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Das Frankfurter UNIVAC- Rechenzentrum
Im August 1956 meldeten die Schlagzeilen der deutschen
Presse, daß das erste Exemplar eines der größten amerikanischen
"Elektronengehirne" in Deutschland eingetroffen sei. Es handelte
sich um eine elektronische Rechenanlage vom Typ UNIVAC 1, die bereits
in mehreren großen US-Firmen Aufgaben erheblichen Umfanges, vorwiegend
aus dem Bereich der Verwaltung, in bis dahin unvorstellbar kurzer Zeit
abwickelte.
19 Tonnen wog der Koloß, der auf ungewöhnlichem Transportweg
nach Frankfurt kam. Sorgfältig zerlegt und in Kisten verpackt, reiste
die gesamte Anlage in einer Luftfrachtmaschine von New York aus über
den Atlantik. Schon zwei Monate später fand im betriebsfertig installierten
Frankfurter Rechenzentrum der Remington Rand die feierliche Einweihung
statt.
Die Einrichtung eines derartigen Rechenzentrums - damals ein Novum für
Europa - war das Ergebnis eingehender Überlegungen. In den Vereinigten
Staaten waren Konstruktion und Herstellung schnellrechnender elektronischer
Anlagen bereits lange den Kinderschuhen entwachsen. Wie bei so vielen
Erfindungen war auch hier der Krieg der Vater aller Dinge. Gefördert
durch die Suche militärischer Regierungsstellen nach modernen Hilfsmitteln
wurden im zweiten Weltkrieg von mehreren Forschungsgruppen Maschinen konstruiert,
die wesentlich schneller und zuverlässiger als je zuvor Berechnungen
aller Art ausführen konnten.
Einen der ersten praktisch einsatzfähigen Elektronenrechner stellte
das Team Eckert-Mauchly im Jahre 1945 fertig. Mit der ENIAC - so hieß
diese erste Maschine wurde der Grundstein für eine lange Reihe elektronischer
Rechenautomaten gelegt, die in der Folgezeit entwickelt und immer weiter
verbessert wurden. Sehr bald erkannte man, daß derartige Anlagen
nicht nur für militärische Zwecke, sondern in besonderem Maße
auch für die Wirtschaft von großem Interesse waren. Mit der
Möglichkeit, Rechenanlagen an die Industrie, an große Versicherungen
und überhaupt alle Unternehmen mit erheblichem Verwaltungsaufwand
abzusetzen, war die Basis für eine rationelle Fertigung und vertretbare
Verkaufspreise dieser Maschinen gegeben.
Die ungewöhnlich starke Expansion der westdeutschen Wirtschaft in
den Jahren nach der Währungsreform ließ Probleme entstehen,
die vorher in ganz ähnlicher Form auch in Amerika in Erscheinung
getreten waren. Während auf der Seite der industriellen Produktion
modernste Einrichtungen selbstverständlichen Vorrang unter den Investitionen
einnahmen, wurde die unvermeidlich anwachsende Papierarbeit vielfach nach
veralteten, zu langsamen und wenig flexiblen Verfahren ausgeführt.
Das Ziel jeder Unternehmenspolitik, die Konkurrenzfähigkeit auf dem
Absatzmarkt zu erhalten, wurde durch die Unzulänglichkeit und Schwerfälligkeit
des Verwaltungsapparates oft stark beeinträchtigt. Eine wirksame
Abhilfe dieses permanenten Zustandes war in vielen Fällen nur noch
von wirklich leistungsfähigen und universell anwendbaren Elektronenrechnern
zu erwarten.
In dieser Situation, die durch den Ruf nach einer wirksamen Automatisierung
des Verwaltungsgeschehens gekennzeichnet war, entschloß sich Remington
Rand, in Europa eine Zentrale zu schaffen, in der eine der modernsten
UNIVAC-Großrechenanlagen aufgestellt werden sollte. Wertvolle Erfahrungen
aus den bereits bestehenden drei amerikanischen Rechenzentren der Gesellschaft
lagen zugrunde und gaben die Ermutigung zu dem Vorhaben, auch auf dem
alten Kontinent die neuartige Idee einer solchen Einrichtung zu verwirklichen.
