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Die Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt

VON CLEMENS KÖTTELWESCH, Leiter der Bibliothek, 1965

Eingangshalle, links die Buchausgabe

"Das Leben beginnt mit der Schrift"
- der Literatur, den Büchern. Dieser Satz, vor fast 2500 Jahren in griechischen Buchstaben in eine unansehnliche Wachstafel eingeritzt, gilt im Zeitalter der Wissenschaft mehr als je zuvor. Für die Büchersammlungen, die Bibliotheken, ergibt sich daraus die Aufgabe, das in den Büchern niedergelegte Wissen der Menschheit zu bewahren, die Sammlungen durch die wesentliche neuere Literatur kontinuierlich zu ergänzen und alle, die es wünschen, an den Werken der Forschung und Lehre, der Bildung und Information in der liberalsten Weise teilhaben zu lassen. Wie sah es in der jüngsten Vergangenheit und wie sieht es in der Gegenwart mit der Verwirklichung solcher Postulate in Frankfurt am Main aus? Zum besseren Verständnis müssen wir den Blick bis zur Gründung der Universität im Jahre 1914 zurückwenden. Sie ist in der Tat auch das entscheidende Ereignis für die Entwicklung der Bibliotheken in unserer Stadt gewesen. Damals befanden sich in den Magazinen hinter dem klassizistischen Portikus an der Schönen Aussicht mehrere hunderttausend Bücher der Stadtbibliothek, deren Anfänge bis in das letzte Drittel des 15. Jahrhunderts zurückreichen. An verschiedenen Stellen lagen verstreut und ebenfalls viel zu weit von der Universität entfernt die Rothschildsche Bibliothek für neuere Sprachen und Literaturen, das Manskopfsche Museum für Musik- und Theatergeschichte, die Bibliothek für Kunst und Technik und die Medizinische Hauptbibliothek bei den Kliniken. Einzig die Senckenbergische Bibliothek hatte wenige Jahre zuvor ihre neuen Räume im Schatten des Senckenbergianums bezogen. Die Bibliotheken wurden damals der Universität - wie es im Stiftungsvertrag heißt - "zur Verfügung gestellt", ohne an ihrem jeweiligen Status etwas zu ändern. Es bedeutete nichts anderes, als daß den Angehörigen der Universität die Möglichkeit der Bibliotheksbenutzung zugesichert wurde. Aber damals wurde schon in Aussicht genommen, auf einem eigens dafür reservierten Platz vor der Universität später ein Bibliotheksgebäude zu errichten, um die wissenschaftlichen Bibliotheken dort räumlich vereinigen zu können.

Dann begann, kaum war "die Allerhöchste Genehmigung" eingetroffen, der Erste Weltkrieg, und an ein neues Haus der Bücher war vorerst nicht zu denken. Wie lebendig der Gedanke aber blieb, ersehen wir daraus, daß nach dem Kriege der letzte Nachkomme eines großen Geschlechts - das in fünf Jahrhunderten zahlreiche Bürgermeister gestellt und sich höchste Verdienste um die Vaterstadt erworben hatte - Karl Frh. von Holzhausen, umfangreichen Grundbesitz stiftete mit der ausdrücklichen Bestimmung, den Erlös daraus für den Neubau eines Bibliotheksgebäudes zu verwenden. Leider wurden die Ländereien noch in der Inflationszeit verkauft, so daß eine der größten Stiftungen unterging, auf die, wäre sie erhalten geblieben, mit gleichem Stolz wie auf die älteren der Senckenberg und Städel hätte verwiesen werden können.

In der Folgezeit waren Architekten und Bibliothekare unermüdlich mit Neubauplänen beschäftigt, ja, zu Ende der dreißiger Jahre erschienen sie der Verwirklichung nahe - aber Granaten zu drehen war schon wichtiger geworden, bis dann im Kriege alle Pläne, mehrere Gebäude der Frankfurter Bibliotheken und fast 600000 Bände - darunter die gesamte Literatur (etwa 70000 Bände) zur Kunstwissenschaft, zur Rechtswissenschaft, zur Wirtschafts- und Sozialwissenschaft, zur Geschichte um nur ein paar Beispiele zu nennen - vernichtet wurden. Die Reste der Bücher wanderten nach Kriegsende aus ländlichem Exil in Bunker, wo sie viele Jahre ein lichtloses Dasein fristen mußten. Indes wurde Jahr um Jahr, besonders von Seiten der Universität, der Verlust der Bücher, die in jeder Weise unzureichende Versorgung mit der notwendigen wissenschaftlichen Literatur, das Fehlen der wichtigsten Zeitschriften und der Mangel an ausländischer Forschungsliteratur beklagt.

