gehabt
hatten. Er blieb auch jetzt nicht aus. Schon fünf Jahre später
stellten die VDO Tachometer Werke den 1000000sten Fahrrad- und Moped-Tachometer
her. Jetzt, 1954, gingen bereits 26% dieser Produktion ins Ausland
und das Unternehmen nahm das Jubiläum zum Anlaß, um unter
der Jugend Europas mit großem Erfolg ein Preisausschreiben
zu veranstalten. Eine weitverzweigte Kundendienst-Organisation konnte
diesem Wettbewerb eine breite Teilnahme sichern.
Damals besaß VDO in nahezu allen Ländern
der Welt wieder eigene Vertretungen oder Geschäftsverbindungen.
Der Direktexport aller seiner Erzeugnisse machte etwa 16% des Jahresumsatzes
aus, während er 1938 noch nicht ganz 3% erreicht hatte. VDO
hatte in wenigen Jahren seinen Rang als Weltmarke neu begründet
und überzeugend ausgebaut. Seine Jahresproduktion erreichte
schon 1954 eine Zahl von 2400000 Stück. Die Zahl der Mitarbeiter
des Unternehmens hatte sich inzwischen verdreifacht, sein Produktionsumfang
war jedoch wesentlich größer geworden und übertraf
die Leistung der im Bombenkrieg vernichteten Anlagen längst.
Dieser Aufstieg war das Ergebnis ebenso zäher Arbeit wie der
durch den Konjunkturanstieg begünstigten, rapiden Fortschritte
der Motorisierung. Die VDO Tachometer Werke hatten von vornherein
beim erzwungenen Neuaufbau ihrer Produktionsstätten eine entsprechende
Erweiterung der Kapazitäten vorgesehen und sich im übrigen
mit ebensoviel Geschick wie Mut dem technischen Fortschritt angepaßt.
Die neu entstandenen Fabriken wurden mit den neuesten Maschinen
und für die modernsten Fertigungsmethoden ausgestattet. An
ihrem weiteren Ausbau ist seitdem planmäßig gearbeitet
worden. Heute werden 3000 Mitarbeiter beschäftigt. Täglich
verlassen 23000 Instrumente und 25000 Antriebswellen und Aggregate
das Werk. Die Rationalisierung des gesamten Fertigungsprozesses
ist seit dem Wiederaufbau beträchtlich fortgeschritten.
Das VDO-Produktions-Programm hat seit dem Ende
des zweiten Weltkrieges eine großzügige Erweiterung erfahren.
Nach wie vor ist das Tachometer, das dem Unternehmen den Namen gab
und Weltruf einbrachte, noch sein wichtigstes Erzeugnis. Ein Blick
in den Katalog des Unternehmens offenbart aber dem Nichtfachmann
erst die Vielzahl der Ausführungen, die davon hergestellt werden.
Für alle bekannten Fahrzeugtypen gibt es Spezialausführungen
für den serienmäßigen oder nachträglichen Einbau.
Eine stattliche Anzahl weiterer Meßinstrumente ist zu ihrer
Ergänzung bestimmt und wird in großer Zahl gefertigt.
Sportliche Fahrzeuge werden vornehmlich mit dem VDO-Drehzahlmesser
ausgestattet, der dem Fahrer eine Kontrolle über seinen Motor
ermöglicht. Antriebswellen, Winkeltriebe, Nabenantriebe eigener
Fertigung bilden die wesentlichen Voraussetzungen für exakte
Angaben der Meßinstrumente, Ölmanometer und Bremsluftmanometer
für Druck und Unterdruck werden von der Automobil-Industrie
in vielen Typen serienmäßig eingebaut. Fernthermometer
für Öl und Kühlwasser, elektrische oder mechanische
Kraftstoff-Meßanlagen und Zeituhren, Ampèremeter, Betriebsstundenzähler
mit und ohne Drehzahlmesser und Achskappenzähler ergänzen
das Programm zur Ausstattung der Fahrzeuge. Große Bedeutung
hat der VDO-Fahrtschreiber erlangt, seitdem solche Instrumente zur
Überwachung einer bestimmten Gruppe von Omnibussen, Schleppern
und Lastkraftwagen gesetzlich vorgeschrieben sind. Schließlich
haben die VDO Tachometer Werke noch eine Reihe von Kombinations-Instrumenten
entwickelt, die mehrere Funktionen in einem Gehäuse vereinen.