Als Aufstellungsort der UNIVAC 1 wurde Frankfurt am
Main vorgesehen. Hier waren die günstigsten Vorbedingungen für
einen sinnvollen Einsatz und größtmöglichen Nutzeffekt
gegeben. Einmal bot sich Frankfurt durch seine zentrale geographische
Lage an; zum anderen bestand hier bereits ein Stamm qualifizierter Fachkräfte,
die zum Teil in den USA mit der elektronischen Datenverarbeitung vertraut
gemacht worden waren und ihre Kenntnisse somit aus erster Hand hatten.
Das europäische UNIVAC-Rechenzentrum wurde am 19.Oktober 1956 in
den Räumen des Battelle-Instituts an der Wiesbadener Straße
in Frankfurt in Betrieb genommen. Die feierliche Einweihung versammelte
einen lebhaft interessierten Kreis von Persönlichkeiten der Wirtschaft
und des öffentlichen Lebens. Die Festansprache hielt der damalige
Bundesatomminister Prof.Dr.Siegfried Balke unter dem aktuellen Thema "Automatisierung
als Hilfsmittel der wissenschaftlichen Betriebsführung". Im
Kern seiner Ausführungen behandelte er die Bewältigung der durch
das Vordringen von Rechenautomaten aufgeworfenen Probleme für die
betroffenen Menschen: die Auseinandersetzung mit ganz neuartigen Arbeitsprinzipien,
das Umdenken auf veränderte Organisationsschemata und die Aneignung
der spezifischen Umgangssprache mit Elektronenrechnern, der sogenannten
Programmierung.
Die Programmierung gehört zu den bestimmenden Faktoren der elektronischen
Datenverarbeitung. Der Begriff umfaßt die Analyse eines gegebenen
Arbeitsvorganges, seine Zerlegung in maschinell durchführbare Einzelschritte
und die Codierung, also das Übersetzen in die maschineneigene Ausdrucksweise.
Die auf dieser Grundlage operierenden Automaten werden deshalb auch als
"programmgesteuerte Rechenanlagen" bezeichnet.
Eine der Aufgaben, die das neuerrichtete Frankfurter
UNIVAC-Rechenzentrum (Bild oben) erfüllen sollte, war die praktische
Ausbildung von Fachkräften an der Anlage. Für die Programmierer
ergab sich erst durch die Aufstellung der UNIVAC 1 die Möglichkeit,
bisher erstellte Programme zu testen und die spezifischen Gegebenheiten
des Computers auszuschöpfen. In wesentlich größerem Umfang
als die Schulung eigener Leute wurde jedoch die Unterweisung von ausgesuchten
Fachkräften der zukünftigen Benutzer elektronischer Rechenanlagen
betrieben. Dabei handelte es sich vorwiegend um Mitarbeiter von Firmen,
die in absehbarer Zeit selbst einen gemieteten oder gekauften Elektronenrechner
installieren wollten und sich deshalb rechtzeitig auf die unvermeidlichen
organisatorischen Umstellungen vorbereiteten. In gründlichen mehrwöchigen
Lehrgängen wurde -und wird noch heute allen Interessenten das Rüstzeug
vermittelt, das zur Beherrschung der Materie vorausgesetzt wird. Es handelt
sich ja um eine Materie, die sich in ständiger Weiterentwicklung
befindet und für deren Erlernung der angehende Programmierer allein
auf die Schulungskurse und das Informationsmaterial der Herstellerfirmen
angewiesen ist. Der Bedarf an ausgebildeten Fachleuten dieses Metiers
war schon 1957 so groß, daß allein im ersten Jahr seit Bestehen
des Rechenzentrums in 35 Lehrgängen rund 500 Teilnehmer verzeichnet
wurden.
Ein weiterer wichtiger Zweck des Rechenzentrums war die praktische Demonstration
der Anlage vor Interessenten und zukünftigen Benutzern. Ihnen war
nun die Gelegenheit gegeben, sich an Ort und Stelle von der Arbeitsweise,
den Anwendungsmöglichkeiten sowie den organisatorischen Voraussetzungen
für die eigene Installation ein umfassendes Bild zu machen. Entsprechend
seiner Bestimmung ebnete so das Frankfurter Rechenzentrum den Weg für
eine weitere Ausbreitung der elektronischen Datenverarbeitung in ganz
Europa. Durch Besichtigungen und einführende Vorträge vor Fachschülern,
Studenten und einem breiteren Publikum wurde darüber hinaus das Verständnis
für die Notwendigkeit der Automatisierung und die Verfahrensweisen
der elektronischen Datenverarbeitung gefördert. Neben die Demonstration
der Anlage trat die Durchführung von Lohnarbeiten. Einmal war damit
interessierten Firmen die Gelegenheit geboten, Probeaufträge als
Testfall für die Abwicklung mit einer eigenen Anlage zu erteilen
oder die Zeit bis zur Inbetriebnahme einer bestellten Anlage zu überbrücken.