Nunmehr, nachdem 50 Jahre seit Gründung der Universität und 20 Jahre nach der Zerstörung der Frankfurter Bibliotheken vergangen sind, ist das neue Gebäude fertiggestellt worden und präsentiert sich der Universität gleichsam als verspätetes Jubiläumsgeschenk. Aber die Verwüstung der Bücherlandschaft ist dadurch nicht ungeschehen zu machen. Bibliothekarische Verantwortung hat hier nur den Bau einer modernen Gebrauchsbibliothek zugelassen. Der bestimmende Gedanke war, wissenschaftlichen Benutzern die bestmöglichen Arbeitsbedingungen und gleichzeitig unseren Studenten in einem neuen Bibliotheksgebäude das Gefühl zu geben, die Schlüssel zu den Büchermagazinen in den frei aufgestellten Katalogen in Händen zu haben, an viele Bücher unmittelbar heranzukommen und in Lesesälen mit gut ausgestatteten Handbibliotheken ungestört arbeiten zu können. Wenn ich Zonen der Ruhe (für die Wissenschaftler im weitesten Sinne) von solchen der Unruhe, der Information und der Ausleihe (ohne Barrieren zu errichten) trennen wollte, mußte von dem Architekten eine bauliche Gliederung gefunden werden, die der Vielzahl der Besucher in möglichster Nähe des Eingangs die größten Freiheiten gewährt und ihre Ansprüche dort im wesentlichen erfüllt. Es bedeutete, daß eine große Halle vorgesehen werden mußte, in der eine Freihandbibliothek mit Lehrbüchern und aktueller Literatur Platz finden konnte, zur Durchsicht, Entnahme und Ausleihe viel gebrauchter Bücher und zur Aufstellung von Katalogen, die die Fragen beantworten, was in der Bibliothek überhaupt und welche Literatur über ein bestimmtes Thema, über ein Ereignis, über eine Persönlichkeit, über ein Land usw. vorhanden ist; auch gedruckte Kataloge und umfassende Bibliographien sollten die eigenen Kataloge ergänzen und weitere Nachforschungen erleichtern. Hier mußten dann auch die Verbindungswege zu den Büchermagazinen, die Fahrstühle und Förderbänder enden.

Buchförderanlage, eine von 30 Rohrpoststationen

Dadurch war die Lage der Lesesäle, geschützt gegen Lärmbelästigung, festgelegt. Aus ihnen waren Lesesaalkataloge, Telefon, Auskunft und Buchausgabe zu entfernen, um die unvermeidlichen Störungen in gut besuchten Lesesälen auf ein Minimum zu reduzieren. Um ein übriges für die Forscher, die mit größeren Arbeiten beschäftigt sind, zu tun, wollte ich Einzelarbeitsplätze inmitten ansehnlicher Bestände an Forschungsliteratur anbieten. Deshalb wurden in den Magazinen verschließbare Einzelarbeitsplätze (Carrells) entlang den Außenwänden nach anglo-amerikanischem Vorbild vorgesehen.

Einzelarbeitsplatz (Carrell) im Büchermagazin.

Aus der Begrenztheit des Grundstückes, aber auch der Unmöglichkeit, die geforderten 1000 Lesesaal-Plätze mit den dazugehörigen Magazinen für die Forscher auf einer Ebene übersichtlich einzurichten, ergab sich die nicht unwillkommene Gelegenheit, drei Hauptlesesäle in der Höhe von jeweils 2 Magazingeschossen übereinander zu schichten und so zu je einem Lesesaal für die Geisteswissenschaften / für die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften / sowie für die Naturwissenschaften und Medizin (Senckenbergische Bibliothek) zu gelangen. Daß danach einige Speziallesesäle, wiederum mit dazugehörigen Sondermagazinen, aus sprachlichen (Orient, Afrika und Osteuropa) und aus historischen Gründen (Sammlung Frankfurt, Manskopfsches Museum, Schopenhauer-Archiv) oder wegen des besonderen Materials (Handschriften, Mikrofilme) ausgesondert wurden, war nur folgerichtig.

