www.aufbau-ffm.de

 

Die Geschichte der Frankfurter Messe

Wer die Geschichte der Frankfurter Messe schreiben will, der muß in die Geschichte der deutschen Städte greifen. Denn Handel und Städtewesen sind unzertrennlich. Das frühe Mittelalter kannte einen selbständigen Kaufmann überhaupt noch nicht. Königliche Sendboten waren es, aber keine Kaufleute, die unter den Ottonen die landwirtschaftlichen Überschüsse der königlichen Pfalzen in die Marktstädte "urbes regales" brachten, um sie dort gegen handwerkliche Erzeugnisse einzutauschen. In jener Zeit wurden fast nur Tauschgeschäfte gemacht, das Geld wurde noch wenig geschätzt. Erst im Zeitalter der Hohenstaufen kam der Handel in Schwung. Das Rittertum hatte Verlangen nach den Dingen des Orients, die es sich selbst nicht beschaffen konnte. Die Messe und der Handelsmann wurden die Vermittler. Im 12. Jahrhundert waren Lübeck, Bremen, Hamburg, Köln und Frankfurt schon ausgeprägte Handelsstädte, die die deutsche Welt mit allem versorgten, was damals verlangt wurde und nötig war, Tuche, Gewürze, Waffen, Schmuck und anderer Luxus. Das Marktrecht war ein königliches Recht, das nur vom König verliehen werden konnte. Frankfurts Charakter als Königsstadt, also als eine Stadt, unmittelbar unter der Hoheit der deutschen Könige und Kaiser, nicht wie die meisten Städte unter Kirchenfürsten, in der seit dem achten Jahrhundert ein königlicher Palast war, ein "palatium", in dem schon Karl der Große ständiger Gast war, ließ es schnell zu besonderer Bedeutung aufrücken. Auch die Lage der Stadt in unmittelbarer Nähe berühmter Kaiserpfalzen wie Trieburg, Seligenstadt, Gelnhausen und Wimpfen mag dazu beigetragen haben, die Stadt am Main schon früh mit Handels-Privilegien auszustatten.

Es wäre nutzlos, nach dem Zeitpunkt der Entstehung der Frankfurter Messe zu forschen. Man darf jedenfalls annehmen, daß sie schon im 12. Jahrhundert von größerer Bedeutung gewesen ist. Urkundlich erwähnt ist sie zum erstenmal 1240, wo Friedrich II. den Fremden, die zur Frankfurter Messe kamen, sicheres Geleit versprach. Je lebhafter der Handel wurde, um so mehr war Frankfurt bestrebt, seine Privilegien auszudehnen. Die unbedingte Königstreue war weniger idealen Motiven entsprungen, als den rein rechnerischen Erwägungen, daß der König und Kaiser mit seinen Privilegien den Wohlstand der Stadt am sichersten fördern könne. Nur aus diesem Grunde hielt der Rat zu den Kaisern, die in ihren dauernden Kämpfen mit dem Papsttum auch den Städten das Dasein erschwerten. Selbst Achterklärungen der Päpste gegen Frankfurt konnten die Stadt nicht erschüttern. Der Papst ist weit, sagte sich der Senat der Stadt, der Kaiser aber mit seinen Privilegien ist nahe. Man darf diese Haltung der Stadt nicht mißverstehen. Denn in jener Zeit kannte man noch kein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Das Reich war bestenfalls nur für den ein Begriff, der einen Vorteil aus ihm zog. Die Masse war stumpf, in Furcht ihrem jeweiligen Gebieter untertan. Und in den Städten kümmerte man sich nicht um das, was jenseits der Stadtmauern vor sich ging. Anders war es auch nicht in Frankfurt. Nutzen und Ergiebigkeit des Marktrechtes hatte man erkannt und war daher um den Ausbau dieser Rechte bemüht. Die Kreuzzüge hatten die Bekanntschaft mit dem Orient vermittelt; man hatte orientalische Pracht und Luxus gesehen und strebte danach. Auch die Gotik förderte das Verlangen nach einem angenehmeren Leben und nach differenzierter Kultur. Wo Kultur blüht, blüht auch Handel und Gewerbe und so war nur zu verständlich, daß Frankfurt danach strebte, seine Messe auszuweiten und neben der althergebrachten Herbstmesse noch eine zweite Messe zu Ostern, eine Fastenmesse abzuhalten. Die Gelegenheit dazu sollte sich bald ergeben.

