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Ein Theater für 2540 Zuschauer Der Neubau der Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main mutet auf den ersten Blick mit seiner Vereinigung von drei Spielstätten: Oper, Schauspiel, Kammerspiel, "unter einem Dach" kolossal an. Wer die Entstehungsphasen miterlebte oder wer aufmerksam durch die neuen Räume geht, findet innerhalb des Karrees einen großartig durchdachten Organismus, der die vielfältigen, einander scheinbar wechselweise ausschließenden Anforderungen des künstlerischen, technischen, verwaltungsmäßigen Betriebes in guten Zusammenhang setzt. Der Weg zu diesem Ergebnis zeichnete sich 1945 bei Kriegsende durchaus nicht ab. Alle Frankfurter Theatergebäude waren zerstört: Das "Neue Theater" mußte der veränderten Verkehrsplanung der Stadt weichen, vom Schauspielhaus zeigten sich bei der ersten Überprüfung noch Reste des Zuschauerhauses brauchbar, eine Restauration des Opernhauses hätte auch als Interimslösung beträchtliche Planungsdauer und damals (1949) nicht realisierbare Kosten gefordert. Darum blieben nur kleine Behelfslösungen übrig, notdürftig eingerichtete Säle, die weder künstlerisch noch wirtschaftlich auf die Dauer tragbar waren. Schon in der Zeit, als eine kostenmäßige Bewältigung jeglichen Neubauplanes offen stand, wurden durch die Stadtverwaltung in verschiedenen Teilen des Zentrums Grundstücke auf ihre eventuelle Tauglichkeit für eine neue Theateranlage untersucht. Die Abteilung Hochbau und die technische Direktion der Städtischen Bühnen prüften dabei zusammen die Eignung von Plätzen im Rothschildpark, am alten Opernhaus, in der Börse, am Kornmarkt, am Basler Platz. Generalintendant Buckwitz ließ parallel und ergänzend dazu weitere Untersuchungen anstellen. In dieser Phase der Planung wurden die Bühnen-, Probe- und Werkstatträume noch traditionsgemäß getrennt voneinander gedacht, die personellen, funktionellen und wirtschaftlichen Nachteile einer solchen Planung trugen mit dazu bei, alle jene Untersuchungen zurückzustellen und sich nach anderen Möglichkeiten umzusehen. Der Auf- und Ausbau des ehemaligen Schauspielhauses (1950-51) als "Großes Haus" der Städtischen Bühnen war eine erste Etappe zur Überwindung der Notlage. Die Unzuträglichkeiten des Provisoriums in der Börse traten bis 1954 so deutlich hervor, daß die Stadtverordneten beschlossen, für das Schauspiel ein neues Haus zu bauen. Der damalige Baudezernent, Stadtrat Miersch, beauftragte Baudirektor Weber und Oberbaurat Ueter vom Hochbauamt zusammen mit dem technischen Direktor der Städtischen Bühnen zu prüfen, ob auf dem Gelände um das "Große Haus" nicht noch Platz für ein neues Schauspielhaus zu finden sei. Schon die ersten Untersuchungen zeigten dabei so günstige Zahlen, daß dies Projekt bei allen für die Planung entscheidenden Personen schnell den begründeten Vorrang bekam. Dabei waren die Baulinien im Norden, Süden und Osten des Komplexes im frühesten Entwurf 1:200 schon festgelegt; auch die wesentlichen Ausmaße und Zueinanderordnungen der Räume im Keller, der Bühne, der Probebühnen zeigte dieser Entwurf bereits so, wie sie später präzisiert und verwirklicht wurden.