Eine besondere Abteilung des Unternehmens beschäftigt sich
allein mit der Aufgabe, in jedem Fall eine Synthese zwischen Zweckmäßigkeit
und Formschönheit der Instrumente zu finden. Sie sollen leicht
ablesbar und leicht einzubauen sein, sich zugleich aber auch stilvoll
der inneren Gestaltung des Fahrzeugs, insbesondere der Ausführung
des Armaturenbrettes anpassen. Das erwarten die meisten Kraftfahrer
und Automobil-Konstrukteure von den ihnen längst unentbehrlich
gewordenen Meßgeräten und nötigen daher deren Schöpfer
zu mannigfachen Abwandlungen ihrer Grundtypen.
links:
Ein gutes Geschäft für die VDO war ab 1954 die Herstellung
von Parkuhren für Frankfurts meist überfüllte City.
Um die Gestehungskosten zu senken und damit die
Verkaufspreise der Produkte so niedrig wie möglich zu halten,
stellen die VDO Tachometer Werke heute nahezu sämtliche Einzelteile
und alle dafür erforderlichen Werkzeuge im eigenen Betrieb
her. Die dafür notwendigen Spezialmaschinen wurden nach eigenen
Konstruktionen gebaut. Im Zink-Spritzguß sowie im Kunststoff-Spritz-
oder Preßverfahren werden täglich rund 500 verschiedene
Konstruktionsteile in Auflagen von 100000 Stück je Arbeitstag
erzeugt und dann durch Drehen, Bohren und Fräsen einbaufertig
gemacht. Ein großer Teil dieser Arbeitsvorgänge wird
von vollautomatischen Maschinen besorgt.
Mit einer eigens entwickelten Graviermaschine werden
Teilstriche und Ziffern in größter Genauigkeit gefräst.
Die Druckerei des Werkes druckt mit Spezialmaschinen die Zifferblätter
auf Blech, Glas und Kunststoff in verschiedensten Verfahren. Allein
diese Einrichtung dürfte kaum ihresgleichen in Deutschland
haben. Die Montage der Instrumente erfolgt weitgehend in Serienfertigung
am Fließband in großen, hellen und luftigen Arbeitsräumen
mit modernsten Justier- und Prüfgeräten. Die Prüfung
nehmen überwiegend automatische, von menschlichen Unzulänglichkeiten
unabhängige Einrichtungen modernster Konstruktion vor. Vom
Materialeingang bis zur Verpackung durchläuft jedes Erzeugnis
eine Vielzahl von Kontrollen, die gleichbleibende Qualität
und Maßhaltigkeit aller Einzelteile wie der fertigen Geräte
und deren Erprobung garantieren. Werksfilialen in 20 deutschen Großstädten
besorgen Reparaturen und Neulieferungen. Selbst die Auswertung der
Diagrammscheiben des VDO-Fahrtschreibers übernimmt das Unternehmen
für seine Kunden. Sein jüngstes Erzeugnis ist die VDO-Scheibenwasch-Automatic,
die durch einen Druck des linken Fußes vom Fahrer ausgelöst
werden kann. So arbeitet man bei VDO unablässig an der Verbesserung
des Fahrkomforts. Es ist daher nicht verwunderlich, daß das
Gelände des Stammwerkes für die inzwischen notwendig gewordenen
Erweiterungen nicht mehr ausreicht. Das Unternehmen hat daher Grundstücke
am ehemaligen Heddernheimer Gaswerk erworben und dort neue Anlagen
erstellt. Sein Rang als Europas größte Spezialfabrik
für Fahrzeug-Meßinstrumente wird durch diesen Ausbau
erneut unterstrichen.
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