Als das Jahr 1314 dem Reich zwei Könige schenkte, Ludwig den Bayern und Friedrich von Österreich, gab es ihm auch den Krieg. Ludwig brauchte zur Niederzwingung seines Gegners Geld - und Geld hatten nur die Städte. Frankfurts Reichtum war damals schon so groß, daß es dem Kaiser mehrere Male auf Jahre hinaus die Reichssteuern im Voraus zahlen konnte. Der König zeigte sich für so sympathische Hilfe auch dankbar und stellte den Frankfurtern manchen wertvollen Gunstbrief aus, und erteilte ihnen manches Privileg. Eines der wichtigsten war der Kaiserbrief vom 25.April 1330, in dem Ludwig der Stadt Frankfurt das Recht verlieh, neben der alten Herbstmesse noch eine zweite, eine sogenannte Fastenmesse abzuhalten. Die Frankfurter verstanden es, den Kaiser in eine immer größere Abhängigkeit von sich zu bringen, denn schon sieben Jahre später 1337 ließen sich die Frankfurter von ihm das Versprechen geben, daß er weder Mainz noch anderen Städten in der Umgebung Messerechte verleihen werde. Beide Messen in Frankfurt dauerten drei Wochen und nahmen bis ins neunzehnte Jahrhundert noch ständig an Umfang zu. Anton Kirchner, der Frankfurter Chronist schreibt 1818 darüber: "Sichtbar im ganzen Verlauf des sechzehnten Jahrhunderts nehmen die Messen zu. Weit über vierzigtausend Gäste werden zweimal im Jahr hier gezählt. Die Menge und der Reichtum der Waren stehen mit der Zahl der Käufer im rechten Verhältnis. Öfters schlug man ihren Wert auf hundert Tonnen Goldes an und darüber. Nürnberg und Augsburg sandten hierher die Erzeugnisse ihres vielseitigen Gewerbefleißes, Ulm seine Leinwand, die rheinischen Städte Hüte und Wein, Straßburg Schleiertuch, Gold- und Silberkanten, Elsaß Wein, Böhmen Glas, Steiermark Eisen, Sachsen Silber, Thüringer Wald, Welschland Sammet, Wein und Öl, die Engländer über Emden Schiffsladungen von Kersey, Worstedt und anderen Zeugen. Paris und Rouen, Lyon und Tours lieferten Seidenzeuge, namentlich Damast und Ormessin, Polen und Ungarn tauschten Tuch ein für Pferde. Für die Niederländer aber war Frankfurt der wichtigste Ort in Deutschland. Zu Antwerpen, Gent und Brügge blieb nicht leicht ein Kaufmann zurück. Sie brachten Tuch und Tapeten, Edelsteine und Perlen, und nahmen dafür Korn und Wein, hessische Leinwand und deutsches Geld, letzteres in Menge mit nach Hause. Wenn aber seither einzelne Handelsquellen versiegten, so drangen welche neu aus dem reichen Boden hervor. Und mit Recht ist noch jetzt die öffentliche Neugier auf eine Geschäftszeit gespannt, welcher Einheimische und Auswärtige soviel verdanken. Davon abgesehen sind die Messen sonst wohl noch der Aufmerksamkeit wert. Überall öffnen sich dem frohen Blick Straßen, die eine wogende Menge füllt, und jene reichen Gewölbe, jene angehäuften Buden auf dem Römerberge und Liebfrauenplatze, jene zierlichen Kaufläden in den Römerhallen und im Braunfels - dem kleinen Palais Royal der Frankfurter - wo man sich mühsam durch Gruppen der Käufer und Beschauer schlängelt - verdienen sie nicht gesehen zu werden? Am meisten sind jedoch die Uferstraßen längs des Mains mit Menschen gefüllt. Hier eilt und rennt, dort schwatzt und schreit, hier zankt und drängt sich das geschäftige Volk. Nur der ruhige Fluß, mit hundert Fahrzeugen bedeckt, die jetzt zahlreiche Familien beherbergen, wandert langsam seinen tausendjährigen Pfad fort."