Im Januar 1955 bekam das Architektenbüro Apel (heute Apel + Beckert Architekten, Becker Ingenieur) den Auftrag, ein Vorprojekt mit Modell anzufertigen (Bild oben). Wie auch in den früheren Phasen des Neubaus wurden Oberbaurat Ueter und der Technische Direktor der Städtischen Bühnen, Kuhnert, zur Planung hinzugezogen, die als "Arbeitsgemeinschaft" bezeichnet und 1959 mit der Ausführung beauftragt wurde. Die Architekten waren sich darüber klar: "Es mußte nicht nur eine Konstruktion für das Schauspielhaus gefunden werden, die den Ansprüchen einer variablen, modernen Inszenierungstechnik gerecht werden sollte, es galt vor allem, die funktionellen Zusammenhänge zwischen dem bestehenden "Großen Haus" (Oper) und dem neu zu bauenden Schauspielhaus auf bestmögliche Weise zu lösen. Das 1902 als Schauspielhaus errichtete und 1951 zum Opernhaus umgebaute alte Gebäude hatte eine von unseren heutigen Bauvorstellungen abweichende Konstruktion. Sie ergab sich wesentlich aus dem Unterschied der damaligen und heutigen Auffassungen vom Theaterspielen. Die Architekten mußten sich fragen, wie Alt und Neu, Gestern und Heute miteinander zu verbinden waren. Dabei haben sie in der Außengestaltung natürlich erkannt, welchen Reiz das Nebeneinander eines bestehenden alten Hauses und eines Gebäudes unserer heutigen Zeit haben kann. Die Untersuchungen ergaben jedoch, daß auf einem so gedrängten Platz wie hier das Nebeneinander der beiden Gebäude keine befriedigende städtebauliche oder architektonische Lösung ergeben könnte. Der notwendige gemeinsame Nenner fand sich durch die Zusammenziehung der Foyeranlagen für Oper und Schauspiel. Die formale Gestaltung einer so großen Fläche konnte natürlich nur in der Formsprache unserer Zeit gelöst werden. An zahllosen Punkten der Planung klärten und förderten in gemeinsamen Beratungen der Kulturdezernent, Stadtrat Dr. vom Rath, Generalintendant Buckwitz, Schauspieldirektor Koch, der neue Technische Direktor der Städtischen Bühnen, Huneke, der Betriebsingenieur von Vequel, der Leiter der Ausstattung, Heckroth, die vielfältig ineinandergreifenden Planteile. Nicht nur das Bauziel, sondern fast noch mehr der Bauverlauf stellten an alle Beteiligten - der Baufirmen und der Bühnen - schwierige Anforderungen: neue und alte Bauelemente sollten zu einem funktionierenden und ansehnlichen Ganzen zusammengefügt werden, Abbruchs- und Neubauarbeiten zahnten ineinander, überschnitten sich momentweise, und bei alledem sollte der Spiel- und Probenverlauf des "Großen Hauses", um das herum alles geschah, möglichst ungestört bleiben. Zeitnot im Tagesplan des Theaters, Zeitnot der immer witterungsbedingten Bauarbeit, - im und vor dem fertigen Bau sieht niemand mehr die Nahtstellen, die im großen Komplex zu schließen, für Theater- und Bauleute eine Zerreißprobe war. Die Kosten des Bauabschnittes 1951 betrugen 11564225 DM, für die des Bauabschnittes 1963 sind bisher 25020000 DM bewilligt, mit einer leichten Steigerung ist bei steigenden Löhnen und Preisen noch zu rechnen. Eine Synopse von Grundrißskizze und Bau- und Betriebsbeschreibung gibt schon in knappem Auszug einen Eindruck der Funktion, die das Ergebnis langjähriger Arbeit ist. Die Gliederung in Bautrakte ergibt:
Am Zuschauerraum Oper werden nur die Eingangsräume umgestaltet; die Foyeranlagen erhalten eine Erweiterung nach Norden und Westen. Der Bühnenbetrieb Oper soll -wie bislang das "Große Haus"- die Möglichkeit auch zu Operetten und Schauspielaufführungen behalten. Die Unterbringung des künstlerischen und technischen Personals der Oper ist zweckdienlich neu geregelt, auf kurze Wege und akustische Absicherung wurde Wert gelegt. Die Inspizienten-Ruf- und Signal-Anlagen sind auf den neuesten Stand gebracht worden. Bühnenmaschinerie, Beleuchtung und elektroakustische Einrichtungen sollen später vervollständigt werden. Den Zuschauerraum Schauspiel betritt der Besucher durch zwei große Windfanganlagen. Zentrale Garderoben unter dem Zuschauerraum ermöglichen eine schnelle Bedienung. Eine breite Treppenanlage führt in das Foyer und zu den vier Eingängen hinauf, von denen aus alle