Arbeiten am Mikrolesegerät

Dieser Aufbau der Bibliothek führte zu einer vielschichtigen, sachlichen Gliederung der Bestände und zur Differenzierung der Auskunftserteilung in der Eingangshalle, in den Sachkatalogen und bei den Lesesälen. An die Peripherien - oben und unten - sollen dann im Endzustand die Büchermagazine (drei unterirdisch und zwei in Dachgeschossen) verlagert werden, auch unter dem Gesichtspunkt, daß die Technik heute den Büchertransport von Keller- oder Speichermagazinen zur Ausgabestelle in wenigen Minuten möglich macht. Ein so gegliedertes Haus wird - noch betont durch die Architektur Ferdinand Kramers - für den Besucher gleichsam transparent. Er bemerkt sehr schnell, weiche Bücher etwa in der Lehrbuchsammlung, in dem Lesesaal der Geisteswissenschaften, in der orientalischen Abteilung fehlen. Da die letzten Hefte der wichtigsten Zeitschriften in den Fachlesesälen ausgelegt sind, bleibt dem Besucher nicht verborgen, wenn bedeutende wissenschaftliche Zeitschriften nicht laufend gehalten werden. Und der Forscher wird mit Recht bemängeln, wenn in einem Handmagazin nicht die letzte kritische Ausgabe eines Dichters oder die gültige Edition eines Quellenwerkes der Geschichte, der Architektur, der Kunst usw. aufgestellt sind. Anteilnahme und Kritik können so zu dauernder Verbesserung der bibliothekarischen Einrichtungen zum Nutzen der wissenschaftlichen Arbeit führen.

Handmagazin der Senckenbergischen Bibliothek

Das Ergebnis der mehrjährigen intensiven Arbeiten von Architekt und Bibliothekar, von Bauleitung und Hochbauamt sowie allen beteiligten Firmen zeigt, daß hier ein bibliothekarisches Instrument geschaffen worden ist, das in der Größe den Bedürfnissen der zentralen wissenschaftlichen Bibliotheken unserer Stadt angemessen ist und durch seine zweckmäßige innere Einrichtung den Ansprüchen für manche Jahre genügen kann, wenn die Entwicklung von Stadt und Universität nicht alle bibliothekarische Vorsorge hinfällig macht.

 

Die Aufgaben, die uns nun gestellt sind, darf ich zusammenfassen:

  • 1. Erhaltung des wertvollen Bestandes an Handschriften, Inkunabeln, Autographen und älteren Büchern. Sie sind nicht nur für die Geistes- oder Rechts- oder Medizingeschichte von größter Bedeutung, sondern stellen auch einen hohen materiellen Wert dar. So ist uns die Pflicht auferlegt, um die Beseitigung zahlreicher Schäden in den nächsten Jahren intensiv bemüht zu bleiben. Es gilt aber auch, sie durch Spezialkataloge, die der Forschung heute genügen, exakt zu erschließen und nutzbar zu machen. In Kürze wird unser Katalog der Inkunabeln im Druck erscheinen; an anderen, der mittelalterlichen Handschriften, wird mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft seit einigen Jahren gearbeitet. Ich hoffe, daß der 1. Band in etwa 2 Jahren veröffentlicht werden kann.
  • 2. Die Bücher, die seit 20 Jahren durch Auslagerung und Transport, durch Feuchtigkeit oder Trockenheit, durch Staub und Ruß gelitten haben, so wieder herzustellen, daß sie erhalten bleiben und in vielen Jahrzehnten noch benutzt werden können.
  • 3. Herstellung eines einheitlichen Katalogs, in dem alle Bücherbestände verschiedener Herkunft (der o.g. Bibliotheken und mancher Geschenke) nachgewiesen werden können, bearbeitet nach den gleichen Katalogisierungsregeln. Dieser neue Katalog enthält rund 1 Million Zettel.
  • 4. Aufbau eines zentralen Nachweises der in den hessischen Bibliotheken vorhandenen wissenschaftlichen Literatur im Hessischen Zentralkatalog. Er enthält zur Zeit rund 3,5 Millionen Zettel; und mehr als 1 Million sind noch für die Beschleunigung des Leihverkehrs der Bibliotheken nutzbar zu machen.
  • 5. Stete Verbesserung der Bibliotheksverwaltung, indem wir die technische Entwicklung aufmerksam beobachten, um u.a. vielleicht nach Erprobung bei anderen Bibliotheken durch Benutzung einer Datenverarbeitungsanlage das Personal von manchen mechanischen Arbeiten entlasten zu können.

Moderne Abhörkabine mit Plattenspieler und Tonband

 