Der Römerberg, Kupferstich 1696

Frankfurt wie auch andere Messestädte mußten auf den Schutz ihrer Messegäste bedacht sein. Wer zur Frankfurter Messe reiste, mußte einigermaßen Gewähr dafür haben, daß er, ohne ausgeraubt zu werden, sicher ankam und seine Waren heil hinbringen konnte. Soweit es möglich war, übernahm die Stadt den bewaffneten Schutz ihrer Messegäste selbst. Sie bewaffneten unter Aufwendung erheblicher Kosten eine Schar von Stadtknechten, die unter Führung eines Stadthauptmanns die Fremden an bestimmten Stellen empfangen und unter sicherem Geleit in die Stadt bringen mußten. Wenn der eigene Schutz nicht ausreichte, mußten entsprechende Bündnisse und Verabredungen mit anderen Städten getroffen werden. Dem großen Luxusbedürfnis des Volkes, das die Reformation zeitigte, mußten die Messen entsprechen, und Frankfurt als die größte Messestadt hatte die Last der Zeit am meisten zu tragen. War noch im 14. Jahrhundert der Tuchhandel an erster Stelle, so wandelte sich mit der wachsenden Mannigfaltigkeit der Ansprüche auch Angebot und Nachfrage auf der Frankfurter Messe. Schon um 1400 wurde die Frankfurter Messe das "Kaufhaus der Deutschen" genannt und galt als eines der sieben Wunder Deutschlands. Der Handel mit ausländischen Waren nahm in der Folgezeit immer mehr zu und übertraf bald den mit deutschen Erzeugnissen. Die Reformatoren versuchten zwar der Üppigkeit des Lebens Einhalt zu gebieten, aber es gelang ihnen nicht mehr. Sie waren auf Frankfurt nicht gut zu sprechen, weil von seinen Messen der Luxus kam. Luther vor allem nannte Frankfurt das Silber- und Goldloch, "dadurch aus deutschen Landen fleusst, was nur quillt, wächst, gemünzt und geschlaget wird".

oben: Berühmte Messehäuser v.l.: Der Saalhof, der Römerberg mit den Häusern Limpurg, Römer und Löwenstein, das Haus Braunfels am Liebfrauenberg