Plätze leicht erreichbar sind. Der Raum ist reines Parkett mit einer Überhöhung von ca. 3,3 m von der 1. bis zur 23. Reihe. Maßverhältnis und Innenausstattung lassen ihn großzügig und trotzdem intim wirken. Eine aus akustischen Gründen stark profilierte Decke in blauer Farbe überspannt den ganzen Raum und gibt zum weichen farbigen Polstergestühl und zu den eingehängten Elementen aus afrikanischem Rosenholz (die eigentliche Seitenbegrenzung) das erwünschte Gegengewicht. Die Holzelemente der Seitenbegrenzung sind variabel und ermöglichen es, die Bühne in Guckkastenform zu bringen oder sie für das Spiel im freien Raum zu erweitern. Die Beleuchtung wird in die Decke eingebaut und gibt dem Zuschauerraum einen festlichen Charakter. Das Foyer des Schauspiels kann mit dem der Oper verbunden oder - nach Bedürfnis - von ihm abgetrennt werden. Im Osten des Foyers liegen der Raum mit Raucherlaubnis und das Speisebüffet. Die Verbindung zum Opernfoyer stellt ein Repräsentationsraum her, in dem auch das Bild von Marc Chagall: "Commedia dell'arte" hängen wird. Den Bühnenbetrieb-Schauspiel trennt ein dreiteiliger Eiserner Vorhang vom Zuschauerraum. Bei hochgezogenem mittleren Teil entsteht eine Guckkastenbühne von 8 x 14 m Rahmenöffnung, die durch ein heb- und senkbares Kranportal auf maximal 13 x 7,3 m und minimal 9 x 4 m verändert werden kann. Das Kranportal kann überdies bei Bedarf in der Längsachse bis zur Bühnenrückwand verfahren werden. Geschieht dies und werden außerdem alle drei Teile des Eisernen Vorhangs gehoben, dann kann die Bühne in ihrer vollen Breite (gleich der des Zuschauerraumes) zum Spiel im freien Raum benutzt werden. Die Breite der Bühne ist 25 m, ihre Tiefe 21,5 m, ihre Höhe bis zum Rollenboden beträgt 26,2 m. Die Bühnenboden-Konstruktion ist fest. In ihr sind vier Versenkungsschieber angeordnet, außerdem Fahr- und Führungsschlitze für die Seiten- und Hinterbühnenwagen. Die damit erreichten bühnentechnischen Neuerungen werden weiter unten zusammengefaßt. Die Untermaschinerie der Vorbühnenzone mit Einfach- und Doppelstock-Senkpodien erlaubt Auftritte aus dem Zuschauerraum und deckt die Konstruktionshöhe der Bühnenwagen auf den Nebenbühnen ab. Außerdem ermöglicht sie, den Orchesterraum in Größe und Tiefe zu verändern. All diese vielfältig kombinierbaren Verwendungsarten können in kurzer Zeit und mit geringem Arbeitsaufwand durchgeführt werden. Im Bühnenturm ergänzt eine entsprechende Maschinerie die Veränderungsmöglichkeiten. Die Bühnenbeleuchtung umfaßt 407 teils umschaltbare, teils parallel regelbare Stromkreise mit Magnetverstärkern, ein Stellwerk mit 220 Hebeln und eine Speicherwarte. Bedienungs- und Beobachtungsstand sind in der Rückwand angeordnet. Die zugehörigen Scheinwerferstände auf der Bühne, in der Decke und in den Seitenwänden des Zuschauerraumes haben gute Erschließung und Begehung. Neben dem Beleuchtungs-Regelraum liegt an der Rückwand des Zuschauerraumes auch der Verstärker- und Regelraum für alle elektrisch-akustischen Anlagen und der Raum für künstlerische Aufsicht.
Der Zuschauerraum Kammerspiel ist von der Neuen Mainzer Straße/Ecke Hofstraße aus am Südende des Ostflügels erreichbar. Der kleine Kassenvorraum und die Doppeltreppe zu Foyer und Garderoben sind bewußt dem einfachen Typ dieser Spielstätte angepaßt. Durch nur 10 Reihen bei einer starken Überhöhung der Sitze ist ein enger Kontakt zur Bühne gewährleistet. Aus dem Bühnenbetrieb Kammerspiel ist der schrägstellbare Boden nennenswert, der aus herausnehmbaren Tafeln besteht. Die Maße der Bühne sind 13 x 11 m Grundfläche bei 5 m Höhe. Die 78 Einfadenzüge sind wahlweise einer elektromotorischen Welle aufkuppelbar und dienen sowohl zur Verwandlung als auch für besondere Effekte. Die Regelung der 40 Bühnenlichtstromkreise erfolgt erstmalig durch Transistorsteuerung. Die gemeinsamen Werkstätten und Versorgungszentralen dienen allen Spielstätten. Sie erlauben eine künstlerisch und ökonomisch sinnvolle Planung und allabendliche Verwendung für den gesamten Ausstattungsbereich. Bedeutende technische Neuerungen brachte schon die Einrichtung des "Großen