Daneben liefen Lohnarbeiten von Firmen und Verbänden, die einen eigenen
Elektronenrechner nicht auslasten konnten, andererseits aber für
bestimmte Sonderarbeiten von den Vorteilen einer solchen Maschine Gebrauch
machen wollten. Die im Laufe der Zeit durchgeführten Aufträge
entstammten allen erdenklichen Bereichen der Betriebswirtschaft, der Technik,
der angewandten Mathematik und der öffentlichen Verwaltung. So wurden
Inventurarbeiten, Betriebsstatistiken und -vergleiche, Prämienreserveberechnungen
und Rechnungsschreibungen ausgeführt. Aus dem Gebiet der Technik
wurden Aufgaben wie beispielsweise Untersuchungen über die Belegdichte
von Telefonnetzen und Berechnungen elektrischer Filter gestellt. Außerdem
wurden trigonometrische Funktionen, Matrizen und Gleichungssysteme berechnet
sowie Tabellenwerte ermittelt und gedruckt.
Die Computer der "ersten Generation" wiesen
bereits Operationsleistungen und Speicherkapazitäten auf, die zur
Durchführung auch umfangreichster Massen- und Routinearbeiten benötigt
wurden. Jedoch bedingte der damalige Stand der technischen Entwicklung
die Verwendung relativ großer Bauteile und einen nicht unerheblichen
Aufwand für Stromanschluß, Kühlung und Wartung. Das wirkte
sich natürlich in den - schon äußerlich imponierenden
- Dimensionen und dem Preis dieser Anlagen aus. Man war daher bestrebt,
neue Wege in der Konstruktion zu beschreiten, um kleinere, noch leistungsfähigere
und trotzdem kostengünstige Aggregate herzustellen.
Durch die Einführung von Miniatur- und Halbleiterelementen sowie
verbesserten Speichermedien gelang es innerhalb weniger Jahre, Datenverarbeitungssysteme
auf den Markt zu bringen, die eine beschleunigte Ein- und Ausgabe, ein
erheblich gesteigertes Speichervermögen, höhere Operationsleistungen
und größere Flexibilität mit einer wesentlich kompakteren
Gesamtbauweise verbinden. Gleichzeitig wurde durch das Auflegen größerer
Serien der Anschaffungs- und Mietpreis der Anlagen so gesenkt, daß
auch für Unternehmen mittlerer Größenordnung der Einsatz
durchaus in den Bereich des Möglichen gerückt wurde.
Als Ergebnis mehrjähriger Entwicklungsarbeiten in dieser Richtung
wurde im Jahre 1958 die UNIVAC UCT 1 herausgebracht. Die erste Anlage
dieses Typs nahm eine große deutsche Bank in Betrieb; seither hat
die UCT Eingang in eine Vielzahl von europäischen Unternehmen aller
Branchen gefunden.
Im Zuge der Übersiedlung der Remington Rand-Verwaltung
in ein Hochhaus der Frankfurter Innenstadt wurde auch das Rechenzentrum
verlegt und mit einer UNIVAC UCT 1 ausgestattet. Das moderne Bürogebäude
in der Neuen Mainzer Straße, das im Sommer 1960 bezogen wurde, beherbergt
heute sämtliche Abteilungen: UNIVAC, KARDEX und Elektro-Rasierer.
Damit befindet sich das Programm an Büro- und Organisationsmitteln,
das sich von der Karteikarte bis zur elektronischen Rechenanlage erstreckt,
praktisch unter einem Dach.