Über die Umsätze der Messen im Mittelalter gibt es keine Unterlagen, aber die beiden Frankfurter Messen galten vom 14. bis 16. Jahrhundert als die bedeutendsten. Wer Handel mit Deutschland treiben wollte, war auf die Frankfurter Messe angewiesen, denn hier konzentrierte sich nicht nur der deutsche Handel, hier kam auch die ausländische Kaufmannschaft zusammen. Aus den Hoteleintragungen jener Zeit ist ersichtlich, daß zur Messe Besucher aus Nürnberg, Breslau, Lübeck, Augsburg, Danzig, Polen, Riga, Thorn, Zürich, Mailand und Lyon in Frankfurt waren. Dazu kommen Besucher aus Flandern, Italien, Rußland und den baltischen Provinzen. Die drei oder vier Messewochen veränderten das Stadtbild vollständig. Denn während der Messezeit fielen die sonst strengen obrigkeitlichen Verordnungen weg, die im Mittelalter das Leben der Stadt regelten. Selbst die Kirche ließ von ihren strengen Bestimmungen ab und sah darüber hinweg, wenn die Fasten nicht eingehalten wurden. Sogar Geächtete blieben während der Messedauer ungehindert und konnten freien Handel treiben. Nach einer Ratsverordnung von 1481 war es den Bürgern der Stadt erlaubt, während der Messen den Unrat vor ihren Häusern liegen zu lassen, weil die Fremden alle Arbeitskräfte und Fuhrwerke beanspruchten. Der Handel vollzog sich in den einfachsten Formen - man kaufte nicht wie heute nach Mustern, sondern die Ware lag ausgebreitet vor dem Käufer. Genaue Statistiken über die Art der Waren gibt es nicht, man darf aber mit Sicherheit annehmen, daß es auf der Frankfurter Messe alles gab, was damals überhaupt verkauft wurde. Wein und Tuche standen im Vordergrund. Tuche kamen aus England und Flandern und es ist nicht ohne Bedeutung, daß auch heute die Frankfurter Messe für den Textilhandel von der allergrößten Bedeutung ist. Öle und Gewürze kamen aus dem Orient, Pelzwaren aus Polen und Rußland, Spitzen und Weine aus Frankreich, Italien und Ungarn, Seiden und Samtwaren aus Frankreich. Bis ins 17. Jahrhundert war auch der Handel mit Waffen und Harnischen in Schwung, daneben auch mit Pulver und Blei. Viele deutsche Fürsten und selbst der Kaiser deckten hier ihren Bedarf an Ausrüstungsgegenständen für ihre Kriegerscharen. Der Weinhandel war in Frankfurt schon seit dem frühen Mittelalter außerordentlich lebhaft. Der Platz hierfür war am Mainufer, in unmittelbarer Nähe des Fahrtores. Hier lagen die Fässer in unübersehbaren Reihen und ein Riesenkran, der seine Arbeit durch Jahrhunderte hindurch verrichtete, war bestimmt, die großen Weinschiffe zu leeren. Zu allen Zeiten war Weinhandel eine Vertrauenssache, und der Frankfurter Rat wußte nur zu gut, was er tat, als er von allen Weinhändlern, die zum ersten Mal ihre Produkte nach Frankfurt brachten, verlangte, daß sie durch einen heiligen Eid bekräftigten, daß sie nur unverfälschte Ware anbieten, was durch Weinproben, die von vereidigten Beamten vorgenommen wurden, nachgeprüft werden mußte. Der Weinhandel unterlag stets einer besonders hohen Besteuerung. Bis ins 17. Jahrhundert mußten nicht weniger als zehn verschiedene Abgaben darauf entrichtet werden. Von dem Umfang des Weinhandels gibt ein altes Sprichwort Kunde, das besagt, daß es in Frankfurt mehr Wein in den Kellern gäbe als Wasser in den Brunnen. Der Messehandel spielte sich vorerst am Fahrtor und am Domplatz ab. Für den Pferdemarkt stand zunächst der Liebfrauenberg, und später, als der Platz an der Liebfrauenkirche von der Messe anderweitig in Anspruch genommen wurde, der Roßmarkt zur Verfügung. Der Römerberg wurde erst spät für die Aufstellung von Messebuden freigegeben. Viele prächtige Häuser der im zweiten Weltkrieg völlig zerstörten Altstadt standen im Dienst der Messen. Die großen Kaufmannsgilden von Nürnberg, Augsburg, Basel, Köln hatten zum Teil solche Häuser für viele Jahre gemietet.