  • 6. Anpassung der Struktur der Bibliotheken an die Struktur des Gebäudes, d.h. Aufbau der Handbibliotheken und Handmagazine bei den verschiedenen Lesesälen, damit in einigen Jahren mehrere hunderttausend Bände sachlich aufgestellt und den qualifizierten Benutzern unmittelbar zugänglich gemacht werden können.
  • 7. Langsamer, aber systematischer Wiederaufbau der Altbestände, soweit sie noch heute für die Wissenschaft von Bedeutung sind; vor allem Schließung der Lücken bei den Zeitschriften, auch der älteren, da sie den Grundbestand jeder wissenschaftlichen Bibliothek ausmachen. Es bleibt da noch viel zu tun übrig, wie sich immer wiederholende Enttäuschungen der Benutzer uns fast täglich lehren.
  • 8. Kontinuierliche gleichmäßige Fortführung dieses Grundbestandes durch die neuerscheinenden Bücher und Zeitschriften bei allen Fachgebieten in strenger Auswahl aus der in- und ausländischen Verlagsproduktion. Fast 5000 laufende Zeitschriften sind abonniert (bei der Stadt- und Universitätsbibliothek; die gleiche Zahl bei der Senckenbergischen Bibliothek). Bei rund 75% der Neuzugänge handelt es sich um ausländische Literatur. Wie notwendig diese Arbeit ist, ersehen wir am besten daraus, daß nach Öffnung der Ausleihe in diesem Gebäude im November vorigen Jahres monatlich rund 50000 Bestellungen, d.h. arbeitstäglich im Durchschnitt fast 2500 abgegeben wurden, von denen fast 28000 monatlich ausgeführt werden konnten. In 23000 Fällen, d.h. bei 45% der Benutzerwünsche waren die gesuchten Werke nicht vorhanden oder verliehen. Es kann gewiß nicht mehr gesagt werden, daß in den Bibliotheken doch kein Buch vorhanden ist, aber die Bestellungen, die nicht ausgeführt werden können, sind eben noch erschreckend hoch. Es wird nicht nur großer Mittel, sondern auch vieler Jahre mühsamer Arbeit der Auswahl durch die wissenschaftlichen Beamten bedürfen, bis in Frankfurt leistungsfähige wissenschaftliche Bibliotheken existieren, die den berechtigten Ansprüchen voll gerecht werden können.
  • 9. Pflege der besonders mit der Stadt Frankfurt verbundenen Sammlungen, des Manskopfschen Museums für Musik- und Theatergeschichte, des Schopenhauer-Archivs und der Francofortensienabteilung.
  • 10. Intensive Ergänzung bei den Sondersammelgebieten, die den Frankfurter Bibliotheken durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft anvertraut sind. (Bei der Stadt- und Universitätsbibliothek sind es die Germanistik, die allgemeine und vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft, die Judaica, die Theaterwissenschaft, die Völkerkunde und die Geographie; bei der Senckenbergischen Bibliothek die Biologie, die Botanik und Zoologie.)
  • 11. Die Lehrbuchsammlung mit einem ansehnlichen Bestand aktueller Bücher auszustatten, um den Studenten den unmittelbaren Zugang zu einem Teil der Literatur zu ermöglichen, aber auch die Bibliotheksarbeit zu rationalisieren. Auch Bibliotheksführungen, Hinweise auf die Bücherbestände und ihre Erschließung in Katalogen sowie wöchentlich wechselnde Ausstellungen der Neuerwerbungen in der Eingangshalle, dürfen ebenfalls als willkommene Ergänzungen des akademischen Unterrichts angesehen werden.
  • 12. Den hellen Ausstellungsraum mit seinen vielen Vitrinen für zahlreiche Ausstellungen zu nützen, um die interessierten Bürger an der Welt von Wissenschaft und Literatur teilnehmen zu lassen. So sollen die bei der Eröffnung der Bibliotheken gezeigten Ausstellungen durch weitere fortgesetzt werden. Für das nächste Jahr sind bisher zwei weitere Ausstellungen, darunter eine über "Italienische Literatur des 20. Jahrhunderts" in Handschriften, Bildern, Erstausgaben und Dokumenten vorgesehen. Die Bibliotheken möchten solche auch aus besonderen Anlässen und Gedenktagen durchzuführenden Veranstaltungen als Ausdruck ihrer Mittlerstellung zwischen Wissenschaft und Kultur einerseits und der Öffentlichkeit andererseits gewertet wissen.

Ob den Bibliotheken im neuen Gebäude die Möglichkeiten der Weiterentwicklung in unserer Stadt und darüber hinaus gegeben werden, hängt nicht nur von uns Bibliothekaren ab. Wir aber müssen uns immer bewußt sein, daß all unser Tun in ein Größeres eingebettet ist, das besteht aus der Gesellschaft in unserer Zeit und ihren wissenschaftlichen Einrichtungen. Ihr und ihnen zu dienen ist die schöne Aufgabe des Bibliothekars. Sie könnte noch dadurch erleichtert werden, daß fördernder Bürgersinn sich, wie in früheren Jahrhunderten auch heute, der Bibliothek verbunden fühlen würde - in der gleichen noblen Weise, wie er sich bei der Übergabe des neuen Bibliotheksgebäudes erneut gezeigt hat.

aus "Lebendige Stadt Nr.2/1965"

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