Hauses" 1951 für den deutschen und europäischen Bühnenbetrieb. Als Bühnensachverständiger entwickelte Prof. A.Linnebach zusammen mit dem Hochbauamt, dem Amt für technische Anlagen und dem Generalintendanten Buckwitz beispielsweise eine flexible Vorbühne. Das heißt der sonst fest begrenzte Orchesterraum (nur in der Höhe veränderbar) kann durch Überfahren eines Wagens mit Drehbühne in eine Bühne mit Bildaufbauten, Vorhangs- und Dekorationszügen verwandelt werden. Mehrere Portale können gestaffelt verwendet werden. Auswärtige Bühnenneubauten haben diese Neuerung übernommen und weitergebildet. Anstelle des üblichen Typus der Wagen- oder Podien- oder Drehbühne mit abgeschlossenen Aufbauflächen als Seiten- oder Hinterbühne hat das "Große Haus" eine so bezeichnete, drehbare Bühnenbild-Aufbaufläche mit 38 m Durchmesser für den Aufbau und die drehbare Verwandlung von drei bis sechs Bühnenbildern. Rundhorizont, Dekorationszüge und Panoramen begrenzen jeweils nur ein Segment bis zur Mitte der drehbaren Fläche. Deshalb kann dahinter aus einem Zentralmagazin mit neuartigen Deckenkranen, Hebezeugen, Transportkarren und Wagen der Auf- und Abbau fortwährend bis zur Mitte der drehbaren Fläche auf kürzestem Wege und mit geringer Arbeitskraft geschehen. Überdies sind in die drehbare Aufbaufläche in der Mittelachse vier Hubpodien von je 16 x 2,5 m Fläche und ein Wagen mit einer kleinen Drehbühne von 15,6 m Durchmesser mit Tischversenkung eingearbeitet. Alle diese beweglichen Bestandteile der drehbaren Aufbaufläche können mit ihr und untereinander kombiniert werden und machen sowohl den flüssigen Ablauf vielszeniger Bühnenwerke als auch die Erreichung von theatralischen Effekten in vorher kaum denkbarer Weise möglich. Die bühnentechnischen Neuheiten im Schauspiel werden in der überaus variablen Vorbühne am augenfälligsten. Bühnen- und Zuschauerraum können dadurch auf die verschiedenste Weise zueinander in Bezug gesetzt werden. Um das zu bewerkstelligen, ist die Orchesterbrüstung steckbar, sind in der Orchesterzone drei Hubpodien und veränderliche Schallwände über der Bühne und in der Unterbühne. Dazu ist das Portal heb- und senkbar und kann (unter Mitnahme aller Vorhänge und Beleuchtungsapparate) in der Längsachse der Bühne verfahren werden. Dazu dienen feststehende Segment-Beleuchtungsbrücken und vor allem der dreiteilige Eiserne Vorhang und die seitlich schwenkbaren hölzernen Wandteile des Zuschauerraumes (wie vorher bezeichnet). Je nach Kombination dieser Elemente ist es möglich, das Schauspielhaus als "Rahmen-" oder "Guckkasten-Theater" (mit oder ohne Orchester) zu verwenden oder es als modernes "Einraumtheater" (mit oder ohne Orchester, mit oder ohne Auftrittsmöglichkeit aus dem Zuschauerraum) in Aktion zu setzen. Sogar zum "Arena-Theater" kann das Haus durch Anordnung von Stuhlreihen auf der Bühne umgewandelt werden. Die Orchesterzone ist nicht nur (wie in der Oper) in der Längsachse mit Bühnenwagen überfahrbar, sondern - erstmalig - auch mit Seitenbühnenwagen. Die bühnentechnischen Neuheiten im Kammerspiel zeigen sich ebenso bei der variablen Vorbühne am ehesten: aus dem Zuschauerraum und von der Unterbühne werden Auftritte möglich. Es kann jedoch auch ein Orchesterraum für ein Kammerorchester bis zu 10 Spielern oder für zwei Flügel versenkt gebaut werden. Die Portaltürme, die das "Guckkastentheater" begrenzen, sind soweit seitlich verschiebbar, daß der Zuschauerraum optisch in den Bühnenraum übergeht und auch hier ein "Einraumtheater" (mit oder ohne Orchester) entstehen kann. Auch die 78 Einfadenzüge der Schnürbodenanlage (Bild oben) sind in ihrer Konstruktion und Verwendbarkeit erstmalig in der Bühnentechnik und erlauben die Benutzung des Schnürbodens für schräghängende Dekorationen. Die architektonische Einheit ist sowohl durch sorgfältig durchdachte Raumordnung als auch durch eine Fülle von technischen Neukonstruktionen begründet. Die zugleich geschlossenen und auch augenfällig gegliederten Fronten des Hauses sind der berechtigte Ausdruck der organischen Struktur im Innern. Paul Kuhnert, aus "Frankfurt und sein Theater", 1963 |