oben, v.l.: der Nürnberger Hof, das Leinwandhaus, das Steinerne Haus

Wo dem Handel eine Stätte bereitet wird, verlangt auch das Vergnügen sein Recht. Läutete die Sturmglocke von St. Bartholomae (der Frankfurter Dom) nach alter Sitte die Messe ein, dann begann nicht nur ein reges geschäftliches Leben, dann öffneten sich auch die Vorhänge vor jenen Buden, deren Geschäft es war, die Schau- und Vergnügungslust der Messebesucher zu befriedigen. Mit den Kaufleuten kamen die Gaukler, Schausteller, Geheimkünstler und Wunderdoktoren in die Stadt. Die Zeiten der Messe waren zugleich auch Volksfeste, die sich nur wenig von den heutigen unterschieden. Neben den Gauklern, Bänkelsängern und Zauberern gab es zu Anfang des 17. Jahrhunderts auch schon Komödiantentruppen, so die Heidelberger Truppe, die im Pfuhlhof auf dem Roßmarkt spielte oder holländische Komödianten, die im "Krachbein" ihre Bude aufgeschlagen hatten. Beliebt waren italienische Singspiele. Den größten Zulauf aber hatten die ganz gewöhnlichen Schaubuden, die mit dem größten Stimmaufwand ihre Attraktionen anpriesen wie "drey Löwen mit sechs Ohren", oder ein "Kalb mit mehr als einem Fuß". Neben den Gauklern kamen auch Heilkünstler zur Messe, um dort zu verdienen. Vor allem die beim Volk so beliebten "Wunderdoktoren" waren auf der Messe zu finden. Da war einer, der "stache einen Star", ein anderer "stieß und schnitt sich frische Wunden" die er, wie er vorgab, mit Pech, Schwefel und Blei beschmierte, um zu zeigen, wie weit sein Können reiche. Nur mit Gruseln denken wir heute an die "Zahnbrecher", die in großer Zahl vertreten waren. Aber auch die Heilkunde jener Tage war nicht ganz ohne jede staatliche Aufsicht, wenn auch nicht allzu viel verhütet werden konnte. Der Chronist Faber berichtet darüber, daß in Messezeiten Zahnärzte, Marktschreier und Quacksalber ihre Waren zwar verkaufen durften, daß aber alle Mittel gegen den Betrug angewendet würden. "Sie und ihre Waren" - schreibt er "werden vorher beim Sanitätsamte examiniert". Wesentlich bedenklicher als diese Vergnügungen war, daß in Messezeiten sich stets eine Spielbank in Frankfurt etablierte und einen guten Besuch aufzuweisen hatte. Die alte deutsche Leidenschaft des Spiels war auf den Messen in vollster Blüte. Frankfurt hatte seine eigene Spielbank, die zunächst an Private vermietet wurde, später aber mit steigenden Umsätzen vom Rat in eigene Verwaltung genommen wurde. Bis 1432 war diese Spielhölle am "Heißenstein", in der Gegend des heutigen Steinwegs, später warf die Spielbank soviel ab, daß ihr ein eigenes Haus an der Katharinenpforte errichtet werden konnte, in dem jährlich zehntausend Würfel verbraucht wurden. Zu den nicht ganz harmlosen Vergnügungen gehörten die Freudenhäuser, von denen es seit dem 14. Jahrhundert drei in Frankfurt gab, die aber zur Messe nicht ausreichten. Aus der näheren und weiteren Umgebung kamen fremde Mädchen zur Messezeit nach Frankfurt und erhielten von den Wirten der Gasthäuser Kost und Logis, dem sie Gäste anlockten. Wiederholt kam es zu peinlichen Auseinandersetzungen und Reibereien zwischen den "Einheimischen" in den Freudenhäusern und den "Auswärtigen", die als unlautere Konkurrenz empfunden wurden. Die Stadt bemühte sich nach Kräften, die Ordnung aufrecht zu erhalten und für die Gesundheit ihrer Gäste zu sorgen. Die Mädchen standen, soweit sie feststellbar waren, unter der Kontrolle des Stadtphysikus, aber viele wußten dieser Kontrolle zu entgehen.

oben, v.l.: Haus "Groß-Stalburg" auf dem Kornmarkt, Haus zum Grimmvogel, Häuser Frauenstein und Salzhaus

Infolge der regen Handels- und lndustrietätigkeit der niederländischen Emigranten erlebten die Frankfurter Messen zwischen 1560 und 1630 einen neuen Aufschwung. "Der Reichtum, den ich auf dieser Messe vorfand, war ganz grenzenlos" - schrieb der englische Reisende Thomas Coryate in seinen 1611 gedruckten "Crudities". Noch bis ins erste Jahrzehnt des Dreißigjährigen Krieges lockten sie eine große Zahl von Käufern an, war doch der Handel mit Bergbauprodukten wegen der Kriegsbedürfnisse im Steigen begriffen. Ein Stillstand trat erst ein, als sich 1611 die Schweden der Stadt bemächtigten. Erst Jahre nach dem Westfälischen Frieden kam die Messe langsam wieder zum Leben. Der deutsche Kaufmann war zum Agent des Auslandes geworden. Die holländischen und englischen Waren beherrschten den Markt und der einst so berühmte Frankfurter Tuchhandel existierte so gut wie gar nicht mehr. An die Stelle des deutschen Kaufmanns traten eingewanderte Niederländer flämischer und wallonischer Abstammung. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wuchs der Großhandel bedeutend heran. Diese Großhändler beschränkten sich nicht auf den Großhandel, sondern betrieben noch ausgedehnte Speditionsgeschäfte, wozu die Messen reichlich Gelegenheit boten. Und schließlich dehnten sie ihre geschäftliche Macht auch auf das Bankgeschäft aus. Durch die Übernahme von Zahlungsvermittlung für ihre Kunden erweiterte sich dieser dritte Geschäftszweig bald so sehr, daß einige dieser Firmen in späteren Jahrzehnten das Bankgeschäft zu ihrem Hauptgeschäft machten. Sie halfen mit zu der Entwicklung der Stadt zum internationalen Geldmarkt. Die großen Bankhäuser Bethmann, Willemer, Rothschild, Speyer haben diese Entwicklung durchgemacht. Handels- und Verkehrsmonopole, Zunft- und Gildenwesen und vor allem die vielen Zölle und Abgaben standen einem freien Warenverkehr hindernd im Wege. Daß die Frankfurter Messen unter solchen Umständen überhaupt noch lebenskräftig waren, verdanken sie der natürlichen Lage der Stadt und der Tatsache, daß viele kleinere Messeplätze ausschieden. Nur die großen Städte, Frankfurt, Nürnberg, vor allem Leipzig hielten größere Messen ab.