Bei der Einrichtung des neuen Rechenzentrums konnten die Erfahrungen ausgewertet
werden, die seit 1956 mit dem Betrieb elektronischer Datenverarbeitungssysteme
gesammelt worden waren. Die Zweckbestimmung ist die gleiche geblieben:
Vorführung der UNIVAC-Anlage vor Interessenten, Nachwuchskräften
aus der Industrie, Studenten und Fachschülern, Demonstration der
praktischen Arbeit und der Programmierungstechniken sowie Ausbildung von
eigenen Kräften und von Kundenpersonal. In Anbetracht des starken
Vordringens elektronischer Anlagen in allen Branchen der Wirtschaft hat
die Schulung geeigneter Fachkräfte, speziell von Programmierern,
besondere Bedeutung erlangt und wurde deshalb stark ausgebaut. Der Bedarf
an qualifizierten Programmierern in der deutschen Wirtschaft ist so groß,
daß sich für viele junge Menschen mit logischem Denkvermögen,
guter Auffassungsgabe und geistiger Wendigkeit sehr günstige Berufschancen
bieten. Die Dauer der Ausbildung zum selbständig arbeitenden Programmierer
beträgt etwa sechs Monate.
Gegenwärtig sind von dem UNIVAC-Typ, wie er im Frankfurter Rechenzentrum
arbeitet, allein in Europa rund 70 Anlagen bereits in Betrieb. Zu den
Benutzern gehören Industriefirmen, Versicherungsgesellschaften, staatliche
und kommunale Institutionen, Versorgungsunternehmen, Banken, Versandhäuser,
Kaufhauskonzerne, Bergbauunternehmen und Verbände. Außerdem
unterhält Remington Rand eigene Rechenzentren in Köln, Brüssel,
Rotterdam, London, Wien, Zürich und Mailand.
Die Skala der Arbeiten, die mit dem UNIVAC UCT System in Deutschland bisher
durchgeführt wurden, läßt sich hier nur kurz umreißen.
Von Lohn- und Gehaltsabrechnungen bis zu komplexen Aufgaben der Wissenschaft
und der Technik sind praktisch alle Probleme lösbar, die sich durch
ein bestimmtes Formelschema ausdrücken lassen. Als Beispiel für
die Einsparungen an Zeit, Arbeitskraft und Kosten durch die Verwendung
eines Elektronenrechners sei die Ausschreibung von 16000 Beitragsrechnungen
bei einer namhaften Versicherungsgesellschaft angeführt. Während
mit konventionellen Tabelliermaschinen allein für die Niederschrift
16 Stunden benötigt wurden, erledigt der Schnelldrucker der UNIVAC-Anlage
die gleiche Arbeit in einer knappen Stunde. Überdies lassen sich
im selben Arbeitsgang mehrere zusätzliche Auswertungen gewinnen.
Von Interesse dürfte auch die Ermittlung des täglichen Aktienindexes
für eine führende Tageszeitung sein. Dieser Index wird börsentäglich
aus hundert repräsentativen Papieren errechnet. Er vermittelt durch
den laufenden Vergleich mit früheren Daten ein übersichtliches
Bild der Kursentwicklung sämtlicher Aktiengesellschaften.
Die elektronische Datenverarbeitung hat im Laufe weniger
Jahre eine beachtliche Ausbreitung erfahren dank dem ständigen Bemühen
um Verbesserungen im Aufbau, Bedienungskomfort und in den Programmierungstechniken.
Die Entwicklung geht in den Forschungs- und Konstruktionsbüros fortlaufend
weiter. Um der Wirtschaft noch bessere, schnellere und vielseitigere Anlagen
zur Verfügung stellen zu können, werden neue Bauelemente und
Speicherverfahren -entworfen. So wurde beispielsweise ein Dünnschichtspeicher
herausgebracht, der sich durch kleinste Ausmaße und bis dahin nicht
realisierbare Eigenschaften auszeichnet. Die neuen größeren
UNIVAC-Anlagen sind so eingerichtet, daß sie mit mehreren tausend
Ein- und Ausgabeeinheiten selbst über größte Entfernungen
hinweg in direkter Verbindung stehen können. Mit diesen Voraussetzungen
für eine komplexe Datenerfassung und -auswertung bieten die Anlagen
erstmalig die Möglichkeit, umfassende Produktionssteuerungen und
-überwachungen durchzuführen. Die Entwicklung in dieser Richtung
wird schließlich zu einer engeren Verzahnung der Bereiche Fertigung
und Verwaltung führen und damit zu einer Organisationsform, in der
das Gesamtunternehmen als ein einheitliches, zusammengehöriges Gebilde
erscheint. An der Lösung aller Aufgaben, die gegenwärtig und
noch stärker in naher Zukunft gestellt werden, hat das Frankfurter
Rechenzentrum nicht unwesentlichen Anteil.
VON JÜRGEN KEDENBURG aus "Lebendige Stadt Nr.1/1962"
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