Die gefährlichste Konkurrenz für Frankfurt wurde Leipzig, das im Laufe des 18. Jahrhunderts Frankfurt überflügelte. Der Niedergang der Frankfurter Messen verschärfte sich, als im 19. Jahrhundert die zunehmende Industrialisierung den Handel in neue Bahnen lenkte. Während Leipzig, gestützt auf die sich kräftig entfaltende sächsische Industrie seinen Platz behaupten konnte, blieb schließlich nur noch der Lederhandel in Frankfurt übrig, der aber dann auch bald an Offenbach verloren ging. Zollerleichterungen, Beseitigung von Abgaben und eine neue Messeordnung gaben der Frankfurter Messe noch einmal einen neuen Aufschwung, der sich aber als Scheinblüte erwies. Für eine Messe, die wie die in Frankfurt noch ganz im alten Stile betrieben wurde, war im veränderten Deutschland kein Platz mehr. Warenaufstapelung war im Zeitalter des Verkehrs, der Bahn und Post ein Unding. Der Kaufmann kaufte und verkaufte durch Geschäftsreisende oder nach Katalogen. Die Leipziger Messen hatten sich durch Umstellung auf Mustermessen die Gunst der Welt erobert. Die Frankfurter Messe hatte diese Umstellung nicht vorgenommen und war zu einem kleinen unbedeutenden Jahrmarkt abgesunken. Erst nach dem ersten Weltkrieg gelang es, an die Tradition anknüpfend, in wenigen Jahren eine neue Mustermesse aufzubauen. Als die Schöpfer der neuen Frankfurter Messe im August 1918 den Entschluß faßten, den alten Messeruhm Frankfurts zu erneuern, waren sie sich im Klaren darüber, daß ein solches Unternehmen nur dann erfolgreich sein könne, wenn es im größten Stil durchgeführt würde.Vor allem aber mußte den neuen Bedürfnissen Rechnung getragen werden. Der Kaufmann wollte wissen, welche Veränderungen seine Branche während des Krieges durchgemacht hatte. Dazu war eine Branchenkonzentration auf der Messe wichtigste Bedingung. In diesem Sinne wurde die neue Frankfurter Messe aufgebaut. Als im Herbst 1919 zum ersten Mal die Frankfurter Internationale Messe eröffnet wurde, war schon die Grundlage für die Branchenkonzentration auf einem zusammenhängenden Gelände geschaffen. Der Branchenkonzentration wurde durch ständige Erweiterung der Messebauten auf dem Messegelände der Weg geebnet.

Der zweite Weltkrieg brachte wiederum das Ende der Frankfurter Messe. Die Festhalle war zerstört und auch die übrigen Messebauten waren völlig unbrauchbar geworden. Seit 1946 hatte die Stadt der Messe- und Ausstellungs-GmbH ihre Hilfe angedeihen lassen, so daß in großzügiger Weise der Aufbau begonnen werden konnte. Als jedoch die erste internationale Frankfurter Herbstmesse vom 3. bis 8.Oktober 1948 auf dem alten Messegelände stattfand, war es ein Ereignis für die gesamte westdeutsche Wirtschaft. Nach einer Unterbrechung von anderthalb Jahrzehnten bedeutete es ein Wagnis, eine Messe zu einem Zeitpunkt zu unternehmen, zu dem die westdeutsche Wirtschaft sich erst langsam wieder zu erholen begann.

 

Adolph Meurer, aus "Frankfurt - Ruhmreiche Vergangenheit", Aigner-Verlag 1961